Streit über Kunstwerke machen unterschiedliche Vorlieben offensichtlich, wobei es keine Rolle spielt, ob Kommissionen oder Einzelpersonen sie ausgewählt haben. In christlichen Kirchen haben Bilder von Menschen eine lange Tradition. Sofern es sich um Märtyrien handelt, kann man sogar von einer Bildtradition der Gewalterfahrung sprechen. Wie stark diese gepflegt oder verdrängt wird, unterstreichen zwei Konflikte.
I. Turmkreuz und Wetterhahn
Unterhalb des Turmkreuzes von St. Elisabeth zu Kassel steht seit 2012 ein etwas mehr als lebensgroßer geschnitzter Mann des Bildhauers Stephan Balkenhols. Die goldene Kugel, auf der er steht, ist größer als die auf dem Turmdach, auf der ein Kreuz steht, das die ausgebreiteten Arme des Mannes gestisch aufgreifen. Angesichts der Geschichte des Christentums, das mit Darstellungen ihrer Kirchenväter, Propheten und Heiligen eine spirituelle Tradition des Wortes und der Duldsamkeit durch würdevolle Darstellungen aber auch durch Grausamkeiten erlebter Folter betont, fällt die zeitgenössische Darstellung des freizeitmäßig im hellen Hemd und dunkler Hose gekleideten Mannes provokativ lässig aus, zumal er sich auch noch nach dem Wind dreht.

Stephan Balkenhol, Figur auf dem Kirchturm von St.Elisabeth in Kassel, 2012,
Zustand im Juli 2026, Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2026
Kein Wunder also, dass sich die Leitung der zeitgleich stattfindenden documenta (13) dagegen wehrte, dass diese Figur vis-à-vis des Fridericianums, den Besuchern als Beitrag der Weltkunstausstellung erscheinen konnte. Der Grund des Einspruchs lag darin, dass sich die documenta (13) als Ergebnis eines jahrelangen weltumspannenden Gedankenaustauschs verstand, der von Zweifeln geprägt war: „Das Rätsel der Kunst besteht darin, dass wir nicht wissen, was sie ist, bis sie nicht mehr das ist, was sie war.“, heißt es im Vorwort der Kuratorin (Katalog, Bd. 1/3, S. 30).
II. ECCE HOMO – neu interpretiert
Wie stark Kirchtürme als christliche Architekturen mit dem künstlerischen Ringen um ein adäquates Menschenbild bis heute verbunden sind, zeigte sich am 29. Juli 1993 in Hamburg. Vor dem Turm der Ruine von St. Nikolai zogen zwei Teleskopkräne das 50 Meter hohe Bild eines fotokopierten Menschen von Dieter Rühmann, hoch. Das Sichtbarwerden dieses ECCE HOMO, der sich als ein gigantisches Leporello entfaltete, versuchten Funktionäre der Gedenkstätte bis zum letzten Augenblick zu verhindern. Zum 50sten Jahrestag der Bombardierung Hamburgs hatten sie die Einweihung eines Glockenspiels geplant.

ECCE HOMO 13. Juli 1993, Platz vor dem Turm der St. Nikolaikirche in Hamburg
ICH WOLLTE IMMER EINEN SATZ SAGEN -DER KÜnSTLER HANS DIETER RÜHMANN – MEIN LEBEN – MEINE ARBEIT – MEINE HOFFNUNG, (TEXTEM) Hamburg 2026, Bd. III, S. 62-63
Beide Kirchen waren durch alliierte Bomben zerstört worden, doch anders als in Kassel, wo St. Elisabeth wiederaufgebaut worden war, räumte man in Hamburg das in Schutt und Asche gelegte Kirchenschiff der Nikolaikirche, damit innerhalb der Reste der Grundmauern ein Gedenkort mit Skulpturen und einem Mosaik nach einer Zeichnung von Kokoschka mit dem Titel ECCE HOMO entstehen konnte.

ECCE HOMO (Details) 13. Juli 1993, Platz vor dem Turm der St. Nikolaikirche in Hamburg
ICH WOLLTE IMMER EINEN SATZ SAGEN -DER KÜNSTLER HANS DIETER RÜHMANN – MEIN LEBEN – MEINE ARBEIT – MEINE HOFFNUNG, (TEXTEM) Hamburg 2026, Bd. III, S. 62-63
Neue bildliche Möglichkeiten nutzend, die sich seit den 1960er Jahren umgewälzt hatten, legte Rühmann einen Nackten auf eine Fotokopierer und vergrößerte die Kopien des Aktes mittels zahlreicher Kopiervorgänge, bis es eine Länge von 50 Meter erreichte. Drei Tage lang hingen 5012 Schwarz-Weiß-Fotokopien, aus denen sich das Bild eines Leidensmannes zusammensetzte, vor dem Turm. Jeweils am oberen Rand in einer Stahlkonstruktion fixiert, bewegten sich die Blätter frei im Wind und wirkten als ein kinetisches Objekt durch Klänge auch synästhetisch. Bedingt durch das Medium umgab zudem eine dunkle Aura den nackten männlichen Körper. Diese entsprachen der Schwärze, die nach dem Feuersturm die ausgebrannten Viertel der Hansestadt überzogen hatte und dem im 19. Jahrhundert errichteten Kirchturm noch immer anhängt.