Johannes Lothar Schröder on the death of Tatsumi Orimoto (1946-2025)
Tatsumi Orimoto resting in a chair from China collected by Ai Waiwai at documenta 12, Kassel 2007 Photo: (c) johnicon (VG-Bild-Kunst, Bonn 2025)
Tatsumi Orimoto was a renowned Japanese artist who was born in Kawasaki City in 1946, where he died in 2025. He has worked internationally as a conceptual and performance artist, using photographs, drawings, posters, and mail art to announce and represent his ephemeral works. While studying in New York City, he assisted Nam June Paik and undertook public interventions there under the influence of Fluxus.
From his studio in Kawasaki, Orimoto initiated performances that revolved around carrying objects and communicating with animals such as chickens and pigs. His work „Carrying a Pig“ exemplifies this dual approach to interaction with objects and living beings.
Tatsumi Orimoto: Carrying a Baby Pig on my Back, Tojama-Farm, Juni 13, 2012, Poster (c) ART-MAMA Foundation
Since the 1980s, Orimoto has traveled extensively through China, Indonesia and India. In remote regions, he interacted with people who were experiencing the transition from an agrarian to an industrial society. He explored attitudes and behaviors through objects such as bracelets and ear clips, which he designed for communication purposes. For example, he attached ear clips to people’s ears so that they could be visibly connected to other people via a wire.
For photo of: Communication Art „Pull to Ear“, Varanasi, India, 1987 scroll down for German version
Later, Orimoto gained notoriety for covering his own head and the heads and faces of others with bread. He organized groups of people whose heads and faces were covered with numerous loaves of bread and baguettes, and led them through streets, public squares, museums, trains, etc., throughout America and many European countries.
The cooperation with his mother and the people in the district also attracted a lot of attention. By incorporating them into his work, Orimoto gained attention not only in the art world, but also among doctors and therapists, recognizing his efforts to include people with Alzheimer’s and depression in social life.
Tatumi Orimoto: Small Mama + Big Shoes, Kawasaki 1997, Courtesy of the artist (Art Mama Foundation)
For Tatsumi Orimoto: Art + Medical Care: Collaboration Work with Alzheimer People, 2002, Katsuhira-en, Akita City, Japan scroll down to German version
Throughout his life, he drew while traveling, especially at airports, and after his daily duties in a local bar. The themes of these drawings revolve around violence, sexuality, living together in bathrooms, shops and at fairs. Orimoto was interested in fear and the dynamics of individuals and families in conflict situations.
Johannes Lothar Schröder zum Tode von Tatsumi Orimoto
Pulling the Bathtub, New York City, Bowery S. East Houston S., 1983 (Poster)
Tatsumi Orimoto war ein renommierter japanischer Künstler, der 1946 in Kawasaki-City geboren wurde, wo er 2025 starb. Er arbeitete international als Konzept- und Performancekünstler und nutzte Fotografien, Zeichnungen, Plakate sowie Mail Art, um seine ephemeren Werke anzukündigen und zu repräsentieren. Während seines Studiums in New York City knüpfte er Kontakte zu Nam June Paik und unternahm dort unter dem Einfluss von FLUXUS öffentliche Interventionen.
Von seinem Studio in Kawasaki aus initiierte Orimoto Performances, bei denen es um das Tragen von Objekten und die Kommunikation mit Tieren wie Hühnern und Schweinen ging. Seine Arbeit „Carrying a Baby-Pig“ steht exemplarisch für diesen dualen Ansatz der Interaktion mit Objekten und Lebewesen.
Carrying a Baby-Pig on my Back, Tojama-Farm, Shimotsuma-City, Ibaraki, Jp 2012
Seit den 1980er Jahren bereiste Orimoto Asien darunter China, Indonesien und Indien. In abgelegenen Regionen interagierte er mit Menschen, die den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft erlebten. Er erforschte Einstellungen und Verhaltensweisen anhand von Objekten wie Armbändern und Ohrclips, die er zu Kommunikationszwecken entwarf. Zum Beispiel befestigte er Ohrclips an den Ohren von Menschen, so dass sie über einen Draht mit anderen Personen sichtbar verbunden werden konnten.
Communication Art: „Pull to Ear“, Varanasi, India, 1987, Art Mama Foundation
Später erlangte Orimoto Berühmtheit dafür, dass er seinen eigenen Kopf und die Köpfe und Gesichter anderer mit Brot bedeckte. Er organisierte Gruppen von Menschen, deren Köpfe und Gesichter mit zahlreichen Broten und Baguettes bedeckt waren, und führte sie in den Ländern Amerikas und Europas durch Straßen, öffentliche Plätze, Museen, Züge, Busse usw.
Bread Man in Berlin, Postfuhramt 2007, Foto: Autor (c) VG-Bild-Kunst, Bonn 2025
Auch die Zusammenarbeit mit seiner Mutter und den Menschen im Stadtteil rief große Aufmerksamkeit hervor. Indem er sie in seine Arbeit einbezog, fand Orimoto nicht nur in der Kunstwelt Beachtung, auch unter Ärzten und Therapeuten, würdigte man seine Bemühungen, Menschen mit Alzheimer und Depressionen in das soziale Leben einzubeziehen.
Tatsumi Orimoto: Art + Medical Care: Collaboration Work with Alzheimer People, 2002, Katsuhira-en, Akita City, Japan, Art Mama Foundation
Zeit seines Lebens zeichnete er auf Reisen besonders auf Flughäfen und nach seinen täglichen Aufgaben in einer örtlichen Bar in Kawasaki. Die Themen dieser Zeichnungen drehen sich um Gewalt, Sexualität, das Zusammenleben in Wohnungen, auf öffentlichen Plätzen, in Geschäften und auf Jahrmärkten. Orimoto interessierte sich für die Dynamik von Konfliktsituationen und ihrer Eskalation zwischen einzelnen Menschen und Gruppen sowie innerhalb von Familien.
Tatsumi Orimoto: o.T. (Flughafen-Zeichnung) Stockholm 2005
Die Begegnung einer Eismaschine mit sechs entwurzelten Bäumen
In drei Ausstellungen in Frankfurt am Main überschneiden sich Inhalte und Themen.
Hans Haacke Retrospektive in der Schirn bis zum 9. Feb. 2025
Gustav Metzger im TOWER MMK bis zum 5. Jan. 2025
Adrian Piper „Who, Me?“ im Portikus bis zum 9. Feb. 2025
Kunst und Technologie
Technologische Fortschritte infolge des Zweiten Weltkriegs ließen Künstler seit den 1950er Jahren die ästhetischen Möglichkeiten physikalischer, chemischer und biologischer Prozesse aufgreifen und die sich daraus ergebenden ästhetischen Möglichkeiten erforschten.
Anlässlich der Retrospektive von Hans Haacke (*1936) wurden in der Schirn Installationen des damals in Düsseldorf lebenden jungen Künstlers aufgebaut, der unter dem Einfluss der Gruppe ZERO und Otto Pienes mit Spiegeln, Ballons, Gravitation, Ventilatoren und Eismaschinen experimentierte. Dabei zeigte sich, dass kinetische Objekte und Versuchsanordnungen ohne traditionelle künstlerische Fertigkeiten hergestellt werden konnten. Dennoch ließen sich durch ingenieursmäßige Produktionsprozesse Gebilde voller poetischer Impressionen erzeugen. Gelenkte Luftströmungen blähten und bewegten farbige Planen und ließen Bälle taumeln, die man mit Helium oder Wasserstoff gefüllt auch an einer Leine den natürlichen Luftbewegungen überlassen konnte.
Abb. 1: Hans Haacke, Eisring, 1970, Kältemaschine, Metacrylat, Wasser, MACBA, Barcelona, aus der Slg. Onnasch, Version und Zustand in der Ausstellung, Foto: johnicon, VG Bild-Kunst, Bonn 2024
Eismaschine und Wetterballone
Von technischen Prozessen abgeleitete Installationen ermöglichten es, traditionelle Erwartungen in das Machen und Ausstellen von Kunst aufzugeben und im öffentlichen Raum ein Publikum unmittelbar zu erreichen. Deshalb hatte sich seit den 1950ern die Kunstpraxis der zwischen den Weltkriegen geboren radikal verändert. Die Verfügbarkeit technischer Mittel entzauberte die Wirksamkeit traditioneller Schönheitsbegriffe nicht zuletzt auch, weil das sie praktizierende Bürgertum durch den Naziterror – durch Ermordung und Flucht – geschwächt worden war oder sich durch Einknicken vor den Machthabern um Ansehen und Einfluss gebracht hatte.
Mit „Sky-line“, einer Anzahl von mit Leinen verbundener Ballone, die eine Formation am Himmel bildeten, realisierte Haacke 1967 eine konzeptuelle Arbeit in seiner Wahlheimat New York, wo er sich schon 1971 der Kehrseite des Reichtums, nämlich der Immobilienspekulation zuwandte, die Wohnungsbesitzern durch unübersichtlich aufgefächerte Eigentumsverhältnisse und Firmengeflechte Steuervorteile brachte, wodurch letztlich Wohnraum zulasten von Mietern aus dem Verkehr gezogen oder heruntergewirtschaftet wurde.
Die Verwendung naturwissenschaftlicher Prozesse und soziales Engagement waren Kriterien für die Auswahl westdeutscher Künstler für die Ausstellung „Art into Society – Society into Art“, wo 1974 sowohl Haacke wie auch Gustav Metzger (1926 – 2017) in der von Christos Joachimides und Norman Rosenthal kuratierten Ausstellung kennen lernten. Des Weiteren stellten KP Bremer, Dieter Hacker, Klaus Staeck und und Joseph Beuys im Institute of Contemporary Art (ICA) aus. Schon die Tatsache, dass Metzger keine Werke ausstellte und dazu die Jahre 1977 – 1980 zu Jahren ohne Kunst ausrief, übertrumpfte die sich politisch verstehenden deutschen Künstler. Darüber hinaus hatte Metzger im Jahr zuvor seine Position als Kunstaktivist als Mitbegründer einer Künstlergewerkschaft unterstrichen.
Die 50 Jahre später durch Ausstellungen in Frankfurt zustande gekommene erneute Begegnung beider in Deutschland geborenen Künstler, die ihre Kunst in erzwungener oder freiwilliger Emigration verwirklichten, kann als Glücksfall gesehen werden. Die Ausstellungen von Haacke und Metzger zeigen, dass über das Kräftemessen in politischer Radikalität hinaus, ihre Werke durch ökologisches Engagement und autokreative Experimente gekennzeichnet sind.
Wie Haacke war Metzger ein Einzelgänger, dessen punktuelle Zusammenarbeit mit FLUXUS, Art and Language und anderen Richtungen keine Gruppenbindung nach sich zog. Neben der autodestruktiven Kunst, die Pete Townsend von den Who zur Zertrümmerung seiner Gitarren anregte, war es die autokreative Kunst, die Metzger in Form kinetischer Experimente realisierte. Seine Adaptionen naturwissenschaftlicher Experimente mit „Liquid Cristal Environments“ feierten ab 1965 einen popkulturellen Höhepunkt anlässlich der Konzerte von The Who und Cream. Im gleichalten Biochemiker Arnold Feinstein aus Cambridge fand Metzger einen Weggefährten, mit dem er nicht nur dynamische Bühnenprojektionen mit Flüssigkristallen entwickelte, sondern auch Kritik an der Gesundheitspolitik in die Gesellschaft trug.
Abb. 3: Liquid Crystal Environment (Ausschnitt) 1965/2024, The Estate of Gustav Metzger & The Gustav Metzger Foundation, London (UK)
Die psychedelisch anmutenden Projektionen des Liquid Cristal Environment wurden mit mehreren Projektoren in der Ausstellung im TOWER MMK nachgestellt. Foto des Autors, VG-Bild-Kunst, Bonn 2024
Entwurzelung und ökologischer Frevel
Ein Höhepunkt der Frankfurter Gustav-Metzger-Ausstellung, die Susanne Pfeffer und Julia Eichler mit zahlreichen Arbeiten aus dem Nachlass realisiert haben, sind die fünf „strampelnden Bäume“, die vor dem TOWER Spalier stehen. Die Baumkronen stecken kopfüber in Betonkuben, in denen das Leben der Bäume erstickt. Diese Art eines zu Beton geronnenen „Waterboardings“ für Pflanzen realisierte Metzger seit 2010, so dass es mit der sich zuspitzenden Umweltkrise in Verbindung steht. Die Auswirkungen der Übernutzung der Erde, die 1972 durch den Bericht des Club of Rome vorhergesagt wurden, zeigen sich heute in Gestalt der massiv eintretenen Schäden. Neben den Bäumen sind auch andere Lebewesen überall auf dem Planeten in Bedrängnis und in den Metropolen sterben immer mehr Menschen an Hitze und verseuchter Atemluft.
Schon 1972 wollte Metzger auf der documenta 5 die Abgase von vier Autos mit laufenden Motoren in einen mit transparenter Folie überzogenen Kubus leiten. Diese abgespeckte Version einer Installation mit 120 Autos wurde genauso zensiert wie die unter einer ebenfalls mit Folie geschlossenen Konstruktion in Stockholm. Dort sollten die Autos mit vollem Tank und laufendem Motor an ihren eigenen Auspuffgasen ersticken. Diese künstlerischen Interventionen stehen am Anfang einer Kette von Leugnungen und Verdrängungsleistungen, mit denen die Vorstände von Unternehmen und andere Profitteure der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen den Abwehrkampf gegen alle Mahnungen begannen, die katastrophalen Folgen menschlichen Handelns zu bedenken und Auswege zu suchen. Das Bild der mit ihren Wurzeln in der Luft strampelnden Bäume verweist in seiner Drastik aber nicht nur auf Umweltzerstörung, sondern auch auf eine ihrer Folgen, die Migration. Die im Sprachgebrauch üblichen Bezeichnung „Entwurzelung“ ist sehr umfassend, denn sie benennt die Urbanisierung infolge der Landflucht genauso wie Flucht und Vertreibung durch die Zunahme der Konflikte infolge von Landraub, Bürgerkrieg, Korruption und Hungersnot.
Weißes Rauschen. Bin ich gemeint?
Ein Echo der Strampelnden Bäume zeigt der Portikus mit der Installation der amerikanischen Konzeptkünstlerin und promovierten Philosophin Adrian Piper (*1948). Der Titel „Who, Me?“ ist die kürzeste mögliche Antwort eines Menschen, der angesichts von Entwurzelung und Entlaubung als eindringliches Bild der zerstörten Lebensgrundlagen die Schultern zuckt. So etwa könnte sich auch die Enttäuschung angesichts des Videos im Untergeschoss des Portikus ausdrücken, wo vor einer Versammlung aus Stühlen ein weißes Video läuft, und nichts als das helle Flimmern eines Beamers auf der Projektionswand zeigt. Ein Bild der Nichtung des Egos durch weißes Rauschen. Doch, was oder wer wird mit dem Bild der Leere konfrontiert? Menschen, die sich noch nicht von der Hybris verabschiedet haben, die Welt zu beherrschen, zu retten, zu verbessern oder zu verändern?
Abb. 6: Adrian Piper, „Who, Me?“ 2024, Installation mit Stühlen, Projektionswand und Beamer, Portikus unten, Foto: johnicon, VG Bild-Kunst, Bonn 2024
Wer mehr über die seit 2005 in Berlin lebende Künstlerin erfahren möchte, findet nicht nur Informationen über die Emigration der US-amerikanischen Künstlerin nach Deutschland auf ihrer Homepage. http://www.adrianpiper.com/
In einem Interview mit Stefan Dörre im tip-Berlin anlässlich der Verleihung des Käthe-Kollwitz-Preises 2018 stellt sie die provozierende These auf: „Wir Menschen sind erbärmliche, schäbige Geschöpfe, zu dumm, aus unseren Fehlern zu lernen. Schade.“ Was resigniert klingt, geht auf die Forschungen der in Freiburg über Immanuel Kant promovierten Forscherin zurück, die in den 1970er Jahren in den USA als Performance-Künstlerin bekannt wurde.[1]
Bekannterweise hat sich Metzger nahezu sein ganzes künstlerisches Leben lang mit Zerstörung beschäftigt und zeichnet klaglos ein dialektisches Bild der Destruktion, das der Ambivalenz der Natur folgt: „Zerstörung und Destruktivität gehören untrennbar zur Natur, die wir kennen; Feuer fällt keine moralischen Urteile. Insofern wir selbst Natur sind, Natur uns durchzieht, sind wir unausweichlich in ihr gefangen.“[2]
Alle drei Künstler*innen haben Entwurzelung erlebt, doch haben sie weder ihre Fantasie noch den Willen zur Veränderung verloren. Die ihrer Lebensgrundlage beraubten Bäume sind daher als ein Fanal zu verstehen. In Frankfurt stehen an der Linie zwischen Park und Hochhäusern bzw. im Portikus am Ufer des Mains und werben dafür, Initiativen zu ergreifen und Optionen zu nutzen.
[1] Ein Beispiel ist Cathalysis III, New York 1970, https://www.youtube.com/watch?v=DYAdwZ_8sMQ
[2] Zit. nach Booklet zur Ausstellung des MMK, 2024, 15. Absatz: Strampelnde Bäume, 2010/2024