„Wir geben uns den Raum!“

Zum Festival Briseº1 vom 30.8. – 1.9.2013 in Flensburg

„Wir geben uns den Raum!“ rief Elke Mark am Ende einer Diskussion um geeignete Orte für Performance Art. Genau das hatte abends zuvor die PAErsche Open Source Session auf dem Gelände am alten Güterbahnhof in Flensburg erreicht. Auf dem Umschlagplatz vor dem ehemaligen Kühlhaus markierten die Lichtkegel der Scheinwerfer von drei Autos eine Fläche und neun Performer begannen ihre Möglichkeiten mit vor Ort gefundenen minimalen Hilfsmitteln und Gegenständen vorhergehender Performances zu erkunden.

Was sich an diesem zweiten Tag von „Briseº1“, dem ersten internationalen Performancefestival in der nördlichsten Stadt Deutschlands ereignete, war eine weitere Station auf dem langen Weg der Verbreitung einer Praxis von Aufmerksamkeit, Beschenkung und Gastgeberschaft, die mit dem Austausch von Performances und den Begegnungen von Menschen aus den verschiedenen künstlerischen Genres  mit unterschiedlichen Ambitionen aufkam.

PAErsche Open Source Session mit Rolf Hinterecker, 31.8. Foto: johnicon

PAErsche Open Source Session mit Rolf Hinterecker, 31.8.
Foto: johnicon

Konnten bei den Einzelperformances noch lebende Bilder, trickreiche Darbietungen, sorgfältig Vorbereitetes oder Improvisiertes überraschen, belustigen oder fesseln, kam es bei der Session darauf an, nicht nur die eigenen Möglichkeiten auszuschöpfen, sondern den anderen Personen Vertrauen und Aufmerksamkeit zu schenken. So konnte etwas wachsen, an dem alle beteiligt waren. Selbst das Publikum ließ sich von der Aufmerksamkeit erfassen und wurde Zeuge von intuitiv sich einstellenden Ereignissen und Begegnungen. Sie schienen momentan auf, hielten sich eine Weile, um kurz darauf wieder abzuflachen und in neue Möglichkeiten überzugehen.

Mit der Zertrümmerung von Klavieren und Geigen fing an, was                          heute Universitäten lehren

Zwar ist das emphatische und bisweilen auch enthusiastische Miterleben auch in den Häusern des klassischen bürgerlichen Kunstbetriebs nicht unbekannt. Doch spätestens seit den 1960er Jahren, als der pazifistische John Cage noch die Saiten der Klaviere mit diversen Materialien bestückte, um die Töne zu modifizieren, erlebten wir einen Bruch oder auch eine Übersteigerung etwa durch Arman, Nam June Paik und Joseph Beuys, die 1962/63 etliche Klaviere, Flügel und Streichinstrumente beschädigten oder zerstörten. Angesichts der entfesselten Zerstörungspotentiale der Industrienationen und der Arroganz einer Hochkultur, die keine Alternativen duldete, manifestierte sich in diesen Aktionen Bruch und Neubeginn.

Marita Bullmann, 31.8. Foto: Johnicon

Marita Bullmann, 31.8.
Foto: Johnicon

Heute bearbeiten zahlreiche Hochschulen Themen der Performance Art, womit die zunächst befremdlichen Anregungen seitens der Performance Art, Video- und Installationskunst für die Aufführungskünste, also das Theater, die Oper und den Film verfügbar gemacht werden können. Dennoch haben wir es außerhalb der Hochschulen mit einer weiter wachsenden Zahl von Akteuren und Interessierten aus allen Genres zu tun, die nicht immer Bühnenformate praktizieren, welche die Märkte rund um die Opern, Theater, Konzertsäle, Film- und Fernsehstudios sowie Verlagshäuser nachfragen. Viele Protagonisten wurden auch nie in diese Institutionen hineinsozialisiert, gleichwohl besitzen Künstler wie Boris Nieslony bedeutende Archive und Bibliotheken über die Geschichte und Theorie dieser Kunstpraxis. Allerdings kommt es nicht darauf an, dass die Verfahren einer Open Source Session ästhetisch sanktioniert oder vom Feuilleton bestätigt werden. Auf der Basis der Bewegung treten die Quellen aus dem Bestand der kulturellen Einschreibungen in den Körper hervor, werden sichtbar, eventuell gespiegelt und verschwinden wieder. Es geht um direkten Austausch, der durch sparsam ausgewählte Gegenstände des Alltags ergänzt wird, die sich in einem elementaren Sinn einsetzten und erproben lassen.

Was man erwerben kann, muss nicht gelingen.

Die Diskussion am 1. 9. galt dem Thema „tool“, und es ging um die Werkzeuge der künstlerischen Arbeit in den Zeiten, in denen sich nicht nur Werke abbilden sondern auch Handlungen von Jedem reproduzieren und einem Publikum zugänglich machen lassen. Aus diesem Grunde wurden in einer Vorlage der Organisatorin auch Handlungsabläufe unter dem Begriff des „tools“ subsummiert.

Kulturgeschichtlich sind wir damit an einem Punkt angelangt, an dem die Werkzeuge, die eine Erweiterung des menschlichen Körpers darstellten und von diesem beherrscht werden mussten, aufgegeben werden, bzw. verändert und ungeübten Händen angemessen werden. Traditionell war der Umgang mit Werkzeugen zu erlernen, was einer handwerklichen Tradition zu verdanken ist, die die heutigen Lehrberufe hervorgebracht hat. Doch steckt der Gebrauch von Werkzeugen in einer Krise, weil modular gebaute Gebrauchsgegenstände meist unreparierbar sind, Convenience-Produkte nicht geputzt werden müssen, Sportgeräte Rudern im Wohnzimmer ermöglichen und automatische Steuerungen den Menschen viele Tätigkeiten abnehmen. So ist vielen Menschen die Lust an der körperlichen Beherrschung von Werkzeugen und an der Bewegung immer mehr abhandengekommen. Physisches Analphabetentum ist der Preis dafür, dass Haushalts- und Werkstattmaschinen, Gartengeräte und landwirtschaftliche Maschinen die Arbeit erleichtern oder sie den Menschen ganz abnehmen. Was man erwerben kann, muss nicht mehr gelingen.

Kulturelle Leerstellen füllen

Diese kulturellen Leerstellen werden häufig durch Fettanlagerungen an Körpern, Rost auf Werkzeugen und Zerstreutheit im Kopf ausgeglichen, wenn nicht die Praktiken der Performance-Art den verwahrlosten Fähig- und Fertigkeiten des Körpers Futter geben. Hier sind alle, die sich angesprochen fühlen, aufgefordert, Werkzeuge – oder das was dafür gehalten wird – auszuwählen, auszuprobieren oder auch zweckentfremdet zu benutzen. Es geht darum herauszufinden, was der Körper kann, was ihm fehlt, was er zur Erweiterung benötigt und wie viel Äußerungspotential jenseits aller Zweckbezogenheit aus ihm herauszuholen ist. Dann ist es möglich, dass sich Wesentliches zwischen den Beteiligten ereignet, die sich während diverser paralleler Aktionen begegnen, sich nahe kommen, ihre Bewegungen synchronisieren, sich verlieren, aufeinander zugehen oder sich voneinander entfernen.

PAErsche Open Source Session mit Béatrice Didier, Marita Bullmann, Monica Klingler, Boris Nieslony Foto: johnicon

PAErsche Open Source Session mit Béatrice Didier, Marita Bullmann, Monica Klingler, Boris Nieslony
Foto: johnicon

Die Erfahrungen einer performativen Zusammenarbeit aktualisiert PAErsche seit 3 Jahren in einem Performance-Netzwerk mit bis zu 30 Mitgliedern, die sich regelmäßig in Köln oder auf Festivals treffen:  www.paersche.org

Mit Briseº1 hat Elke Mark Norddeutschland mit einem Festival bereichert, dem eine Fortsetzung, nicht zuletzt auch deshalb zu wünschen ist, weil Flensburg zahlreiche Plätze an der Förde und neugierige Einwohner und Besucher hat, denen die Praxis der Open Source Session gut tun könnte.

Kondensstreifen

Spuren im Archiv

Re.act.feminism#2 lud am 9. Juli 2013 dazu ein, über „Performing the Archive“ zu diskutieren. Bettina Knaup und Beatrice E. Stammer organisierten die zweite europaweite Reise des Archivs, das vom 22. Juni bis 18. August in der Berliner Akademie der Künste am Hanseatenweg 10 gastiert. Pascale Grau stellte das von 2007 – 2012 von drei Schweizer Künstlerinnen verantwortete Projekt „archiv performativ“ vor. Außerdem berichtete Barbara Büscher über das DFG-Forschungsprojekt „Verzeichnungen“ an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Mit ihrer Recherche über den „#duranadam“, den „standing man“ auf dem Istanbuler Taksim-Platz, begründete Jasmin Ihraç den Nutzen eines Archivs und seiner nach Schlagworten geordneten online verfügbaren Informationen exemplarisch. Franz Anton Cramer untersuchte die Video-Dokumentation der nun in den USA lebenden ungarischen Künstlerin Orshi Drozdik. Weitere Informationen ausblendend analysierte er das Schwarz-Weiß-Video phänomenologisch deskriptiv, um zu zeigen, wie eine Live-Performance im Archiv zu einem Schatten ihrer selbst werden kann. Diese Methode machte die Dokumentation der Performance „I try to be transparent“ (1980) zur Metapher für die Spur einer Performance im Archiv: sich auflösend wie ein Kondensstreifen.

Verfügbarkeit und Transparenz

Während Ihraç zeigte, wie aus einem Archiv über Tags mögliche Vorbilder und ähnliche Performances aufgefunden werden können, um historische Spuren von aktuellen Formen des Protestes zu erkennen, so ging Cramer dem Verschwinden des Lebens in einem Artefakt nach, in dem eine einzelne Künstlerin zu einer abstrakten Pixelfläche wird. Beider Äußerungen polarisieren und provozierten damit die grundsätzlichen Fragen nach der körperlichen Manifestation. Schreibt sich die Bewegung allein durch die physischen Aspekte der Erziehung, also durch Nachahmung und Training in jedes Individuum ein, oder trägt auch die Sammlung von Artefakten dazu bei, dass Menschen auf bestimmte Prototypen oder spezielle Formen des Handelns und der Darstellung zurückgreifen können?

Im Archiv; Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst-Bonn

Im Archiv; Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst-Bonn

Neben dem visuellen Dokument, dem Künstlernamen oder dem Titel von Performances finden sich in manchen Archiven und Publikationen auch Beschreibungen von Performances. Wie Pascal Grau herausstellte, rief diese bei ihren Erhebungen über den Nutzen verschiedenartiger Quellen in Archiven die positivsten Rückmeldungen hervor. Ihr Hinweis betonte, wie wichtig es ist, einen historischen Sachverhalt gedanklich zu durchdringen, damit er für weitere Forschungen zur Verfügung stehen kann.

Widerstand und Archiv

Die Darstellung des Archivs als ein Ort der Ordnung, der Ablagerung, des Auffindens von Geschichte und seine Unzulänglichkeiten provozierten eine Diskussion über die Geste des passiven Widerstands und den Nutzen des Archivs. Wie steht es mit seinem Verhältnis zur Aktualität? Wie steht es mit seiner Wirksamkeit im Zuge einer sich zuspitzenden politischen Auseinandersetzung? Und welche Bedeutung hat eine Quellensammlung, wenn es darum geht, sich die performativen Gesten und Handlungen der Menschheit anzueignen? Ist es nicht so, dass neben der Beschreibung von Handlungen und Ereignissen in Wort und Bild gerade die körperlich verfügbaren Gesten, Haltungen und Handlungen von Performern ein Potential darstellen, aus dem Menschen unmittelbar schöpfen, wenn sie unter Druck stehen. Im Fall der Katastrophe, wenn das Archiv unerreichbar ist, kann nur über das geistige und kulturelle „Gepäck“ verfügt werden, das internalisiert worden ist.

Insofern muss die Frage offen bleiben, wie sich der Austausch von Wissen um Formen des Widerstands ereignet. Welche Rolle spielen Archive und ihre Aktualisierung durch akademische Forschung? Inwiefern tragen diese dazu bei, wie und ob sich das Handlungspotential oder Handlungsspektrum mit dem biologischen oder soziobiologischen Gedächtnis von Körpern verschränkt und durch körpersprachliche Kommunikation weiter entwickelt?

Links:

Re.act.feminism: http://www.reactfeminism.org/

„archiv performativ“: http://www.zhdk.ch/?archivperformativ

DFG-Forschungsprojekt „Verzeichnungen“: http://www.hmt-leipzig.de/index.php?aid=1832

How to be a dead person of a drama?

On Georgia Sagri’s Antigone Model (3rd Edition)
Ongoing since 2010, July  4th, 2013, 15-21h, 3 ½ Kunstwerke, Berlin, Auguststraße 69

Georgia Sagris Antigone was a horse, a carriage-driver, a model on the cat-walk, she was sad, lame and laughing, also suffering and shaking, she became a siren, a porter, a messenger and a lover. She was beaten-down and she stood up; she died and rose again. She was also none of this at the edge of narcissism and forgetfulness. The intensity even increased during 6 hours, when sequences of every movement and image were repeated up to about 20 times. And there was no sign of fatigue. The performer’s talent for humor, show, playfulness, facial expression and body-language opened space and space of lives and fates.

A re-recording of the chorus of the ancient drama

Sagri sequenced the piece by returning to her electronic device to record her voice, clapping and stepping. Then she started again using dance, show, play and facial expression. And she found ways to bind together all aspects of her research on Antigone by her space-filling voice and sounds. She laughed, groaned, whinnied, cried and accompanied herself by the rhythm of her steps, clapping her hands on her body and moving the black-varnished iron elements of the installation, which she carried, to control the extension of the space in the space. Realizing the story of Antigone the threefold elements might also have personified Polyneikes and the members of Kreon’s family. However Sagri personified the dead in her performance in a way that the objects and she herself expressed a general idea of death – and life.

Georgia Sagri: Antigone Model,photograph: Johnicon; courtesy of the artist, Lars Friedrich and Melas Papadopoulos

Georgia Sagri: Antigone Model,photograph: Johnicon; courtesy of the artist, Lars Friedrich and Melas Papadopoulos

The sounds amplified the physical expressions. Extended by recorded passages of former sequences of the performance on a laptop, to which she returned frequently, single episodes became separated. As recorded and live sounds were often hard to distinguish actually past moments returned by the feedback she used. This dialogue between past and presence served as an entire element of the whole performance and connected the live event to the underworld. Thus the essence of Antigone’s motive to bury Polyneikes was actualized. Sagri’s minimal use of electronic equipment also simulated the chorus of the ancient drama in the sense that it became the accumulated choir of the dead. This created the impression of a meta-communication between the actual performance and the moments which have gone.