Das Banale bedeuten – To Admit the Banal

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Andrés Galeano: Indexical, Performance am 9.11.2013 anlässlich seiner Ausstellung UNKNOWN PHOTOGRAPHERS  im Grimmuseum, Fichtestraße 2, Berlin
Bis zum 14. Dezember 2013

I. Aufmerksamkeit wecken

Mit “Hello, Thanks for coming… This is Grimmuseum… I’m Andrés Galeano…“, begrüßte der Künstler die Besucher seiner Performance INDEXICAL. Dann bezeichnete er nacheinander mit dem Finger Gegenstände,  Personen oder Gebäudeteile und benannte sie: “this is a cable…he is Christopher…these are my glasses…here is electricity…this is a banana…he is a photographer…this is a wall…this is a scarf…this is a lamp…this is my smartphone…this is a performance…and these are images…“ Sodann schob er eine Auswahl von kleinformatigen Fotos in den Lichtkegel unter einer Videokamera, um sie zu projizieren.

A. Galeano: INDEXICAL, Grimmuseum, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst

A. Galeano: INDEXICAL, Grimmuseum, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst

Er schichtete Foto um Foto auf, und man sah nacheinander z.B. Freunde, Familien, Gruppen und Vereine bei Ausflügen und beim Feiern. Großeltern zeigten Kinder etwas und diese ahmten das Zeigen nach. Kinder verschiedenen Alters, Paare und Freunde wiesen auf etwas hin. Die Fotos hielten fest, dass sie dabei jeweils den anderen, die Kamera oder das Ziel ihres Zeigens anschauten. Da keine Bestätigung dafür vorliegt, muss dies eine Behauptung bleiben, und berechtigt den Verdacht, dass der Finger auf gar nichts Bestimmtes zeigt, sondern lediglich die Geste des Zeigens reproduziert wird. Selten wirkte das Zeigen gedankenverloren. Meist war es ein Versuch Aufmerksamkeit zu erhaschen und meist direkt an die fotografierende Person adressiert. Dabei ging es dem Fotografierten darum, aufzufallen und sich damit selbst in Szene zu setzen, um die Aufmerksamkeit des Fotografen zu erregen. Diese Erkenntnis mag auch Galeano dazu gebracht haben, während der Performance Christopher (Hewitt) an der Videokamera mit seinem Namen oder mich als Fotografierenden mit einer Berufsbezeichnung direkt anzusprechen.

II. Gesten des Weisens

Die Sprachwissenschaft unterscheidet Signifikat und Signifikant. Die Arbeit von Galeano führt uns außerdem vor, dass es neben dem Gegenstand und seinem phonetischen Äquivalent auch ein gestisches Äquivalent gibt. Der Performer setzte wie die Fotografierten nicht nur den Sprechakt ein, sondern das Weisen, was zugleich die Einbeziehung eines bezeichneten Dritten bedeutet und ein Akt der Selbstdarstellung ist. Es handelt sich mithin um eine performative Handlung, die durch die Person hinter der Kamera beantwortet wird, wobei mithilfe der Kameraeinstellungen, des Auslösers und der belichteten Fläche ein überprüfbares Ergebnis erzeugt wird.

A. Galeano: INDEXICAL -  Alberto Giacometti vor Manhattan

A. Galeano: INDEXICAL                                   –               Alberto Giacometti vor Manhattan

Das hatten auch ein Fotograf und Giacometti bemerkt, als sie gemeinsam auf einem Ozeandampfer Manhattan anliefen. Dort bot sich der Künstler als Weisender als Motiv an, und mit dem Auslösen des Verschlusses wurde er und der Fotografierende augenblicklich zu Komplizen. Was vor ca. 70 Jahren noch eine gelegentliche Handlung gewesen seien mochte, hat Galeano als einen durch die Verbreitung der Amateurfotografie massenhaft ausgelösten Akt hervorgehoben und somit der Erkenntnismöglichkeit übergeben. Seine Sammlung in Verbindung mit der Performance ermöglichte außerdem die Erweiterung des Begriffs der Performanz aus der Sprachwissenschaft hin zum gestisch mimischen Akt vor Augen. Dabei wählt er das Mittel der Verdoppelung, das in einer Performance auch als Parodie eingesetzt werden kann. Darin ist der Hinweis enthalten, dass die Geste des Zeigens, die in der Ikonographie den Heiligen, Propheten, Priestern, Königen und Feldherren vorbehalten war, durch die massenhafte Verbreitung der stummen Fotografie zu einem Massenphänomen der bildhaften Mitteilung geworden ist.
© Johannes Lothar Schröder

TO ADMIT THE BANAL

Andrés Galeano: Indexical, Performance Nov. 9th, 2013 during the opening of his show UNKNOWN PHOTOGRAPHERS at Grimmuseum, Fichtestraße 2, Berlin
until December 14th, 2013

I. Attracting attention

“Hello, Thanks for coming… This is Grimmuseum… I’m Andrés Galeano.“ This is how the artist addressed his audience, which had gathered at the Grimmuseum for his Performance INDEXICAL. Sequentially he named things, persons or parts of the space: “This is a cable…he is Christopher…these are my glasses…here is electricity…this is a banana…he is a photographer…this is a wall…this is a scarf…this is a lamp…this is my smartphone…this is a performance…and these are images…“ In the following he put a choice of his collection of photographic prints in the beam of light underneath a camera.

A. Galeano: INDEXING, Grimmuseum, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst

A. Galeano: INDEXING, Grimmuseum, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst

He piled print on print and among others you could see couples, families and groups on excursions, on holiday and while celebrating. No matter if parents, grandparents, brothers and sisters, friends, lovers, colleagues, every picture showed someone pointing at things and people. The photographic images captured them looking at the camera or at objects, which they were indicating. Only rarely did anybody make the impression of being lost in thought, whereas many of the indexing persons seemed to point just anywhere, as they wanted nothing else than to attract the attention of the person taking a picture. This probably made the performer initially naming Christopher (Hewitt) at the video camera or pointing out the photographer.

II. Gestures of indexing

Linguistic discourses distinguish signifier and signified only. However Galeano’s performance demonstrates that the personas who were chosen to be photographed neither used speech nor did they act professionally but they made the area in front of the camera a space to perform in. Whoever had been photographed responded to the dispositive of photography, which requires gestures instead of words. This probably already happened in the 1950s, when Giacometti and a photographer were approaching or leaving Manhattan on the deck of a steamer. The artist made a gesture which extended the width of his body by pointing at something or nothing and the person who photographed clicked the camera. This made them become accomplices. The gesture of saints, prophets, emperors and generals was adopted by the artist being photographed. It could be that being special 70 years ago, but now – as Galeano showed – it had spread out as a mass phenomenon as taking pictures became a way of universal communication over the decades.

Galeano’s collection of amateur prints in combination with his performance leads not only to an expansion of the linguistic understanding of performances, but can be transferred to  amateurish photography, as it shows that multiple gestural and mimetic acts are included in private photographic albums. Following the iconographic element Galeano choose duplication, which is also kind of a parody of the exclusiveness indexing once has had in art-history as a gesture of gods, saints, prophets, kings and missionaries, while it became a mass-phenomenon of the contemporary digital exhibitionism.

© Johannes Lothar Schröder

Spiele aus dem Koffer

Wenn Stuart Sherman (1945-2001) in den 1980er Jahren auf einem Platz in Manhattan sein Klapptischchen aufstellte und einige Objekte aus seinem Koffer fischte, dachte man im Vorbeigehen an einen in Aktion tretenden Taschenspieler. Nur wer verweilte, sah, dass sich hier kein Hütchenspieler vorbereitete, um mit schnellen und konstanten Verschiebungen von Schachteln seine Zuschauer über die darunter verborgenen Geldeinsätze zu täuschen. Zweifelsohne rückte Sherman Modelle von Einrichtungsgegenständen oder mechanische Tiere aus Kunststoff und Metall getaktet wie ein Glücksspieler, doch waren seine Spieleinsätze keine Münzen sondern Erinnerungen, die sich zu kleinen Episoden verdichten, weshalb er sie spectacles nannte. Sie reihten sich aneinander wie Filmszenen, die in Variationen immer wieder neu montiert und „gedreht“ werden konnten. In der Kabel-TV-Show von Kestutis Nakas (1983, http://www.youtube.com/watch?v=IG3p8SjowMo) bezeichnete sich der Künstler folglich auch als „filmmaker“, was er mit der Präsentation eines Kurzfilms, der in der Nachfolge surrealistischer Filme steht, unter Beweis stellte. 2010 präsentierte das Filmfestival in Chicago 25 seiner zwischen 1977 und 1986 gedrehten Filme. Vom aktuellen Interesse an Sherman zeugte auch die Ausstellung des Kunstvereins Harburger Bahnhof. Bis zum 18. August 2013 konnten dort Fotos und Filme der spectacles besichtigt werden, welche die mit Sherman befreundete Kollegin Babette Mangolte in den 1970er Jahren aufgenommen hatte.

The 13 and the 14th spectacle by Stuart Sherman, Feb. 1984, New York City Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2013

The 13 and the 14th spectacle by Stuart Sherman, Feb. 1984, New York City
Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2013

Keine Zauberei sondern Ästhetik der Performance

Das Arrangieren von Gegenständen während seiner Klapptischperformances führte zu immer neuen Konstellationen, die sich paradoxerweise  in den Momenten auflösten, in denen er sie mit einem Bleistift auf dem als Spielfläche benutzten Zeichenblatt umriss. In derselben fließenden Bewegung, mit der er den Stift führte, wurde plötzlich der Miniaturfernsehapparat hochgehoben und erwies sich von dem Augenblick an, in dem der Bleistift in ihn hineingesteckt wurde, als ein im Spielzeug versteckter funktionaler Gegenstand. Mit der durch Drehen jeweils neu geschärften Bleistiftspitze wurde die folgende der neu entstandenen Konstellation der Gegenstände umrissen, so dass auf dem Blatt ein Palimpsest entstand. Diese in den Aktionsfluss eingebauten Brüche im Übergang zwischen neuen Arrangements der Dinge verwandelten die Dinge in ihrer Funktion und Bedeutung. Mithin deutete sich hiermit der vergebliche Versuch an, Handlungen zu fixieren, die aus der Dynamik leben und deren Qualität in der Kontinuität liegt. Daher entspricht das Bleistiftspitzen einem Lidschlag, mit dem Zuschauer selbst die Kontinuität der Wahrnehmung unterbrechen, um die Aufmerksamkeit in Versatzstücke aufzuteilen. Ähnlich funktioniert auch der Filmschnitt mit dem Filmregisseure die Aufmerksamkeitsstrecke vorgeben. Die so gesetzten ästhetischen Mittel stimulieren die Gedankentätigkeit und Imagination der Zuschauer, wodurch sich das laufende Spiel und dazugehörige Erinnerungsfetzen in ihrem Kopf etablieren. Auf diese Weise werden die Zuschauer in ein kindliches Spiel hineingezogen, in dem die Dinge im Fluss bleiben und die ganze Welt darstellen. Im besten Fall wird es so, wie es einem selbst als Kind erging, als sich Wunder noch spontan ereignen konnten.

Diese Gedanken über Stuart Sherman werden in „Blende und Traumzeit“ fortgesetzt. (Band 2 erscheint 2014 bei Conference Point)

Im Spiel: Utopie

Burmester + Feigl durchstreifen derzeit das Feld der Magie und suchen nach Gesten, Methoden und Verkörperungen. Augenblicklich arbeiten sie in den Sophiensälen an den Folgerungen aus ihrer Erkundungen, die mit anderen Stücken vom 19. – 27. November unter dem Motto STRANGE MAGIC über die Bühne gehen. Sicher fallen einem sofort Berühmtheiten der Zauberkunst wie David Copperfield oder Harry Houdini ein, doch lassen Burmeister + Feigl sich mit ihren Gästen, darunter Zaubertrixi und Augusto Corrieri und Matthias Anton, gerade nicht allein vom Naheliegenden inspirieren. Als Performance-Künstler können sie außerdem auf die Geschichte der Performance-Art zurückgreifen, deren Protagonisten Yves Klein, STELARC oder Stuart Sherman (s.u.) schon eigenwillige Antworten auf die Herausforderungen vorgelegt haben, denen sich auch die Magier stellen.

Feigl + Burmester am 11.10.13 in den Sophiensälen, Foto: johnicon VG Bild-Kunst 2013

Feigl + Burmester am 11.10.13 in den Sophiensälen, Foto: johnicon VG Bild-Kunst 2013

Das Spiel der Hände des Künstlerduos – aufgenommen während der Proben – lässt bereits ahnen, was sich alles auf dem Feld der Performancekunst hervorzaubern lässt. Wer wissen will, ob sich hinter den Händen Tauben, Mäuse, Asse oder Bälle verbergen, muss nicht mehr lange warten und sollte sich für einen der Abende eine Eintrittskarte sichern.  http://www.sophiensaele.com/

An der Quelle der Magie

Es geht um die Überwindung der Schwerkraft, von Zeit und von Raum mit weitergehenden Möglichkeiten, als sie im Zirkus oder im Varietée praktiziert werden; denn schließlich sollen doch die Grenzen, die man für natürliche hält, erweitert oder überschritten werden. Dabei denken viele zuerst an die technischen Hilfsmitteln und Installationen, die Geschwindigkeit, Licht, Spiegel etc., doch wirkt Magie nicht viel stärker im Spiel und in einer kindlichen Selbstverlorenheit weiter? Wenn für Alles zuerst technische Lösungen in Aussicht stehen, die möglichst durch ein Start-Up-Unternehmen erfolgreich vermarktet werden sollen, steht die unerschöpfliche Quelle der Utopie auf dem Spiel. Glücklicherweise sind Burmester + Feigl mit ihren Gästen weder Astronauten, noch Rennfahrer, Ingenieure oder Heilsbringer. Sie wagen sich mit ihren Performances geradewegs und mit spärlichen Hilfsmitteln an die Grenzen in uns selbst. Sie führen fort, was vor einem halben Jahr mit der Schaubude auf dem Hamburger Dom (–> hier im Blog „Als Medien noch Menschen waren“, März 2013) begann, und geben dem jungen Spross dieses Gewächses neue Nahrung.

 

Zur Attraktion von Stuart Sherman (in Kürze hier im: Künstlerverzeichnis)

Stuart Sherman war ein zurückhaltender Performer, der mit einem Koffer voller Miniaturen reiste. Er konnte sie ad hoc aus seinem Koffer hervorzaubern und auf einem Tischchen in Aktion versetzen, was zunächst an einen Taschenspieler oder Kleinkünstler erinnerte. Von diesen hatte er die sichere Hand im geschwinden Verschieben seiner wenigen und sparsam eingesetzten Objekte übernommen. Doch waren die Miniaturmöbel, Personen oder Tiere auch Kunstobjekte, die zu ständig in Veränderung begriffenen Modellen von Kunstinstallationen verschoben wurden.