Spiel und Ritual

Le sacre de printemps von She She Pop?“ fragte ich mich. „Nach Sasha Waltz jetzt auch She She Pop nach der Musik von Igor Stravinskij?“ Also schaute ich mir das Stück einfach mal an.

Das das Thema Frühlingsopfer weckten Erwartungen genauso wie die hochformatigen Leinwandstreifen, die im offenen Bühnenraum hingen und den Seufzer auslösten: „Schon wieder Video auf der Bühne!“

Dann begann das Stück mit einem ganz persönlichen Statement über Mütter und ihre einvernehmende Art, die viele kennen, erleben oder erlebt haben. Doch sagten die PerformerInnen auch, dass sie gar nicht viel sprechen wollten. Dadurch blieb der Ball flach und man sah entspannt zu, wie sie mit Stoffen, Gegenständen und einem schweren Seil einen Kreis vervollständigten, den die unten bogenförmig abgeschnitten Leinwände perspektivisch vorgaben. Das war ein wichtiges Statement, um mit möglichst knappen Mitteln einen Ritualplatz zu schaffen und zugleich zu signalisieren: Seht her! Wir lösen die Vorgaben mit visuellen Mitteln. Unser Opfer ist kein getanztes Ritual!

Wie geschickt die abwesenden Mütter virtuell in das Geschehen im Bühnenraum einbezogen worden waren! Die Leinwände waren kein Störfall des Theaters mehr, sondern mit den darauf projizierten Müttern konstituierende Bestandteile des Stücks, die den Status von Akteuren bekamen. Im Wechsel traten die KünstlerInnen vor die gigantischen Mütteridole, richteten sich an sie, drehten ihnen den Rücken zu, umgingen sie, traten zwischen sie und standen hinter ihnen. Sobald die PerformerInnen wieder hervortraten ließ sich der Kreis auch unmerklich zum Publikum hin öffnen. Wer wollte, konnte aus der eigenen Rolle als Kind bekannte Anteile an der einen oder anderen Mutter wiederfinden. Der Kreis wurde durch rhythmische Wechsel immer wieder  durchbrochen, unterbrochen, durchkreuzt, ergänzt und geöffnet. Von Szene zu Szene entstand spielerisch ein Bild von einem Ritual, dessen Wirklichkeit uns in weitgehend profanen Gesellschaften lebenen Zeitgenossen fremd geworden ist. Der in der Performance-Forschung einmal viel diskutierte Ritualbegriff stand auf einmal ohne Getue und Rauch auf der Bühne.

She She Pop: Rules. Die Veränderung, am 19.6.2003 im Kunstverein in Hamburg, foto: johnicon

She She Pop: Rules. Die Veränderung, am 19.6.2003 im Kunstverein in Hamburg, foto: johnicon

Kunst und Leben

Ich sah She She Pop erstmals 2003 mit Rules. Die Veränderung im Kunstverein in Hamburg, weshalb das aktuelle Stück für mich noch eine weitergehende Bedeutung hatte, als die im Publikumsgespräch (in Hamburg auf Kampnagel) thematisierten Erfahrungen von Müttern und Kindern. Für mich war es eine Wiederbegegnung mit den PerformerInnen im Abstand von 12 Jahren, in denen sie sich entwickelt haben. Einige von ihnen ziehen inzwischen selbst Kinder groß, wissen also, wovon sie sprechen oder lieber schweigen. Sie haben sich auf dem Weg durch ihr Leben sichtbar und unsichtbar verändert, doch bleiben für mich die Ansätze des vom sportlichen Zusammenspiel abgeleiteten Bewegungsrepertoires erkennbar, das ich als Zuschauer und als Fotografierender vor 12 Jahren so intensiv wahrgenommen hatte und so sehr mochte.

Dabei gewahrte ich mich auch selbst und fand mich 12 Jahre älter und zwischen ihnen und der Generation ihrer Eltern wie ein Gast auf einem Familienfest wieder, das für manche auch heute noch eines der wenigen lustvollen oder stressigen Rituale ist. Diese Rückerinnerung hatte für mich ein das Theaterspiel auflösendes Moment, und schuf ein starkes Gefühl der Aufmerksamkeit und Gegenwart, ja auch der Zugehörigkeit. Ich dachte dabei an die Anstrengungen, die mit Happenings unternommen worden sind, die Grenzen zwischen Kunst und Leben aufzulösen. Man spricht heute nicht mehr darüber. Aber She She Pop ist die Synthese gelungen.

Ein Trailer mit entscheidenden Szenen unter: http://www.sheshepop.de/produktionen/fruehlingsopfer.html

Bleistifte & Maschinengewehre

(please scroll down for an English version!)

Altäre aus Stiften, Kugelschreibern und Pinseln für die ermordeten Zeichner und Redakteure von Charlie Hebdo hat die Welt wohl noch nicht gesehen, und die Schlangen vor den Kiosken, die sich am Morgen des 14. Januars bildeten, sind bisher vielen jüngeren doch nur noch vom Hörensagen bekannt gewesen. Der Anschlag vom 7.11.2015 auf die Redaktion des Satire-Magazins hat im Wettstreit zwischen digitalen und analogen Medien die Printmedien aufgewertet. Und vielleicht deuten die zahlreichen Demonstrationen für die Pressefreiheit allerorten sogar ihre Renaissance an.

Screenshot aus der Sendung der ARD 11.1.2015

Screenshot aus der Sendung der ARD 11.1.2015

Bleistift und Pinsel wurden Symbole der Freiheitsbewegung die in einem Plakat gipfelte, das in Paris am 11. Januar 2015 erhoben wurde. Es zeigte das Bild eines Bleistifts mit dem Zitat von Arlo Guthry: „Diese Maschine kämpft gegen den Krieg!“

Bleistift und Pinsel im Zeitalter des Terrorismus?

Bleistift und Pinsel sind geistige Werkzeuge, die physisch benutzt werden. Sie ermöglichen ihren Nutzern unabhängig von Elektrizität und der Infrastruktur des Netzes mit geringen materiellen Mitteln unmittelbar in Aktion zu treten und, wie sich immer wieder von neuem zeigt, eine geistig und politisch weitreichende Wirkung zu erzielen. Auch sind sie mit dem Zeichner, einer Illustratorin oder einem Cartoonisten eng verbunden. Allerdings erfordert es eine akademische oder autodidaktische Ausbildung und viel Übung, um die Mittel gut und aussagekräftig einsetzen zu können. Die Ergebnisse sind auch in Zeiten von YouTube, Twitter und Facebook von einer noch nicht übertroffenen Qualität. Diese muss sich auch den Attentäter auf die Redaktion von Charlie Hebdo erschlossen haben, weshalb es ihnen nicht reichte, die Auslieferung einer Zeitschrift zu verhindern. Nein. Sie gingen direkt gegen die Zeichner und Redakteure vor, ohne die ein Stift nicht zeichnen kann. Was sie nicht berücksichtigten, ist die Tatsache, dass die Benutzung von Pinsel und Stift eine seit Jahrtausenden angewandte Kulturtechnik ist, die in Schulen und auf Akademien gelehrt wird. Angesichts dieses ungehobenen Potentials aller zum Zeichnen Befähigten und der allgemeinen Verbreitung von Zeichenstiften besteht große Hoffnung in Zeiten der um sich greifenden Verbreitung von Schusswaffen.

Schon die Wandzeichnungen in der Höhle von Lascaux waren heilig, so dass der Zugang beschränkt war, auch weil sie im Dunklen nur partiell und von wenigen gesehen werden konnten. Seit damals sind Verbergen von Zeichnungen und ihr Schutz Teil der Kunstrezeption, die im Zuge der bürgerlichen Umwälzungen (z.B. Säkularisierung des öffentlichen Lebens, öffentliche Museen und Universitäten) weiterentwickelt worden sind.

PENCILS & MACHINEGUNS

Altars formed by pens, pencils and brushes laid out in memory of the dead of Charlie Hebdo and the other victims of the attacks of Jan. 7th were hardly ever seen in streets and squares, and the younger ones have never witnessed long lines in front of newspaper stands appearing Wednesday-morning in France. This is what neither the terrorist killers nor someone else might have expected to unleash: a blooming of the analogue media in the middle of its crisis. Also the millions of participants in manifestations for freedom of the press throughout the world may announce a renaissance of paper-based media. In fact the cartoon is as vital as the terrorists were convinced that it is. This made pencils and brushes to symbols of freedom in Paris of January 2015. Most remarkable a poster which used the quote of Arlo Guthry for a pencil: “This machine fights against war!”

power of drawing by johnicon

power of drawing I & II
by johnicon

Pencils and brushes in the age of terrorism

Pencils and brushes allow extracting a first sketch of an idea from the brain, which directs arm, hand and fingers to draw a line which finally may resemble things or characters which were immaterial in imagination. This is the reason why these tools make a person independent as no electricity or networks are required. Just a pencil is enough to materialize an idea, which make many people happy but may discomfort fundamentalists. You can buy a pencil but not the ability to use it. To properly draw requires education and training. However it is remarkable that even in times of You Tube, Twitter and Facebook a pen is an intellectual weapon, which terrorists and their commanders have noticed, since they started to reflect media. However the gunmen did not try to stop the printing of the paper or its circulation but shot down the drawers. They could kill some of them but the ability of drawing will last as it is a cultural practice which reaches back to the caves of Lascaux. It seems that the access to it must have been limited in prehistory. Restrictions in the showing of holy images last long until the achievements of enlightenment opened access to art and education to almost everybody and museums and schools have been founded. Centuries of pens and pencils began, and today all pencils, which are in use worldwide exceed the number of guns.