Über hannes

Johannes Lothar Schröder lebt als freiberuflicher Forscher, Autor und Lehrer in Hamburg. Sein Arbeitsgebiet ist der Zeitbezug in Werken der bildenden Kunst besonders im Futurismus und in der Performance Art und den hiervon beeinflussten künstlerischen Äußerungen. In der letzten Zeit recycelt er eigene Archivbestände in Form von Objekten, Performances und Installationen. Prototypen realisierte er auf verschiedenen Performancefestivals u.a. in Szczecin und Salzau www.performance-festival.de und auf Konferenzen von Performance Studies international (PSi) in New York, Mainz, Kopenhagen und Utrecht (2012). Schröder war von 2008 - 2013 Vorstandsmitglied im Einstellungsraum www.einstellungsraum.de. Im Archiv dieser Homepage sind zahlreiche Aufsätze zugänglich. Er unterrichtete Kunstgeschichte und Performance Art an verschiedenen Hochschulen (darunter Frankfurt, Hamburg, Lüneburg, Ottersberg). Workshops und Vorträge von ihm gab es in Tokio, Berlin, Hamburg, Nagoya, Eichstätt und anderswo. Er ist Mitherausgeber von „Journal Oriental“ www.amokkoma.eu

Kirmes Kunst. Automatisierte Performances von Geoffrey Farmer

Farbige Scheinwerfer und flackernde Lichtquellen erleuchten spärlich Objekte. Schnarren, Pfeifen, Sirenen, Quietschen, Hupen, Gesprächsfetzten in einer Schalltrichterqualität erreichen die Ohren aus verschiedenen Richtungen. Ab und zu senkt sich ein Pfosten, kreist ein Stab, wackelt eine Maske, öffnet sich der Kopf eines Portalwächter-Löwen. Lichtfelder tauchen Teile der Installation mit einem Saurierhals, Riesenkürbissen oder Extremitäten von Gliederpuppen abwechselnd in Gelb, Blau, Rot oder Grün. Das An und Aus punktueller Farbflecken erzeugt zusätzliche Bewegungsmomente, die auch statische Objekte erfassen, die einzeln oder in Gruppen aufgestellt ein weiträumiges Podest mit zahlreichen Ausbuchtungen bevölkern. Längs der Kanten mischen sich Silhouetten von Besuchern, die verharren oder flanieren. Lichter, Klänge und Bewegungen locken sie von einer Stelle zur anderen. Allmählich kommen in den verdunkelten Räumen Erinnerungen auf, die verschiedene Erfahrungen streifen: Ausflüge zwischen Schießbuden am Strand, Kirmesbesuche mit Fahrten in der Geisterbahn, Reisen zu Erlebnisparks, Aufenthalte in Gruselkabinetten, zwischen Karnevalswagen oder im Völkerkundemuseum könnten dabei sein.

Jeffrey Farmer, "Let's Make the Water Turn Black", courtesy Kunstverein Hamburg, Foto: johnicon

Jeffrey Farmer, „Let’s Make the Water Turn Black“, courtesy Kunstverein Hamburg, Foto: johnicon

Diese Kirmes Kunst ist seit dem 1. März im Kunstverein in Hamburg zu sehen, in dem die Ära der neuen Leiterin Bettina Steinbrügge beginnt. Auch wenn diese Ausstellung mit dem Migros Museum für Gegenwartskunst, dem Nottingham Contemporary und dem Perez Art Museum Miami gemeinsam realisiert wurde, knüpft „Let’s Make the Water Turn Black“ von Geoffreys Farmer in Hamburg an die Reihe der dunklen mechanisierten Installationen von Mike Kelley oder Paul McCarthy an, die seit den neodadaistischen „Penny Arcades“ von Allan Kaprow, den Ensembles von Ed Kienholz die Ästhetik von Luna-Parks und populären Vergnügungen in die Kunst einfließen lassen. Aran Moshayedi erzählt aus der Perspektive eines Angelenos mehr darüber im Ausstellungskatalog (S. 80ff). In Hamburg geht diese Arbeit auch auf die Verbindungen zwischen Kunst, Theater und Populärkultur zurück, die seinerzeit Ivan Nagel mit dem Performanceprogramm während des Theaters der Nationen 1978 und Uwe M. Schneede mit Ausstellungen von Bühnenbildern und Installationen vorbereitet haben.

Jeffrey Farmer, "Let's Make the Water Turn Black", Abb. Katalog, S. 103

Jeffrey Farmer, „Let’s Make the Water Turn Black“, Abb. Katalog, S. 103

Diese installativen Animationen sind eigentlich Performances, die das spielende Personal durch Mechanik ersetzten. Daher sind sie aus der Wiederholbarkeit von Ereignissen schon vor der Zeit ihrer kinematographischen Multiplizierbarkeit hervorgegangen. Noch ehe die Automatisierung Produktionsprozesse durch Verzicht auf Arbeiter profitabler machte, wurde Maschinen auf Jahrmärkten und Kirmessen (Kirchweihfesten) erprobt und in Spielbuden zur Schau gestellt. Heute ist der Zustand der Nichtsnutzigkeit wohl am ehesten in Kunstausstellungen herstellbar, wo sie ein synästhetisches Erleben ermöglichen, das an Geisterbahnfahrten zu einer Zeit erinnert, als man sich noch eher durch animierte Materie erschrecken ließ als durch Menschen. Mike Kelley ist diesen Mechanismen in seinem durch Sigmund Freuds Schriften inspirierten Essay „Playing with Dead Things“ über das Unheimliche und mit seiner Materialsammlung, ausgestellt im Gemeentemuseum in Sonsebeek, nachgegangen (The Uncanny, Arnheim 1993)

Ausstellung in Hamburg: Klosterwall 23
bis 11. Mai 2014

Kopffüßler und Kugelwesen / Cephalopods meet design and dance

(scroll down for english version)

50 Liebhaber der Performance Art und die am Performancefestival in der Frankfurter Galerie Wildwechsel teilnehmenden Künstler hatten vom 23. – 24. Juni 2005 das Privileg, sich 8 Jahre vor der Modelwelt an einem Kugelkleid zu erfreuen. In der Rotlindstraße zeigte Magali Revest „Origine“, eine von ihr im Jahr zuvor choreographierte Performance.

http://vimeo.com/26401007

Eine Kugel auf Beinen öffnete sich im Verlauf der Aktion wie eine Blume – ein von Revest entworfenes Kleid. Wer weiß durch welche Kanäle es Agatha Ruiz de la Prada erreichte und beflügelte? Während der Fashion-Week in Madrid erregte ein Kugelkleid der spanischen Modedesignerin am 9. September 2013 Aufsehen und landete auf der ARD Home-page.

ARD-Homepage and Revest-homepage

ARD-Homepage 9.9.2013 and Revest-Homepage

Die Gegenüberstellung mit der schwarz-weißen Abbildung des Kostüms auf der Homepage von Revest zeigt die Details des Mechanismus, der ein Öffnen ermöglicht. Die Geschichte geht allerdings noch weiter: In einer etwas schlabbrigen Fassung tauchte dieses Modell im Januar auf dem Cover des Programmheftes von K3, Tanzplan Hamburg, vom Jan./Feb. 2014, auf. Und das wird nicht das Ende gewesen sein, denn diese Kugelwesen erinnern an die Kopffüßler aus mittelalterlichen Grotesken.

Magali Revest "Origine", June 23, 2005, Frankfurt, photograph: johnicon

Magali Revest „Origine“, June 23, 2005, Frankfurt, photograph: johnicon

When meeting for the performance-festival “Wildwechsel” in June 2005 50 friends of performance art had the pleasure to experience a design which was introduced during “Origine” a performance of Magali Revest. She designed it in 2004, and it opened like a blossoming flower. The dress shown by Agatha Ruiz de la Prada at the Madrid Fashion-Week in 2013 astoundingly resembled the experimental balloon-costume of Magali Revest. Who knows what inspired Ruiz de la Prada to create the human ball, which became a picture of the day on the German TV-homepage Sept. 9th, 2013.

Umschlag K3-Programm Jan-Feb 2014, Foto: Florian Thiele

Umschlag K3-Programm Jan-Feb 2014, Foto: Florian Thiele

The story continues right now in 2014, when a choreography containing a baggy costume made it on the cover of of K3_Tanzplan Hamburg in February at Kampnagel. Humans in these dresses roughly resemble the very sophisticated medieval cephalopods, which are known for example by Hieronymus Bosch.

The Future of Performance

Visiting a friend I perceived a folder of a German car producer on his table. The photograph of a zooming 4-weel-drive-car on dry gravel and sand looked futuristic and soon I fell into a day-dream, in which I watched myself on holydays at the banks of the Bodensee. 200 years from now I stood near the abandoned town of Meersburg overlooking the lake. The weather was nice and the sun beamed hot. As the air was clean some alpine peaks were just in front of my eyes. The only thing which was missing was the lake: Draughts sucked up most of the water and you could drive for miles in a SUV. No obstacles!

Returning into the present, the folder still lay there and wow! It had convinced me that some cars are built for the future.

On a friends table

On a friends table

Die Zukunft der Performance

Bei einem Freund auf der Ablage fiel mein Blick auf den Prospekt eines deutschen Autoherstellers. Dort zeigte ein Foto einen Geländewagen hinter einer lang gestreckten Staubwolke in der Ferne verschwinden. Dieses futuristische Foto ließ mich umgehend in einen Tagtraum fallen, der mich an das Bodenseeufer versetzte. Etwa 200 Jahre weiter stand ich da und konnte ein paar Alpengipfel vor mir erkennen. So klar war die Luft unter der prallen Sonne. Was fehlte war der See. Nur ein paar Pfützen hatten die Dürren unten im Tal von ihm liegen gelassen. Stattdessen luden Kies und Sand dazu ein, einem SUV die Sporen zu geben. Keine Hindernisse!

Zurück im Hier und Jetzt, lag der Prospekt immer noch vor mir. Wow! Er hatte mich davon überzeugt, dass es Autos gibt, die für die Zukunft gebaut sind.