Selbstlaufende Autoteile

Wagner-Feigl-Forschung/Festspiele performen HYPEROBJEKTE?
in den Sophiensälen in Berlin im Februar

und im WUK performing arts in Wien im März

Monolithisch ragten zwei hochkant aufgestellte ausgeschlachtete Karosseriehälften auf. Dazwischen standen Bauteile von Kraftfahrzeugen. Türen, Sitze, Motorhauben und Scheinwerfer in Transportkäfigen bereit. Von den beiden Protagonisten verschoben und in Funktion gesetzt, begannen die Autoteile gemeinsam mit ausgebauten Scheinwerfern, Blinkern, Bremsleuchten und Scheibenwischern ein Eigenleben zu führen. Mit Akkupacks versehen, waren sie von keiner zentralen Stromversorgung mehr abhängig, so dass sie frei beweglich ihren Tanz in der von Scheinwerfer und Blinker beleuchtet Installation begannen, in der verstärkte Grundgeräusche wie Fahrtwind, klackende Blinker und tickende Relais Takt und Ton vorgaben.

Wagner-Feigl-Forschung/Festspiele, HYPEROBJEKT?, Sophiensaele, Berlin 27. Feb. 2020, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2020

Eine der in das Stück integrierten Lectureperformances brachte die Konstruktion des ersten Atomreaktors in Chicago durch den Atomphysiker Enrico Fermi zur Sprache. Die Zuschauer*innen erfuhren, dass dem Forscher seine Qualitäten als Leichtathlet nützten, weil er die zu untersuchenden Proben zur Messung von Halbwertszeiten des Nuklearmaterials blitzschnell von einem Labor in ein anderes bringen konnte. Da diese Experimente im bitterkalten Winter in ungeheizten Laboren stattfanden, trug das Forscherteam Waschbärenmäntel der Baseballmannschaft der Universität. So verstand man auch die Anspielung von Florian Feigl und Otmar Wagner besser, die anfänglich in Pelzmänteln auftauchten. Darin stellten sie sich auch in die Tradition der ersten Automobilisten, die im Freien auf einer Kutscherbank thronten, ohne Karosserie und vorgespannte Pferde saßen sie mit dem Motor auf vier Rädern und mussten sich vor Wind und Wetter schützen.

Beide Performer hatten sich aber nicht nur in die Kluft von Automobilisten geworfen, sondern erschienen im zweiten Teil der Aktion, nach dem Ablegen der Mäntel, in weißen Kitteln im Stil von Künstlern, Ingenieuren und Konstrukteuren der 1920er Jahre. So ausgestattet und sich in Karosserieteile hineinzwängend, scheinen sie die Fahrgastzelle als Labor zu nutzen. Ein anachronistischer Kontrast, denn mit ausgedienten Autokarosserien geben sich heute weder Forscher noch Pioniere ab. Außerdem waren wesentliche Teile des Autos wie Motor, Getriebe, Kardanwelle, Lenk-  und Antriebsachsen ausgebaut. Zerlegt, mit leerem Tank und ohne Ölwanne wird das Auto verfügbar, weshalb sich diese Darsteller von Künstleringenieuren tatsächlich eher als Forscher an einem Begriff erweisen, denn als Entwickler von Maschinen. Ihre Aktivität ist der Dekonstruktion der Auffassung vom Automobil als Fetisch gewidmet. Mittels der Installation definieren Wagner und Feigl die Bestandteile der Technologie der individuellen Fortbewegung in mehreren Schritten neu, was auch den Untertitel „Blech und Gewebe“ erklären könnte.

Wagner-Feigl-Forschung/Festspiele, HYPEROBJEKT?, Sophiensaele, Berlin 27. Feb. 2020, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2020

Technokratische Überlegungen lassen die irrationalen Ängste vieler Autobesitzer meist außen vor.  Diese träfe der Verlust eines Statussymbols viel stärker, als die Möglichkeit nicht mehr von der Stelle zu kommen. Diese Schwäche zeigt sich nicht nur in der panikartigen Zurückweisung neuer Verkehrskonzepte, sondern im massenhaften Kauf klobiger Sport-Nutzfahrzeug-Hybriden, den sogenannten SUV, die übermotorisiert sind, andere Verkehrsteilnehmer einschüchtern und allen Argumenten zum Trotz die Bereitschaft zur Eskalation statt zur Kooperation ausdrücken.

Es sieht also ganz so aus, als würden sich die ankündigenden Veränderungen genauso schmerzhaft auswirken, wie der Abschied von der Kutsche, an deren Größe, Pracht und vorgespannter Anzahl der Pferde sich der Status des Besitzers ablesen ließ. Ein kleines knatterndes Automobil ohne Zugtier machte nicht viel her und lässt sich daher heute noch leicht belächeln. Vielleicht werden unsere Enkel sich über die gerade vermarkteten und fortschrittlich geltenden Elektroautos mit mächtigen Karosserien lustig machen, denn sie ahmen wie die kutschenartigen Autos von anno dazumal die alte Vehikelform nach. Als Imitation der gewohnten alten lassen sich neuartige Fahrzeuge noch nicht als eigenständige Ikonen lesen und müssen sich vorerst ihr Prestige von den Verbrennern ausleihen. Dabei sehen einige Autotypen sogar wie Rennwagen aus, in denen Plätze für Passagiere geschaffen werden müssen, in denen sie dennoch langsamer unterwegs sind wie die Fahrgäste von Hochgeschwindigkeitszügen.

Wagner-Feigl-Forschung/Festspiele, HYPEROBJEKT?, Sophiensaele, Berlin 27. Feb. 2020, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2020

Ohne sichtbare High-Tech-Features platzieren Wagner-Feigl-Forschung/Festspiele sich in einem Niemandsland der Mobilität und dennoch wurde die Kantine der Sophiensäle ein temporäres Entwicklungslabor des Wandels. Wagner und Feigl zerstörten das Auto nicht lustvoll wie der Perkussionist Stefan Gwildis mit Vorschlaghammer und Flex, sondern sie machen es durch Zerlegen dysfunktional und ermöglichen den Bauteilen ein komplexes Eigenleben. Auch das hat viel mit Musik zu tun und ist von Industrial und Fluxus inspiriert: Scheibenwischerarme schlagen gegen Motorhauben, rühren in Tankstutzen herum, heben sogar einen kompletten Tank an und tanzen wie Insekten mit nur noch einem Bein. Die Wisch-Wasch-Anlage beeindruckt als plätschernder Springbrunnen und das kinetische Objekt aus Frontscheibenwischern auf einem Mikrofonständer verblüfft als sich automatisch schief stellendes Notenpult und mechanischer Dirigent zugleich. Inmitten sich kreuzender Scheinwerfer bleibt die metallenen Szene in ein unruhiges Licht getaucht, über die alle 20 Minuten der höllische Lärm eines startenden Passagierjets losbricht.

Und wohin geht die Reise?

©Johannes Lothar Schröder

Wagner-Feigl-Forschung/Festspiele: HYPEROBJEKTE?
Wagner und Feigl arbeiten daran… Blech und Gewebe I-IV
in der Kantine der Sophiensäle am 26., 27., 28. und 29. Februar 2020

Blech und Gewebe V – VII
à im März: im WUK performing arts
Einzug in den Projektraum: Sa., 21.3. 21 Uhr, Vorstellungen Do., 26.3., 19:30 Uhr sowie Fr., 27. bis Sa. 28.3.2020 21 Uhr, Projektraum

A Banksy was sothebyed — Sich selbst zerstörende Kunst

Banksy, Metzger, Rühmann …                           (scroll down for English version)

Bei Sotheby’s wurde heute, am 6. Oktober 2018, ein Bild von Banksy für 1,3 Millionen $ versteigert. In den Bilderrahmen hatte der Künstler zuvor einen Schredder eingebaut, der das Bild nach der Versteigerung in Streifen schnitt. Das Fotos von Rasimov zeigt von dem bekannten Streetart-Motiv, dass die Figur schon zerschnitten unterhalb des Rahmens hängt und der Luftballon aus dem oberen Teil des Bildes im Rahmen schon nach unten gerutscht ist.

Twittermeldung vom 6. Okt 2018, Versteigerung von Sotheby’s, (c) Ramin Nasibov, Twitter @RaminNasibov

Mit dem Bild, das zur Aktion wurde, hat sich Banksy in die Reihe der Künstler eingefügt, die den Ikonoklasmus nicht den Bilderfeinden überlassen, sondern die mit ikonoklastischen Handlungen selbst ein Zeichen gegen die Inanspruchnahme von Kunst setzen.

Autodestructive Art 1960er

G. Metzger, Acid Painting, 1961 (Kat. Generali Foundation, Wien 2005, S. 116)

1960 stellte Gustav Metzger die ersten sich selbst zerstörenden Bilder her, die er „Auto Destructive Acid >Action< Paintings“ nannte. Öffentlich „bemalte“ er auf Rahmen gespannte Vinylfolien mit Säure, so dass sich die Bilder in kurzer Zeit  auflösten. Ebenfalls 1960 veranstaltete Gustav Metzger das Destruction in Art Symposion (DIAS) in London.

Einen Akt der Sabotage der Ausstellung seiner Kunst lieferte auch der Hamburger Künstler Dieter Rühmann anlässlich der Verleihung des Lichtwark-Stipendiums, das er 1973 in der Hamburger Kunsthalle zugesprochen bekam. Als das Publikum den Ausstellungsraum betrat, schnitt Rühmann seine Bilder aus den Rahmen, so dass die zuvor dort präparierten und montierten Arbeiten eines Künstlerkollegen sichtbar wurden.

Dieter Rühmann. „das bist du“, 1973, restauriertes Bild (rechts) in der Ausstellungsansicht 3/2018

Ist Banksy überhaupt der Urheber der Zerstörung?

Die Arbeit von Rühmann zeigt aber auch was nach der Zerstörung passieren kann. Der Dienst den er seinem Kollegen erwies, dessen Bilder er freilegte, wurde Jahre später von einem anderen Kollegen erwidert. Es stellte sich heraus, dass dieser die Fetzen der Bilder, die Rühmann aus den Rahmen geschnitten hatte, geborgen hatte. Das Portrait brachte er restauriert zurück, während er die anderen als Lohn für seine Bemühungen behielt.

Die Weiterverwertung zeigt uns jetzt schon, dass der Sammler, der Banksys Bild erwarb, entweder die parallelen Streifen zusammenfügen lassen wird oder das Bild in seinem für einen Schablonendruck viel zu wuchtigen Rahmen als Dokument der Aktion präsentieren wird. Allein dieser Rahmen gibt aber zu denken. Wer hat entschieden, das Bild in so einem grotesken Rahmen anzubieten. War es ein abgekartetes Spiel, das inszeniert wurde, um Publizität zu erzeugen und Wertzuwachs in Sekundenschnelle zu generieren. Mit dem Rahmen zusammen hat sich der Kauf doppelt gelohnt, denn das Bild ist zum Dokument geworden. Ob es eines der Aktionskunst ist, muss sich erst noch erweisen.

© Johannes Lothar Schröder

A Banksy was sothebyed

For 1.3 Million USD the girl with the balloon went to Mr. or Mrs. XXX. However somebody built in a shredder into the frame, which began to work shortly after the auction. Social-media posts show half of the picture cut into strips looking out from under the frame.

No matter who designed the mechanism of autodestruction, that put Banksy into the line of iconoclastic artist, the happening brings into mind Gustav Metzger, the pioneer of autodestructive art. Since 1960 he executed several acid-paintings which destroyed themselves while being painted. By this he seriously avoids to be sothebyed nowadays after his dead in 2017.

A remarkable act of destruction of his own work of art was done by Hamburg based Dieter Rühmann, who during the opening of his show at the Hamburger Kunsthalle, cut his own artworks out of the frame, to show works of other artists, which were not honored by the Lichtwark-prize he has received.

Rühmann also shows that destruction is not only selfish and an act of self-promotion. It can also be an act of generosity as Rühmann offered his space in the frame of an exhibition to somebody else. Years after that one of the pictures he had cut out of the frame was returned to him by a colleague. He had collected the remains of the destruction and restored three of the pictures.

The grotesque frame, in which Banksy’s screen printing was presented, teaches another lesson: The new owner of the sheet has doubled the value of the work seconds after the purchase. The work is a document of destruction as well as it is a document of a coup. As the work was not given to Sotheby’s by Banksy himself, one can guess, that somebody else did the job of manipulating the frame not for artistic reason but to generate publicity.

© Johannes Lothar Schröder