Das Atelier als Schutz vor der Öffentlichkeit

Bruce Nauman

Bruce Naumans Besonderheit liegt darin, dass er seine Arbeit mit dem Körper nach einigen öffentlichen Performances vor Studenten des San Francisco Art Institutes seit Ende der 1960er allein im Atelier fortgesetzt hat. Nauman ist mit seinen Videoaufzeichnungen aus dem Atelier seit ca. 1968 eine Ausnahme, denn die meisten seiner Kollegen haben Video in ihre öffentlichen Performances eingebunden, darunter in Deutschland Ulrike Rosenbach. Mit dieser Aktionsweise außerhalb der Ateliers haben Performance-Künstler das Studio als probaten Arbeitsplatz von Künstlern in Frage gestellt. Sie wenden sich damit auch von dem jahrhundertelang gepflegten Vorurteil ab, dort das Schaffen eines Künstler-Demiurgen nachzubilden. Wenn Nauman zu nächtlicher Stunde wie zur Überwachung mehrere IR-Kameras laufen ließ, so wurde offenbar, dass sich hier zwar heimliche aber keine unheimlichen Dinge ereignen und wenn doch, dann wären dafür die Interpreten verantwortlich, sofern sie in Motten, Mäusen oder in der verstümmelten Katze Animistisches erkennen wollen.

Wenn Künstler ihre Arbeit mit fotografischen oder elektronischen Medien verrichten, ohne deshalb Fotografen oder Filmer zu sein, so nutzen sie einfach die physikalischen Tatsachen, die es ihnen darüber hinaus erlauben, Zeit darzustellen, was mit den traditionellen Mitteln schwer möglich war. Die Staatsgalerie Stuttgart hat die bahnbrechenden Arbeiten von Rudolf Schwarzkogler gleich nebenan in der dem Haus angeschlossenen Sammlung Sohm. Schwarzkogler hatte sich und verschiedene Modelle schon in den 1960er Jahren in seinem Künstlerstudio filmen und fotografieren lassen. Für ihn war und für Bruce Nauman ist das Studio ein Raum, der vor unmittelbaren Publikumsreaktionen, wie der Ohrfeige, die sich Beuys 1964 in Aachen fing, schützt.

Tatsumi Orimoto (dt.)

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50 Grandmamas, Kawasaki-City Museum, 25. März 2006, courtesy of the artist

 

Die inzwischen über 60 Aktionen mit seiner Mutter (Art-Mama-Serie) unterbrechen die alltägliche Routine. In einem für Alte meist eintönigen Leben stellen die Aktionen Orimotos pathetische Augenblicke des Innehaltens dar, die mit Festtagen oder auch Geburts- und Jahrestagen vergleichbar sind. Auch Nachbarn und Freunde werden einbezogen, und bei Veranstaltungen in Galerien und Museen beläuft sich die Zahl der Mitwirkenden schon mal auf 50. Solche Aktionen, die Zuwendung und Aufmerksamkeit manifestieren, wirken sich günstigen auf den Verlauf von Depressionen und Alzheimererkrankungen aus, weil sie ihr Fortschreiten verlangsamen, wie Beiträge in Floating Time (Vol.3, Nov. 2002), der Zeitschrift des Sotoasahikawa Hospitals, in dem Orimoto Workshops für Alte und Behinderte anleitete, bestätigen.

Tatsumi Orimoto (engl.)

Big Sponge on my Mother's Head, photography by Masahiro Suda, courtesy of the artist

Big Sponge on my Mother’s Head, Kawasaki-City Fire Station, Nov. 15, 1998, photography by Masahiro Suda, courtesy of the artist

Since 1996 Tatsumi Orimoto has included his mother in about 40 actions, which he labels „Art-Mama“. These actions interrupt the daily routine and loneliness he and his mother experience.  Art actions mean to bring intensity into a dull life and create memorable moments. Some events resemble festival days and jubilees, in which sometimes up to 50 participants are involved. These events manifest care, attention and love publicly; they help to balance the symptoms of depression and Alzheimer. Therapists acknowledged this in the November-issue of Floating Time, the Journal of the Satoasahikawa Hospital (Vol. 3, 2002), where Orimoto directed workshops for elderly and mentally disabled persons.

For an essay on Tatsumi Orimoto: Communication through the Tire Tube
klick: http://www.fotogalerie-wien.at/content.php?id=34&ausstellung=110&details=1&PHPSESSID=c1d7013397c7b708fd1e9d860a965135
The adventure of communication between old and young in greater Tokyo as photographed by Tatsumi Orimoto and seen by Johannes Lothar Schroeder