Wissen in Aktionen

Auch in der dritten Auflage des Performance-Festivals von Brise°3 vom 3. – 5. Juli brachte die Initiatorin Elke Mark wieder verschiedene Generationen von Performern zusammen. Das ist die Praxis von paersche (homepage: www.paersche.org), deren Mitglieder das Festival mittags mit einer open session im Park auf dem Flensburger Museumsberg begannen.

Ruedi Schill & Monika Günther, Perf. am 3.7. foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Ruedi Schill & Monika Günther, Perf. am 3.7.
foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Sich bewegende Bilder

Gelassen und poetisch begannen Ruedi Schill und Monika Günther das Abendprogramm. Sie klebte sich ein Papierstreifen an die Stirn, der über den Nasenrücken bis zur Stirn reichte und gelegentlich vom Atem gerührt wurde. Er zog nacheinander auf A6 gefaltete A2 Bögen aus der Gesäßtasche, um sie auf 12 verschiedene Art und Weisen zu entfalten. Danach wurde der gerade entfaltete Bogen neu geknickt, gerollt, gedrückt, zerknüllt, getütet, gestrichen, geknäuelt, geöffnet und dann der Schwerkraft überlassen , die je nach Oberfläche verschiedene Varianten des Fallens erzeugte.

Zwei Fahrräder steckten in einem Konglomerat aus Erde und Pflastersteinen, unter dem Bilderrollen steckten, die Helge Meyer & Marco Teubner nach und nach entrollten und auslegten. Wofür stehen die in schwarzer Farbe gebadeten Hände der schwarz Beanzugten mit schwarzen Koffern? Stellen sie eine Art von hohen Priestern der Kehrseite unseres auf hohe Mobilität gegründeten Wohlstandes dar, in dessen Namen nicht nur die in den Statistiken aufgezählten Menschen geopfert werden, sondern gleichfalls eine ihre Zahl übersteigende unbekannte Anzahl von Tieren?

Helge Meyer & Marco Teubner, Perf. am 3.7. Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Helge Meyer & Marco Teubner, Perf. am 3.7.
Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Das Spiel mit einem schwebenden Herz aus Metallfolie begann nach der Pause in einem Gebäudezwickel des Museums. Im Abendlicht erzeugten Evamaria Schaller & Alice de Visscher schöne Bilder, die in überraschende Aktionen mündeten, als der mit Helium gefüllte Ballon z.B. im Aufzug nach Oben entschwand oder diagonal am Publikum vorbeiraste.

Evamaria Schaller & Alice de Visscher, Perf. am 3.7. Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Evamaria Schaller & Alice de Visscher, Perf. am 3.7.
Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Zum Abschluss des Abends führte eine Spur aus Sand, der aus dem Karton auf dem Gepäckträger eines Fahrrades rieselte an die Förde. Dort schwebte auf einem Ponton einer luftgängigen Riesenqualle über die mitsommerliche Förde.

Elke Mark, Perf. am 3.7. Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Elke Mark, Perf. am 3.7.
Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Über die anderen Performances, mögen andere schreiben; denn ich musste abreisen und konnte die Fortsetzung des Festivals in Dänemark nicht mehr erleben.

Nachlässe

Bleibt noch zu erwähnen, dass Brise und paersche unterschiedlichen Menschen zum praktischen und theoretischen Austausch zusammenbringen, um besonders auch das sich physisch manifestierende Wissen verschiedener Generationen mit ihren jeweiligen Erfahrungen und Eigenheiten zusammenzubringen. Das aktiviert Ressourcen der Performance-Art, die besonders hinsichtlich einer beschleunigten Ausbildungs- und Berufswelt, die auch Künstlerkarrieren in der Welt digitalisierten Wirtschaftens und Kunstschaffens nicht unberührt lässt. Dieser Austausch zwischen den Generationen, die internalisiertes Wissen und tollkühne Experimente teilen, ist eine kostbare Praxis in einer virtuellen Kommunikationswelt. Ein paar Tage lang wird Wissen physisch sichtbar gemacht und rituell geteilt. Ob das auch auf dem Gebiet des Archivierens geschehen wird, wird sich in den kommenden Jahren herausstellen, wenn die Nachlässe der Generation von Performern zur Disposition stehen, die in den 1960ern und 70ern die Inspirationen der interdisziplinären Kunst, der Body Art, der Überschreitung etc. aufgriffen haben und als bildende Künstler damit begannen, vor Publikum mit ihrem Körper zu experimentieren. Jetzt stellt sich nämlich die Frage, ob die Kulturrichter und ihre Geldgeber sich dafür entscheiden, dieses Wissen auf die Boote zu laden, um es mit in die Zukunft zu nehmen oder es dem Abfall überlassen. Eine Entscheidung fällt aber nicht nur durch Archivierung der Relikte und Medien, auf denen Performances gespeichert werden, sondern auch in den Curricula der Schulen und Hochschulen, wo neoliberale Berater den Kunstunterricht und kulturwissenschaftliche Fachbereiche auf die Streichlisten setzen.

Ein Buch

Mit Formen der Wissensgenerierung/Practices in Performance Art stellten die Herausgeber Manfred Blohm und Elke Mark einen Band vor, dessen Beiträge die paradoxe Verbindung zwischen Bild und Ephemeren untersuchen (ATHENA-Verlag, Oberhausen 2015, 203 Seiten). Das Tun – Wahrnehmen und Machen – führen zu Ergebnissen, die weiterwirken, sei es dass sie bleiben oder verschwinden, sich manifestieren oder in etwas Anderes übergehen. Entscheidend sind wohl die jeweilige Auffassung von Festigkeit und das Bedürfnis nach Stabilität von Verhältnissen und Dingen. Die ruhigen Bilder und die Bedächtigkeit, die den ersten Festivaltag bestimmten, waren möglicherweise dem Streben nach Konsolidierung gedankt, mit dem sich Performance Art und Bildwelten sich aufeinander zubewegen.

Johannes Lothar Schröder

Actuating a Crucial Phase in Modern Art

The Black Mountain College (BMC) was a place where artists met poets, writers, mathematicians, psychoanalysts …, where teaching and research, arts and crafts intermingled. Ironically the crisis and the coming world-war propelled its success, as the German Nazis, who closed the Bauhaus and fired important researchers from their positions provided the College with all kinds of talented teachers and progressive researchers.

Anni and Josef Albers were amongst the first to arrive in North Carolina, where they started a successful career as teachers, who over the following decades influenced generations of U.S.-American artists like Robert Rauschenberg and Cy Twombly just to name two famous ones. However the amalgam of 50 scholars, researchers and practitioners had a much bigger general influence on the achievements of an interdisciplinary teaching and learning which also lead to the blurring of borders between the fine arts, crafts, music, theatre, dance and literature. Notably the teaching of many other exceptional persons among them the weaving of Anni Albers, the stage of Xanti Schawinsky and the experiments of Buckminster Fuller opened the students eyes to the fact that abstract art leads to open relations of fields formerly separated as “high and low“ and arts and sciences.

All images show activities of HZT-students performing the archive July 26 photo: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

All images show activities of HZT-students performing the archive July 26
photo: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

A Performative Archive

The exhibition in Berlin which displays the sources of Arnold Dreyblatt, who delivered the concept, and with other archives and collections now offers to a museum audience a glance behind the curtain. The installation made of materials, which were used to build the campus of Black Mountain, displays rare examples of artworks and crafted objects that coined the modern art of the second half of the 20th Century. Although they are widely unknown to Germans this exhibition shows the origins of interdisciplinary artworks, which appeared in Donaueschingen, Darmstadt, Cologne, Wiesbaden and other German towns and cities around 1960, where musicians, writers and poets performed to which the emigrants, who had to leave Germany 30 years before, inspired them.

inside and outside is meeting in the window-glass photograph by johnicon, VG Bild-Kunst 2015

inside and outside are meeting in the window-glass
photograph by johnicon, VG Bild-Kunst 2015

The exhibition is too small to unfold these chapters of the impacts and influences, which the BMC has had on the arts since the 1950s. But it leads to the paintings of the permanent collection in the east wing of the Hamburger Bahnhof where now two remarkable diptychs of Rauschenberg are shown. For those readers to whom this is again too much reference to painting, watch the show and the performances by students of several art-schools, who perform the archive. Arnold Dreyblatt invited them for one week residencies, in which they research in the archive and study the documents not only for the audience, but to read them on one of the four stages in form of staircases integrated in the architecture of the exhibition designed by raumlabor_berlin. This experiment of bringing back to life archival documents refers to the interdisciplinary experiments of the BMC and will hopefully inspire future curators, to experiment in making a museum a place for public practice and interactive research.

Johannes Lothar Schröder

The Exhibition: Black Mountain ein interdisziplinäres experiment 1933 – 1957 kuratiert von Eugen Blume und Gabriele Knapstein bis zum 27. Sept. 2015 im Hamburger Bahnhof.

Ein Katalog ist bei Spector Books in Leipzig erschienen.

For more pictures of the author see also @johlothar at Twitter

a contribution of the students of HZT, Berlin –   http://tanzraumberlin.de/Performing-an-Exhibition–435-0.html?id=712

Die gemeinsame Emanzipation von Performance-, Medien- und Frauenkunst

Auf einem Podium über die Ausstellung feministischer Kunst in der Hamburger Kunsthalle am 23. April 2015 stellte Claudia Reiche als Moderatorin mehrfach die Frage nach der Fortführung der Positionen der 1970er Jahre in die Runde mit Kerstin Cmelka, Hanne Loreck und Annegret Soltau und fragte auch nach der Rechtfertigung des kriegerischen Avantgarde-Begriffs. Die Antworten der drei Generationen gaben Auskunft über die eigenen Erfahrungen mit dem Impuls der 1970er, doch blieben weitergehende Gedanken auch mangels Konkretion der Fragen durchweg hinter dem schon Bekannten zurück.

„The Amazing Decade“

Die Vorstellung von Avantgarde betreffend sei an den durchschlagenden Titel des Buches von Moira Roth The Amazing Decade erinnert, das 1983 bei Astro Artz in Los Angeles erschienen ist. Im englische Adjektiv amazing, das ‚überraschend‘ bedeutet, klingt zugleich auch Amazone an, was in der englischsprachigen Literatur auch für eine starke Frau (Amazon) benutzt wird und heute von einem Online-Händler vereinnahmt worden ist. In diesem Buch über Performances von Künstlerinnen in den 1970ern, wird der Impuls von Frauen als entscheidender Beitrag dieses Jahrzehnts herausgestellt. Diese früh erfolgte theoretische und historische Klärung des Beitrags von Frauen für die Kunst ist beispiellos und hat neben den Beiträgen von Lucy Lippard dazu beigetragen, die amerikanische Kunst nach der Abstraktion und Pop Art aus weiblicher Sicht in Position zu bringen.

Die Diskussion in Hamburg machte nun 30 Jahre später den Versuch, die Positionen von Künstlerinnen ohne einen Blick auf die sich parallel entwickelnde Performance-Art zu bestimmen. Obwohl die Ausstellung voller Fotos hängt und durch zahlreiche Videos ergänzt wird, blieb auch die zunehmende Bedeutung von Medien wie Fotografie und Video für die Selbsterforschung, -beobachtung und –darstellung unberücksichtigt. Daher war man nicht in der Lage, die Äußerungen von Annegret Soltau aufzugreifen, die seit ihrer Studienzeit reproduzierende Medien benutzt. Sie begann mit Druckgrafiken und dokumentierte ihre Aktionen später mit und vor der Kamera, womit eine künstlerische Brücke zu Videoarbeiten der 1974 geborenen Kerstin Cmelka bestand. Der sich hier bietende Einstieg blieb leider offen.

Die Chancen des Undefinierten

Ohne den Weg über die Bedeutung der bildgebenden fotografischen und elektronischen Medien lässt sich nicht verstehen, dass die fehlende Anerkennung dieser Techniken in den 1970ern die Künstlerinnen von vorne herein aus der damaligen Kunstwelt ausschloss. Das Positive daran war, dass die Geschichte der Neuen Medien damals noch nicht geschrieben war, weshalb ihr für die Emanzipationsbestrebungen große Bedeutung zukam; denn sie waren vom – damals durchweg männlichen – Kunstestablishment noch unbeleckt. Auf den noch nicht durch Definitionen umrissenen Freiraum hatte damals zuerst Ulrike Rosenbach hingewiesen, die diese Erkenntnisse bei ihrem Aufenthalt in den USA gewonnen hatte, wo die feministische Szene mit politischen AktivistInnen vernetzt war. Bündnisse zwischen fortschrittlicher Kunst und Politik waren in Deutschland dagegen wegen der Vorbehalte der Linken gegen Kunst und neue Technologien schwierig oder gar nicht möglich, wodurch die Durchschlagskraft der alternativen Bestrebungen in der Kunst stark eingeschränkt war. Selbst für die von Männern bestimmte Szene um Joseph Beuys gab es bei den Grünen wenig Resonanz, und Künstlerinnen, die wie Rosenbach Professorin in Saarbrücken wurden, konnten alleine in einer überwiegend kommerziell bestimmten Kunstlandschaft wenig erreichen. Die Resonanz musste über den Markt errungen werden, was sich auch daran zeigt, dass in Hamburg 45 Jahre später mit dem Titel „Feministische Avantgarde der 1970er Jahre“ aus einer Sammlung präsentiert wird.

Eigene Institutionen setzen Positionen durch

In den USA wurden dagegen in den 1980ern von Frauen starke Zentren gegründet und geleitet, von denen nur The Womens Building von der Künstlerinnengruppe The Waitresses in Los Angeles explizit feministisch ausgerichtet war, alle anderen jedoch zur Durchsetzung von alternativen Künsten gegründet worden waren: Dazu zählen die Zeitschrift High Performance (Claire V.C. Peeps, Linda Burnham) in Los Angeles; Franklin Furnace (Martha Wilson) und New Museum (Marcia Tucker) in New York City. Diese dienten der Durchsetzung von Performance- und Medienkunst und dienten damit auch dem Anliegen feministischen Kunstschaffens. Dagegen mussten die Protagonistinnen in Deutschland auf den Erfolg des „Marschs durch die Institutionen“ bis nach der Wende warten, als erste Professorinnen einflussreiche Positionen erringen konnten und die Performance-Forschung auch in Deutschland eine akademische Disziplin wurde. Eine Ausnahme stellt die 1981 von Elisabeth Jappe und Alf von Kries gegründete Moltkerei in Köln dar.

Parallel zu den wissenschaftspolitischen Entwicklungen ist es nicht ohne Spuren geblieben, dass Künstlerinnen auf der Suche nach Identität – und diese Frage wurde auch in dieser Diskussion gestellt – das Persönliche und Private thematisiert haben. Auch wenn diese Position weiterhin als un-künstlerisch kritisiert wird, so zeigt sich, dass das Private in der Kunst das Bewusstsein für den Wechsel zwischen den verschiedenen Rollen und Funktionen geschärft hat, die die meisten von uns im privaten, öffentlichen und beruflichen Leben nicht selten innerhalb eines Tages einnehmen. Diese erfordern mehr oder weniger wechselnde äußerliche und innerliche Dispositionen, denen durch Verhaltensweisen, Bekleidung, Haltung und Umgangsformen entsprochen wird. Insofern entstand durch diesbezügliche Recherche und Dokumentationen ein Bewusstsein für den nicht nur in einem Lebenszyklus sondern permanent sich verändernden Körper. Und diese seine performance und Darstellung ist ja wohl seit jeher ein Thema der Kunst. Kein Wunder also, dass Performa in New York City (organisiert von RoseLee Goldberg, on twitter: @performaNYC) sich dieses Jahr dem Thema Renaissance widmet.

Johannes Lothar Schröder

Ausstellung » Feministische Avantgarde der 1970er Jahre. Werke aus der SAMMLUNG VERBUND, Wien« Kunsthalle Hamburg noch bis 31. Mai 2015