Kirmes Kunst. Automatisierte Performances von Geoffrey Farmer

Farbige Scheinwerfer und flackernde Lichtquellen erleuchten spärlich Objekte. Schnarren, Pfeifen, Sirenen, Quietschen, Hupen, Gesprächsfetzten in einer Schalltrichterqualität erreichen die Ohren aus verschiedenen Richtungen. Ab und zu senkt sich ein Pfosten, kreist ein Stab, wackelt eine Maske, öffnet sich der Kopf eines Portalwächter-Löwen. Lichtfelder tauchen Teile der Installation mit einem Saurierhals, Riesenkürbissen oder Extremitäten von Gliederpuppen abwechselnd in Gelb, Blau, Rot oder Grün. Das An und Aus punktueller Farbflecken erzeugt zusätzliche Bewegungsmomente, die auch statische Objekte erfassen, die einzeln oder in Gruppen aufgestellt ein weiträumiges Podest mit zahlreichen Ausbuchtungen bevölkern. Längs der Kanten mischen sich Silhouetten von Besuchern, die verharren oder flanieren. Lichter, Klänge und Bewegungen locken sie von einer Stelle zur anderen. Allmählich kommen in den verdunkelten Räumen Erinnerungen auf, die verschiedene Erfahrungen streifen: Ausflüge zwischen Schießbuden am Strand, Kirmesbesuche mit Fahrten in der Geisterbahn, Reisen zu Erlebnisparks, Aufenthalte in Gruselkabinetten, zwischen Karnevalswagen oder im Völkerkundemuseum könnten dabei sein.

Jeffrey Farmer, "Let's Make the Water Turn Black", courtesy Kunstverein Hamburg, Foto: johnicon

Jeffrey Farmer, „Let’s Make the Water Turn Black“, courtesy Kunstverein Hamburg, Foto: johnicon

Diese Kirmes Kunst ist seit dem 1. März im Kunstverein in Hamburg zu sehen, in dem die Ära der neuen Leiterin Bettina Steinbrügge beginnt. Auch wenn diese Ausstellung mit dem Migros Museum für Gegenwartskunst, dem Nottingham Contemporary und dem Perez Art Museum Miami gemeinsam realisiert wurde, knüpft „Let’s Make the Water Turn Black“ von Geoffreys Farmer in Hamburg an die Reihe der dunklen mechanisierten Installationen von Mike Kelley oder Paul McCarthy an, die seit den neodadaistischen „Penny Arcades“ von Allan Kaprow, den Ensembles von Ed Kienholz die Ästhetik von Luna-Parks und populären Vergnügungen in die Kunst einfließen lassen. Aran Moshayedi erzählt aus der Perspektive eines Angelenos mehr darüber im Ausstellungskatalog (S. 80ff). In Hamburg geht diese Arbeit auch auf die Verbindungen zwischen Kunst, Theater und Populärkultur zurück, die seinerzeit Ivan Nagel mit dem Performanceprogramm während des Theaters der Nationen 1978 und Uwe M. Schneede mit Ausstellungen von Bühnenbildern und Installationen vorbereitet haben.

Jeffrey Farmer, "Let's Make the Water Turn Black", Abb. Katalog, S. 103

Jeffrey Farmer, „Let’s Make the Water Turn Black“, Abb. Katalog, S. 103

Diese installativen Animationen sind eigentlich Performances, die das spielende Personal durch Mechanik ersetzten. Daher sind sie aus der Wiederholbarkeit von Ereignissen schon vor der Zeit ihrer kinematographischen Multiplizierbarkeit hervorgegangen. Noch ehe die Automatisierung Produktionsprozesse durch Verzicht auf Arbeiter profitabler machte, wurde Maschinen auf Jahrmärkten und Kirmessen (Kirchweihfesten) erprobt und in Spielbuden zur Schau gestellt. Heute ist der Zustand der Nichtsnutzigkeit wohl am ehesten in Kunstausstellungen herstellbar, wo sie ein synästhetisches Erleben ermöglichen, das an Geisterbahnfahrten zu einer Zeit erinnert, als man sich noch eher durch animierte Materie erschrecken ließ als durch Menschen. Mike Kelley ist diesen Mechanismen in seinem durch Sigmund Freuds Schriften inspirierten Essay „Playing with Dead Things“ über das Unheimliche und mit seiner Materialsammlung, ausgestellt im Gemeentemuseum in Sonsebeek, nachgegangen (The Uncanny, Arnheim 1993)

Ausstellung in Hamburg: Klosterwall 23
bis 11. Mai 2014

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