{"id":917,"date":"2020-03-04T00:28:14","date_gmt":"2020-03-03T23:28:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=917"},"modified":"2020-03-04T00:28:14","modified_gmt":"2020-03-03T23:28:14","slug":"selbstlaufende-autoteile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=917","title":{"rendered":"Selbstlaufende Autoteile"},"content":{"rendered":"<h4>Wagner-Feigl-Forschung\/Festspiele performen <em>HYPEROBJEKTE?<\/em><br \/>\nin den Sophiens\u00e4len in Berlin im Februar<\/h4>\n<h4>und im WUK performing arts in Wien im M\u00e4rz<\/h4>\n<p>Monolithisch ragten zwei hochkant aufgestellte ausgeschlachtete Karosserieh\u00e4lften auf. Dazwischen standen Bauteile von Kraftfahrzeugen. T\u00fcren, Sitze, Motorhauben und Scheinwerfer in Transportk\u00e4figen bereit. Von den beiden Protagonisten verschoben und in Funktion gesetzt, begannen die Autoteile gemeinsam mit ausgebauten Scheinwerfern, Blinkern, Bremsleuchten und Scheibenwischern ein Eigenleben zu f\u00fchren. Mit Akkupacks versehen, waren sie von keiner zentralen Stromversorgung mehr abh\u00e4ngig, so dass sie frei beweglich ihren Tanz in der von Scheinwerfer und Blinker beleuchtet Installation begannen, in der verst\u00e4rkte Grundger\u00e4usche wie Fahrtwind, klackende Blinker und tickende Relais Takt und Ton vorgaben.<\/p>\n<div id=\"attachment_919\" style=\"width: 1219px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_01_31_Moment401konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-919\" class=\"size-full wp-image-919\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_01_31_Moment401konv.jpg\" alt=\"\" width=\"1209\" height=\"671\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_01_31_Moment401konv.jpg 1209w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_01_31_Moment401konv-300x167.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_01_31_Moment401konv-768x426.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_01_31_Moment401konv-1024x568.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_01_31_Moment401konv-500x278.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1209px) 100vw, 1209px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-919\" class=\"wp-caption-text\">Wagner-Feigl-Forschung\/Festspiele, HYPEROBJEKT?, Sophiensaele, Berlin 27. Feb. 2020, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2020<\/p><\/div>\n<p>Eine der in das St\u00fcck integrierten Lectureperformances brachte die Konstruktion des ersten Atomreaktors in Chicago durch den Atomphysiker Enrico Fermi zur Sprache. Die Zuschauer*innen erfuhren, dass dem Forscher seine Qualit\u00e4ten als Leichtathlet n\u00fctzten, weil er die zu untersuchenden Proben zur Messung von Halbwertszeiten des Nuklearmaterials blitzschnell von einem Labor in ein anderes bringen konnte. Da diese Experimente im bitterkalten Winter in ungeheizten Laboren stattfanden, trug das Forscherteam Waschb\u00e4renm\u00e4ntel der Baseballmannschaft der Universit\u00e4t. So verstand man auch die Anspielung von Florian Feigl und Otmar Wagner besser, die anf\u00e4nglich in Pelzm\u00e4nteln auftauchten. Darin stellten sie sich auch in die Tradition der ersten Automobilisten, die im Freien auf einer Kutscherbank thronten, ohne Karosserie und vorgespannte Pferde sa\u00dfen sie mit dem Motor auf vier R\u00e4dern und mussten sich vor Wind und Wetter sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Beide Performer hatten sich aber nicht nur in die Kluft von Automobilisten geworfen, sondern erschienen im zweiten Teil der Aktion, nach dem Ablegen der M\u00e4ntel, in wei\u00dfen Kitteln im Stil von K\u00fcnstlern, Ingenieuren und Konstrukteuren der 1920er Jahre. So ausgestattet und sich in Karosserieteile hineinzw\u00e4ngend, scheinen sie die Fahrgastzelle als Labor zu nutzen. Ein anachronistischer Kontrast, denn mit ausgedienten Autokarosserien geben sich heute weder Forscher noch Pioniere ab. Au\u00dferdem waren wesentliche Teile des Autos wie Motor, Getriebe, Kardanwelle, Lenk-\u00a0 und Antriebsachsen ausgebaut. Zerlegt, mit leerem Tank und ohne \u00d6lwanne wird das Auto verf\u00fcgbar, weshalb sich diese Darsteller von K\u00fcnstleringenieuren tats\u00e4chlich eher als Forscher an einem Begriff erweisen, denn als Entwickler von Maschinen. Ihre Aktivit\u00e4t ist der Dekonstruktion der Auffassung vom Automobil als Fetisch gewidmet. Mittels der Installation definieren Wagner und Feigl die Bestandteile der Technologie der individuellen Fortbewegung in mehreren Schritten neu, was auch den Untertitel \u201eBlech und Gewebe\u201c erkl\u00e4ren k\u00f6nnte.<\/p>\n<div id=\"attachment_920\" style=\"width: 1219px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_20_04_Moment03konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-920\" class=\"size-full wp-image-920\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_20_04_Moment03konv.jpg\" alt=\"\" width=\"1209\" height=\"680\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_20_04_Moment03konv.jpg 1209w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_20_04_Moment03konv-300x169.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_20_04_Moment03konv-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_20_04_Moment03konv-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_20_04_Moment03konv-500x281.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1209px) 100vw, 1209px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-920\" class=\"wp-caption-text\">Wagner-Feigl-Forschung\/Festspiele, HYPEROBJEKT?, Sophiensaele, Berlin 27. Feb. 2020, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2020<\/p><\/div>\n<p>Technokratische \u00dcberlegungen lassen die irrationalen \u00c4ngste vieler Autobesitzer meist au\u00dfen vor. \u00a0Diese tr\u00e4fe der Verlust eines Statussymbols viel st\u00e4rker, als die M\u00f6glichkeit nicht mehr von der Stelle zu kommen. Diese Schw\u00e4che zeigt sich nicht nur in der panikartigen Zur\u00fcckweisung neuer Verkehrskonzepte, sondern im massenhaften Kauf klobiger Sport-Nutzfahrzeug-Hybriden, den sogenannten SUV, die \u00fcbermotorisiert sind, andere Verkehrsteilnehmer einsch\u00fcchtern und allen Argumenten zum Trotz die Bereitschaft zur Eskalation statt zur Kooperation ausdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Es sieht also ganz so aus, als w\u00fcrden sich die ank\u00fcndigenden Ver\u00e4nderungen genauso schmerzhaft auswirken, wie der Abschied von der Kutsche, an deren Gr\u00f6\u00dfe, Pracht und vorgespannter Anzahl der Pferde sich der Status des Besitzers ablesen lie\u00df. Ein kleines knatterndes Automobil ohne Zugtier machte nicht viel her und l\u00e4sst sich daher heute noch leicht bel\u00e4cheln. Vielleicht werden unsere Enkel sich \u00fcber die gerade vermarkteten und fortschrittlich geltenden Elektroautos mit m\u00e4chtigen Karosserien lustig machen, denn sie ahmen wie die kutschenartigen Autos von anno dazumal die alte Vehikelform nach. Als Imitation der gewohnten alten lassen sich neuartige Fahrzeuge noch nicht als eigenst\u00e4ndige Ikonen lesen und m\u00fcssen sich vorerst ihr Prestige von den Verbrennern ausleihen. Dabei sehen einige Autotypen sogar wie Rennwagen aus, in denen Pl\u00e4tze f\u00fcr Passagiere geschaffen werden m\u00fcssen, in denen sie dennoch langsamer unterwegs sind wie die Fahrg\u00e4ste von Hochgeschwindigkeitsz\u00fcgen.<\/p>\n<div id=\"attachment_921\" style=\"width: 1219px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_07_44_Moment-202konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-921\" class=\"size-full wp-image-921\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_07_44_Moment-202konv.jpg\" alt=\"\" width=\"1209\" height=\"676\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_07_44_Moment-202konv.jpg 1209w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_07_44_Moment-202konv-300x168.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_07_44_Moment-202konv-768x429.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_07_44_Moment-202konv-1024x573.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/WP_20200227_21_07_44_Moment-202konv-500x280.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1209px) 100vw, 1209px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-921\" class=\"wp-caption-text\">Wagner-Feigl-Forschung\/Festspiele, HYPEROBJEKT?, Sophiensaele, Berlin 27. Feb. 2020, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2020<\/p><\/div>\n<p>Ohne sichtbare High-Tech-Features platzieren Wagner-Feigl-Forschung\/Festspiele sich in einem Niemandsland der Mobilit\u00e4t und dennoch wurde die Kantine der Sophiens\u00e4le ein tempor\u00e4res Entwicklungslabor des Wandels. Wagner und Feigl zerst\u00f6rten das Auto nicht lustvoll wie der Perkussionist Stefan Gwildis mit Vorschlaghammer und Flex, sondern sie machen es durch Zerlegen dysfunktional und erm\u00f6glichen den Bauteilen ein komplexes Eigenleben. Auch das hat viel mit Musik zu tun und ist von <em>Industrial<\/em> und <em>Fluxus<\/em> inspiriert: Scheibenwischerarme schlagen gegen Motorhauben, r\u00fchren in Tankstutzen herum, heben sogar einen kompletten Tank an und tanzen wie Insekten mit nur noch einem Bein. Die Wisch-Wasch-Anlage beeindruckt als pl\u00e4tschernder Springbrunnen und das kinetische Objekt aus Frontscheibenwischern auf einem Mikrofonst\u00e4nder verbl\u00fcfft als sich automatisch schief stellendes Notenpult und mechanischer Dirigent zugleich. Inmitten sich kreuzender Scheinwerfer bleibt die metallenen Szene in ein unruhiges Licht getaucht, \u00fcber die alle 20 Minuten der h\u00f6llische L\u00e4rm eines startenden Passagierjets losbricht.<\/p>\n<p>Und wohin geht die Reise?<\/p>\n<p>\u00a9Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n<p>Wagner-Feigl-Forschung\/Festspiele: <em>HYPEROBJEKTE?<\/em><br \/>\n<em>Wagner und Feigl arbeiten daran\u2026 Blech und Gewebe I-IV<\/em><br \/>\nin der Kantine der Sophiens\u00e4le am 26., 27., 28. und 29. Februar 2020<\/p>\n<p><strong><em>Blech und Gewebe V \u2013 VII<br \/>\n<\/em><\/strong><strong><em>\u00e0 im M\u00e4rz: <\/em><\/strong>im WUK performing arts<br \/>\nEinzug in den Projektraum: Sa., 21.3. 21 Uhr, Vorstellungen Do., 26.3., 19:30 Uhr sowie Fr., 27. bis Sa. 28.3.2020 21 Uhr, Projektraum<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wagner-Feigl-Forschung\/Festspiele performen HYPEROBJEKTE? in den Sophiens\u00e4len in Berlin im Februar und im WUK performing arts in Wien im M\u00e4rz Monolithisch ragten zwei hochkant aufgestellte ausgeschlachtete Karosserieh\u00e4lften auf. Dazwischen standen Bauteile von Kraftfahrzeugen. 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