{"id":876,"date":"2019-08-01T19:35:30","date_gmt":"2019-08-01T17:35:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=876"},"modified":"2026-06-10T13:27:33","modified_gmt":"2026-06-10T11:27:33","slug":"ich-bin-euer-kuenstler-das-verpflichtet-mich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=876","title":{"rendered":"\u201eIch bin euer K\u00fcnstler; das verpflichtet mich.\u201c"},"content":{"rendered":"<h1>Dieter R\u00fchmann wird 80<\/h1>\n<p>Als Dieter R\u00fchmann 1973 das begehrte Alfred-Lichtwark-Stipendium zugesprochen wurde, d\u00fcpierte der mit Malerei, Zeichnen, Film, Sprache und Objekten experimentierende K\u00fcnstler die Jury mit dem Vortrag seiner Agitationsoper, die er zum Dank vortrug, und der Zerst\u00f6rung seiner Bilder. Beim Ausstellungsrundgang schnitt er sie aus den Rahmen, wodurch die dahinter eingebauten Malereien eines K\u00fcnstlerfreundes freigelegt wurden. Was es hie\u00df, zum <em>Roten Tuch<\/em> f\u00fcr Kunstsachverst\u00e4ndige zu werden, stand f\u00fcr ihn damals nicht im Vordergrund, denn es ging, um mehr, als sich Ausstellungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Bilder zu sichern. Die Bilder und Fragen der Kunstproduktion selbst standen zur Debatte, und das Lob des Establishments h\u00e4tte ihn nur von den wesentlichen Fragen abgelenkt.<\/p>\n<p>Den Zwischenrufern in der Hamburger Kunsthalle, die R\u00fchmann gerne in die damals kommunistische DDR verfrachtet h\u00e4tten, war \u00fcberhaupt nicht klar, dass sie ihn damit zum Dissidenten im westdeutschen Kunstbetrieb gemacht h\u00e4tten, denn man nahm damals ja an, dass es \u201eDissidenten\u201c nur in den L\u00e4ndern des Warschauer Pakts geben w\u00fcrde. Warum sollte ein westdeutscher K\u00fcnstler in der DDR Asyl suchen, wenn f\u00fcr ihn die kommunistische Alternative, wie f\u00fcr viele Protestierende im Westen, in der Volksrepublik China lag.<\/p>\n<h2>Weltraum im Kunstraum<\/h2>\n<p>Elf Jahre sp\u00e4ter gab es eine vorsichtige Ann\u00e4herung an die f\u00fchrende Hamburger Kunstinstitution. R\u00fchmann verbrachte als \u201eArtonaut\u201c 10 Tage in einer 2x2x2 Meter gro\u00dfen geschlossenen Holzkiste \u00fcber dem Altbau der Kunsthalle. Er betrachtete seine Klausur im <em>djun-leb<\/em> vom 9. \u2013 19. Mai 1984 als Weltraumfahrt, die er als K\u00fcnstler mit einfachen Bordmitteln bewerkstelligte; denn f\u00fcr ihn ging es im Weltraum nicht um Macht und milit\u00e4rische Kontrolle, sondern um die M\u00f6glichkeit als Mensch in der Isolation zu sich selbst zu kommen und die Grenzen des Menschen auszukundschaften.<\/p>\n<div id=\"attachment_877\" style=\"width: 1219px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-877\" class=\"size-full wp-image-877\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801.jpg\" alt=\"\" width=\"1209\" height=\"526\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801.jpg 1209w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801-300x131.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801-768x334.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801-1024x446.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801-500x218.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1209px) 100vw, 1209px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-877\" class=\"wp-caption-text\">djun-leb,1984, Installationsfoto, (c) Dieter R\u00fchmann<\/p><\/div>\n<p>Die auf Monitore innerhalb und au\u00dferhalb des Museums \u00fcbertragene Aktion wurde zu einem Gegenentwurf zur konsumorientierten Lebensweise und zur technologischen und energieverschwenderischen Raumfahrt mit Raketen. R\u00fchmanns Utopie war indes darauf aus, den Stoffwechsel und die Bed\u00fcrfnisse des Menschen zu reduzierten, um alles \u00dcberfl\u00fcssige wegzulassen zu k\u00f6nnen. Seitdem ist dieser radikale \u00f6kologische Ansatz von bleibender Aktualit\u00e4t, denn die Raumfahrttechnologie hat uns zwar in die Lage versetzt, die Sch\u00e4den, die die Industrialisierung angerichtet hat, in Echtzeit zu beobachten, doch ist es bisher nicht gelungen, ihre Ursachen zu begrenzen. Im Gegenteil tragen Luft- und Raumfahrt besonders durch die mit ihr verbundene Milit\u00e4r- und Waffentechnologie zur Ausweitung der Sch\u00e4den bei. Auch dieses Gebiet hatte R\u00fchmann im Blick. Als er 2001 die <em>B\u00fcchse der Pandora<\/em>, eine 400 Meter hohe Plastik, entwarf, die wie ein Schilfrohr mit einer Konservendose an der Spitze im Wind schwingen sollte, dachte er auch an eine Beobachtungsstation der Welt auf der Erde, die ohne Raketen auskommen w\u00fcrde. <a href=\"http:\/\/buechsederpandora.de\/espresso\/index.php\">http:\/\/buechsederpandora.de\/espresso\/index.php<\/a> Im Verh\u00e4ltnis zur H\u00f6he der Installation w\u00e4re die Konservendose k\u00fchlturmgro\u00df und w\u00fcrde gleichzeitig als Observatorium und Mahnmal der Verschwendung von Ressourcen fungieren.<\/p>\n<h2>Die Herstellung des Menschen als Bild<\/h2>\n<p>Das Museum war dem Kunstexperimentator schon 1993 zu eng geworden. Seinen 50 Meter hohen <em>ECCE HOMO<\/em> stellte er drei Tage lang vor dem Turm der Hamburger Nicolaikirche an der Ost-West-Stra\u00dfe (heute: Willy-Brandt-Stra\u00dfe) aus. Die von einem realen Menschen abgenommene Fotokopie wurde vergr\u00f6\u00dfert und auf 5000 Fotokopien aus Spezialpapier \u00fcbertragen, um zu einem im Wind rauschenden Feld aus Bl\u00e4ttern in der Vertikalen zusammengestellt und ausgestellt zu werden.<\/p>\n<p>Damals j\u00e4hrten sich die alliierten Bombenangriffe auf die Hansestadt zum 50. Mal. Nicht alle dachte bei diesem Thema an Superlative, doch R\u00fchmanns <em>ECCE HOMO <\/em>war definitiv das gr\u00f6\u00dfte je in Hamburg gezeigte Bild eines Menschen. In einem Statement, in dem er wie oft in seinen Werken auch seine Gef\u00fchle bei der Arbeit und sein Verh\u00e4ltnis zur Rolle als K\u00fcnstler offen legte, gab er seine Befriedigung \u00fcber die gelungene Installation bekannt und verk\u00fcndet zudem, dass dieses Bild ihn nahe an seine ideale Vorstellung von seiner Arbeit als K\u00fcnstler gebracht habe:<\/p>\n<p>\u201eIch anerkannte den Fotokopierer als Vervielf\u00e4ltigungsger\u00e4t. Es sollte mir eine Kopie des Menschen herstellen, einen Abdruck, in meinen Augen ein reines, unverf\u00e4lschtes Bild des Menschen. Dieses Ger\u00e4t sollte statt meiner machen. Ich wollte dabei sein und zuschauen, wie es den Menschen abbildet.<br \/>\n(\u2026)<br \/>\nIch erlebte wie ein Mensch, das Individuum, das sich mir als Modell zur Vergn\u00fcgung stellte, in seiner Abbildung so viel von seiner Individualit\u00e4t verlor, dass er zum Zeichen wurde. Zum Zeichen des Menschen.<br \/>\n(\u2026)<br \/>\n\u00bbMein\u00ab Bild des Menschen setzte sich inzwischen aus vielen Generationen zusammen, bis es eine Gr\u00f6\u00dfe erreichte, die ich in meinem Atelier nicht mehr ansehen konnte. Von da an bis zur Gr\u00f6\u00dfe des Kirchturms hatte ich nur noch nummerierte Fragmente vor Augen. Ich verstand das Bild nicht mehr, seinen lebendigen Zusammenhang nicht. Stattdessen nummerierte ich Bl\u00e4tter mit abstrakten Formen, die der Kopierer ausspuckte.\u201c<\/p>\n<p>(Statement des K\u00fcnstlers 1993)<\/p>\n<div id=\"attachment_878\" style=\"width: 1219px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-878\" class=\"size-full wp-image-878\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801-2.jpg\" alt=\"\" width=\"1209\" height=\"858\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801-2.jpg 1209w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801-2-300x213.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801-2-768x545.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801-2-1024x727.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Scan_20190801-2-423x300.jpg 423w\" sizes=\"auto, (max-width: 1209px) 100vw, 1209px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-878\" class=\"wp-caption-text\">Dieter R\u00fchmann, ECCE HOMO, 1993, (c) Dieter R\u00fchmann<\/p><\/div>\n<p>Diese \u00c4u\u00dferungen R\u00fchmanns belegen, dass sein K\u00fcnstlerethos von der Maschine inspiriert worden war. Damit erg\u00e4nzte er die Ansicht Andy Warhols, der von sich sagte, er sei eine Maschine durch die Auffassung, sich in ihren Dienst zu stellen, womit er sich wie ein mittelalterlicher K\u00fcnstler einer h\u00f6heren Macht unterwarf. Das hatte zur Konsequenz, dass er das Ergebnis seines Schaffens nicht mehr visuell kontrollieren, sondern nur noch indirekt steuern konnte. Die \u00dcbersicht behielt er bis zur Aufh\u00e4ngung des Bildes durch Nummerieren und Organisieren sowie die Konstruktion eines Mechanismus, mit dem das Bild vor dem Turm mit zwei Teleskopkr\u00e4nen hochgezogen werden konnte.<\/p>\n<p>Im Moment des Sichtbarwerdens des gesamten Bildes ereignete sich dann etwas, f\u00fcr das die Moderne den Blick verloren hatte. Es entfaltete sich ein Werk, das sich jenseits der Kontrolle des K\u00fcnstlers ereignete, und ihm letztlich als Fremdes entgegentrat. Er fasste den Eindruck in Worte:<\/p>\n<p>\u201eDas Bild des Menschen war noch gr\u00f6\u00dfer geworden als meine Vision. Mir war, als habe man mir eine Binde von den Augen genommen, und ich sah, dass ich bisher nur an einem einzigen Bild gearbeitet hatte, am Bild des Menschen. Dort hing er also. Seht, welch ein Mensch.\u201c, schrieb R\u00fchmann 1993, nachdem er erlebt hatte, wie sich das Bild Abschnitt f\u00fcr Abschnitt vor dem Kirchturm entfaltet hatte. Als Wind durch die frei h\u00e4ngenden Einzelbl\u00e4tter fuhr, wurde ein Rauschen wie von einem vorbeifliegenden Vogelschwarm erzeugt.<\/p>\n<p>(c) Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Buch des Autors \u201eabh\u00e4ngen. Bilder und Gef\u00fchle verwerfen\u201c \u00fcber Dieter R\u00fchmann, Annegret Soltau und Boris Nieslony war 2019 in Vorbereitung. Es ist 2022 im ConferencePoint Verlag erschienen. ISBN 978-3-936406-61-0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieter R\u00fchmann wird 80 Als Dieter R\u00fchmann 1973 das begehrte Alfred-Lichtwark-Stipendium zugesprochen wurde, d\u00fcpierte der mit Malerei, Zeichnen, Film, Sprache und Objekten experimentierende K\u00fcnstler die Jury mit dem Vortrag seiner Agitationsoper, die er zum Dank vortrug, und der Zerst\u00f6rung seiner &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=876\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,2],"tags":[97,216,106,34,19,217,79,54],"class_list":["post-876","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kuenstlerverzeichnis","category-neuigkeiten","tag-aktionskunst","tag-dieter-ruehmann","tag-hamburg","tag-medien","tag-medienkunst","tag-photocopy-art","tag-photography","tag-risiko"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/876","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=876"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/876\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1267,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/876\/revisions\/1267"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=876"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=876"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=876"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}