{"id":843,"date":"2019-03-31T23:30:22","date_gmt":"2019-03-31T21:30:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=843"},"modified":"2019-04-01T00:02:07","modified_gmt":"2019-03-31T22:02:07","slug":"no-noise-is-good-noise-george-brecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=843","title":{"rendered":"&#8222;No noise is good noise\u201c George Brecht"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_848\" style=\"width: 1207px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/WP_20190303_15_05_20_Pro.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-848\" class=\"size-full wp-image-848\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/WP_20190303_15_05_20_Pro.jpg\" alt=\"\" width=\"1197\" height=\"634\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/WP_20190303_15_05_20_Pro.jpg 1197w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/WP_20190303_15_05_20_Pro-300x159.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/WP_20190303_15_05_20_Pro-768x407.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/WP_20190303_15_05_20_Pro-1024x542.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/WP_20190303_15_05_20_Pro-500x265.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1197px) 100vw, 1197px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-848\" class=\"wp-caption-text\">Rutherford Chang, \u201eWe Buy White Albums\u201c, 2013 bis 2019, Installationsdetail in den Deichtorhallen, Hamburg. Foto: johnicon<\/p><\/div>\n<h1>An 14 Doormen vorbei<\/h1>\n<p>Im Entr\u00e9e der Ausstellung muss man sich durch ein Spalier aus menschenhohen s\/w-Foto-Portr\u00e4ts vom Sven Marquadt arbeiten. Dabei kann man tats\u00e4chlich den 14 T\u00fcrsteher des Berghain ins Gesicht schauen. Die Serie hei\u00dft \u201eRudel1\u201c. Doch ist es auch hyper, nicht zu den Besuchern des Clubs geh\u00f6rt zu haben, wie Philip Topolovac mit \u201eI\u2019ve Never Been to Berghain\u201c bekennt. Diesen 2004 verschwundenen Ort hat er stattdessen als Korkmodell ma\u00dfst\u00e4blich nachgebaut. Neben der martialischen Kulisse m\u00fcssen sich die zwei kleinformatigen Papierarbeiten mit Piktogrammen und Wortspielen f\u00fcr Musikliebhaber von Juro Grau durch hintergr\u00fcndigen Witz behaupten. Und schon ist man eingestimmt auf Kleines und Gro\u00dfes, Gro\u00dfes von Kleinen, Kleines von Gro\u00dfen, Gro\u00dfes von Gro\u00dfen usw., und was sonst Besucher*innen beim Gang durch den Parcours erwartet.<\/p>\n<h2>Lange Bilder werden Partituren<\/h2>\n<p>Defiliert man am zweitl\u00e4ngsten Bild der Ausstellung, einem aktionistischen Gem\u00e4lde des Musiker-K\u00fcnstlers Daniel Blumberg vorbei, in der Hunderte von stereotypen Gesichtern auf f\u00fcnf Feldern zwischen tachistischen Tuscheaufschl\u00e4gen aus dickem Pinsel oder Tuch mit zerquetschten Pigmenten eingeschrieben sind, so sieht man ein ganz anderes Verh\u00e4ltnis zur Musik und zum Bild, als uns das das grandiose Publikumsgewimmel auf den Fotografien von Andreas Gursky vermittelt, auf denen Tausende Konzertbesucher*innen aus digitalen Fotoversatzst\u00fccken versammelt sind. Blumberg sa\u00df nicht vor dem Bildschirm und bearbeitete die visuelle Ausbeute eines Konzerts, sondern beginnt hyperdisziplin\u00e4r selbst mit einer Aktion auf dem Malgrund und nimmt sie als Notation, die er in ein Konzert umwandeln will, das am 25. Mai in der Elbphilharmonie aufgef\u00fchrt wird. Als GmbH und durch Sponsoring breitet sie sich krakenartig auch \u00fcber den Kunstbetrieb und alternative Spielorte aus. Wer wie F.S.K. nicht dabei ist, muss das Vernissage-Publikum zerstreuen und zum hundertsten Mal ein olles Klavier kaputt hauen.<\/p>\n<p>Dem Motto von George Brecht zugeneigt, k\u00f6nnte es entspannter sein, die Ausstellung noch bis zum 8. August zu erleben, wenn es nicht so voll ist. So k\u00f6nnen Besucher*innen eventuell alle Fotos in den handels\u00fcblichen Album- oder Sammlungskartonformaten sehen, die Wolfgang Tillmans uns auf einer Wand locker verteilt anbietet. Gut, dass wir ihn haben, denn wer h\u00e4tte schon die ganzen Stars \u00fcber die Jahre f\u00fcr seine Alben selbst fotografieren k\u00f6nnen. Das Zusammenspiel von Bild und Namen, die man auf einem ausgeh\u00e4ngten Blatt \u00fcberpr\u00fcfen kann, muss man sich erarbeiten, wenn man nicht als unersch\u00f6pflicher Fan die meisten aus dem Effeff kennt.<\/p>\n<p>Um die Ecke kommend, h\u00e4tte ich einen tiefen wachen Blick aus dunklen Augen nicht erwartet. Sie geh\u00f6ren einer sitzenden Frau, die entspannt ermattet mit verschobenem Mundschutz nach Malerarbeiten mitten unter einer Sammlung von Plattenh\u00fcllen sitzt. \u201eLimitation of Life\u201c bietet plastischen Fotorealismus von Thea Djorojadze einer Collaborateurin von Rosemarie Trockel, mit der sie auch die ausgestellten Cover von teils fiktiven Platten gestaltet hat. Dort monatelang zu sitzen, hielte kein Corgi-Hund, der der Plastik ausgestopft zur Seite sitzt, aus. Wir Lebewesen haben unsere Grenzen.<\/p>\n<h2>Zahlen, Bezahlen, Geld verbrennen<\/h2>\n<p>Auf einmal hat man das Gef\u00fchl, mitten in einem ,Plattenladen\u2018 zu stehen. Aber hey! Alle Alben, die Rutherford Chang f\u00fcr sein Projekt \u201eWe Buy White Albums\u201c zwischen 2013 und 2019 aufgekauft hat, sind fast wei\u00df (gewesen). Jetzt sind die 1200 \u201eWhite Albums\u201c von den Beatles abgeratzt. Hier hat man mal einen anderen Begriff des Cover-Albums. Kaum irgendwo wird das originelle Original von Richard Hamilton wohl noch im frischen Wei\u00df vorhanden sein. Hier jedenfalls kann man sich an den mit unterschiedlichsten Gebrauchsspuren, Zeichnungen, Schmierereien, Fan-Post und Liebeserkl\u00e4rungen versehenen H\u00fcllen erfreuen, die keinesfalls leer sind. Wer will, kann auf drei Plattenspielern in jede Platte reinh\u00f6ren, ihr je eigenes Knacken vernehmen oder feststellen, ob sie h\u00e4ngen bleibt. Diese Platten sind durch ihren Gebrauch gesampelt!<\/p>\n<p>Grenzenlos sollte die Welt der Hippies gewesen sein, und tats\u00e4chlich verlangt \u00a0ein amerikanischer \u00dcberlandbus der 1960er aus der Ferne Aufmerksamkeit. Eins zu eins steht er da, wie in einem Busbahnhof und man muss ein paar Meter dahin laufen. Statt einzusteigen, erf\u00e4hrt man, dass dieses imposante Siebdruckmonstrum 1967 auf Betreiben von Mason Williams hergestellt wurde. Der lie\u00df es nach dem Drucken auf mehreren Bahnen verkleben, um dann die ganze Auflage von 200 St\u00fcck mit etlichen Helfern zum Versandt auf einem Parkplatz zusammenzufalten. Die Liebe zu Editionen war damals gro\u00df, und auch hier gibt es in jedem Abschnitt der Ausstellung bemerkenswerte Zahlen.<\/p>\n<p>Die ganze Zeit lockt unbestimmt eine aus der Ferne monoton auf- und abschwellende kreischende Stimme, hinter der ein Bass wummert. Dem nachgehend, komme ich am Video trocken drehenden Stoffwalzen einer Autowaschanlage vorbei, zwischen denen eine Frau im wei\u00dfen Kleid mit roten Blumen tanzt. Ein hinrei\u00dfendes Bild gibt Bettina Pousttchis \u201eDie Katharina-Show\u201c aus dem Jahr 2000 ab. Nach dem Ablegen der Kopfh\u00f6rer kam die Quelle des Nerv t\u00f6tenden Refrains \u201eI\u2018m a looser\u201c von Alton Ellis n\u00e4her. Er begleitete als Loop das 3D-Video \u201eNightlife\u201c, das Cyprien Gaillard 2015 an drei Schaupl\u00e4tzen filmte. Im W\u00fcsten- oder Windmaschinenwind von Los Angeles schaukeln monstr\u00f6s invasive Pflanzen, \u00fcber dem Olympiastadion in Berlin gleitet das <em>Fliegende Auge<\/em> mit einer Drohne mitten durch ein Feuerwerk und an der Universit\u00e4t in Cleveland steht die Eiche, mit der der Goldmedaillengewinner im Sprint von 1936, Jesse Owens, aus Berlin zur\u00fcckreiste. Erst am Ende wechselt der Loop ein einziges Mal zum sp\u00e4ter aufgelegten neuen, ebenfalls scharf gekr\u00e4hten Refrain: \u201eI\u2019m a leader!\u201c Das ist die Botschaft an die, die sonst keine Chance haben, sich aber viel Gl\u00fcck mit Kunst, Sport und Musik versprechen. Das ist ein Mythos, den diese Ausstellung gar nicht zu befeuern braucht, denn die Wirklichkeit ist h\u00e4rter. Wenn einer, der das Berghain nachbaut, selbst nicht dort aufkreuzen kann, weil er als K\u00fcnstler Karriere machen muss. Oder ist es doch h\u00e4rter, im Berghein gewesen zu sein? Kaum jemand wird die Unverfrorenheit aufbringen, Millioneneinnahmen aus dem Musikgesch\u00e4ft, einfach zu verfeuern, wie es Jimmy Cauty und Bill Drummond am 23. August 1994 mit ihrem Anteil am Verkauf von <em>The KLF<\/em> taten. Die Aufnahmen des Kaminfeuers ist in der Ausstellung auf dem 9er-Monitorblock zu sehen. Auf dem Bildschirm zuhause unter: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=M3DQOLnSMNA\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=M3DQOLnSMNA<\/a><\/p>\n<h2>Die St\u00e4rke des Aquarells<\/h2>\n<p>An den \u201eMusical Transcendences\u201c von Radenko Milak nach Fotos von Musikern, Dokumenten und Instrumenten vorbei kommend, nehme ich eine weitere Spur auf. Unter dutzenden monochromen Aquarellen erkenne ich den von Joseph Beuys in dicken Filz verpackten Fl\u00fcgel und das Bild der Blueslegende Billie Holiday. Die traditionelle k\u00fcnstlerische Technik l\u00e4sst alle Abbildungen von zumeist bekannten Fotos in hoher Dichte erscheinen, weshalb Brittney Spears und Madonna zu den Postergirls f\u00fcr die Ausstellung avancieren konnten. Tr\u00e4gt so die bildende Kunst weiterhin Musik erfolgreich in die urbane \u00d6ffentlichkeit und zeigt so weiterhin ihre Qualit\u00e4t oder inspiriert die Musik die Kunst, wie es bei Britta Thies der Fall ist, die wie viele K\u00fcnstler*innen einen Teil ihrer Inspiration darin finden. Sie hat die B\u00e4nke zum Lungern hergestellt und zum Aufladen von mobilen Devices mit vielen Steckern best\u00fcckt, damit eigene Kan\u00e4le individuell zur Ausstellung ge\u00f6ffnet werden k\u00f6nnen. Ein alarmierender Dreiklang im Rhythmus des Tongebers auf einer Intensivstation aus der Black Box in der hintersten Ecke klingt nun eindringlicher und gibt den Takt vor, mit dem Hunderte ikonischer Aufnahmen aus Sci-Fi, Schwarzer Musik, krimineller und kriegerischer Gewalt, Gro\u00dftechnologie, dem afroamerikanischen Widerstand in den USA, Sex und Drogen projiziert werden. Dieser so fesselnde wie be\u00e4ngstigende Bilderreigen mit Footage aus Medien zeigt an, wie stark visuelle Fokussierungen den Blick auf die Welt verengen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Leider oder gl\u00fccklicherweise haben diese Bilder l\u00e4ngere Halbwertszeiten als manche Musik- oder K\u00fcnstlergruppen. Der Jahrgang einer Flasche mit einem exklusiven Etikett und einem ebenso speziellen Wein in limitierter Edition erinnert an das Ende der Gruppe <em>T\u00f6dliche Doris<\/em> 1987 aus dem Umfeld der <em>Genialen Dilettanten<\/em>. Das Andenken an den Abschied dieser 1982 in Hamburg gegr\u00fcndeten Gruppe wird f\u00fcr mich der Abschied aus einer Ausstellung mit 300 Werken von 60 K\u00fcnstlern, die Max Dax kuratierte. Doch einen Moment noch! Die Z\u00e4hlung der K\u00fcnstler hat nicht nur einen Haken; denn Richard Hamilton und die vielen unbekannten Gestalter und Umgestalter auf seinem Cover wurden nicht mitgez\u00e4hlt. Auch die vielen Copyrightprobleme von Videos und einer Slideshow sollten nicht verschwiegen werden. Geht es hier genauso zu wie im Internet, wo die Missachtung der Kreativen allt\u00e4glich ist. Sollte man sie aber als eine neue Vorstellung von Kollektivit\u00e4t betrachten, so m\u00fcsste das thematisiert werden. Das geschieht mitten in einer Stadt der H\u00e4ndler und Vermarkter von Kultur. Wie soll dort ein Klima der Solidarit\u00e4t und Zusammengeh\u00f6rigkeit geschaffen werden, wenn man nicht einmal \u00fcber Regeln spricht.<\/p>\n<h1>Alle nehmen alles. Eine neue Solidarit\u00e4t?<\/h1>\n<p>Ein Blick auf Gegenwart und Zukunft zeigt, dass K\u00fcnstler aller Sparten nur sporadisch zusammenarbeiten. Noch vor den K\u00fcnstlern haben schon die Musiker durch das Internet Ums\u00e4tze verloren, die unmittelbar mit der Verbreitung ihrer kreativen Leistungen zu tun haben. Schon lange stellen sich Fragen der digitalen Einnahmen auch f\u00fcr K\u00fcnstler, die nicht unmittelbar von den Einkaufstouren der Milliard\u00e4re profitieren. Sie ben\u00f6tigen das Internet als Multiplikator und verlieren doch, wenn ihre Werke verbreitet werden, ohne dass sie selbst und\/oder die VG-Bild-Kunst Vorteile von zumeist unangefragter Verbreitung haben. Wenn so eine Ausstellung ein Symposium zu solchen Fragen nach sich z\u00f6ge, w\u00e4re sie noch bedeutungsvoller f\u00fcr alle, die sich dem wachsenden Kreis von Kreativen hinzuz\u00e4hlen. Vielleicht sind in der n\u00f6rdlichen Deichtorhalle ja tats\u00e4chlich mehr als 1000 Werke von weit \u00fcber 100 K\u00fcnstlern ausgestellt, und keiner m\u00f6chte es merken.<\/p>\n<p>Alle die ihre Lieblingswerke hier nicht finden, sollten sich noch bis zum 8. August selbst in der Ausstellung umsehen und -h\u00f6ren, um selbst etwas zu entdecken. W\u00e4hrend der Ausstellung gibt es noch eine Reihe von Veranstaltungen, darunter zahlreiche Konzerte vor Ort im Mai. F\u00fcr alle, die h\u00e4ufiger mal kurz vorbeischauen und diese Veranstaltungen besuchen m\u00f6chten, w\u00e4ren g\u00fcnstige Mehrfachkarten ein gro\u00dfer Vorteil!<\/p>\n<p>Sonderveranstaltungen und weitere Infos finden sich unter <a href=\"http:\/\/www.deichtorhallen.de\">www.deichtorhallen.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An 14 Doormen vorbei Im Entr\u00e9e der Ausstellung muss man sich durch ein Spalier aus menschenhohen s\/w-Foto-Portr\u00e4ts vom Sven Marquadt arbeiten. Dabei kann man tats\u00e4chlich den 14 T\u00fcrsteher des Berghain ins Gesicht schauen. Die Serie hei\u00dft \u201eRudel1\u201c. 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