{"id":825,"date":"2018-12-21T17:34:28","date_gmt":"2018-12-21T16:34:28","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=825"},"modified":"2018-12-23T16:55:26","modified_gmt":"2018-12-23T15:55:26","slug":"auf-augenhoehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=825","title":{"rendered":"Auf Augenh\u00f6he"},"content":{"rendered":"<p>Ein mit Bandstahl vergitterter h\u00f6lzerner K\u00e4fig stand am Morgen des 30. Oktober 2004 auf dem Platz vor dem ehemaligen Jesuitenkolleg in Paderborn. Er entsprach 1:1 einer Isolierzelle, die U.S.-Truppen im Foltergef\u00e4ngnis von Abu-Ghraib einsetzten. 14 Jahre sp\u00e4ter kehrt der K\u00e4fig nach Stationen in Osnabr\u00fcck, wo er 2009 als Teil der Ausstellung \u201eCOLOSSAL. Kunst Fakt Fiktion\u201c aus Anlass der Varus-Schlacht vor 2000 Jahren f\u00fcr einen Eklat sorgte, und der Ausstellung von Skulpturen und Zeichnungen im Morgner-Museum in Soest im Sommer 2018 zur\u00fcck nach Paderborn. Bis auf weiteres steht er im Zwickel des Portals der Theologischen Fakult\u00e4t und der Fensterfront des H\u00f6rsaals, womit ein Zeichen zum lebendigen Andenken an den Jesuitenpater Friedrich von Spee gesetzt wird, der von 1629 bis 1631 als Professor f\u00fcr Moraltheologie am dort ans\u00e4ssigen Jesuitenkolleg unterrichtete und die <em>Cautio Criminalis<\/em> verfasste. Auf diese Schrift berief sich der Bildhauer Wilfried Hageb\u00f6lling, als er den K\u00e4fig aus Protest gegen die Wiederkehr der Folter baute und aufstellte, denn der 1631 und 1632 erschienene Text leistet bis heute einen wichtigen Beitrag zur \u00c4chtung von Folter und Unterdr\u00fcckung.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_826\" style=\"width: 1219px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/WP_20181122_17_14_05_Pro-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-826\" class=\"size-full wp-image-826\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/WP_20181122_17_14_05_Pro-2.jpg\" alt=\"\" width=\"1209\" height=\"823\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/WP_20181122_17_14_05_Pro-2.jpg 1209w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/WP_20181122_17_14_05_Pro-2-300x204.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/WP_20181122_17_14_05_Pro-2-768x523.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/WP_20181122_17_14_05_Pro-2-1024x697.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/WP_20181122_17_14_05_Pro-2-441x300.jpg 441w\" sizes=\"auto, (max-width: 1209px) 100vw, 1209px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-826\" class=\"wp-caption-text\">Wilfried Hageb\u00f6lling, Abu-Ghureib 2003\/2004 &#8211; Friedrich von Spee 1631\/1632, 2004, am aktuellen Standort vor der Theologischen Fakult\u00e4t 2018, Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2018<\/p><\/div>\n<p>14 Jahre nach der ersten Aufstellung des K\u00e4figs fand am 22. November 2018 an der Theologischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Paderborn eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige \u00f6ffentliche Diskussion statt. Professor Dr. Josef Meyer zu Schlochtern moderierte das Gespr\u00e4ch zwischen Prof. Dr. Manfred Schneckenburger, dem Bildhauer Wilfried Hageb\u00f6lling und der Leiterin der St\u00e4dtischen Galerien und Museen Dr. Andrea Wandschneider.<\/p>\n<h2>Ohne Sockel<\/h2>\n<p>Im \u201eWillen zur Ver\u00e4nderung\u201c \u00a0sieht Hageb\u00f6lling den Hauptantrieb seines Schaffens. Diesbez\u00fcglich hebt er die Sockellosigkeit seiner Arbeiten hervor und nennt als Beispiel das 1980 in den Wallanlagen von Soest aufgestellte achtteilige <em>Bodenst\u00fcck<\/em>. Diese Art der Pr\u00e4sentation, wie sie erstmals bei der Skulpturenausstellung 1958 im Londoner Battersea-Park angewandt wurde, inspirierte Hageb\u00f6llings ebenerdige Aufstellung von Skulpturen. Auf das menschliche Ma\u00df bezogen sind auch Papierarbeiten, auf denen er in der Spannweite seiner Arme durch Materialabriebe Bilder erzeugt, die Betrachter*innen auf Augenh\u00f6he nachverfolgen k\u00f6nnen. Ein unmittelbarer K\u00f6rperbezug bestimmt auch den 3 x 2 x 1 Meter messenden K\u00e4fig. Doch ist Hageb\u00f6lling \u00fcberzeugt, dass der Aufstellungsort dieses Objekts vor der Theologischen Fakult\u00e4t mit dem Bezug zu von Spee seine Schlagkraft steigern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Andrea Wandschneider griff diesen Aspekt auf, da sie der Kunst innerhalb der st\u00e4dtischen Gemeinschaft (polis) generell die Rolle einer Gegenmacht zur politischen Macht einr\u00e4umt. Sie sieht eine grunds\u00e4tzliche \u00e4sthetische Qualit\u00e4t schon mit dem Objekt gegeben, \u00fcber das sie zu bedenken gibt: \u201eWenn ich dem K\u00e4fig im Wald begegnete, h\u00e4tte er f\u00fcr mich eine \u00e4hnlich starke Macht.\u201c\u00a0 Da es sich hier um einen Nachbau handelt, unterstellt sie zugleich, dass der K\u00e4fig der amerikanischen Truppen eine bisher unausgesprochene \u00e4sthetische Grundlage h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Entsprechend hatten sich die Stadtoffiziellen nach der erstmaligen Aufstellung des K\u00e4figs vor 14 Jahren verhalten, als sie den K\u00e4fig mit Trassierband umgaben und den K\u00fcnstler ultimativ aufforderten, das Objekt zu entfernen. Angesichts der politischen Querelen, welche bisher fast jede seiner \u00f6ffentlichen Skulpturen ausgel\u00f6st hatte, ist Hageb\u00f6lling ein lebender Beweis der Herausforderung der Macht, was jedoch einen Gro\u00dfteil der Kunstwerke ausschl\u00f6sse, die keine Kontroversen hervorrufen.<\/p>\n<p>Schneckenburger r\u00e4umte ein, dass er bis 1986 an den Plastiken von Hageb\u00f6lling vorbeigefahren sei. W\u00e4hrend seiner Zeit als Leiter der documenta 6 und 8 sowie als Professor an der Kunstakademie in M\u00fcnster standen sie von ihm unbemerkt an verschiedenen Orten entlang der Autobahn in Marl, M\u00fcnster, Mannheim, Soest oder Bielefeld. Sein freim\u00fctiges Bekenntnis benannte das Dilemma der mit Kunst Befassten, die betriebsblind in einem System eingeschlossen, oft nicht mitbekommen, was au\u00dferhalb der von Kritikern, Akademikern und anderen Experten begutachteten Welt vor sich geht.<\/p>\n<h3>Ein K\u00e4fig als Medium<\/h3>\n<p>Er begr\u00fcndete den Aspekt der Macht mit der physischen Gegenwart von Skulpturen, die sich von den \u201eflimmernden Scheiben\u201c der Bildschirme unterscheiden w\u00fcrden, die \u201eneutral in jeder Richtung\u201c seien. Wenn er den K\u00e4fig sehe, m\u00fcsse er unweigerlich an die Fotos denken, die aus Abu Ghraib an die \u00d6ffentlichkeit gelangt sind. Hier h\u00e4tte man sich die Stimme des Moderators gew\u00fcnscht, der die Diskussion auf die mit diesen Beitr\u00e4gen angerissenen Zusammenh\u00e4nge und die damit verbundenen \u00e4sthetischen und medialen Probleme gelenkt h\u00e4tte.<\/p>\n<div id=\"attachment_831\" style=\"width: 645px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/2018-Podium-Theol-Fakult\u00e4t-PB.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-831\" class=\"size-full wp-image-831\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/2018-Podium-Theol-Fakult\u00e4t-PB.jpg\" alt=\"\" width=\"635\" height=\"376\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/2018-Podium-Theol-Fakult\u00e4t-PB.jpg 635w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/2018-Podium-Theol-Fakult\u00e4t-PB-300x178.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/2018-Podium-Theol-Fakult\u00e4t-PB-500x296.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 635px) 100vw, 635px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-831\" class=\"wp-caption-text\">Podium im H\u00f6rsaal der Theologischen Fakult\u00e4t, Still der Aufzeichnung vom 22.11.2018 aus YouTube<\/p><\/div>\n<p>Das prachtvolle barocke Kreuz \u00fcber dem Podium und die Projektion des K\u00e4figs begleiteten die Diskussion und beinhalteten selbst schon eine Aussage \u00fcber 2000 Jahre Folter. Beide sind Kopien von Folterwerkzeugen und decken die Jahrhunderte ab, in der sich die Gr\u00f6\u00dfen- und Bedeutungsverh\u00e4ltnisse von Theologischen Fakult\u00e4ten gegen\u00fcber den Kunst- und Medienhochschulen signifikant verschoben haben.<\/p>\n<p>Mein Buch \u00fcber K\u00e4fige wird 2019 im ConferencePoint Verlag in Hamburg erscheinen und stellt zahlreiche K\u00e4fige aus der Kunst der Gegenwart vor.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> Da fast alle K\u00e4fige der Schaustellung von Menschen und Dingen dienen, liegt eine Beziehung zu elektronischen Displays auf der Hand, die dazu gef\u00fchrt hat, die k\u00e4figartige Beschaffenheit von Bildschirmen in die Gedankeng\u00e4nge mit einzubeziehen.<\/p>\n<p>\u00a9 Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n<p>Die komplette Veranstaltung ist auf: https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MQbNpPb_414<br \/>\nzu sehen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Als Priester leistete Friedrich Spee von Langenfeld SJ (1591-1635) den in Hexenprozessen zum Tode Verurteilten Beistand und begleitete sie auf ihrem Weg zur Hinrichtung. Er wusste, dass diese Opfer der Inquisition unschuldig waren. Doch waren sie den Peinigern chancenlos ausgeliefert, weil jede ihrer Aussagen gegen sie gewendet werden konnte. Bekannter ist von Spee, der zuvor schon von 1623 bis 1626 als Professor der Philosophie in Paderborn t\u00e4tig war, als Verfasser bekannter Kirchenlieder wie \u201eZu Betlehem geboren.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Das erste Kapitel ist als Vorabdruck zur Ausstellung \u201eWilfried Hageb\u00f6lling. Skulpturen und Zeichnungen\u201c im Museum Wilhelm Morgner in Soest 2018 erschienen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein mit Bandstahl vergitterter h\u00f6lzerner K\u00e4fig stand am Morgen des 30. Oktober 2004 auf dem Platz vor dem ehemaligen Jesuitenkolleg in Paderborn. 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