{"id":782,"date":"2018-06-13T19:31:42","date_gmt":"2018-06-13T17:31:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=782"},"modified":"2018-06-28T19:57:27","modified_gmt":"2018-06-28T17:57:27","slug":"mythen-bewegen-neu-erzaehlen-tanzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=782","title":{"rendered":"Mythen bewegen \u2013 neu erz\u00e4hlen \u2013 tanzen"},"content":{"rendered":"<p><strong>An English version is available in the privious text: <em>Myth and Orange Desert Dust<\/em><\/strong><\/p>\n<p>In einem Interview, das <em>Andrea Kasiske <\/em>mit Yvette Mutumba vom Kuratorenteam der 10. Berlinbiennale \u201eWE DON\u2019T NEED AN OTHER HERO\u201c f\u00fcr die Deutsche Welle f\u00fchrte, sagte die Co-Kuratorin:<\/p>\n<p>\u201eWir haben ganz bewusst W\u00f6rter wie Afrika, Postkolonialismus, Kolonialismus oder Diversit\u00e4t nicht verwendet. Auch wenn es um wichtige politische Themen geht, versuchen wir, einen Schritt weiterzugehen und unsere eigene Sprache zu finden.\u201c (<a href=\"http:\/\/www.dw.com\/de\/yvette-mutumba-echte-dekolonialisierung-muss-weh-tun\/a-44091663\">http:\/\/www.dw.com\/de\/yvette-mutumba-echte-dekolonialisierung-muss-weh-tun\/a-44091663<\/a> , 12.06.2018)<\/p>\n<p>Besonders ein Werk verdeutlicht, wie die Zirkulation von Erz\u00e4hlungen \u00fcber Jahrtausende wirkt und Kulturen ver\u00e4ndern kann. Grada Kilomba inszeniert im Rahmen von ILLUSIONS, ihre Serie \u00fcber Mythen, \u00d6dipus. In 22 Szenen verk\u00f6rpern T\u00e4nzer Begegnungen und Konflikte, die durch die Weissagung gegen\u00fcber \u00d6dipus in die Welt gesetzt worden sind. Der Mythos von \u00d6dipus stellte schon in der Antike die Frage, ob die J\u00fcngeren Spielball des Schicksals sein wollen, das ihnen die Elterngeneration bereitet hat, oder ob sie die Kraft aufbringen wollen, eigene Wege zu definieren und zu finden.<\/p>\n<h1>\u00d6dipus &#8211; Iokaste &#8211; Orakel &#8211; Laios &#8211; Sphings?<\/h1>\n<p>In den Kunstwerken h\u00f6rt man begleitend zum Tanz Musik und die Erz\u00e4hlstimme der Autorin. Sie fragt nicht, ob und wie sich \u00d6dipus seinem Schicksal entwinden k\u00f6nnte, sondern Kilomba setzt tiefer an. Sie m\u00f6chte ergr\u00fcnden, ob nicht symbolische Formen wie das Drama selbst schon Unterdr\u00fcckung transportieren. Wie im Falle von K\u00f6nig \u00d6dipus spitzt jede Interpretation des Mythos m\u00f6gliche Varianten des Themas, z.B. Vater-Sohn oder Mutter-Sohn Konflikt, zu. Das Video zeigt, dass die Fesselung des T\u00e4nzers, der \u00d6dipus verk\u00f6rpert, durch seinen Vater vorgenommen wird. Er bindet \u00d6dipus\u2018 F\u00fc\u00dfe an den Enkeln zusammen. Somit hindert er ihn von der Vorlage abweichend ohne die brutale Verst\u00fcmmelung der F\u00fc\u00dfe am Fortgehen. Das verknotete rote Band, das noch durch ein weiteres l\u00e4ngeres Band, das den ganzen K\u00f6rper umschlingt, erg\u00e4nzt wird, wird sp\u00e4ter lustvoll abgewickelt und gesprengt. So folgen die T\u00e4nzer unter der Regie von Kilomba zwar den Konstellationen des Mythos, in dessen Verlauf \u00d6dipus seinen Vater Laios umbringt und seine Mutter Iokaste heiratet, doch bringen die sechs T\u00e4nzerinnen und T\u00e4nzer im White Kube auch neue Konstellationen durch wechselnde Rollen von Geschlechtern, Angeh\u00f6rigen der Familie und der Generationen hervor.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/2018-BerlinBerlinale10.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-783\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/2018-BerlinBerlinale10.jpg\" alt=\"\" width=\"622\" height=\"372\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/2018-BerlinBerlinale10.jpg 622w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/2018-BerlinBerlinale10-300x179.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/2018-BerlinBerlinale10-500x300.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 622px) 100vw, 622px\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Kulturelle Verwerfungen<\/h2>\n<p>Die Frage ist, ob \u00d6dipus eine Marionette des Schicksals bleibt, das ihm das Orakel prophezeit hat. Zun\u00e4chst gelingt es ihm, die Sphings, die die Korinther tyrannisiert zu zerst\u00f6ren, indem er richtig antwortet, dass es der Mensch ist, der am schw\u00e4chsten auf vier Beinen, dann auf zweien und schlie\u00dflich auf drei Beinen steht. Das dritte Bein, der Gehstock wird schlie\u00dflich auch zur Waffe, mit der sich \u00d6dipus von der Drangsal befreit. Der Zauber wird durchbrochen und die Verbindung mit der Darstellerin endet in der Version von Kilomba nicht in der Katastrophe sondern in einem T\u00e4nzchen.<\/p>\n<div id=\"attachment_784\" style=\"width: 636px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Kilomba_\u00d6dipus-e1528910869230.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-784\" class=\"size-full wp-image-784\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Kilomba_\u00d6dipus-e1528910869230.jpg\" alt=\"\" width=\"626\" height=\"370\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Kilomba_\u00d6dipus-e1528910869230.jpg 626w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Kilomba_\u00d6dipus-e1528910869230-300x177.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/Kilomba_\u00d6dipus-e1528910869230-500x296.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 626px) 100vw, 626px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-784\" class=\"wp-caption-text\">Grada Kilomba: \u00d6dipus, Video, 10.Berlinbiennale, 2018<\/p><\/div>\n<p>Er muss ja gar nicht der leibliche Sohn des K\u00f6nigs sein, denn seine Mutter k\u00f6nnte gewitzt genug gewesen sein, den Sohn eines anderen Mannes geboren zu haben, und vor allen Dingen sollte sie in der Lage gewesen sein, ihren Sohn an unver\u00e4nderlichen Merkmalen zu erkennen. Die M\u00f6glichkeiten, den Mythos zu gestalten und mit Konstellationen anzureichern wurden ja schon in der Antike genutzt, wie die Rekonstruktion dieser Mythen besonders durch die Recherche der sehr unterschiedlichen Varianten des Mythos in den Quellen die Robert Ranke-Graves vorgenommen hat. Die Mythen tragen so kulturelle Verwerfungen in sich, die sich in den Jahrhunderten vor dem Beginn der schriftlichen Fixierung von Ereignissen ereignet haben.<\/p>\n<h2>Symbolsysteme brechen<\/h2>\n<p>So betrifft der Mythos des \u00d6dipus, der schon in der Antike in verschiedenen oft sehr verzwickten Wendungen \u00fcberliefert wurde, Zeiten von Umbr\u00fcchen, die durch die Hinwendung zu wechselnden Leitgottheiten bedingt waren. Im St\u00fcck von Kilomba sind die Figuren ambivalent dargestellt, so dass \u00d6dipus mit dem Kirschenholzstab z.B. auch eine Verk\u00f6rperung des Sehers Teiresias sein kann. Auch Iokaste l\u00f6st sich als T\u00e4nzerin von den Festschreibungen einer verschriftlichen Rolle und kann als Mutter, Frau und Geliebte gesehen werden. Die Bewegungsfreiheit der T\u00e4nzer und die knappen Requisiten wie B\u00e4nder und Stab sind bestens als eine Ermutigung geeignet, aufs Neue eigene Erfindungen zu erproben und die Macht der Tradition zugunsten einer selbstbestimmten Zukunft zu zerlegen.<\/p>\n<p>Auch Teile der 1968er \u2013 Bewegung, die ahnten, dass sich in den au\u00dfereurop\u00e4ischen Kulturen ein Widerstandspotential verbergen w\u00fcrde, griffen die bestehenden Symbolsysteme an und stie\u00dfen damit Innovationen im Denken, in der Kunst und Kultur an. Die Impulse daraus wirken bis heute, sind aber nicht mehr frisch und erscheinen besonders im Licht der \u00c4u\u00dferungen populistischer Volkstribunen nun dem\u00a0 \u201eEstablishment\u201c zugeh\u00f6rig.\u00a0 50 Jahre nach der kulturellen Erneuerung \u00a0ist es weiterhin notwendig, eigene Vorstellung zu pr\u00e4zisieren und das Material der Kulturen durch selbstbestimmte Interpretationen und Inszenierungen den eigenen Interessen gem\u00e4\u00df neu zu erz\u00e4hlen und neu zu leben.<\/p>\n<p>Allerdings \u2013 so ist das Res\u00fcmee zu ziehen \u2013 werden die symbolischen Formen in ihrer Wirkung auch nicht durch ILLUSIONS angefochten. Indem Kilomba den Mythos und seine Figuren neu interpretiert, zerst\u00f6rt sie ihn mitnichten Sie best\u00e4tigt ihn oder im besten Fall, wird seine Wirkung verschoben, so dass sich heutige Menschen darin wiedererkennen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An English version is available in the privious text: Myth and Orange Desert Dust In einem Interview, das Andrea Kasiske mit Yvette Mutumba vom Kuratorenteam der 10. 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