{"id":778,"date":"2018-04-27T11:54:00","date_gmt":"2018-04-27T09:54:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=778"},"modified":"2018-04-27T13:58:26","modified_gmt":"2018-04-27T11:58:26","slug":"nachgetreten-institution-fuer-totalkunst-vorerst-gescheitert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=778","title":{"rendered":"Nachgetreten:  Institution f\u00fcr Totalkunst vorerst gescheitert"},"content":{"rendered":"<p><strong>Chris Dercon<\/strong>, von 2017 bis April 2018 Intendant der <strong>Volksb\u00fchne<\/strong> am Rosa-Luxemburg-Platz, wirft hin und gesteht das Scheitern eines Spielbetriebs, der nach seinen Pl\u00e4nen Theater, Tanz, Konzert, Kino, Bildende Kunst, Design, Architektur, Kulturen des Digitalen und Bildung kombinieren sollte. Seine gelungen Versuche, das Angebot von Museen durch Installationen und Performances von bildenden K\u00fcnstlern, T\u00e4nzern und Musikern zu erweitern, haben Dercon ermutigt, noch einen Schritt weiter zu gehen und die K\u00fcnste zu totalisieren, so dass er alle Genres und Gattungen in den Betrieb eines Stadttheaters einbauen wollte. Nicht auszuschlie\u00dfen, dass Vertreter der <strong>Performance Studies<\/strong> den Eindruck erweckt haben, Performances k\u00f6nnten die Grenzen zwischen den Genres der bildenden Kunst und den Kunstgattungen spielerisch \u00fcberwinden. Nun sieht es so aus, als sollten sich die Institutionen h\u00fcten, einen entgrenzten Theaterbetrieb zu etablieren. Wozu sollte denn ein Haus f\u00fcr Alles gut sein, ohne dass ein Bed\u00fcrfnis daf\u00fcr vorhanden w\u00e4re. Jedenfalls hat das Publikum das Angebot von Dercon nicht angenommen. Das Cross-over funktioniert doch auch so. Was unter immer anderen Begriffen seit Jahrzehnten in kleinen Formaten, an einigen H\u00e4usern und im Rahmen von Initiativen l\u00e4uft, muss nicht in martialische Hangars und auf gro\u00dfe B\u00fchnen gebracht werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Dercon hat sich das Theater als Dispositiv, das aus dem Geb\u00e4ude selbst, seinem Personal inklusive der Schauspieler und Regisseure, sowie seinen Zuschauern, Kritikern und den Medien als Multiplikatoren besteht, als ein schwer steuerbarer Tanker erwiesen. Angesichts der Situation in Berlin wird Dercon, der sich als Direktor von bedeutenden Museen wie dem Haus der Kunst in M\u00fcnchen und der Tate Modern in London bew\u00e4hrt hat, gemerkt haben, dass diese Ausstellungsh\u00e4user gegen\u00fcber einem Theater die Beweglichkeit von Sportbooten hatten.<\/p>\n<h2>Performances repr\u00e4sentieren nichts und niemanden<\/h2>\n<p>Es ist daher eine gute Botschaft, wenn Institutionen mit einem Totalanspruch scheitern und das Besondere von Performances deutlich wird. Sie k\u00f6nnen sich n\u00e4mlich \u00fcberall ereignen; denn sie sind der h\u00e4ufig zu h\u00f6renden Behauptung zum Trotz, ja \u00fcberhaupt keine Kunstgattung. Sie bedienen keine Schauspielh\u00e4user, keine Opern, Kinos und Musicaltheater. Performances repr\u00e4sentieren nichts und niemanden, so dass sie nicht einmal auf Museen angewiesen sind. Diese Qualit\u00e4t zeigt sich vor allen Dingen in der dezentralen und teils anarchistisch vorgetragenen hauptst\u00e4dtische Kunstszene in Berlin, die K\u00fcnstler aus aller Welt anzieht.<\/p>\n<p>Diese enorme impulsgebende Kraft erzeugt nat\u00fcrlich Begehrlichkeiten, so dass Institutionen und Unternehmen ein Heer von Kuratoren und Scouts in Bewegung setzen, um diese Kr\u00e4fte abzusch\u00f6pfen und zu binden. Man kann annehmen, dass diese Entwicklung den Zenit \u00fcberschritten hat, doch mutet es grotesk an, dass sich Dercon nach den Vorstellungen des Senats gerade die martialischen Abfertigungshallen und Hangars des Flughafens Tempelhof ausgesucht hat, um die empfindlichste aller k\u00fcnstlerischen \u00c4u\u00dferungen dort unterzubringen \u2013 oder sollte man sagen: kaltzustellen. Wenn ein Intendant wie Dercon das ernsthaft geglaubt haben sollte, so hat er sich nach seinen Verdiensten nicht zuletzt um die Performance-Kunst an der Tate Modern mit der Annahme des Rufs nach Berlin aus Dummheit oder Naivit\u00e4t oder aus Hybris, zu Recht ins Abseits geschossen.<\/p>\n<p>Frank Castorf, der alte Fuchs, war schon 2015 \u2013 als sich die Berufung Dercons abzeichnete \u2013 schlau genug, zu zeigen, dass auch die Volksb\u00fchne am Rosa-Luxemburg-Platz in der Lage war, Kunst zu pr\u00e4sentieren, die die Museen an Grenzen bringt. Mit \u201eZock \u2013 Aspekte einer Totalrevolution\u201c und \u201eRebel Dabble Brabble Berlin\u201c kam eine Begegnung von Theo Altenberg mit Paul und Damon McCarthy zustande, die verschiedene Aspekte der europ\u00e4ischen und nordamerikanischen Aktionskunst zusammen brachten, wie es noch kein Museum gewagt hatte. Die Volksb\u00fchne hatte gezeigt, dass sie als Theater mit eigenen Mitteln Gastgeber eines Dialog zwischen bildenden K\u00fcnstlern, die mit ihren Mitteln und dar\u00fcber hinaus mit Theater, Film und Video experimentieren, sein konnte. Deshalb dr\u00e4ngt sich die Frage auf, warum neue Spielst\u00e4tten f\u00fcr Formate geschaffen werden m\u00fcssen, die auf \u00fcberraschende Weise vorhandene R\u00e4ume und Geb\u00e4ude erobern k\u00f6nnen. Weil aber K\u00fcnstler vom Format und mit der Erfahrung der McCarthys, die ein ganzes Haus einschlie\u00dflich der Zuschauerr\u00e4nge bespielen k\u00f6nnen, d\u00fcnn ges\u00e4t sind, \u00a0kann man j\u00fcngeren Performance-K\u00fcnstlern nur mit perfekten Bedingungen schmeicheln. Ob aber 800 leere Zuschauerpl\u00e4tze einem noch ungesicherten k\u00fcnstlerischen Experimenten f\u00f6rderlich w\u00e4ren, steht zu bezweifeln. Das Feed-Back weniger Zeugen kann ein noch ungewohntes Experiment besser vorantreiben als ein Hochglanzprospekt und ein Premierenevent. Warum also sollte es gut sein, fragile Versuche, fl\u00fcchtige Skizzen, einen beginnenden Dialog etc. mit den Mitteln eines Theaterapparats zu zertr\u00fcmmern? W\u00e4re es nicht besser, den immer noch auf breiter Ebene vonstattengehenden Experimenten in Berlin mit seinen zahlreichen Initiativen, Orten und Spielst\u00e4tten mehr Aufmerksamkeit zu schenken? Alles ist besser, als, ein institutionelles Monster zu installieren, das die Kunstgattungen zusammenklumpt. Gut also, dass der Umbau der Volksb\u00fchne zur Manege mit Dressurakt erst einmal gescheitert ist. Berlin braucht kein Totaltheater sondern Freir\u00e4ume, die durch Immobilienspekulationen gef\u00e4hrdet sind.<\/p>\n<h1>Keine weitere Gro\u00dfbaustelle!<\/h1>\n<p>Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn hat vor dem Verkehrsausschuss des Bundestages gesagt, aus heutiger Sicht w\u00fcrde Stuttgart 21 nicht mehr gebaut.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Vielleicht muss man die Gro\u00dfbaustellen selbst als das Totaltheater der Gegenwart verstehen lernen. Mit der Baustelle des BER steht Berlin ja schon im Rennen um den Preis f\u00fcr ein Theater der Unm\u00f6glichkeit von Gro\u00dfprojekten. In einer Phase der Schw\u00e4che von Politik, die den Bereicherungsstrategien von Konzernen und Anwaltsb\u00fcros wenig entgegenzusetzen hat, ist das St\u00fcck \u201eStaat 1 \u2013 4\u201c von <strong>Rimmini Protokoll<\/strong> als Vorreiter f\u00fcr die Herstellung eines Happenings mit den Akteuren auf und hinter einer Baustelle unter den Augen des Publikums zu verstehen. Zur Urauff\u00fchrung 2017 am Schauspiel D\u00fcsseldorf schrieb Maik Novotny ein lesenswertes Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine Kleinbaustelle: \u201eDie Gro\u00dfbaustelle hat ausgedient\u201c \u00a0<a href=\"https:\/\/journal.hkw.de\/von-oben-nach-unten-bauen\/\">https:\/\/journal.hkw.de\/von-oben-nach-unten-bauen\/<\/a><\/p>\n<p>Dieses Theater fortsetzend, m\u00fcssten sich Wege finden lassen, die Strategien der Verschleppung, des Pfuschs, des Abrisses und Neuaufbaus als eine neue Form des Happenings gleich vor Ort auf den Baustellen in Berlin und in Stuttgart f\u00fcr Besucher zug\u00e4nglich zu machen. In Berlin m\u00fcssen die S-Bahnen ja sowieso in den neuen Flughafen fahren und k\u00f6nnten die Zuschauer gleich mitnehmen, damit sie sich ein Bild machen k\u00f6nnen, wie Betrug und Bereicherung aussehen. Besser als auf dem viel kleineren Tempelhoffeld mit einem neuen Baustellentheater anzufangen, ist das allemal.<\/p>\n<p>(c) Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Bahn-wuerde-Stuttgart-21-nicht-mehr-bauen-article20396112.html\">https:\/\/www.n-tv.de\/wirtschaft\/Bahn-wuerde-Stuttgart-21-nicht-mehr-bauen-article20396112.html<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chris Dercon, von 2017 bis April 2018 Intendant der Volksb\u00fchne am Rosa-Luxemburg-Platz, wirft hin und gesteht das Scheitern eines Spielbetriebs, der nach seinen Pl\u00e4nen Theater, Tanz, Konzert, Kino, Bildende Kunst, Design, Architektur, Kulturen des Digitalen und Bildung kombinieren sollte. Seine &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=778\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[18,2],"tags":[170,171,169,137,62,167,168],"class_list":["post-778","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nachgeschaut-nachgelesen","category-neuigkeiten","tag-aktionismus","tag-dercon","tag-mccarthy","tag-performance_studies","tag-performanceforschung","tag-totalkunst","tag-totaltheater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/778","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=778"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/778\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":780,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/778\/revisions\/780"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=778"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=778"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=778"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}