{"id":769,"date":"2018-02-21T13:46:17","date_gmt":"2018-02-21T12:46:17","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=769"},"modified":"2018-02-21T13:46:17","modified_gmt":"2018-02-21T12:46:17","slug":"stephanie-1969-von-danny-lyon-eine-handschriftliche-fotoreportage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=769","title":{"rendered":"Stephanie 1969 von Danny Lyon &#8211; eine handschriftliche Fotoreportage"},"content":{"rendered":"<p>Die Ausstellung der Fotografien von \u00a0Danny\u00a0 Lyon war letztes Jahr im Fotomuseum Winterthur und im c\/o Berlin zu sehen.<\/p>\n<p>Danny Lyons Fotos, darunter besonders diejenigen, die mit Texten in der Art einer Reportage gerahmt sind, sind keine autonomen Fotos. Es geht um die abgebildeten Menschen und ihre Geschichte, die nicht oft im Foto identifizierbar ist. Eine dieser Fotoreportagen von Lyon mit einem handschriftlichen Rahmen hat mich besonders angezogen. Seine Zeilen setzte der Fotograf waagerecht in der Breite des Fotos \u00fcber und unter das Bild, w\u00e4hrend der Text rechts und links davon \u00fcber die volle Breite des Fotopapiers von unten nach oben verl\u00e4uft. Das Blatt wurde also sowohl als Quer- wie auch als Hochformat beschrieben, so dass man es gerne zum Lesen in die Hand genommen h\u00e4tte. Das Fotos wurde h\u00e4ndisch schwarz gerahmt und mit dem Titel \u201eStephanie 1969\u201c unten links bezeichnet. Ein Muster aus feinen Linien und rhythmisch gesetzten Punkten macht den Text, der so graphisch strukturiert und zugleich in Rott\u00f6nen dekoriert wurde, zu einer pers\u00f6nlichen Gabe. Mit diesem Mittel zeigt der K\u00fcnstler seine Zuneigung und l\u00e4sst die Betrachter an intimen Momenten seiner Begegnung teilnehmen. Daf\u00fcr spricht auch der Ton des Texts, der wie eine authentische Erz\u00e4hlung klingt, so dass er wohl von einem Tonbandinterview transkribiert wurde. Hier spricht ihr Mann \u00fcber Stephanie \u2013 so als ob sie nicht mehr da w\u00e4re \u2013 und \u00fcber das Land.<\/p>\n<p>Die \u00dcberschrift NEW MEXICO 1969-1975 bekommt eine Bedeutung, so dass es scheint, Lyon h\u00e4tte das Foto 1969 aufgenommen und sei 1975 noch einmal dorthin gereist. Die Aussagen k\u00f6nnten beim zweiten Besuch aufgezeichnet worden sein. Der Sprecher gibt Einblick in die Gegend, die auf den ersten Blick ein Bild von Leere und Endlosigkeit evoziert und tats\u00e4chlich voller Abgr\u00fcnde ist; denn es gibt Lager f\u00fcr Wasserstoffbomben und durchgeknallte Vietnamveteranen. Viele der Informationen sind angesichts der Zuspitzung des Streits um mexikanische Einwanderer und des massiven wirtschaftlichen Drucks, der auch auf die scheinbar unwirtlichen Regionen ausge\u00fcbt wird, heute noch aktuell. Um den Text besser zug\u00e4nglich zu machen, habe ich ihn \u00fcbersetzt:<\/p>\n<h2>NEW MEXICO 1969 \u2013 1975 \u201eStephanie 1969\u201c<\/h2>\n<div id=\"attachment_771\" style=\"width: 1219px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/WP_20170727_13_07_20_Pro__highres-konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-771\" class=\"size-full wp-image-771\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/WP_20170727_13_07_20_Pro__highres-konv.jpg\" alt=\"\" width=\"1209\" height=\"1001\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/WP_20170727_13_07_20_Pro__highres-konv.jpg 1209w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/WP_20170727_13_07_20_Pro__highres-konv-300x248.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/WP_20170727_13_07_20_Pro__highres-konv-768x636.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/WP_20170727_13_07_20_Pro__highres-konv-1024x848.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/02\/WP_20170727_13_07_20_Pro__highres-konv-362x300.jpg 362w\" sizes=\"auto, (max-width: 1209px) 100vw, 1209px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-771\" class=\"wp-caption-text\">Danny Lyon, NEW MEXICO 1969 \u2013 1975 \u201eStephanie 1969\u201c, Ausst. Fotomus. Winterthur<\/p><\/div>\n<p>Innerer Rahmen: \u201eWer sind wir und woher kommen wir? Wir sind Kinder von Kerouac. Wir sind aus Europa und dem Osten gekommen, um im sogenannten Land der Gl\u00fcckseligen zu siedeln. Und wer kam uns zuvor? Wessen Land ist es, das wir betreten? Wer baute diese H\u00e4user? Wer hinterlie\u00df diese Knochen? Zuni, Apachen, Spanier, Mexikaner, Texaner. Sie kamen alle hierher und vergossen ihr Blut &#8230; Die W\u00fcste vergisst nichts. Sie wird auch noch W\u00fcste sein lange nachdem wir gegangen sind.\u201c<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferer Rahmen: \u201eIch kam 1969 hierher. Es ist so lange her, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann. Ich kam hierher mit dieser Frau, Stephanie, eine Malerin. Wir lie\u00dfen eine Menge Freunde hinter uns in New York, als wir hier nach Sandoval County in New Mexico kamen, dieser sch\u00f6nsten kleinen Sandkiste der Welt. Nun sind wir hier Zuhause. Wir haben ein Haus gebaut und hatten einige Kinder. Hinten in New York war allen zum Sterben (zumute). Ich traf einen Mexikaner, der sich Eddie nannte, mir ein lausiges Spanisch und das Backen von luftgetrockneten Ziegeln beibrachte und alles zu lieben, was s\u00fcdlich des Colorado liegt. Ich war MOTADO und \u201anass\u2018 (hinter den Ohren), wie sie in Demning<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> sagen. Ich k\u00fcmmerte mich darum, wie ich Eddie jedes Fr\u00fchjahr nach Amerika (in die USA) schleusen konnte, und ich lernte, die Grenzpatrouillen zu hassen \u2013 nichts Pers\u00f6nliches. Pers\u00f6nlich denke ich, es w\u00fcrde uns ohne die Grenze und sicherlich auch ohne die Grenzer viel besser gehen. Aber ob Mexiko sich je darum k\u00fcmmern w\u00fcrde?\u201c<\/p>\n<h2>New Mexico im Brennpunkt<\/h2>\n<p>\u201eSiehst du den Berg dahinten? Er hei\u00dft Sandia, das hei\u00dft Wassermelone, und ist mit Wasserstoffbomben gef\u00fcllt. Dahinten gibt es einen Haufen zorniger Burschen aus (Viet-)NAM, die man in NAM zusammengeschossen hat und die diesen Berg \u00fcbernehmen wollen. Die wollen ALB nehmen und Washington und sie lieben Nat Turner<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> in seinem Sumpf. Die denken, hier w\u00e4ren sie sicher und w\u00fcrden nie mehr aus ihren H\u00e4usern getrieben.<br \/>\nJetzt erz\u00e4hle ich was ganz Verr\u00fccktes, wir alle wissen das. Aber ich kann euch sagen, die sind ganz sch\u00f6n durchgeknallt, und nachdem du die Angst ein paar Mal \u00fcberwunden hast, nimmt sie ab. Eine H-Bombe kriegst du nicht tot, aber hier in New Mexiko sind schon viele Leute f\u00fcr das Land gestorben oder wurden daf\u00fcr umgebracht, und viele mehr sind darauf gefasst, in Zukunft daf\u00fcr zu sterben. Nach den Pl\u00e4nen von Firmen wird Land gestohlen und zerst\u00f6rt. Herzlose Leute mit wenig Hirn besitzen viel Land und haben viel, viel Macht. Und alles steht nur auf Papier. Gro\u00dfherzige Leute mit wirklicher Macht schauen hoffnungslos zu. Wohnwagen-Pl\u00e4tze, Tochterunternehmen und Golfpl\u00e4tze bedecken immer mehr Land, w\u00e4hrend man ihnen nicht mal einen Hektar f\u00fcr Bohnen l\u00e4sst. Bohnen schmecken besser, wenn du sie auf dem Grab eines Bankers pflanzt. 10 Millionen Gr\u00fcnschn\u00e4bel sind hier auf der Suche nach Arbeit. Was glaubst du, weshalb ihre Kinder hierher kommen?\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Eine Stadt dieses Namens war nicht auffindbar. Es gibt eine Stadt namens Deming im S\u00fcden New Mexicos (32\u2070 n\u00f6rdl. Breite, 108\u2070 westl. L\u00e4nge)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Nat Turner *1800 wurde 1831 hingerichtet, weil er einen Sklavenaufstand anf\u00fchrte. 1967 wurde \u201eThe Confession of Nat Turner\u201c von William Styton ver\u00f6ffentlicht und inspirierte die Black-Power-Bewegung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ausstellung der Fotografien von \u00a0Danny\u00a0 Lyon war letztes Jahr im Fotomuseum Winterthur und im c\/o Berlin zu sehen. Danny Lyons Fotos, darunter besonders diejenigen, die mit Texten in der Art einer Reportage gerahmt sind, sind keine autonomen Fotos. 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