{"id":739,"date":"2017-11-03T18:10:04","date_gmt":"2017-11-03T17:10:04","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=739"},"modified":"2017-11-08T12:09:35","modified_gmt":"2017-11-08T11:09:35","slug":"dunkle-raeume-und-dunkle-materie-sonntaegliche-streifzuege-und-vermutungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=739","title":{"rendered":"Dunkle R\u00e4ume und Dunkle Materie &#8211; sonnt\u00e4gliche Streifz\u00fcge und Vermutungen"},"content":{"rendered":"<h3>Linsentr\u00fcbung<\/h3>\n<p>Sturmtief \u201eHerwart\u201c stoppte fast alle Z\u00fcge im Hauptbahnhof, so dass ich meine Schritte in die eigene Stadt lenkte und dem Kunstverein in Hamburg einen Besuch abstattete. (Auch wochentags erst ab 12 Uhr ge\u00f6ffnet!) So bekam ich Fotos von Wolfgang Tillmans im D\u00e4mmerlicht zu sehen. Auch wenn die Steigerung der \u00e4sthetischen Wirkung von Fotos durch Hollywood-Nacht-Folie auf den Scheiben bezweifelt werden muss, brachte sie immerhin die Ondulation der Wellen an einem Sandstrand gut zur Geltung, weil das Video sich zum einen hell leuchtend abhob und zum anderen \u2013 als Hochformat projiziert \u2013 die Bewegungen des Motivs durch die ungew\u00f6hnliche Perspektive eindringlich verst\u00e4rkte. Eine Sensation, die f\u00fcr Erkenntnisverweigerer wie mich geschaffen war, denn die bereitgestellten Flachvitrinen erweiterten meine Wahrnehmungsm\u00f6glichkeiten nicht. Wo sollte \u201eDie Greifbarkeit von Zeit\u201c, wie es in einem Twitter-Post des Kunstvereins hie\u00df, entdeckt werden k\u00f6nnen? Sie sei \u201edas Anliegen der Aluminiumtische \u2026\u201c, hie\u00df es; doch die Kiesel, Briefmarken und sonstiges Sammelsurium blieben unter den Glasabdeckungen au\u00dfer Reichweite. Die Veranstalter, so scheint es, hatten ihren Spa\u00df beim Aufbau der Ausstellung oder vielleicht auch im Sommer am Strand, doch bleibt es ein R\u00e4tsel, warum sich Profis nicht vorstellen k\u00f6nnen, dass Ausstellungsbesucher, die die Umst\u00e4nde in eine Ausstellung gesp\u00fclt hat, ihre Spiele mit der Zeit nicht nachvollziehen k\u00f6nnen. So kann es gehen in Institutionen des Sehens, deren Personal m\u00f6glicherweise an Linsentr\u00fcbung leidet, weil es im Taumel des 200-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums des Kunstvereins in Hamburg geblendet worden ist. Um keinen falschen Eindruck \u00fcber die Wahrnehmungsm\u00f6glichkeiten in der Ausstellung zu wecken, blieben die vom Kunstverein angebotenen Pressefotos ungenutzt.<\/p>\n<h3>Hat Materie ein Schamgef\u00fchl?<\/h3>\n<p>Schauplatzwechsel: Die 15 K\u00fcnstlerInnen, die in den Einrichtungen des Deutschen Elektronen Synchrotrons (DESY) in Hamburg-Bahrenfeld ausstellen, haben sich aus den gespurten Pfaden des Kunstbetriebs in eines der aufregendsten Felder der Grundlagenforschung gewagt. Sie wollten dicke Bretter bohren und haben auf Initiative der K\u00fcnstlerin Tanja Hehmann und des Physikers Christian Schwanenberger auf dem riesigen Gel\u00e4nde und in den gigantischen Fertigungshallen nach Pl\u00e4tzen gesucht, an denen ihre Arbeiten mit den Maschinen, mit denen die Experimente hergestellt und ausgewertet werden, in Dialog treten. Hier einen Platz f\u00fcr Kunstwerke zu suchen, ist ein Wagnis, denn in den Experimentieranlagen aus kilometerlangen Tunneln und mit wohnblockgro\u00dfen Anlagen, in denen ausgewertet und geforscht wird, treffen sowieso schon Extreme aufeinander. In Rohren, die bis zum absoluten Nullpunkt gek\u00fchlt werden, beschleunigen die st\u00e4rksten Magnetfelder Materiebestandteile auf ann\u00e4hernd Lichtgeschwindigkeit, um die Spuren ihres Zerfalls zu messen oder f\u00fcr Experimente zu nutzen. Das Kleinste tritt sozusagen mit dem Gigantischen in Beziehung und kann auch als eine Metapher f\u00fcr die Begegnung von Kunst und Grundlagenforschung dienen. Die Veranstaltungen des <em>Dark Matter Days<\/em> und der <em>Nacht des Wissens<\/em> (4. Nov.) werden zum Anlass genommen, um das Abenteuer dieser Begegnung einer gro\u00dfen \u00d6ffentlichkeit darzubieten. Beide Seiten haben ihre M\u00fche damit, das Unsichtbare sichtbar zu machen, ihre Vermutungen und Verfahren zu erkl\u00e4ren und die Ergebnisse von Prozessen, die im Verborgenen stattfinden, nachvollziehbar darzustellen, sofern nicht schon beeindruckende Gr\u00f6\u00dfe die Besucher zum Schweigen bringt.<\/p>\n<div id=\"attachment_741\" style=\"width: 1219px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/WP_20171031_18_31_49_Pro01konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-741\" class=\"size-full wp-image-741\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/WP_20171031_18_31_49_Pro01konv.jpg\" alt=\"\" width=\"1209\" height=\"680\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/WP_20171031_18_31_49_Pro01konv.jpg 1209w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/WP_20171031_18_31_49_Pro01konv-300x169.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/WP_20171031_18_31_49_Pro01konv-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/WP_20171031_18_31_49_Pro01konv-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/WP_20171031_18_31_49_Pro01konv-500x281.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1209px) 100vw, 1209px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-741\" class=\"wp-caption-text\">Julia M\u00fcnstermann: Electric Shadow, 2017 in der Beschleuniger-Testhalle am DESY Hamburg, Foto: johnicon @VG Bild-Kunst<\/p><\/div>\n<h3>Aufwand und Ertrag<\/h3>\n<p>Hier zeigt sich wie ungleich die Mittel zur Gewinnung von Erkenntnissen verteilt sind und welcher Aufwand welchem Ertrag gegen\u00fcber steht. Solche Einw\u00e4nde kennen K\u00fcnstler und Forscher gleicherma\u00dfen. Dennoch ist es zu einfach, die Gemeinsamkeiten zwischen Grundlagenforschern und K\u00fcnstlern darin zu sehen, dass beide Seiten etwas suchen w\u00fcrden, dass sie nicht kennen, also ergebnisoffen experimentieren. Das kann bestenfalls als erste These dienen, denn kaum etwas ist materiell gesehen asymmetrischer wie ein Forschungsvorhaben, das Milliarden von Euros ben\u00f6tigt und f\u00fcr das Wissenschaftler, Ingenieure, Industrieunternehmen und Handwerker Maschinen-Prototypen entwickeln und realisieren, auf der einen Seite und auf der anderen die oft individuelle k\u00fcnstlerischen Praxis in Ateliers, f\u00fcr deren Miete Jobs angenommen werden m\u00fcssen. Allerdings \u2013 und das muss man festhalten \u2013 wurden auch die Grundlagen der Kernphysik z.B. in der K\u00fcche von Marie Curie gewonnen. Vielleicht stehen ja die Arbeiten mancher K\u00fcnstler heute dort, wo die Kernphysik vor einem Jahrhundert stand, als man noch mit geringen Ressourcen in zeitraubender Kleinarbeit grundlegende Erkenntnisse gewinnen konnte.<\/p>\n<h3>15% zu 85%<\/h3>\n<p>Am Ende muss offen bleiben, ob sich Bilder, Objekte oder Installationen, die sich unter den Bedingungen der Produktion und den M\u00f6glichkeiten des Materials st\u00e4ndig ver\u00e4ndern, strukturelle \u00c4hnlichkeiten mit einem Forschungsprojekt haben, das zwar ergebnisoffen ist, aber die M\u00f6glichkeit des Scheiterns einkalkulieren muss? M\u00f6glicherweise kommt es gerade auf den kaum zu fassenden Zustand des Flie\u00dfens an, der auch eine Herausforderung der Teilchenforschung ist, denn es ist so eigenartig wie eigent\u00fcmlich, dass sich Teilchen unter Beobachtung anders verhalten als unbeobachtet. Man hat es immerhin errechnet, aber wer wei\u00df, was es damit auf sich hat? Dreht sich die <em>Dunkle Materie<\/em> einfach weg, wenn man sie sucht? So etwas Verr\u00fccktes annehmen k\u00f6nnten nur K\u00fcnstler, denkt man, doch m\u00fcssen auch Wissenschaftler zu Allem entschlossen sein, um neue Wege zu gehen. Es scheint, dass wir aktuell an einem Scheideweg stehen, an dem allein die Menge der Mittel und die Gr\u00f6\u00dfe der Apparaturen nicht mehr ausreichende Voraussetzungen sind, um Zufallstreffer zu erzielen. Wie kann es sein, dass offensichtlich 85% der Materie im Weltraum den menschlichen Sinnen und Maschinen entgeht? Da die Gesetze der Physik mit den als Materie nachweisbaren 15%\u00a0 der Stofflichkeit des Weltalls nicht aufrecht erhalten werden k\u00f6nnen, muss die fehlende Materie nachgewiesen werden, oder alle Grundlagen der Physik m\u00fcssen \u00fcberpr\u00fcft werden. Aufgrund der vielen Fragen, die zur Zeit nicht beantwortet werden k\u00f6nnen, ist es ein gutes Zeichen, dass Physiker und K\u00fcnstler zusammenfinden, um schlie\u00dflich auch die Grundlagen des Denkens und der Anschauung zu \u00fcberpr\u00fcfen. Letzteres \u2013 also die Wahrnehmung \u2013 ist ein Problem der \u00c4sthetik, womit wir ein wirklich interdisziplin\u00e4res Projekt vor uns haben.<\/p>\n<div id=\"attachment_742\" style=\"width: 690px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/WP_20171031_17_18_41_Pro02konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-742\" class=\"size-full wp-image-742\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/WP_20171031_17_18_41_Pro02konv.jpg\" alt=\"\" width=\"680\" height=\"1209\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/WP_20171031_17_18_41_Pro02konv.jpg 680w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/WP_20171031_17_18_41_Pro02konv-169x300.jpg 169w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/WP_20171031_17_18_41_Pro02konv-576x1024.jpg 576w\" sizes=\"auto, (max-width: 680px) 100vw, 680px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-742\" class=\"wp-caption-text\">Jan K\u00f6chermann: Frassek Space Collector, Objekt, verschiedene Materialien 2017 @desy #artmeetsscience Foto: johnicon @ VG Bild-Kunst 2017<\/p><\/div>\n<p>Kommen wir nach diesem Ausflug noch einmal zur Ausstellung von Wolfgang Tillmans zur\u00fcck. Nach der Begegnung mit <em>Dunkler<\/em> <em>Materie<\/em> ist es vielleicht erhellend, die M\u00f6glichkeit zu erw\u00e4gen, dass ein K\u00fcnstler seine Bilder den Blicken entzieht, um das Offensichtliche zu verbergen. M\u00f6glich ist auch, dass er sich daf\u00fcr sch\u00e4mt und sie ins Halbdunkel h\u00e4ngt, damit sie mehr Intimit\u00e4t haben. Doch muss man fragen, warum ein etablierter und vielfach ausgezeichneter Fotok\u00fcnstler immer wieder auf Objekte zur\u00fcckgreift? Warum ist es so reizvoll die flachen Exponate mit der Haptik und Dreidimensionalit\u00e4t von Objekten zu konfrontieren, obwohl jeder wei\u00df, dass ein Abbild nicht das Original sein kann? Im Kunstverein sind es Steine, die verkleinerte Varianten von Gebirgen, also mithin der Erdgeschichte, sind und Briefmarken, die u. a. Miniaturen von Landschaften, St\u00e4dten und historischen Gegebenheiten darstellen. Vielleicht ist es das, was die Autoren des Kunstvereins mit \u201eZeit\u201c meinen. Ein anderes Modell bietet Jan K\u00f6chermann an. Er hat den <em>Frassek Space Collector<\/em> auf einem Fahrzeug installiert, um Materie zu sammeln und zu messen. Der K\u00fcnstler erz\u00e4hlt die Geschichte von Frassek, einem Naturforscher, der in der DDR mit seinen Experimenten den Argwohn erweckt habe, Esoteriker zu sein. Unter den heutigen Bedingungen, also der Unsicherheit \u00fcber die Existenz von <em>Dunkler Materie<\/em>, bekommen solche Experimente am Rande der Scharlatanerie neue Aktualit\u00e4t; denn was w\u00e4re, wenn sich der enorme technologische und fiskalische Aufwand f\u00fcr die Suche nach <em>Dunkler Materie<\/em> als Flop erweist oder Frassek gar nicht existiert h\u00e4tte?<\/p>\n<p><em>Art Meets Science<\/em>, Notkestra\u00dfe 85 ist noch bis zum 9. 11. ge\u00f6ffnet. Dokumentation, weitere Texte, Pressespiegel und Hinweise auf der Homepage: <a href=\"http:\/\/www.desy.de\/artmeetsscience\"><strong>www.desy.de\/artmeetsscience<\/strong><\/a> <strong>\u00a0\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p><em>Wolfgang Tillmans: Zwischen 1943 und 1973 lagen 30 Jahre. 30 Jahre nach 1973 war das Jahr 2003<\/em>, Klosterwall 23 ist noch bis zum 12. 11. ge\u00f6ffnet.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.kunstverein.de\"><strong>www.kunstverein.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Linsentr\u00fcbung Sturmtief \u201eHerwart\u201c stoppte fast alle Z\u00fcge im Hauptbahnhof, so dass ich meine Schritte in die eigene Stadt lenkte und dem Kunstverein in Hamburg einen Besuch abstattete. (Auch wochentags erst ab 12 Uhr ge\u00f6ffnet!) 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