{"id":731,"date":"2017-10-20T17:05:15","date_gmt":"2017-10-20T15:05:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=731"},"modified":"2017-10-20T17:05:15","modified_gmt":"2017-10-20T15:05:15","slug":"klingen-in-huellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=731","title":{"rendered":"Klingen in H\u00fcllen"},"content":{"rendered":"<p>Die Ank\u00fcndigung der \u201eperformativen Skulptur\u201c \u201ein-visible\u201c von Florian Huber als 2. Akt des St\u00fcckes \u201eRegeldrama\u201c ruft die KATASTASE auf, die im antiken griechischen Drama die Bewusstwerdung der Protagonisten bezeichnet, die aufbegehrend zur Erkenntnis kommen und sich schlie\u00dflich handelnd wiederfinden. So begegnen sie dem Verlust des kindlichen Einvernehmens mit dem Leben, denn als Heranwachsende m\u00fcssen sie sich nunmehr Tod und Gewalt stellen und erfahren Schmerzen.<\/p>\n<p>Huber hat ein Bild daf\u00fcr gefunden, das er als Installation mit 30 Meter S-Draht aufgebaut hat. Seine Aktion ver\u00e4ndert diesen mit messerscharfen Klingen bewehrten spiralig ausziehbaren Draht mit Schafsdarm. Geduldig schiebt er Meter um Meter des f\u00fcr die Wurstherstellung gereinigten D\u00fcnndarms zun\u00e4chst auf ein St\u00fcck Schlauch, mit dessen Hilfe er das zarte aber unglaublich feste Gewebe schlie\u00dflich um den klingenbewehrten Draht zieht.<\/p>\n<div id=\"attachment_734\" style=\"width: 2058px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IMG_20171013_205856.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-734\" class=\"size-full wp-image-734\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IMG_20171013_205856.jpg\" alt=\"\" width=\"2048\" height=\"1536\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IMG_20171013_205856.jpg 2048w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IMG_20171013_205856-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IMG_20171013_205856-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IMG_20171013_205856-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/IMG_20171013_205856-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 2048px) 100vw, 2048px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-734\" class=\"wp-caption-text\">Florian Huber, KATASTASE (performative Skulptur), 2025 Kunst und Kultur e.V., Hamburg, Foto: johnicon @VG Bild-Kunst<\/p><\/div>\n<h2>Martialische Sperren<\/h2>\n<p>Durch die Aktion wird der Draht umh\u00fcllt und seine Gef\u00e4hrlichkeit zumindest symbolisch reduziert. Das ist der Befund, doch hat das St\u00fcck heute weitgehende Implikationen, weil es in einem Europa spielt, in dem die einige Jahrzehnte offenen Grenzen im vermehrten Ma\u00df wieder geschlossen werden. Wer an den messerscharfen Klingen h\u00e4ngen bleibt, riskiert beim Versuch, solche martialischen Absperrung zu \u00fcberwinden, sich im federnden Draht immer st\u00e4rker zu verheddern und schlie\u00dflich zu verbluten.<\/p>\n<p>Der Logik des St\u00fcckes und der Technologie des Drahts folgend umh\u00fcllt der Darm die scharfen Zacken real und d\u00e4mpft zumindest symbolisch ihre Sch\u00e4rfe. Doch l\u00e4sst sich im Draht, der mit dem transparenten tierischen Gewebe symbolisch-wahnwitzig geb\u00e4ndig wird, im Hinblick auf die Menschen und Gemeinwesen, die sich dahinter verschanzen, auch eine weitere Aussage lesen. Es zeigt sich das Selbstbild derjenigen, die sich einz\u00e4unen. Die Einheger, die sich von Schmerz, ja sogar von Unbequemlichkeit, befreien wollen, vermeiden es offensichtlich, sich der Katastase zu stellen und versuchen so das eigene Erwachsenwerden zu umgehen. Daher muss denen, die sich hinter Drahtverhauen verschanzen, eine narzisstische St\u00f6rung unterstellt werden. Sie wollen ihrer kindlichen Bruchlosigkeit nicht entwachsen und versuchen diejenigen aufzuhalten, die erwachsen genug sind, um zu handeln. Diese versuchen unertr\u00e4glichen Verh\u00e4ltnissen zu entkommen und werfen sich wie die jungen Helden des antiken Dramas in die Welt. Auf ihrer Flucht haben sie schon bewiesen, dass sie mit solchen Hindernissen fertig werden k\u00f6nnen, was nat\u00fcrlich die Furcht derer, die sich in ihrer EXPOSITION (1. Akt von \u201eRegeldrama\u201c) einigeln, noch erh\u00f6ht.<\/p>\n<h2>Zeitdimension der Aktion<\/h2>\n<p>Das Besondere des St\u00fccks ist die Dauer der Handlung, die sich in ihrer handwerklichen Einfachheit dem Zuschauenden schon nach einem Durchgang erschlossen hat. Dennoch blieben die meisten Anwesenden, allein um dem K\u00fcnstler beizustehen oder um den Fortgang der Aktion zu gew\u00e4hrleisten. Eine stille Anfeuerung vielleicht f\u00fcr eine Fortsetzung<\/p>\n<div id=\"attachment_733\" style=\"width: 522px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1507931308818.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-733\" class=\"size-full wp-image-733\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1507931308818.jpg\" alt=\"\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1507931308818.jpg 512w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1507931308818-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/1507931308818-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-733\" class=\"wp-caption-text\">Florian Huber, KATASTASE (performative Skulptur), 2025 Kunst und Kultur e.V., Hamburg, Foto: johnicon @VG Bild-Kunst<\/p><\/div>\n<p>des Tuns, das man langweilig nennen k\u00f6nnte, wenn es nicht eine Aufgabe enthalten h\u00e4tte, wie z.B. \u00fcber das Gesehene nachzudenken. Dabei ist die Zeit nicht unerheblich, die uns im Alltag offensichtlich so oft fehlt und der man auch im Theater kaum begegnet, wo es immer Schlag auf Schlag gehen muss. Hier wird eben die Symbolik, von der man meint, dass sie eine Kurzform ist, zu einer Langform: Die Durchf\u00fchrung des Symbols \u2013 also des Drahts durch den Darm \u2013 erwies sich als ausgesprochen langwierig und ver\u00e4nderte so auch den Symbolbegriff hin zum Erkenntnisakt, der wiederum in der Vorstellung einer konkreten leiblichen Handlung einen \u00e4u\u00dferst scharfen Schmerz evozieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Trotz allem leben wir heute nicht mehr in der Antike und wollen das Schauspiel der Folter nicht geboten bekommen, weshalb K\u00fcnstler M\u00f6glichkeiten wie diese Performance ersinnen. Sie arbeiten daran, wenn auch symbolisch, den Schmerz zu bezwingen. Doch ist das nur ein weiterer Hinweis darauf, dass er uns in welcher Weise auch immer, weiter qu\u00e4lt.<\/p>\n<p>Die Aktion fand statt am 13. 10. 2017 im<strong> 2025 Kunst und Kultur e.V<\/strong>. Ruhrstrasse 88\u00a0 (Im Hinterhof, gr. zweispurige Toreinfahrt, bis zum Ende durchgehen), 22761 Hamburg.\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Dort wird am 20.10. von 20-23 h Retardation, der 3. Teil des St\u00fcckes \u201eRegeldrama\u201c (in 4 Teilen) gezeigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ank\u00fcndigung der \u201eperformativen Skulptur\u201c \u201ein-visible\u201c von Florian Huber als 2. Akt des St\u00fcckes \u201eRegeldrama\u201c ruft die KATASTASE auf, die im antiken griechischen Drama die Bewusstwerdung der Protagonisten bezeichnet, die aufbegehrend zur Erkenntnis kommen und sich schlie\u00dflich handelnd wiederfinden. 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