{"id":718,"date":"2017-09-13T01:00:30","date_gmt":"2017-09-12T23:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=718"},"modified":"2017-09-13T01:00:30","modified_gmt":"2017-09-12T23:00:30","slug":"unkraeuter-und-werke-im-schatten-documenta14-vom-ende-her-betrachtet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=718","title":{"rendered":"Unkr\u00e4uter und Werke im Schatten. Documenta14 vom Ende her betrachtet"},"content":{"rendered":"<p>Viele Werke der documenta 14 werden zum Ende der Ausstellung immer besser: \u201eDie lebende Pyramide\u201d von Agnes Denes bl\u00fcht und gr\u00fcnt im Septembersonnenlicht, das sie zum Abschied aufleuchten l\u00e4sst. Obwohl nicht alle Besucher in den Nordstadtpark gepilgert sind, ist Denes eine der Schl\u00fcsselfiguren dieser documenta, weil sie Konzept-Kunst mit \u00f6kologischen und sozialen Themen verkn\u00fcpft hat. Aus Ungarn in die USA emigriert, steht sie au\u00dferdem f\u00fcr den Emanzipationsprozess einer Gefl\u00fcchteten.<\/p>\n<div id=\"attachment_720\" style=\"width: 916px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_15_44_02_Pro__highres02konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-720\" class=\"size-full wp-image-720\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_15_44_02_Pro__highres02konv.jpg\" alt=\"\" width=\"906\" height=\"1209\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_15_44_02_Pro__highres02konv.jpg 906w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_15_44_02_Pro__highres02konv-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_15_44_02_Pro__highres02konv-768x1025.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_15_44_02_Pro__highres02konv-767x1024.jpg 767w\" sizes=\"auto, (max-width: 906px) 100vw, 906px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-720\" class=\"wp-caption-text\">Agnes Denes, \u201cThe Living Pyramid\u201d, 900x900x900 cm, Nordstadtpark, Kassel, 2017, \u00a9johnicon, VG-Bild-Kunst<\/p><\/div>\n<h2>Humanistische Bildung und indigene V\u00f6lker<\/h2>\n<p>Der Name Athen setzt bei humanistisch gebildeten Kritikern leider nur eine Philosophiemaschine in Gang, die an den sagenhaften heidnischen St\u00e4mmen Hellas\u2018 vorbeif\u00e4hrt, ohne ihre Rituale und Feste zu w\u00fcrdigen. Aby Warburg zog diese in Betracht, um das Fleisch an den verblichenen Knochen der steinernen \u00dcberreste der Antike zu erg\u00e4nzen, damit vorstellbar wird, wie sich die Menschen wohl in den noch erhaltenen Grundrissen der Tempelbezirke und St\u00e4dte benommen haben k\u00f6nnten. Deshalb beobachtete er die Oraibi beim Schlangentanz und verglich auf seiner Reise nach New Mexico die noch lebendigen archaischen Kulturen mit seinem Wissen \u00fcber Antike und italienische Renaissance. Die daraus gezogenen Erkenntnisse pr\u00e4gten Warburgs Leitspruch: \u201eAthen, Oraibi, alles Vettern.\u201c Zum Verst\u00e4ndnis der d14 k\u00f6nnen solche Studien beitragen, die in der Folge von Warburg die Zusammenh\u00e4nge zwischen\u00a0 visuellen kulturellen \u00c4u\u00dferungen und dem Aktionspotential von K\u00f6rpern untersucht haben. Beides ist in der Vorgeschichte verwurzelt, und das im K\u00f6rper gespeicherte Bewegungsrepertoire bestimmt bis heute physische \u00c4u\u00dferungen und spontanes Handeln. Sehr sinnreich war daher die Entscheidung der Kuratoren, die Bibliothek mit 180 in den letzten zehn Jahren ver\u00f6ffentlichten B\u00fcchern \u00fcber Tanz, Bewegung und Performances, die Annie Vigier &amp; Franck Apertet zusammengestellt haben, im Nordfl\u00fcgel der Torwache unterzubringen, die Ibrahim Mahama mit Jutes\u00e4cken und Leder verh\u00fcllt hat. Sein \u201eCheck Point Sekondi Loco 1901-2030\u201c ist ein weiteres tempor\u00e4res Denkmal, aus rohen und gebrauchten Materialien, die dem Transport kolonialer Lebensmittel und Rohstoffe dienen. Inhalt und Oberfl\u00e4che der Torwache vereinen so die Lebenslinien, die uns mit den Kontinenten, darunter Afrika, immer schon verbunden haben, bilden gleichzeitig auch die Ein- und Ausgangskontrollen ab, die ebenso im Hinblick auf Kleidung, Benehmen und K\u00f6rperlichkeit gelten.<\/p>\n<div id=\"attachment_721\" style=\"width: 605px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_18_04_05_Pro03konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-721\" class=\"size-full wp-image-721\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_18_04_05_Pro03konv.jpg\" alt=\"\" width=\"595\" height=\"880\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_18_04_05_Pro03konv.jpg 595w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_18_04_05_Pro03konv-203x300.jpg 203w\" sizes=\"auto, (max-width: 595px) 100vw, 595px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-721\" class=\"wp-caption-text\">IbrahimMahama, Check Point Sekondi Loco 1901-2030, 2016 \u2013 2017, 1729 qm Jute und Leder, Torwache, Kassel 2017, \u00a9johnicon, VG-Bild-Kunst<\/p><\/div>\n<p>Wenn nach Warburg die gemeinsamen Wurzeln der Kultur k\u00f6rpersprachlich verbreitet werden, dann verf\u00fcgen alle Menschen \u00fcber ein solches Potential. Und weil die mit den Vorgaben der Evolution ausgestatteten K\u00f6rper sich den kulturellen Vorgaben gegen\u00fcber oft widerspenstig verhalten, werden sie gez\u00fcchtigt, gefoltert, gesch\u00e4ndet und ausgebeutet. Die Herrschenden und ihre Vasallen h\u00fcllen ihre K\u00f6rper in die Zwangsjacken des Design, der Uniformen und der Disziplin, um die als bedrohlich empfundene Wildheit einzukapseln. Ersatzweise wird sie in den K\u00f6rpern der Anderen, der Indigenen, der Aborigines, der Nomaden, der Feinde und der Andersdenkenden verortet. Daf\u00fcr l\u00e4sst man sie knechten und massakrieren, w\u00e4hrenddessen man eigene Exzesse verbirgt und die Sch\u00e4ndung durch Schergen verrichten l\u00e4sst. Diesen Zusammenh\u00e4ngen geht die documenta 14 mit zahlreichen Exponaten, Sonderveranstaltungen und Performances nach.<\/p>\n<h2>\u201aUnkraut vergeht nicht\u2018, hei\u00dft es<\/h2>\n<p>Eingeladen wurden erstmals auch zwei samische K\u00fcnstler, die einem der letzten nomadischen V\u00f6lker angeh\u00f6ren. Joar Nango drehte auf seiner Fahrt vom Polarkreis nach Athen Material f\u00fcr seine \u201eDocumentation of European Everything\u201c, das er in einem kurzen Video zusammengefasst hat. Dieses kann aus dem Laderaum des Kleintransporters angeschaut werden, mit dem er die Fahrt von der Nordspitze Europas an das Mittelmeer unternommen hat. Er ist ein K\u00fcnstlerkollege von M\u00e1ret \u00c1nne Sara, die sich mit den Eingriffen der norwegischen Regierung in die Rentierzucht besch\u00e4ftigt, die die Lebensweise der Samen in Skandinavien bedroht. Das Umherziehen von Menschen und Tierherden, das auf dem Kontinent durch Grenzziehungen, Mauern, Z\u00e4une etc. zum Erliegen gebracht worden ist, wird durch Nangos Fahrt belebt. Er definiert das Nomadische als eine Entdeckungsreise neu, die sich von der Zweckm\u00e4\u00dfigkeit der allgemeinen motorisierten Fortbewegung abgrenzt, um in einen freibeuterischen Modus einer Fahrt ohne Fahrplan von Entdeckung zu Entdeckung zu schalten. Sie f\u00fchrt ihn in die Peripherie, also in unbesiedeltes \u00d6dland mit M\u00fcllrecycling und Menschen in ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. Schwierigkeiten, geeignete Wege zu finden und die Grenzen zu \u00fcbertreten, hatte auch Ross Birells aus Schottland, der mit einer Gruppe auf vier Pferden von Athen nach Kassel geritten ist.<\/p>\n<p>Diesen Aspekt des Randst\u00e4ndigen hat Louis Weinberger auf die Pflanzenwelt bezogen. Um den Nomaden unter den Pflanzen einen Platz zu bieten, hat er einen Streifen Erde in der Karlsaue freigelegt, damit sich dort Ruderien, also die Unkr\u00e4uter \u2013 die <em>Harten Hunde<\/em> unter den Pflanzen \u2013 zusammenrotten konnten. \u201eRuderale Gesellschaft\u201c nennt er sie deshalb. Diese duldet man nicht einmal vor der T\u00fcr, weshalb diese Indigenen unter den Pflanzen noch in den Fugen der Gehwegplatten der D\u00f6rfer und Vorst\u00e4dte mit giftigen Chemikalien zerst\u00f6rt werden.<\/p>\n<h2>Ein \u201eLob des Schattens\u201c<\/h2>\n<p>Weil selbst die Nachfolger der Hippies und Rucksacktouristen mit Flugzeugen schnell, kosteng\u00fcnstig und direkt ihre Urlaubsziele erreichen, verschwinden die nomadisierenden Reisen und das Dahinzockeln \u00fcber Land. Daneben ver\u00f6det auch die besondere Form der Kommunikation mittels Mail-Art, durch die sich Enthusiasten mittels postalischer Zusendung kleiner Kunstwerke gegenseitig erfreuten. Ein Teil der sch\u00f6nsten Beispiele dieser graphischen Kunst blieb dem Kunstpublikum verborgen, bis die Kuratoren der documenta14 Ruth Wolf-Rehfeldt entdeckten. Sinnigerweise wird ihre Typografie- und Buchstabenkunst in der Neuen Hauptpost ausgestellt, die als \u201eNeue Neue Galerie\u201c firmiert. Wie meisterhaft Wolf-Rehfeldt ihre Kunst beherrscht, die sie aus Visueller Poesie entwickelte, l\u00e4sst sich an den r\u00e4umlich dargestellten K\u00f6rpern ablesen, die sie mit zehntausenden fehlerfreien Anschl\u00e4gen aufs Papier gebracht hat.<\/p>\n<div id=\"attachment_722\" style=\"width: 1219px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_14_19_27_Pro-201konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-722\" class=\"size-full wp-image-722\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_14_19_27_Pro-201konv.jpg\" alt=\"\" width=\"1209\" height=\"680\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_14_19_27_Pro-201konv.jpg 1209w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_14_19_27_Pro-201konv-300x169.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_14_19_27_Pro-201konv-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_14_19_27_Pro-201konv-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/WP_20170904_14_19_27_Pro-201konv-500x281.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1209px) 100vw, 1209px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-722\" class=\"wp-caption-text\">Ruth Wolf-Rehfeldt, Schreibmaschinengrafiken, 1979. Neue Neue Galerie, Kassel 2017<\/p><\/div>\n<p>Zu den Entdeckungen, die dem Namen und der urspr\u00fcnglichen Intention der documenta-Ausstellungen gerecht wird, n\u00e4mlich die durch Kriege und Katastrophen gerissenen L\u00fccken durch Dokumentieren zu schlie\u00dfen, geh\u00f6rt auch die 1922 in Wien geborene Elisabeth Wild, die mit ungebrochener Schaffenskraft farbige Papiere ausschneidet und diese noch letztes Jahr zu 40 in der Neuen Galerie ausgestellten Collagen verdichtet hat, die ihresgleichen suchen. Durch Unterdr\u00fcckung, Vertreibung und Modernisierung blieben nach der Wende auch zahlreiche K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen au\u00dferhalb der Scheinwerfer, die die Kunstwelt absuchen. Die d14 bringt die Werke von Erna Rosenstein, Wladyslaw Strzeminski, Maria Lai u.a. ans Licht und kann die oft fragilen Arbeiten aus empfindlichen Farben und Malmitteln auf s\u00e4urehaltigen Papieren aus konservatorischen Gr\u00fcnden doch nur in schwach ausgeleuchteten Kabinetten ausstellen. Dabei bringt gerade das gedimmte Licht einen wichtigen Aspekt der Ausstellung hervor, der unter Kritikern unbeachtet geblieben ist. Das Dogma des grell beleuchteten White Cube hat das schwache Licht obsolet gemacht. Schatten sind unpopul\u00e4r, obwohl \u201eLob des Schattens\u201c von Tanizaki Juni\u2018chiro in den Bibliotheken vieler Kunstfreunde zu finden ist. Dort d\u00e4mmert die Einsicht, dass wenig Licht auch Kennzeichen von Spiritualit\u00e4t ist. Die Kirchenspaltungen haben diesen Aspekt der Religion aus dem Zentrum nach Osten abgedr\u00e4ngt. Und nach der Eroberung von Byzanz hat sich diese kontemplative weltabgewandte Form der Orthodoxie besonders in Griechenland und auf dem Balkan gehalten. Um die Zust\u00e4nde in Europa besser zu verstehen, k\u00f6nnte dieser an den Rand gedr\u00e4ngte Teil der Kulturgeschichte Europas bedeutsam sein. Wo finden die Reste von Spiritualit\u00e4t in einem wirtschaftlich und wissenschaftlich hyperaktiven Europa ihren Platz? Wie sich in Kassel zeigt, bleiben in der Kunst und im Ausstellungswesen Reste dieser Traditionen erhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Werke der documenta 14 werden zum Ende der Ausstellung immer besser: \u201eDie lebende Pyramide\u201d von Agnes Denes bl\u00fcht und gr\u00fcnt im Septembersonnenlicht, das sie zum Abschied aufleuchten l\u00e4sst. 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