{"id":705,"date":"2017-07-14T13:17:43","date_gmt":"2017-07-14T11:17:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=705"},"modified":"2017-07-17T23:04:26","modified_gmt":"2017-07-17T21:04:26","slug":"papier-und-fett-im-werk-von-thomas-demand-und-joseph-beuys","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=705","title":{"rendered":"Papier und Fett im Werk von Thomas Demand und Joseph Beuys"},"content":{"rendered":"<p>Wenn Thomas Demand vom Werk Joseph Beuys&#8216; nur den Song \u201eSonne statt Reagan\u201c als politisch relevant gelten lassen will und die Objekte und Installationen als irrelevant empfindet, spricht er seinem eigenen Werk die Wirkung ab, die schon durch die Entscheidung f\u00fcr ein in der Plastik ungebr\u00e4uchliches Material ausgel\u00f6st wird.<\/p>\n<p>Das ist eine Gemeinsamkeit und die andere liegt eher darin begr\u00fcndet, dass sich beide K\u00fcnstler die R\u00e4nder und Extreme der Kunstgattung ausgesucht haben, um Wirkungen zu erzielen, bzw. sich der gattungsspezifischen Zuordnung und damit der theoretischen Ab-\/Qualifikation zu entziehen.<\/p>\n<p>Papier und Fett sind zwei Materialien, deren Vermischung gew\u00f6hnlich als ekelhaft empfunden wird. Und Fett durchdringt Papier, weshalb es manche schon als Sch\u00fcler in Form der Pausenbrott\u00fcte als penetrant empfunden haben. So ist sie wohl auch wegen dieser Eigenschaft in Misskredit geraten. Bestenfalls wird noch das Wachspapier akzeptiert. Obwohl das bei Zimmertemperatur feste Wachs zum Impr\u00e4gnieren von Papier noch akzeptiert wird, ist Fett, das beim Anfassen des fettgetr\u00e4nkten Papiers auf die Haut \u00fcbergeht verp\u00f6nt. Darin liegt seine subversive Qualit\u00e4t, die im Sinne der \u00dcberlegungen zum \u201eAbject\u201c, die Julia Kristiva ausgef\u00fchrt hat, zur \u00dcberwindung des Ekels und mithin zu einem emanzipativen Akt f\u00fchren kann.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Im Hinblick auf die Kunstgattung der Plastik ist Papier sperrig und Fett zwar gut formbar, doch meist zu weich und chemisch an der Oberfl\u00e4che reaktionsf\u00e4hig, so dass es zur Bildung stark riechender Fetts\u00e4uren kommt. Diese Eigenschaften f\u00fchren dazu, dass beide Materialien in ihrer Verschiedenheit auf ihre Weise als grenzwertig zu bezeichnen sind. Das hat k\u00fcnstlerische Konsequenzen darin, dass Demand gerade und rechtwinkelige Formen bevorzugt, w\u00e4hrend Beuys \u2013 und hier greife ich einmal den Ansatz der Anthroposophie auf \u2013 sich dem rechten Winkel verweigert. Die Ecken beim Fett sind sehr kurzlebig, weil sie leicht abbrechen oder abschmelzen. Und gerade dies hat Beuys interessiert, denn er hat die Ecken des Raums mit Fett getilgt, wodurch der Raum einer Kugel angen\u00e4hert wird. Das wurde bisher \u00fcbersehen, weil sich die Lesart vom Begriff \u201eFettecke\u201c leiten lie\u00df und Beuys mit seinen \u00c4u\u00dferungen \u00fcber das Kristalline auch noch eine falsche F\u00e4hrte ausgelegt hatte.<\/p>\n<p>Demand geht ganz anderen konstruktiven Problemen nach, denn er muss Kleben und Fixieren, die Farben der R\u00e4ume ber\u00fccksichtigen, die er rekonstruierend konstruiert. Die Raumverh\u00e4ltnisse m\u00fcssen so gestaltet werden, dass sie in der Fotografie dem Raumempfinden entsprechend r\u00fcberkommen. Dann erscheinen sie wie die Innenarchitektur, die dargestellt werden soll. Demand schafft, um nachzuschaffen, w\u00e4hrend Beuys durch origin\u00e4res Schaffen einen imagin\u00e4ren Raum herstellt. Das Werk beider K\u00fcnstler erfordert eine aktive geistige T\u00e4tigkeit, um den durch die Materialien geschaffenen Raum und die diesen konstituierenden \u00a0Raumvorstellungen zu begreifen.<\/p>\n<p>Beide K\u00fcnstler gehen an die Extreme des Raums. Der eine untersucht die H\u00fcllen und geht an die Raumbegrenzungen und der andere geht an die Masse, die den Raum f\u00fcllt. Dabei muss man bedenken, dass auch die massiven Talgmassen durch Oxydation in Wasserdampf und Kohlendioxyd verwandelt werden k\u00f6nnen, bis sie f\u00fcr das menschliche Auge unsichtbar geworden sind.<\/p>\n<p>Nicht unerheblich ist die Tatsache, dass beide Materialien, also Papiere wie auch Fette spezifische Ger\u00fcche abgeben. Das liegt am Prozess ihrer Gewinnung aber auch an den chemischen Eigenschaften. Papier besteht aus Zellstoff, der mit Wasser und Bleichstoffen aus Pflanzenfasern gewonnen wird, w\u00e4hrend Fett aus Tieren oder Pflanzen herausgeschmolzen wird. Es handelt sich um reine Produkte, die durch Raffinierung in mehr oder weniger gro\u00dfen Reinheitsgraden aus Lebewesen hergestellt werden. Auch dadurch unterscheiden sie sich von Kunststoffen, Metallen, Gips und M\u00f6rtel, die mineralischen Ursprungs und charakteristisch f\u00fcr die Materialien der Plastik sind. Tendenziell sind Papier und Fett nicht sehr best\u00e4ndig. Demand beugt dem durch die fotografische Umsetzung vor, die das vorzeigbare Werk darstellt, und Beuys durch Masse, die sich einer schnellen Aufl\u00f6sung widersetzt.<\/p>\n<p>Das zumindest sind in aller K\u00fcrze formuliert die Grundlagen der Distanzierung von der klassischen Kunstgattung der Plastik, die wiederum eine Grundlage f\u00fcr eine Untersuchung der politischen Wirkung beider K\u00fcnstler sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>\u00a9Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Dieser Text entstand nach meinem Einwurf gegen Thomas Demand, der Beuys&#8216; plastischem Werk die politische Relevanz absprach, nach einer Podiumsdiskussion \u201eKunst und\/oder Politik\u201c am 12. Juli 2017 in der HfbK, Hamburg. <a href=\"http:\/\/www.hfbk-hamburg.de\/250\">www.hfbk-hamburg.de\/250<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. dazu: Johannes Lothar Schr\u00f6der: Vorsicht bei Fett, Hamburg und Berlin 2016, S. 115-150, Kristeva 130-2<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Thomas Demand vom Werk Joseph Beuys&#8216; nur den Song \u201eSonne statt Reagan\u201c als politisch relevant gelten lassen will und die Objekte und Installationen als irrelevant empfindet, spricht er seinem eigenen Werk die Wirkung ab, die schon durch die Entscheidung &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=705\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[83,145,143,142,144],"class_list":["post-705","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kuenstlerverzeichnis","tag-beuys","tag-demand","tag-fett","tag-papier","tag-plastik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/705","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=705"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/705\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":708,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/705\/revisions\/708"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=705"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=705"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=705"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}