{"id":670,"date":"2017-05-14T20:59:55","date_gmt":"2017-05-14T18:59:55","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=670"},"modified":"2017-05-14T21:03:55","modified_gmt":"2017-05-14T19:03:55","slug":"ein-neuer-wettstreit-der-kuenste","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=670","title":{"rendered":"Ein neuer Wettstreit der K\u00fcnste"},"content":{"rendered":"<p>Der Kunstverein Hamburg organisiert zusammen mit dem Deutschen SchauSpielHaus \u201eJed Martin. Die Karte ist interessanter als das Gebiet\u201c nach dem Roman \u201eKarte und Gebiet\u201c von Michel Houellebecq. Dieses Double Feature aus Ausstellung und Theaterst\u00fcck wurde von Bettina Steinbr\u00fcgge, Anita Schmid und Christoph Luser kuratiert. Verbunden werden beide Teile als Er\u00f6ffnungsfeierlichkeit der Ausstellung mit einem kleinen Spaziergang vom Theater in der Kirchenallee zum Kunstverein am Klosterwall, wobei am 21. April schon ein Teil der Zuschauer, die den Weg in die Kunsthalle einschlugen, verloren ging. Ein interessanter Umstand, weil sich daraus ablesen l\u00e4sst, dass Theaterbesucher um Kunst zu sehen reflexartig die Kunsthalle und nicht den Kunstverein ansteuern. Vielleicht kann die Besonderheit des Projekts das ver\u00e4ndern, indem die Ausstellungser\u00f6ffnung als \u201eTheatrale Feierlichkeit\u201c w\u00e4hrend der bis zum 18. Juni laufenden Ausstellung ritualisiert wiederholt wird. So finden am 16. und am 21. Mai jeweils um 19h im Schauspielhaus und um 20:30h im Kunstverein die dritte und vierte Auff\u00fchrung der Er\u00f6ffnung der Ausstellung statt. Das ist ein gewaltiges Rufzeichen, und au\u00dferdem zieht eine Er\u00f6ffnung ja immer mehr Zuschauer an als eine laufende Ausstellung. Es wird sich zeigen, ob diese \u00dcberlegung aufgeht; denn man muss ja mit der Frage einhaken: Ist Theater schon Ritual oder ist eine Ausstellungser\u00f6ffnung ein Theater?<\/p>\n<p>Nach einem St\u00fcck, das Versatzst\u00fccke aus dem genannten Roman und anderen Quellen als Dialog, Monolog, Statement etc. verlautbarte, um eine Idee zu vermitteln, was in einem K\u00fcnstler vorgehen k\u00f6nnte oder auch nicht, entstand Leere und auch Ratlosigkeit; denn mit der Erforschung dieser Fragen haben sich schon viele WissenschaftlerInnen besch\u00e4ftigt. Ist aber der Zauber aufzul\u00f6sen, der von der Kunst ausgeht? Er verlangt doch vielmehr nach Wiederholung. \u00a0Die Ausweitung einer Ausstellungser\u00f6ffnung zu einer \u201eTheatralen Feierlichkeit\u201c orientiert die Besucher schlie\u00dflich auch in Richtung auf ein \u201awir wollen mehr!\u2018 und bietet einen Vorgeschmack auf die diesj\u00e4hrigen Gro\u00dfereignisse, die an so vielen Orten aufwendig in Szene gesetzt und gefeiert werden. Dazu z\u00e4hlen das <em>Theater der Welt<\/em> in Hamburg, die <em>documenta<\/em>14 in Kassel und Athen, die <em>Biennale<\/em> in Venedig und <em>Skulpturenprojekte<\/em> in M\u00fcnster, um nur einige zu nennen. Viele Ank\u00fcndigungen, Erinnerungen und Hinweise auf Begleitprogramme und Publikationen, Interviews mit Preis- und W\u00fcrdentr\u00e4gern, Verlautbarungen und Life-Streams werden also wieder Postf\u00e4cher f\u00fcllen und schon ohne einen tats\u00e4chlichen Ausstellungsbesuch viel Zeit verbrauchen.<\/p>\n<h2>Wer ist Jed Martin?<\/h2>\n<p>Der Kunstverein m\u00f6chte mit diesem St\u00fcck und einer Ausstellung mit Werken von 10 K\u00fcnstlerInnen, die wahlweise Jed Martin zugeordnet werden oder unter ihren wirklichen Namen gesehen und interpretiert werden k\u00f6nnen, Zuschreibungen und Originalit\u00e4t von Werken in Frage stellen. Nur die Kunstakademien weigern sich noch, K\u00fcnstler als multiple Pers\u00f6nlichkeiten auszubilden, denn dauernde Br\u00fcche und Schwenks einer Person w\u00fcrden dem Kunstmarkt schwer zu vermitteln sein. Deshalb lernen KunststudentInnen zuerst einmal, sich als unverwechselbare Produkte zu vermarkten. Dagegen kann ein Schriftsteller wie Houellebecq relativ ungef\u00e4hrdet eine Person erschaffen, die das ignoriert und trotzdem erfolgreich ist. Daher werden Kunstfreundinnen und -freunde Jed Martin im wirklichen Leben nie treffen. Daf\u00fcr aber k\u00f6nnen sich LeserInnen des Romans f\u00fcr ein paar Euro daran erfreuen, herrauszufinden, wie k\u00fcnstlerischer Fanatismus und die Selbstgef\u00e4lligkeit wachsen, wie Tragik entsteht, denen verzweifelte K\u00fcnstler, zynische Stars und ihr bisweilen selbstbezogenes Publikum immer wieder nachrennen.<\/p>\n<h1>Wer bringt die meisten Menschen auf die Beine?<\/h1>\n<p>Was aber gibt dem Kunstbetrieb gegen\u00fcber der individuellen Lekt\u00fcre eines Buchs seinen Vorzug? Jedenfalls lockt er die Menschen aus ihren Wohnungen in die <em>Giardini<\/em>, die Museen und die Hallen der Biennalen und auf viele andere Weltkunstversammlungspl\u00e4tze der Welt. Die kleine Tour zwischen Theater und Kunstausstellung, die in Hamburg anl\u00e4sslich der \u201eTheatralen Feierlichkeiten\u201c den Besucher abverlangt wird, kann als ein Symbol dieser Reisebereitschaft der Kunst-Affectionados gesehen werden. Die Sehnsucht nach Geselligkeit und der Wunsch, das Fernweh zu stillen, werden von den Kunstevents herausgefordert, w\u00e4hrend Leser und Leserinnen f\u00fcr sich bleiben k\u00f6nnen, solange sie nicht auf Dichterlesungen Widmungen und Autogramme sammeln. Aber ist es nicht auch so, dass Kunst- und Theaterbetrieb heute die Dichte und die Intensit\u00e4t eines gelungenen Buches, wie dem von Houellebecq, schwerlich erreichen, und man sich als Leser fragt, warum man sich \u00fcberhaupt auf die Socken gemacht hat, um eine Theaterkarte zu erwerben und sich \u00fcberdies in die zu einer Ausstellungser\u00f6ffnung zusammengekommene Menschenmenge zu quetschen. Beim Kauf der Eintrittskarte kam es mir schon in den Sinn, dass eventuell diese Karte, die mir sogar erlaubte, den Bus zur Fahrt ins Theater und zur\u00fcck zu nehmen, interessanter sein k\u00f6nnte, als das Gebiet, auf dem doch wieder nur ein weiteres Theaterst\u00fcck aufgef\u00fchrt werden und eine Ausstellung zu sehen sein w\u00fcrde. Beide Veranstaltungen erreichen nicht einmal im Entferntesten die immersiven Qualit\u00e4ten der St\u00fccke von SIGNA. Das Beste am Format der \u201eTheatralen Feierlichkeit\u201c ist also wahrscheinlich der Umstand, dass mit Jed Martin ein Feld er\u00f6ffnet wurde, das es erlaubt, den Wettstreit zwischen den K\u00fcnsten neu zu \u00fcberdenken.<\/p>\n<div id=\"attachment_671\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/7_Jochen-Schmith-Picnic-Blanket-2017-Ausstellungsansicht-Kunstverein-in-Hamburg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-671\" class=\"size-full wp-image-671\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/7_Jochen-Schmith-Picnic-Blanket-2017-Ausstellungsansicht-Kunstverein-in-Hamburg.jpg\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"559\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/7_Jochen-Schmith-Picnic-Blanket-2017-Ausstellungsansicht-Kunstverein-in-Hamburg.jpg 840w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/7_Jochen-Schmith-Picnic-Blanket-2017-Ausstellungsansicht-Kunstverein-in-Hamburg-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/7_Jochen-Schmith-Picnic-Blanket-2017-Ausstellungsansicht-Kunstverein-in-Hamburg-768x511.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/7_Jochen-Schmith-Picnic-Blanket-2017-Ausstellungsansicht-Kunstverein-in-Hamburg-451x300.jpg 451w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-671\" class=\"wp-caption-text\">Jochen Schmith, wahlweise Jed Martin: Picnic Blancet 2017, je 240x170cm, geschredderte Geldscheine, Textilfarbe, Baumwolle, Ausstellungsansicht, courtesy Kunstverein in Hamburg, Copyright photo: Fred Dott<\/p><\/div>\n<h2>Kunstwerke einmal l\u00fcften<\/h2>\n<p>Vielleicht w\u00e4re es nicht schlecht, man w\u00fcrde die 240 x 170 Zentimeter gro\u00dfen Picknickdecken des K\u00fcnstlerkollektivs Jochen Schmith wirklich einmal in einem Park ausbreiten und auf dem sauerkrautartig auf Hosentaschenstoff fixierten Schredder von Banknoten feiern. Dann w\u00e4ren die Fl\u00e4chen nicht nur nach dem Muster von Parkanlagen kartografiert, sondern bek\u00e4men obendrauf eine Impr\u00e4gnierung durch die Feiernden und von Untendrunter w\u00fcrde ihnen der Rasen als Muster aufgepr\u00e4gt. Das Leben w\u00fcrde sozusagen das Kunstwerk patinieren wie die H\u00e4nde einst die zirkulierenden Geldscheine!<\/p>\n<p>Ausstellung im Kunstverein in Hamburg, Klosterwall 23, Hamburg<br \/>\nge\u00f6ffnet: Di.-So. 12-18h, bis 18. Juni<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kunstverein Hamburg organisiert zusammen mit dem Deutschen SchauSpielHaus \u201eJed Martin. Die Karte ist interessanter als das Gebiet\u201c nach dem Roman \u201eKarte und Gebiet\u201c von Michel Houellebecq. Dieses Double Feature aus Ausstellung und Theaterst\u00fcck wurde von Bettina Steinbr\u00fcgge, Anita Schmid &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=670\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[136,134,133,90,135],"class_list":["post-670","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","tag-houellebecq","tag-kunstfiktion","tag-kunstliteratur","tag-ritual","tag-theater"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/670","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=670"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/670\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":672,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/670\/revisions\/672"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=670"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=670"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=670"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}