{"id":648,"date":"2017-03-02T18:47:32","date_gmt":"2017-03-02T17:47:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=648"},"modified":"2017-03-02T18:50:25","modified_gmt":"2017-03-02T17:50:25","slug":"saeure-zum-tode-von-gustav-metzger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=648","title":{"rendered":"S\u00e4ure &#8211; zum Tode von Gustav Metzger"},"content":{"rendered":"<h2>statt eines Nachrufs auf Gustav Metzger, der am 2. M\u00e4rz 2017 90-j\u00e4hrig in London starb einige Zeilen \u00fcber S\u00e4ure als Material in der Kunst<\/h2>\n<p>\u201eS\u00e4ure ist seit jeher ein Werkstoff, mit dem Oberflachen von Plastiken behandelt werden, doch hatte Beuys\u2018 Aktion offensichtlich nicht mit diesem klassischen Gebiet der Kunst zu tun. Auch wenn die Verwendung von Saure ein Ballast des Alten sein sollte, den Beuys mitschleppte, so wurde sie in der Aktion zu einem Katalysator des Neuen. Des Weiteren hatte es in England aufsehenerregende Experimente mit Saure gegeben, die sich unter interessierten Kunstlern schnell herumgesprochen hatten: 1961 war Gustav Metzger mit seinem Manifest AUTO-DESTRUCTIVE ART hervorgetreten und hatte mit Saure auf Vinyl und Nylon gemalt, um die \u201eBilder\u201c im Moment der Herstellung zu zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Noch bevor sich Beuys durch die Begegnungen mit Nam Jun Paik 1962 und den Fluxus-Kunstlern anl\u00e4sslich des FESTUM FLUXORUM FLUXUS (Jan. 1963) in D\u00fcsseldorf neu orientierte, hatten seine Kollegen und namentlich die vier, die auch in Aachen dabei waren, n\u00e4mlich Robert Filliou, Arthur K\u00f8pcke, Ben Vautier und Emmett Williams, an der von Daniel Spoerri und Filliou organisierten Ausstellung <em>Festival of Misfits <\/em>in der Gallery One in London vom 23.10. bis 8.11.1961 teilgenommen. Das machte es mehr als wahrscheinlich, dass Beuys Kenntnis von Metzgers Liste mit Materialien der <em>Sich-selbst-zerst\u00f6renden-Kunst <\/em>erlangen konnte, die mit Teilen der Materialien und Gerate, die Beuys f\u00fcr die Aktion in Aachen mitgef\u00fchrt hatte, \u00fcbereinstimmte:<\/p>\n<p>\u201eMaterialien und Techniken der Sich-selbst-zerst\u00f6renden-Kunst umfassen: Saure, Klebstoff, Ballistik, Leinwand, Lehm, Verbrennung, Druck, Beton, Korrosion, Kybernetik, Herabfallen, Elastizit\u00e4t, Elektrizit\u00e4t, Elektrolyse, Elektronik, Sprengstoffe, Feed-back, Glas, Warme, menschliche Energie, Eis, Str\u00f6mung, Licht, Ladung, Massenproduktion, Metall, Filme, Naturkr\u00e4fte, Kernenergie, Farbe, Papier, Fotografie, Gips, Kunststoffe, Druck, Strahlung, Sand, Sonnenenergie, Klang, Dampf, Stress, Terrakotta, Sch\u00fctteln, Wasser, Schwei\u00dfen, Drahte und Holz.\u201c (23)<\/p>\n<p>Ein Vergleich ist insofern aufschlussreich, weil zahlreiche der von Metzger aufgezahlten Gegenstande, Kr\u00e4fte und technischen Methoden auch in den damals neuen Arbeiten von Beuys vorkommen. Besonders auff\u00e4llig ist, dass Saure an erster Stelle der Liste steht!<\/p>\n<p>Metzger war als Kind von N\u00fcrnberger Juden durch einen Eisenbahntransport nach England gerettet und dort von einer Familie aufgenommen worden. Nach der Schule hatte er eine Tischlerlehre absolviert und danach eine Kunstakademie besucht. Unter dem Eindruck der Zerst\u00f6rung britischer St\u00e4dte durch den Bau von Schnellstra\u00dfen und der Aufr\u00fcstung Englands mit Atomwaffen hatte er seine k\u00fcnstlerische Arbeit aufgegeben und sich selbst zerst\u00f6renden Verfahren k\u00fcnstlerischen Arbeitens gewidmet. Mit \u00f6ffentlichen Malaktionen, bei denen er mit Saure auf aufgespannten opaken Kunststofffolien malte, die sich noch wahrend des Malakts aufl\u00f6sten, hatte er f\u00fcr Aufsehen gesorgt. Er nannte es \u201eAuto-destructive-Art\u201c und demonstrierte das Missverh\u00e4ltnis des k\u00fcnstlerischen Anspruchs, Werke von Dauer zu schaffen, w\u00e4hrend gleichzeitig die Zerst\u00f6rungskr\u00e4fte durch Atomwaffen, die Automobilisierung der Gesellschaft und andere Ergebnisse der technologischen Entwicklung weiter entfesselt wurden. Diese Kunstpraxis demonstrierte aus damaliger Sicht nicht nur das Ende der Kunst angesichts der M\u00f6glichkeit einer totalen Ausl\u00f6schung von St\u00e4dten und Landstrichen, sondern konkret eine tief empfundene Machtlosigkeit der traditionellen k\u00fcnstlerischen Mittel.(24)<\/p>\n<p>Diese bis heute aktuellen Themen bilden eine Verwandtschaft zwischen beiden Kunstlern, die im Falle von Beuys nach seiner Aktion in Aachen eine besondere politische Bedeutung erlangen sollte und ihn dazu bewegte, Alternativen zu entwickeln.\u201c<\/p>\n<p>Auszug aus dem Abschnitt <em>S<\/em><em>\u00e4<\/em><em>ure und sich selbst zerst<\/em><em>\u00f6<\/em><em>rende Kunst<\/em> aus dem 1. Kap. von: Johannes Lothar Schr\u00f6der, <em>Vorsicht bei Fett!<\/em> \u00dcbersehenes bei Joseph Beuys, Hamburg 2016, S, 73-75.<br \/>\nISBN 978-3-936406-55-9<\/p>\n<p><u>Anmerkungen:<\/u><\/p>\n<p>(23) Flyer von Metzger, in: (Breitwieser, 2005), S. 117.<\/p>\n<p>(24) Alle Angaben sind dem Band von Sabine Breitwieser, Gustav Metzger. Geschichte Geschichte, Ausstellungskat. Generali Foundation, Wien, Ostfildern-Ruit 2005 entnommen. Ebd<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>statt eines Nachrufs auf Gustav Metzger, der am 2. 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