{"id":644,"date":"2017-02-28T21:02:49","date_gmt":"2017-02-28T20:02:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=644"},"modified":"2017-02-28T21:05:52","modified_gmt":"2017-02-28T20:05:52","slug":"kuenstler-schamane-im-dokumentarischen-schwarz-weiss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=644","title":{"rendered":"K\u00fcnstler-Schamane im dokumentarischen Schwarz-Wei\u00df"},"content":{"rendered":"<h2>Zum Film \u00fcber Beuys von Andres Veiel<\/h2>\n<p>Erfreulich, dass mit dem Film von Andres Veiel ein Dokumentarfilm \u00fcber den K\u00fcnstler Joseph Beuys entstanden ist. Seine Urauff\u00fchrung w\u00e4hrend der Berlinale fand gro\u00dfe\u00a0 Beachtung in den Feuilletons.(*) Die Erwartungen waren hoch und man war neugierig, Neues \u00fcber den inzwischen legend\u00e4r gewordenen K\u00fcnstler der Bundesrepublik (West) zu erfahren. F\u00fcr die Verbreitung von Legenden indes hat Beuys selbst schon zu Lebzeiten gesorgt. Sie gehen auf seine Teilnahme am Zweiten Weltkrieg zur\u00fcck, in dem er als Berufssoldat in einem Sturzkampfbomber als Bordfunker und MG-Sch\u00fctze Dienst tat.<\/p>\n<p>Diese Zusammenh\u00e4nge streift der Film nur marginal und muss mithin nicht nur den Ballast der Tatarenlegende mitschleppen sondern kann folglich auch den Mythos nicht wirklich durchbrechen. Veiel hat allerdings zahlreiche filmische Mittel aufgeboten, um dem Publikum das umfangreiche Foto- und Filmmaterial mit heutigen Mitteln und Animationstricks vor Augen zu f\u00fchren? Die Schwarz-Wei\u00df-\u00c4sthetik mit der Beuys sich am Liebsten damals f\u00fcr das Fernsehen in Szene setzen lie\u00df, wurde gefeiert und durch das Kinoformat ins Monumentale gesteigert. Aus einem Meer von Einzelfotos auf Kontaktb\u00f6gen wird durch punktuelles Beleuchten einzelner Bilder das damalige Auswahlverfahren zur Herstellung von Abz\u00fcgen simuliert. Daraus und aus Beta-Cam-Videos sowie 16mm-Filmen entstanden \u00dcbertragungen in das heutige digitale Kinoformat. Doch ist es fraglich, ob mehr als eine Faszination am Material erreicht wurde, das ein j\u00fcngeres Publikum an die heute unbekannten Medien der 1960er und 70er Jahre heranf\u00fchrt. Mit Erstaunen nimmt man nebenbei zur Kenntnis, dass damals \u00fcberall geraucht wurde, so dass bisweilen Gesichter von Interviewten hinter Tabakrauch ausgeblendet werden.<\/p>\n<h2>Bilder gegen Klischees<\/h2>\n<p>Beeindruckend fand ich die Filmsequenz zur Er\u00f6ffnung des Films, die zeigt, wie Beuys den Raum betritt, Platz nimmt und nerv\u00f6s in einem Band der Zeitschrift FILMKRITIK bl\u00e4ttert. Gelesen hat er darin nicht; deshalb werden hier schon Zweifel an der Legende eines souver\u00e4nen K\u00fcnstlers wach. Oft sieht man nicht nur hier einen angespannten etwas fahrigen wenn nicht sogar unsicheren Protagonisten. Das lag daran, dass sich Beuys erst in seinen 40er Jahren von der Bildhauerei kommend in die Aktionskunst hineingearbeitet hat. Noch in den 1970ern war Beuys &#8211; obwohl allseits bekannt &#8211; st\u00e4ndig unter dem Beschuss der Feinde der Aktionskunst (Kunstkritiker und zahlreiche Kollegen), von Politikern und gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung. Man vergisst aus heutiger Sicht leicht, dass Beuys sich in dieser Zeit erst nach vorne arbeiten musste, als Wolf Vostell der f\u00fchrende Vertreter von Happening und Fluxus in Deutschland war. Das kann der Film noch nicht hervorbringen, denn diese Art des K\u00fcnstlerdokumentarfilms mit vorgegebenem Material, wie in Veiel herstellte, ist als Gattung neu. Man sieht schon, welche Arbeit auf diesem Gebiet noch zu leisten ist.<\/p>\n<p>Veiel verwendet aber auch Aufnahmen der Aktion \u201eCeltic\u201c, die im Edinburgh College of Art entstanden ist, wo Beuys Ende August 1970 \u201eCeltic (Kinloch Rannoch), Schottische Symphonie\u201c an mehreren Tagen wie ein Theaterst\u00fcck auff\u00fchrte. Der Film pr\u00e4sentiert jedoch die erneute Auff\u00fchrung 1971 in Basel, die ein gro\u00dfes Publikum in einer Halle anzog, das hier Zeuge eines St\u00fccks wird, mit dem Beuys auf die H\u00f6hepunkte seiner Karriere als Aktionsk\u00fcnstler zusteuerte. Dass beide Aktionen im Ausland stattfanden, belegt, dass ihm dort vorbehaltlose Anerkennung gezollt wurde, w\u00e4hrend sie in Deutschland jeweils erk\u00e4mpft werden musste. Die Aktion \u201eCeltic\u201c f\u00fchrte er wie viele andere mit Henning Christansen auf, der f\u00fcr den musikalisch-technischen Teil der Aktion zust\u00e4ndig war. Auch hier wird ersichtlich, dass Beuys oft von Kooperationen mit anderen K\u00fcnstlern profitieren konnte. So kam er \u00fcberhaupt erst durch die Begegnung mit George Maciunas 1963 mit der Aktionskunst in Ber\u00fchrung. Davon sieht man im Film leider nichts. Auch hat Beuys entgegen des Spiels, das er mit dem Begriff \u201eEurasien\u201c betrieb, immer wieder den Kontakt gerade auch zu amerikanischen K\u00fcnstlern gesucht und gefunden, so dass man nicht sagen kann, er h\u00e4tte die USA und den amerikanischen Lebensstil ignoriert. Dass dies ausgerechnet von Caroline Tisdall in einem Statement verlautbart wird, verdreht die Geschichte. Vielleicht wird hier auch eine offene Rechnung mit Klaus Staeck beglichen \u2013 er kommt ebenfalls im Film zu Wort &#8211; ,der mit Beuys im Januar 1974 auf einer ersten Reise \u00a0in die USA das Terrain sondiert hatte. Mit der Aktion \u201eDillinger\u201c \u00a0in Chicago hat Beuys diesen Besuch dauerhaft in die Kunstgeschichte eingeschrieben, und mit dem Slogan \u00a0\u201eenergy plan for the western man\u201c, hatte er eine weitreichende \u00dcbertragung des Begriffs \u201esoziale Plastik\u201c ins Englische geschaffen, die auf Vortr\u00e4gen in den USA gut ankam. Vielleicht wird er sich sogar auf Dauer als schlagkr\u00e4ftiger erweisen als die kunstgattungsspezifische deutsche Bezeichnung.<\/p>\n<h2>Konflikte<\/h2>\n<p>Dass dieses unerw\u00e4hnt bleibt, ist ein weiteres Manko des Films, in dem wegen der beeindruckenden Bilder der Aktion \u201eI like America and America likes Me\u201c der Mythos des K\u00fcnstler-Schamanen unkritisiert vordergr\u00fcndig bleibt, weshalb schlie\u00dflich der politische K\u00fcnstler Beuys nicht wirklich zu verstehen ist. Die revolution\u00e4re Kraft, die man in Beuys sehen mag und die der Film durch die Konzentration auf das Charisma des K\u00fcnstlers hervorbringen will, erschlie\u00dft sich nicht allein visuell. Sie muss kunsthistorisch und begrifflich herausgearbeitet werden. Nur mit dem Zeigen seines \u00c4u\u00dferen, das selbst ein Kunstprodukt ist, und der Wiedergabe seiner \u00c4u\u00dferungen, wird man Beuys nicht gerecht.<\/p>\n<p>Das in K\u00fcrze. Wer mehr wissen will, findet in den Ausf\u00fchrungen \u00fcber die Aktion \u201eDillinger\u201c aus dem 5. Kapitel meines Buchs \u201eVorsicht bei Fett!\u201c hier auf dem Blog einige Anhaltspunkte.<\/p>\n<p>Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Mit Gewinn habe ich die Besprechung von Diedrich Diedrichsen in der taz vom 15.2. gelesen. Auch er f\u00e4llt auf das Klischee vom souver\u00e4nen K\u00fcnstler herein.\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/Veiels-Film-Beuys-im-Wettbewerb\/!5380716\/\">https:\/\/www.taz.de\/Veiels-Film-Beuys-im-Wettbewerb\/!5380716\/<\/a><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Film \u00fcber Beuys von Andres Veiel Erfreulich, dass mit dem Film von Andres Veiel ein Dokumentarfilm \u00fcber den K\u00fcnstler Joseph Beuys entstanden ist. 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