{"id":628,"date":"2017-01-09T12:28:27","date_gmt":"2017-01-09T11:28:27","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=628"},"modified":"2017-01-13T11:44:00","modified_gmt":"2017-01-13T10:44:00","slug":"zeitschwuenge-zeiten-fluegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=628","title":{"rendered":"Zeitschw\u00fcnge \u2013 Zeiten \u2013 Fl\u00fcgel"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber TIMESWINGS von Rasmus Gerlach<\/p>\n<p>Einen Dokumentarfilm \u00fcber Hanne Darboven zu drehen war f\u00fcr Rasmus Gerlach nicht ganz einfach, denn im Jahr ihres 75sten Geburtstags war die K\u00fcnstlerin schon 7 Jahre tot. Gedreht wurde in ihrem Studio und in den Ausstellungen, mit denen man die K\u00fcnstlerin 2015\/16 im Haus der Kunst in M\u00fcnchen und in der Bundeskunsthalle in Bonn w\u00fcrdigte. Dar\u00fcber hinaus konnte Gerlach an eigene Begegnungen ankn\u00fcpfen, denn er durfte als Sch\u00fcler bei der Einrichtung einer Ausstellung von Darboven im Kunstraum Bremerhaven mitwirken. Das war eine lebensentscheidende Erfahrung, die ihn sp\u00e4ter dazu bewog, Film zu studieren.<\/p>\n<h4>\u201eVier Jahreszeiten \u2013 Der Mond ist aufgegangen\u201c (1981\/82)<br \/>\nOpus 7 und 16mm-Film von Hanne Darboven<\/h4>\n<p>An der Kunsthochschule in Hamburg traf Gerlach Darboven wieder, als er ihren damals neuen Film \u201eVier Jahreszeiten \u2013 Der Mond ist aufgegangen\u201c (1981\/82) abspielte, der nun am 5.1.2017 im Doublefeature mit TIMESWINGS im Hamburger Metropolis-Kino abermals aufgef\u00fchrt wurde. Der damalige Filmriss ist bis heute sichtbar geblieben, weil er mit einem St\u00fcck Schwarzfilm geflickt worden war. Der 16mm-Film von Darboven f\u00fcgt Aufnahmen aus Hamburg-Harburg von trostlosen Nachkriegsbauten f\u00fcr Industriearbeiter mit Impressionen von der lokalen Kirmes zum Sch\u00fctzenfest, Landschaftaufnahmen vom j\u00fcdischen Friedhof und Innenaufnahmen aus dem Bauernhaus der Darbovens zusammen. Aus den dort gesammelten Objekten ragen \u00fcberlebensgro\u00dfen Figuren &#8211; Pferd, Saurier, Engel und Roboter hervor. Sie sind umgeben von klassischen B\u00fcsten, Kinderspielzeug, Andenken aller Art, einen Bismarck in Bronze und Nippes. \u00dcberall in Regalen und Schr\u00e4nken, auf M\u00f6beln und Sitzgelegenheiten liegen B\u00fccher, Ordner, Sammelwerke mit zigtausenden Seiten, die die K\u00fcnstlerin handschriftlich und mit Schreibmaschinen f\u00fcllte. Der mit dem gleichnamigen Opus 7 der K\u00fcnstlerin vertonte Film zeigt den Mikrokosmos, den die K\u00fcnstlerin um sich herum anwachsen lie\u00df, bis er sie und ihre t\u00e4gliche Arbeit wie ein Korsett umschloss, w\u00e4hrend die Harburger nur einmal im Jahr das Vergn\u00fcgen haben, aus ihren trostlosen H\u00e4usern herauszutreten, um die Kirmes, diesen wohlfeilen Kosmos der Armen, zu besuchen.<\/p>\n<h4>Zeitbuchhaltung im Bauernhaus<\/h4>\n<p>Dieses Mal hatte Gerlachs Film \u201eTIMESWING\u201c das Publikum in Hamburg auf den Film der K\u00fcnstlerin eingestimmt, der den 2015 noch weitgehend unver\u00e4nderten Zustand der Sammlung zeigt, aus dem Speditionsangestellte bereits St\u00fccke f\u00fcr die beiden Ausstellungen entnahmen und verpackten, wodurch sich die Idee eines Schaulagers vermittelte. Hier stellte sich auch der Tierarzt zum Gespr\u00e4ch ein. Weggef\u00e4hrten und Verwandte wurden anl\u00e4sslich der Feier zum 75. Geburtstag der K\u00fcnstlerin interviewt. Ehemalige \u201eCo-Workers\u201c der K\u00fcnstlerin wussten \u00fcber die mit ihrer Hilfe verwirklichten Projekte zu berichten. Historisches Filmmaterial aus einer Fernsehdokumentation aus den 1980er Jahren rundete die aktuelle Dokumentation ab und machte die Einbettung des Hofgeb\u00e4udes in den landwirtschaftlichen Betrieb auf dem Familiengut anschaulich. Zwei landwirtschaftliche Helfer gabelten Strohballen zum F\u00fcttern aus der Scheune, und die K\u00fcnstlerin lockte ihre zwei Ziegen vor die Kamera. Aussagekr\u00e4ftig waren Aufnahmen anl\u00e4sslich einer der legend\u00e4ren Weihnachtsfeiern, die das Gesicht der gew\u00f6hnlich ernsten Kunstarbeiterin l\u00f6ste und zur Musik einer Zigeunerkapelle erstrahlen lie\u00df. Ein Signal der festt\u00e4glichen Lust, die den streng geregelten Alltag unterbrach, der der Aufzeichnung des Zeitlaufs, dem Sammeln und Organisieren von Bildern, Zeitungen und Zeitschriften und dem Ausf\u00fcllen von Kalenderbl\u00e4ttern, mit eigenen graphischen Strukturen versehen Papieren gewidmet war.<\/p>\n<p>Die Sammlung von Objekten kombiniert mit den eigenen Aufzeichnungen der K\u00fcnstlerin z.B. mit dem Projekt \u201eSchreibzeit\u201c belegt den Versuch, Kontrolle \u00fcber die Lebenszeit zu erringen. Sp\u00e4ter werden die Kalender abstrakter, indem die Zeit zu Formeln verdichtet wird, die aus Quersummen von Jahreszahlen gewonnen werden, wodurch schlie\u00dflich ein Schritt hin zu den Noten einer eigenen Notenschrift begangen wird, der die Schreibarbeit in Kl\u00e4nge \u00fcberf\u00fchrt. Ihr musikalisches Werk wurde schon einmal in der Musikhalle (heute: Laeiszhalle) in Hamburg aufgef\u00fchrt jedoch von der Kunst- und Musikwelt ignoriert. Heute bilden die Kompositionen neben den Sammlungsst\u00fccken zu denen auch eine Sammlung von Musikinstrumenten geh\u00f6rt den Kern der R\u00e4ume in den Museumsaustellungen. Inmitten der wandf\u00fcllenden Papierarbeiten und zwischen den dort installierten Objekten aufgef\u00fchrt entsteht der Eindruck eines mit Zeit ges\u00e4ttigten Gesamtkunstwerks.<\/p>\n<div id=\"attachment_631\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Stehende-Welle.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-631\" class=\"size-full wp-image-631\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Stehende-Welle.jpg\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"472\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Stehende-Welle.jpg 840w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Stehende-Welle-300x169.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Stehende-Welle-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Stehende-Welle-500x281.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-631\" class=\"wp-caption-text\">Stehende Welle, Filmstill aus &#8222;TIMESWINGS&#8220;, 2016, courtesy Rasmus Gerlach<\/p><\/div>\n<h4>Statische versus ephemere Kunst<\/h4>\n<p>Die Verunsicherung des Leiters des Hauses der Kunst, der sich dabei beobachtet f\u00fchlte, wie er eine Position zu den Darbovenschen Objekten finden musste, die eine Kaufmannsfamilie aufgeh\u00e4uft hat, die nicht nur als Kaffeer\u00f6ster vom Kolonialismus profitiert hat, und die Einbeziehung der Geschichte des Haus der Kunst f\u00fchrten zum Rauswurf des Dokumentarfilmers, der sich daraufhin in der N\u00e4he des Ausstellungshauses umschaute. Dort stie\u00df er auf ein besonderes Sinnbild der Zeit, die \u201eStehende Welle\u201c der Isar, auf der das ganze Jahr \u00fcber gesurft wird. Der Fluss rauscht hier ununterbrochen mit hoher Geschwindigkeit in den Englischen Garten und doch wirkt die Welle statisch, so dass die tollk\u00fchnen Surfer sich je nach Geschick zeitweilig auf ihr halten k\u00f6nnen, bis sie von der Str\u00f6mung fortgerissen werden. In dieser Begegnung von Menschen und Naturschauspiel hat Gerlach eine plausible Metapher f\u00fcr das Werk Darbovens gefunden, die \u00fcbrigens 1941 in M\u00fcnchen geboren wurde.<\/p>\n<p>Dieses Sinnbild f\u00fchrt unmittelbar zur Frage der Zeit auch in der Performancekunst, die in diesem Blog untersucht wird. Nichts scheint der Performancekunst ferner zu liegen als das Werk von Hanne Darboven, die auf der Suche danach, die Zeit zu fixieren, ein Werk unglaublichen Ausma\u00dfes materialisiert hat, das die hohen W\u00e4nde mehrerer gr\u00f6\u00dfer Ausstellungsh\u00e4user gleichzeitig komplett zu bedecken vermag. Wir haben es also mit einem Verm\u00e4chtnis zu tun, das einer Einzelnen gedankt ist, die sich unersch\u00fctterlich in den Fluss der Zeit stellte, um ihn Augenblick f\u00fcr Augenblick, Tag f\u00fcr Tag mit grafischen Mitteln, der Schrift, der Fotografie, dem Films, der Komposition und der Mathematik zu protokollieren. Es ist der Versuch, in dieser konstanten Bewegung des Vergehens der Zeit Halt zu suchen.<\/p>\n<p>In diesem Bem\u00fchen ist Hanne Darboven als Konzeptk\u00fcnstlerin in einer Richtung, die von M\u00e4nnern dominiert wird, einzigartig aber nicht allein. Ihr Werk weist Parallelen zu \u201eJahrestage\u201c (1971ff) von Uwe Johnson, das ebenfalls von einem Aufenthalt in New York inspiriert worden war, und den Arbeiten der Hamburger K\u00fcnstlerin Anna Oppermann auf. Obwohl sie sich schon fr\u00fch gegen andere, namentlich literarische Versuche der Fixierung von Zeit mit dem Einwand abgegrenzt hat, dass es sich um abgenutzte Mitteilungsformen handeln w\u00fcrde<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, ist es wichtig, den Kontext der 1970er und 1980er Jahre zur Kenntnis zu nehmen, in dem Fotografie, Schreib- und Kopiermaschinen M\u00f6glichkeiten versprachen, die Fixierung von Zeit in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p>Das Ringen um die Zeit, das von Darboven mit buchhalterischen Mitteln ausgetragen wurde, bleibt allerdings weiterhin fraglich, denn mit Tino Sehgal gibt es Gegenpositionen in der Performancekunst, die ganz ohne Material auskommen, weil sie den Spuren vertrauen, die Leben, Bewegungen, \u00c4u\u00dferungen und Begegnungen im Menschen ohne eine dokumentarische Beglaubigung hinterlassen.<br \/>\n(c) Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Uwe M. Schneede \u00fcber H.D. in: Kasper K\u00f6nig (Hrsg.), von hier aus: 2 Monate neue deutsche Kunst in D\u00fcsseldorf, K\u00f6ln 1984, S. 40.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber TIMESWINGS von Rasmus Gerlach Einen Dokumentarfilm \u00fcber Hanne Darboven zu drehen war f\u00fcr Rasmus Gerlach nicht ganz einfach, denn im Jahr ihres 75sten Geburtstags war die K\u00fcnstlerin schon 7 Jahre tot. 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