{"id":623,"date":"2016-12-11T18:11:50","date_gmt":"2016-12-11T17:11:50","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=623"},"modified":"2016-12-11T18:11:50","modified_gmt":"2016-12-11T17:11:50","slug":"haemmern-und-die-neubestimmung-von-bildhauerei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=623","title":{"rendered":"H\u00e4mmern und die Neubestimmung von Bildhauerei"},"content":{"rendered":"<p>Im Dezember 1941 begann der deutsche Angriff auf die Festung Sewastopol (Das fr\u00fchere griechische Chersones auf der Halbinsel Krim, das unter byzantinischer Herrschaft zur Stadt des Sebastian wurde, eroberten die Truppen des russischen Zaren 1783.) Eine Erw\u00e4hnung der Schlacht um die damals bedeutendste Seefestung zum 75. Jahrestag an dieser Stelle ist f\u00fcr den Autor auch wegen eines kunsthistorisch relevanten Umstands von Bedeutung.<\/p>\n<div id=\"attachment_624\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/WP_20161210_22_50_19_Pro-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-624\" class=\"size-full wp-image-624\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/WP_20161210_22_50_19_Pro-2.jpg\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"627\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/WP_20161210_22_50_19_Pro-2.jpg 840w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/WP_20161210_22_50_19_Pro-2-300x224.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/WP_20161210_22_50_19_Pro-2-768x573.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/WP_20161210_22_50_19_Pro-2-402x300.jpg 402w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-624\" class=\"wp-caption-text\">Stuka (JU 78) In der Pilotenkanzel sieht man vorne den Piloten und den Bordfunker nach hinten blickend vor dem Maschinengewehr. Illustration vom Autor<\/p><\/div>\n<p>Zum ersten ereignete sich im weiteren Verlauf dieses Angriffs die Feuertaufe von Joseph Beuys, der als Funker und Sch\u00fctze am Bord-Maschinen-Gewehr auf einem Sturzkampfbomber vom Typ JU 87 seinen Dienst verrichtete. In seiner 1965 ver\u00f6ffentlichten Biographie, die er <em>Lebenslauf Werklauf<\/em> nannte, ordnete er dem Jahr 1942 seine 19. <em>Ausstellung<\/em> zu, die er \u201eSewastopol\u00a0 Ausstellung w\u00e4hrend des Abfangens einer JU 87\u201c betitelte. Dabei kann es sich nicht um das Abfangen eines Flugzeugs durch Abfangj\u00e4ger handeln, weil einen Abschuss in einer Schlacht kaum \u00fcberlebt h\u00e4tte, sondern um das Abfangen des Sturzkampfbombers aus dem Sturzflug unter Einsatzbedingungen &#8211; also den \u00dcbergang in den Steigflug und die Flucht, die die Maschine au\u00dfer Reichweite der gegnerischen Flugabwehr bringen musste.<\/p>\n<p>Eine zweite mir bekannte Person, Josef Prior, wie Beuys 1921 geboren, erlebte die Zerst\u00f6rung von Sewastopol aus der Sicht eines Artilleristen. Er wurde als Sohn eines Bauern zur Artillerie eingezogen, weil er mit Pferden umgehen konnte, von denen allein die deutsche Wehrmacht w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs 2,8 Millionen einsetzte. Jede der Batterien eines Artillerieregiments ben\u00f6tigte bis zu 180 Pferde. Allein eine Haubitze vom Kaliber 10,5 cm, f\u00fcr die Prior zust\u00e4ndig war, wurde von sechs Pferden gezogen. Nachdem seine Einheit im August 1941 mit dem Zug \u00fcber Prag und durch die Ukraine an die Ostfront verlegt worden war, gelangte er mit der 11. Armee auf die Krim, wo er an den Angriffen auf Feodossija, Kertsch und Simferopol beteiligt war, um auch gegen Sewastopol eingesetzt zu werden. Dar\u00fcber schrieb er: \u201eW\u00e4hrend des ganzen Winters lag Sewastopol unter \u00bbFeuerzauber\u00ab. Ununterbrochen h\u00e4mmerten unsere Artillerie und Stukas auf die Stadt ein. Sewastopol, das als die st\u00e4rkste Seefestung der Welt galt, erwies sich mit ihren unterirdischen Befestigungsanlagen wirklich als solche.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Der Kampf um die Stadt dauerte bis zur Einnahme am 4. Juli 1942 ganze sieben Monate und man kann sich gut vorstellen, wie h\u00e4ufig die Maschine, in der Beuys Dienst tat, besonders in der Zeit der konzentrierten Angriffe von Mai bis Juni 1942 starten musste, um jedes Mal eine zerst\u00f6rerische Fracht von bis zu 500 kg Bomben und Granaten auf die Festung zu werfen.<\/p>\n<p>Der Bauer, der zwar viele der Gesch\u00fctzpferde, die er pflegen und f\u00fcttern musste, damit sie die schwere und gef\u00e4hrliche Arbeit verrichten konnten, durch Gegenangriffe verlor, hat h\u00e4ufig \u00fcber seine Erfahrungen gesprochen und auch in einem Buch \u00fcber Pferde im Landkreis Brilon seine Kriegserfahrungen kundgetan. Nicht so der sp\u00e4tere K\u00fcnstler Beuys, der zumeist \u00fcber den Krieg schwieg. Wahrscheinlich lag es daran, dass letzterer dem Werk der Zerst\u00f6rung so nah kam, wie kaum sonst einer der Angreifer. R\u00fccken an R\u00fccken mit dem Piloten sitzend, konnte er nach hinten aus der Maschine blicken und hatte im Steigflug den besten Blick auf die Wirkung der soeben abgeworfenen Bomben und Granaten. Bei den Luftangriffen auf Sewastopol setzte man die Stukas allerdings erst 1942 ein, um zun\u00e4chst mit der Artillerie die Flakt\u00fcrme und andere Flugabwehrein-richtungen der Festung auszuschalten, damit die Angriffe aus der Luft nicht mehr durch Flugabwehrfeuer gef\u00e4hrdet wurden.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die sp\u00e4tere Berufswahl hatte das Zertr\u00fcmmern der Festung f\u00fcr den K\u00fcnstler Beuys auch bildhauerische Qualit\u00e4ten, denn es handelte sich um das Ab- und Herausschlagen von Material aus einer m\u00e4chtigen Architektur auf einer weitl\u00e4ufigen unterirdischen Konstruktion. Diesen Aspekt bringt die Beschreibung von Prior an den Tag, denn er teilt dem Leser mit, dass er die Ger\u00e4usche in Verbindung mit dem explosiven Abtragen der Festungsgeb\u00e4ude als ein \u201eH\u00e4mmern\u201c empfand. Die Erfahrung, die in dieser Metapher eingefangen wurde, ist m\u00f6glicherweise ma\u00dfgeblich daf\u00fcr gewesen, das Beuys sich abgesehen von wenigen Objekten, die z.B. aus Holz herausgeschlagen worden sind, f\u00fcr plastische Verfahren und \u00fcberwiegend weiche Materialien zur Herstellung seiner Werke entschieden hat.<\/p>\n<p>Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n<p>Anmerkung:<br \/>\n<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Peter Becker: Leute und Pferde im Kreis Brilon, Podszun Brilon 1998, S. 113-116,<br \/>\nS. 114<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Dezember 1941 begann der deutsche Angriff auf die Festung Sewastopol (Das fr\u00fchere griechische Chersones auf der Halbinsel Krim, das unter byzantinischer Herrschaft zur Stadt des Sebastian wurde, eroberten die Truppen des russischen Zaren 1783.) 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