{"id":611,"date":"2016-11-16T14:35:14","date_gmt":"2016-11-16T13:35:14","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=611"},"modified":"2016-11-16T14:46:19","modified_gmt":"2016-11-16T13:46:19","slug":"hass-rachegefuehle-und-fortschrittskritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=611","title":{"rendered":"Hass, Rachegef\u00fchle und Fortschrittskritik"},"content":{"rendered":"<p>Ein knappes und erhellendes Licht auf die Umst\u00e4nde, von denen Trump profitieren konnte, gab Saskia Sassen in einen Leserbrief an die SZ (10. Nov. 2016). Nicht nur Sassen macht die abgeh\u00e4ngten und gedem\u00fctigten Verlierer des technologischen Wandels und der neoliberalen Politik als diejenigen aus, die ihr Schicksal ausgerechnet in die H\u00e4nde eine Milliard\u00e4rs gelegt haben, der bisher nicht als Wohlt\u00e4ter in Erscheinung getreten ist.<\/p>\n<div id=\"attachment_613\" style=\"width: 634px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/WP_20161113_14_35_48_Pro-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-613\" class=\"size-full wp-image-613\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/WP_20161113_14_35_48_Pro-1.jpg\" alt=\"SZ vom 10.11.2016\" width=\"624\" height=\"840\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/WP_20161113_14_35_48_Pro-1.jpg 624w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/WP_20161113_14_35_48_Pro-1-223x300.jpg 223w\" sizes=\"auto, (max-width: 624px) 100vw, 624px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-613\" class=\"wp-caption-text\">SZ vom 10.11.2016<\/p><\/div>\n<p>Eine Passage aus den <em>Geschichtsphilosophischen Thesen<\/em> von Walter Benjamin machte mich auf einen blinden Fleck in der bisherigen Diskussion um den zunehmenden Populismus aufmerksam. Es geht um den Zorn der Menschen und ihr Unbehagen, die sich zunehmend in Hass verwandelt haben. Benjamin gab angesichts der K\u00e4mpfe infolge der Wirtschaftskrise in den 1920er Jahren zu bedenken, dass im Kampfeswillen der Arbeiter auch Rache zu erkennen sei. Er schrieb, dass in jedem der K\u00e4mpfer auch die Dem\u00fctigungen und Erniedrigungen mitschwingen w\u00fcrden, die allen Generationen der abh\u00e4ngig Arbeitenden bis heute angetan worden sind. In der These XII hei\u00dft es: \u201eDas Subjekt historischer Erkenntnis ist die k\u00e4mpfende, unterdr\u00fcckte Klasse selbst. Bei Marx tritt sie als die letzte geknechtete, als die r\u00e4chende Klasse auf, die das Werk der Befreiung im Namen von Generationen Geschlagener zu Ende f\u00fchrt.\u201c<\/p>\n<h2>Die Rachefaust des Donald Trump<\/h2>\n<p>Hinsichtlich des aus der Geschichte wirkenden Motivs aktuellen Handelns wendet sich Benjamin auch gegen den sozialdemokratischen Irrtum, dass die Arbeiterschaft im Namen des Fortschritts k\u00e4mpfen w\u00fcrde. Diese Kritik zur Kenntnis nehmend, kann man sagen, dass linker Fortschrittsglaube es erschwert, die Richtung zu erkennen, in die sich die versprengten Reste der Arbeiterklasse in der post-industriellen Staaten heute bewegen. Wenn man unterstellt, dass auch Rache ein Motiv f\u00fcr die Wahl eines populistischen Wahlk\u00e4mpfers gewesen ist, so w\u00fcrde besser zu verstehen sein, warum gegen den Fortschritt gerichtete Wahlversprechen nicht nur in Amerika ziehen. W\u00e4hrend Ronald Reagan noch den sowjetischen Pr\u00e4sidenten Gorbatschow aufforderte die Mauer in Berlin niederzurei\u00dfen und das Brandenburger Tor zu \u00f6ffnen, st\u00f6\u00dft Trump mit der Forderung eines Mauerbaus an der mexikanischen Grenze auf Begeisterung. Andererseits bleibt es r\u00e4tselhaft, welche Vorteile sich die Abgeh\u00e4ngten von einer in Aussicht gestellten Steuersenkung f\u00fcr Reiche versprechen?<\/p>\n<p>Als Benjamin der Arbeiterbewegung \u2013 freilich unter ganz anderen Bedingungen als sie heute gegeben sind \u2013 das Engagement f\u00fcr den Fortschritt bestritt, fand er die drastische Metapher der Revolution als Notbremse in einem zu schnell fahrendem Zug.\u00a0 Dieses Sinnbild ist bis heute bestechend, weil es die Abneigung gegen technologische und politische Entwicklungen verst\u00e4ndlich macht, die die Globalisierung f\u00f6rdern. Doch wenn der Kandidat, den ein Gro\u00dfteil von Arbeitern, Arbeitslosen und prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten gew\u00e4hlt haben, schon als Unternehmer besonders stark von dieser Entwicklung profitiert hat, indem er f\u00fcr seine Bauvorhaben Stahl und Aluminium aus China importierte, ist diese Entscheidung zutiefst irrational, denn die Bauten des Unternehmers Trump brachte keinem Stahlwerker aus Pennsylvania auch nur einen Penny. Es w\u00e4re zu ironisch, das Motiv der Solidarit\u00e4t mit chinesischen Stahlarbeitern auch nur zu erw\u00e4gen, denn es steht zu bezweifeln, dass den ehemaligen Stahlarbeitern des \u201erustbelt\u201c oder Trump die Arbeitsbedingungen in chinesischen Stahlwerken ein K\u00fcmmernis sein w\u00fcrde. Die irrationale Entscheidung ist aber durch Hass und Rachegef\u00fchle zu erkl\u00e4ren, die der Wahlk\u00e4mpfer Trump geschickt angestachelt hat. Vielleicht aber hat Trump als junger Mann die Armen und Deklassierten beobachten k\u00f6nnen, die in den Mietskasernen seines Vaters leben mussten, weil auch damals schon jede Krise neue Deklassierte produziert hatte. Dort erfuhr er, wie diese Menschen denken und f\u00fchlen, was ihm sicher geholfen hat, wirkungsvoll die politischen W\u00fcnsche und Vorstellungen der heute von Krisen gesch\u00fcttelten Generation zu erkennen und f\u00fcr sich zu nutzen. Die ausgeliehene gehobene Faust, die er immer wieder zeigte, weist in diese Richtung. So ging das sinnentleerte Pathos dieser Geste als routinierter Angriff auf das Establishment durch, ohne dass es als Schmierenkomm\u00f6die beanstandet wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Deutsche im Spiegel der USA<\/h1>\n<p>Die aktuellen Entwicklungen in den USA sind ein Anlass, erneut \u00fcber unseren wichtigsten Verb\u00fcndeten au\u00dferhalb Europas nachzudenken; denn die Vereinigten Staaten und ihre Bewohner sind immer auch ein Spiegel gewesen, der uns in Europa auffordert, uns anzuschauen und \u00fcber uns selbst nachzudenken.<\/p>\n<h1>Out-Laws, Homines sacri und Das Kapital<\/h1>\n<p>Nach der Wahl Donald Trumps zum 45. Pr\u00e4sidenten der USA biete ich den Text \u00fcber Joseph Beuys und John Dillinger noch einmal in der \u00fcberarbeiteten Form, wie sie jetzt im Buch \u201eVorsicht bei Fett!\u201c (S. 246-257) steht, n\u00e4chstfolgend zur Lekt\u00fcre an. Diese \u00fcberarbeitete und nun in den Kontext von \u201eHomines sacri\u201c (Kap. VI) eingebundene Version ging aus der Version des Textes vom 22. Januar 2016 (s.u.) hervor. Mit der Aktion vor dem Biograph-Kino in Chicago am 14. Januar 1974 fand Beuys in der Figur des Dillinger eine M\u00f6glichkeit, sein Verh\u00e4ltnis zu den vormaligen Feinden und jetzigen Verb\u00fcndeten neu zu bestimmen und \u00fcber sein Verh\u00e4ltnis zu den Einwanderern aus Europa auf dem \u201eNeuen Kontinent\u201c nachzudenken. Diese Perspektive macht diesen Abschnitt auch heute noch aktuell, zumal die Frage der Schuld angesprochen wird, die in der Ausstellung \u201eDas Kapital\u201c in einem eigenst\u00e4ndigen Kapitel behandelt wird. Das gleichnamige Werk von Beuys wurde von dem Kunstsammler Erich Marx f\u00fcr den Hamburger Bahnhof erworben und ist nun dauerhaft in Berlin zu sehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein knappes und erhellendes Licht auf die Umst\u00e4nde, von denen Trump profitieren konnte, gab Saskia Sassen in einen Leserbrief an die SZ (10. Nov. 2016). Nicht nur Sassen macht die abgeh\u00e4ngten und gedem\u00fctigten Verlierer des technologischen Wandels und der neoliberalen &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=611\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2],"tags":[83,122,85,9,117],"class_list":["post-611","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-neuigkeiten","tag-beuys","tag-hass","tag-koerpersprache","tag-performance","tag-zerstoerung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/611","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=611"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/611\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":616,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/611\/revisions\/616"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=611"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=611"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=611"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}