{"id":582,"date":"2016-10-05T16:20:57","date_gmt":"2016-10-05T14:20:57","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=582"},"modified":"2016-10-06T13:35:05","modified_gmt":"2016-10-06T11:35:05","slug":"die-abgeschnittene-linie-des-lebens-oder-und-wenn-du-fertig-bist-hat-der-fluss-sein-bett-verlagert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=582","title":{"rendered":"Die abgeschnittene Linie des Lebens oder: \u2026 \u201eund wenn du fertig bist, hat der Flu\u00df sein Bett verlagert.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Zur Urauff\u00fchrung von \u201eBazon \u2013 Ernste Scherze. Ein Dokupsychomusikfilm<br \/>\nvon Peter Sempel\u201c im Metropolis in Hamburg am 3. Oktober 2016<\/p>\n<p>Mit Filmen \u00fcber Kazuo Ohno, Lemmy Kilmister, Peter Br\u00f6tzmann und Jonas Mekas kann man in Peter Sempel schon einen Spezialisten f\u00fcr biografische Filme \u00fcber die Alten und (Un-)Weisen sehen, ohne ihn deshalb sofort einen Filmbiografen nennen zu m\u00fcsse n. Schlie\u00dflich hat er auch Filme \u00fcber j\u00fcngere K\u00fcnstlern wie Nina Hagen, Blixa Bargeld und Jonathan Meese gedreht. Sempels Pr\u00e4ferenz f\u00fcr Musik liegt auf der Hand, doch im Lauf dieser Filme offenbart sich auch sein forschendes Interesse an wiederkehrenden Konstellationen, in die seine Protagonisten verwickelt sind. Oft wirken starke M\u00fctter im Hintergrund oder sagenhafte Figuren wie Parzival etc. sind Vor- und Spiegelbilder. Es lassen sich personen\u00fcbergreifende Muster erkennen. Der Untertitel seines neuesten Films \u00fcber Bazon Brock \u201eEin Dokupsychomusikfilm\u201c sagt solche Zusammenh\u00e4nge an.<\/p>\n<p>Zum Ende der knapp zwei Stunden langen Fassung, die das Metropolis in Hamburg zur Welturauff\u00fchrung w\u00e4hrend des Filmfestes Hamburg zeigte, sieht man die Rekonstruktion der \u201eUnendlichen Linie\u201c, mit der Bazon Brock und Friedensreich Hundertwasser das Happening schon 1959 nach Westdeutschland gebracht haben. In Hamburg fiel dieses Geschenk in die akademische W\u00fcste und blieb ohne Strahlkraft. Hundertwasser wurde postwendend von der Hochschule entfernt, die diesen Meilenstein der Kunstgeschichte nicht aufstellen wollte. Man weigerte sich, zum Hort der Avantgarde zu werden, und boykottierte nebenbei auch den Anfang einer m\u00f6glichen K\u00fcnstlerkarriere des Bazon Brock. So blieb er anders als die Protagonisten der sparten\u00fcbergreifenden Kunst in Amerika und Frankreich in eine Au\u00dfenseiterrolle zwischen Philosophie und Kunst gespannt und musste im Schatten seiner Kollegen Joseph Beuys und Wolf Vostell stehen. Nun ist es ein Verdienst von Peter Sempel, dass er Hinweise auf wunde Punkte im Leben seines Protagonisten nicht nur im Gespr\u00e4ch aus ihm herausgeholt hat. Dazu setzt Sempel sein Stilmittel der unvermittelten Schnitte ein und legt damit frei, was den Wortschwall des dauerdozierenden Selbstdarstellers Brock antreiben mag. Ob der Film seinen Protagonisten wirklich entzaubern kann? Daran wurden schon in der Diskussion nach dem Film Zweifel angemeldet. Doch gl\u00fccklicherweise breitet der Film keine intellektuellen Debatten aus. In diesem Sinn dokumentarisch zu sein, ist nicht der Anspruch von Sempel, auch wenn die Kamera in volle S\u00e4le blickt, in denen andere Emeritierte wie Peter Sloterdijk dozieren und Direktoren wie Peter Weibel schmunzeln. Im Umfeld derartiger Veranstaltungen laufen dem Regisseur Personen vor die Kamera, die ihre Starredner anhimmeln, womit das Gegenteil kritischer Debatten geboten wird. Peter Sempel benutzt auch solche Affirmation und konterkariert diese mit einem ihm eher zusagenden Verfahren, das die Monologe mit schnellen Schnitten von visuellen Widerspr\u00fcchen und musikalisch vorgetragener Gegenrede unterbricht. Er n\u00e4hert sich verschiedensten Kunstwerken und besucht R\u00e4ume der Kunst, in denen er K\u00fcnstler zu Wort kommen l\u00e4sst und S\u00e4nger beobachtet. Diese Clips und oft sogar Ultrakurzclips kondensieren und multiplizieren Aktionen und Bilder, die Sempel als Kommentare montiert. \u00a0Die l\u00e4ngeren Aufzeichnungen von Ges\u00e4ngen der Goldenen Zitronen, Blixa Bargeld oder der Sopranistin Louisa Islam-Ali-Zade Maier betten die \u00c4u\u00dferungen des Theoretikers Brock in \u00a0gesungene Sprache ein, von der er an einer Stelle des Film sagt, dass die Oper erst ohne den Gesang sch\u00f6n w\u00e4re. Damit gibt er sich als ein Nachfolger des Odysseus zu erkennen, der sich an die Akademie fesseln lie\u00df, wie der antike Held an den Masten seines Schiffs, um sich nicht vom Gesang der Sirenen bet\u00f6ren zu lassen, wobei er den Matrosen die Ohren verschlie\u00dfen lie\u00df, damit sie Kurs halten.<\/p>\n<div id=\"attachment_585\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/WP_20161004_17_43_31_Pro.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-585\" class=\"size-full wp-image-585\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/WP_20161004_17_43_31_Pro.jpg\" alt=\"Still aus Collagetext im Collagefilm, courtesy P. 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Die daraus bezogenen Anregungen haben heute viele Gebiete der Kunst und des \u00f6ffentlichen Lebens befruchtet, auch wenn Neo-DADA in Europa gegen institutionelle Widerst\u00e4nde durchgefochten werden musste, so dass sich Brock anders als seine amerikanische Kollegen wie Allan Kaprow nicht auf allen Feldern weiterentwickeln konnte, sondern sich schlie\u00dflich als Professor f\u00fcr \u00c4sthetik in Wuppertal f\u00fcr das Wort entschieden hat. Seine k\u00fcnstlerische Begabung erm\u00f6glichte ihm allerdings als Kunstvermittler etwa als Begr\u00fcnder der Besucherschule auf den documenta-Ausstellungen in Kassel erfolgreich zu sein. So sa\u00df der Vielredner (grch.: Bazon) nicht mehr so hart zwischen allen St\u00fchlen. Sein Streben nach Geborgenheit in der kalten und grausamen Welt, in die er 1936 hineingeboren wurde, fand einen Ort. Ebenso aufschlussreich wie anr\u00fchrend sind deshalb die Bilder, die Brock in seiner Wohnung dem Kameraauge pr\u00e4sentierte. Da ist zun\u00e4chst die schwarz-wei\u00df-Fotografie einer Eisb\u00e4rin, die ihr Neugeborenes z\u00e4rtlich in den Pranken h\u00e4lt. Ein Bild der \u201eEmpathie\u201c, wie er sagt. Diese wurde seiner Generation aberzogen, die inmitten der selbsternannten \u201eHerrenrasse\u201c aufwuchs, die geradewegs in den Krieg marschierte und die Welt in Brand setzte. Doch offensichtlich hat seine Mutter die empfindsamen Seiten ihres Sohnes vor schweren Frostsch\u00e4den bewahren k\u00f6nnen. Dar\u00fcber gibt ein zweites Bild, ein Gem\u00e4lde von Thomas Wachweger, Aufschluss, das eine Frau mit einem Baby im Arm zeigt, die von einem hinter ihr stehenden menschengro\u00dfen aber d\u00fcnnen Adler umfangen wird. Brock erw\u00e4hnt vor diesem Bild, dass er schon mit 9 Monaten laufen und reden konnte, was ihn auch dazu bringt, von \u201ehochentwickelten Individuen\u201c zu reden, die keine Angst mehr vor den Besseren haben m\u00fcssten und den \u201eKern der Gesellschaft\u201c bilden. Dieser Lobpreis der Eliten hat auch ihn, wie er dann mit Nietzsche konstatiert, in die Einsamkeit getrieben. Hier ist der Wendepunkt im Film, den Sempel mit dem Gesang der Goldenen Zitronen bei einem Konzert im G\u00e4ngeviertel konterkariert.<\/p>\n<div id=\"attachment_586\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/WP_20161004_17_43_52_Pro.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-586\" class=\"size-full wp-image-586\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/WP_20161004_17_43_52_Pro.jpg\" alt=\"Collatetext (Transscript) des Films von Peter Sempel, 34 min\" width=\"840\" height=\"627\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/WP_20161004_17_43_52_Pro.jpg 840w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/WP_20161004_17_43_52_Pro-300x224.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/WP_20161004_17_43_52_Pro-768x573.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/WP_20161004_17_43_52_Pro-402x300.jpg 402w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-586\" class=\"wp-caption-text\">Collagetext (Transscript) des Films von Peter Sempel, 34. min<\/p><\/div>\n<p>Immer wieder l\u00e4sst Sempel Dada und Punk auf Wagner und den Operngesang prallen, so dass sich das innere Drama des Protagonisten Brock entfaltet, das im Brennspiegel der Kunst fokussiert wird, bis es zwickt. So f\u00fcgt er sich in die Reihe der anderen Protagonisten Sempels ein, die der Herausforderung des Lebens mit Butho, Gitarrenriffs, Percussion, Gesang, Filmkameras, Gem\u00e4lden und Installationen begegnen. Brock entschied sich f\u00fcr den Namen Bazon und folglich f\u00fcr das Wort, das ihm das Leben im Limbo, also der Vorh\u00f6lle, ertr\u00e4glich machen kann &#8211; wenn er sich anstrengt.<\/p>\n<p>Nicht zu vergessen sind die immer wieder hineingeschnittenen Aufnahmen von Tieren &#8211; \u00fcberwiegend V\u00f6gel -, die in Freiheit und Gefangenschaft auf vier Kontinenten aufgenommen worden sind. Ein weiteres Kapitel der Filmmontagekunst von Peter Sempel, das noch zu er\u00f6rtern ist \u2026<\/p>\n<p>Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Urauff\u00fchrung von \u201eBazon \u2013 Ernste Scherze. Ein Dokupsychomusikfilm von Peter Sempel\u201c im Metropolis in Hamburg am 3. 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