{"id":564,"date":"2016-07-08T20:16:49","date_gmt":"2016-07-08T18:16:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=564"},"modified":"2017-07-01T18:00:33","modified_gmt":"2017-07-01T16:00:33","slug":"komplettieren-durch-zerstoeren-aktionen-typographien-und-zeichnungen-von-guenter-brus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=564","title":{"rendered":"KOMPLETTIEREN DURCH ZERST\u00d6REN Aktionen, Typographien und Zeichnungen von G\u00fcnter Brus"},"content":{"rendered":"<h2>Synchronisieren von Aktionen und Zeichnungen<\/h2>\n<p>Fotografien und digitalisierte Filme von Aktionen bieten nach Beispielen gestischer Malerei einen Einstieg in diese umfassende Werkschau von G\u00fcnter Brus. Die Ausstellung <em>St\u00f6rungszonen<\/em><\/p>\n<p>in Berlin im Fr\u00fchjahr 2016 bot eine seltene Gelegenheit, die Aktionen der 1960er und 70er Jahre au\u00dferhalb von Archiven aus einer zeitlichen Distanz in Augenschein zu nehmen. Vor dem Horizont des umfangreichen zeichnerischen Werks des K\u00fcnstlers, das in acht S\u00e4len des Martin-Gropius-Baus nach Werkgruppen \u00fcbersichtlich geh\u00e4ngt worden ist, war es m\u00f6glich, die filmischen und fotographischen Dokumente mit dem \u201eKopffilm\u201c des K\u00fcnstlers zu synchronisieren. So lie\u00dfen sich die Zeichnungen mit dem aktionistischen Werk in einer Weise verbinden, wie es Brus vor 30 Jahren gegen\u00fcber seinem Interviewer Daniel Plunkett ge\u00e4u\u00dfert hat: \u201eDie wirklichen Dokumente meiner damaligen Arbeit sind meine Werke von heute und morgen.\u201c (Kat. G. Brus: Augensternstunden, Van Abbemuseum, Eindhoven, 1984, S. 19)<\/p>\n<p>Das umfangreiche zeichnerische Werk, das Brus als gelernter Typograph anlegt hat und weiterf\u00fchrt, \u00fcberschreitet &#8211; wie die Aktionen selbst &#8211; Grenzen. W\u00e4hrend Brus als Aktionist durch mit Notizen versehenen Skizzen die M\u00f6glichkeiten seiner Aktionen antizipierend erschloss, \u00a0geht er ges\u00e4ttigt mit den Erfahrungen des Aktionismus den inneren Bildern nach, die seine spezifische Auseinandersetzung mit dem K\u00f6rper so nachhaltig freigelegt hat, dass sie ihn und damit das Publikum noch lange mit Informationen dar\u00fcber versorgen werden. Als wesentlich erweisen sich dabei die Verdichtungen typographischer und ikonographischer Inhalte zu Figuren, Konglomeraten, Worten, S\u00e4tzen und Texten, die in monumentalen Zeichnungen bis \u00fcber die Grenzen hin zur Malerei getrieben wurden, wo sie sich vielleicht den Signaturen Cy Twombys n\u00e4hern. Auf tausenden von Bl\u00e4ttern, die bisweilen Wandgr\u00f6\u00dfe erreichen, werden die Linien, die mit der Rasierklinge in die Haut gezogen worden sind, bis das Blut Bahnen \u00fcber R\u00fccken und Schenkeln zog und T\u00fcchern fleckte, mit Blei- Kohle, Graphit, Tinte, Pastell- und \u00d6lkreiden, Filzstiften und Kugelschreibern mit den die Instrumente steuernden Fingern des Zeichners und Dichters ausdifferenziert.<\/p>\n<h2>Br\u00fcche in der Aktion grenzen Figuren voneinander ab<\/h2>\n<p>Die Filme, mit denen Brus neben der Fotografie viele seiner Aktionen dokumentieren lie\u00df, legen die Bruchstellen an den aktionistisch erkundeten Grenzen offen. Zwischen langsamen und bedacht entwickelten Abschnitten f\u00fchren pl\u00f6tzliche ekstatische Bewegungen dorthin. Die abrupten Wechsel zeigen einmal mehr an, wo das Austesten von K\u00f6rpergrenzen prek\u00e4r wird und zu scheitern droht. Schon der Versuch, ohne schauspielerische Mittel aus der Haut zu fahren, ein Anderer zu sein oder eine andere Gestalt anzunehmen, ist schmerzhaft. W\u00e4hrend \u201eZerrei\u00dfprobe\u201c (1970) fragt Brus nach einem Glas, erhielt es, urinierte hinein und trank den durch eingenommene Chemikalien \u00fcberraschenderweise blau gef\u00e4rbten Urin. Wie um dem Eindruck des Farbspiels mit der Anleihe an die Malerei zu entfliehen, hechtete Brus unvermittelt vom Laken, auf dem die Aktion im Wesentlichen stattfand, auf den Estrich. Ein weiterer Bruch der sich von Bild zu Bild entwickelnden Aktion erfolgte gegen ihr Ende, als er abermals nach einem Glas fragte und ohne Abzuwarten wie ein Frosch aus der Hocke sprang, um sich zuckend zu w\u00e4lzen.<\/p>\n<div id=\"attachment_565\" style=\"width: 952px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Brus-2016.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-565\" class=\"size-full wp-image-565\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Brus-2016.jpg\" alt=\"G\u00fcnter Brus: Zerrei\u00dfprobe 1972 (Kopfstehend) und d'Annunzio aus der Serie &quot;Kardin\u00e4le des S\u00fcdens&quot;, 1974\" width=\"942\" height=\"545\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Brus-2016.jpg 942w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Brus-2016-300x174.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Brus-2016-768x444.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Brus-2016-500x289.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 942px) 100vw, 942px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-565\" class=\"wp-caption-text\">G\u00fcnter Brus: Zerrei\u00dfprobe 1970, Foto: K. Eschen (Archiv Sohm) (kopfstehend wiedergegeben) und d&#8217;Annunzio aus der Serie &#8222;Kardin\u00e4le des S\u00fcdens&#8220;, farbige Zeichnung, 1973-74<\/p><\/div>\n<p>Derartige katatonische Bewegungen schnitten die Aktion in St\u00fccke und stellten auch die Beziehung zum Publikum in Frage, die sich in ruhigen Phasen der Aktion eventuell einstellte. Brus entfloh so der Empathie, weil er statt der Interaktion mit dem Publikum die Selbstvergewisserung suchte. In einem Flyer zur Aktion ANA, schrieb er von seinem Leib, dass er in &#8220; katatonischer Stellung an der Wand, wie festgeklebt f\u00fcr lange Zeit verharrte.&#8220; Und es ist mehr als bezeichnend, dass auf dem Blatt, das der Aktion beigef\u00fcgt im Ausstellungsraum hing, von \u201ekatalonischer Stellung\u201c die Rede ist. Hinsichtlich der Bedeutung der Aktionskunst im Vorfeld der Zeichnungen, muss man sich deshalb fragen, ob die Kuratoren genug Interesse f\u00fcr die Kunst der Performance aufbrachten, die eine wesentliche Voraussetzung des zeichnerischen Werks ist. Festzuhalten ist also, dass Brus mit dem Begriff aus der Psychatrie die abrupten Bewegungen und krampfartigen Verschlingungen des K\u00f6rpers benannte, um diese w\u00e4hrend der Aktionen an der RWTH Aachen und an der Uni in Wien (1968) zu explizieren und auf das architektonische, soziale und kulturelle Feld zur\u00fcckzuf\u00fchren, das die K\u00f6rper nicht nur umschlie\u00dft, sondern in die Tradition einschlie\u00dft und diszipliniert. Brus sah ihn repr\u00e4sentativ von Zw\u00e4ngen, \u00dcbungen, Drill, Routinen beherrscht, aus denen er aktionistisch, zeichnerisch und graphisch Bilder ein Entkommen suchte.<\/p>\n<p>Ob es ihm gelungen ist, einen Ausweg aus den Gewaltverh\u00e4ltnissen zu finden, bleibt dahin gestellt, zumal die Arbeit daran bis heute weiter geht. Entscheidend jedoch ist, dass er zeichnend andere Repr\u00e4sentationen als den eigenen K\u00f6rper gefunden hat und r\u00e4umliche sowie zeitliche Auswege darstellt, die nachvollziehbar machen, wie sehr gesellschaftliche Wirkung Deformation und Zerst\u00f6rung voraussetzt. Einer der in einer Serie konzipierten \u201eKardin\u00e4le des S\u00fcdens\u201c zeigt den Schriftsteller d\u2019Annunzio in seinem Sarkophag, wie er tats\u00e4chlich auf einer Stele im Vittoriale degli Italiani (I-Gardone) im Kreise seiner Freunde in die Luft ragt. Die Version von Brus zeigt an der Stelle der Leiche einen S\u00e4ugling in einer Embryonalhaltung, die an eine Pose in seiner \u201eZerrei\u00dfprobe\u201c erinnert. Auf der Zeichnung ist der kleine K\u00f6rper in Teile zerlegt, ein Ohr und ein Auge sind zugen\u00e4ht. Der Schriftsteller hat den Preis f\u00fcr seine Erh\u00f6hung mit Blindheit und Geh\u00f6rlosigkeit bezahlt. So kann er in seiner Welt leben, die aus Buchstaben besteht, denn diese sind in St\u00fccke geschnittene Worte. Es ist ja der gewaltsame Akt des Heraussprengens von Versatzst\u00fccken, den Walter Benjamin zun\u00e4chst in der Kunst verortete, der heute unsere Arbeitswelt, unseren Alltag und schlie\u00dflich die sozialen Medien mit ihren Bild-, Wort- und Informationsh\u00e4ppchen bestimmt.<\/p>\n<p>\u00a9 Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Synchronisieren von Aktionen und Zeichnungen Fotografien und digitalisierte Filme von Aktionen bieten nach Beispielen gestischer Malerei einen Einstieg in diese umfassende Werkschau von G\u00fcnter Brus. 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