{"id":48,"date":"2013-02-06T20:58:32","date_gmt":"2013-02-06T19:58:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=48"},"modified":"2013-03-08T19:01:48","modified_gmt":"2013-03-08T18:01:48","slug":"ueber-die-ufer-getreten-aber-vom-flaechenbrand-verschont","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=48","title":{"rendered":"\u00dcber die Ufer getreten, aber vom \u201eFl\u00e4chenbrand\u201c verschont"},"content":{"rendered":"<p>Betr.: Ausstellung \u201eMythos Atelier. Von Spitzweg bis Picasso, von Giacometti bis Nauman\u201c<br \/>\nStaatsgalerie Stuttgart (27.10.2012 \u2013 10.2.2013) <strong>verl\u00e4ngert bis zum 3.3.2013<\/strong><br \/>\n<strong>ab sofort ist der Eintritt f\u00fcr unter 20 J\u00e4hrige frei!!!<\/strong> &#8211; eine gute Entscheidung !!!<br \/>\nKatalog: hg. von Ina Conzen, Hirmer Verlag, M\u00fcnchen 45\u20ac \/ 59,90 SFr.<\/p>\n<p>Schon der Untertitel der Ausstellung \u201eMythos Atelier\u201c \u201eVon Spitzweg bis Picasso, von Giacometti bis Nauman\u201c l\u00e4sst erkennen, dass das Thema geteilt wurde. Die zweite Abteilung findet die Aufmerksamkeit dieses Blogs, denn Bruce Nauman ist ein K\u00fcnstler mit Wurzeln in der Performance Art. Seine Position interessiert die Kuratorin der Ausstellung; denn Ina Conzen m\u00f6chte zeigen, dass das Atelier trotz der Erweiterung des Kunstbegriffs (18, alle eingeklammerten Zahlen beziehen sich auf Seitenangaben aus dem Katalog) weiterhin Bestand hat und in den von K\u00fcnstlern eingesetzten Topos des Atelierbildes eingebunden werden kann. Von ihm geht ein Propagandaeffekt aus, der von dem selbstbestimmten Blick auf die k\u00fcnstlerische Arbeitssituation herr\u00fchrt. Diesen im Atelierbild fixiert, steuern K\u00fcnstler mit seiner Hilfe seit der Renaissance ihr \u00f6ffentliches Image. (13)<\/p>\n<p><strong>Arbeitspl\u00e4tze und B\u00fcros<\/strong><br \/>\nNicht alle der ann\u00e4hernd 200 Arbeiten aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert lassen den Wandel erkennen, der sich nicht erst in den 1960er Jahren vollzogen hat, sondern in Sch\u00fcben auf den gesamten von der Ausstellung abgedeckten Zeitraum wirkte. Technologie und Medien haben es mit sich gebracht, dass neben dem klassischen Handwerk der Bildhauerei und der Malerei fotografische, filmische und elektronische Ausr\u00fcstungen in die Ateliers einzogen, und die Arbeitsbedingungen, wie in anderen Berufszweigen auch, umstrukturierten. W\u00e4hrend K\u00fcnstler mit hohen Ums\u00e4tzen in Hallen produzieren k\u00f6nnen, m\u00fcssen diejenigen, die noch nicht in die Mittelschicht aufgestiegen sind, in ihren bescheidenen Wohnungen leben und arbeiten, was einen romantischen Eindruck abgibt. Man kann daher annehmen, dass diese Ateliers den \u201eFl\u00e4chenbrand\u201c \u00fcberstanden h\u00e4tten, den nach Ansicht der Kuratorin die \u201eErweiterung des Kunstbegriffs\u201c ausgel\u00f6st hat. (18) Um die Heimeligkeit des Ateliers zu untermauern, geraten K\u00fcnstler wie Daniel Spoerri, mit dem von ihm benutzten Hotelzimmer, Dieter Rot mit seinen \u00fcber halb Europa verstreuten tempor\u00e4ren Arbeitspl\u00e4tzen und Rirkit Tiravanija in den Fokus. Letzter lebt vor\u00fcbergehend in den Kunstzentren der ganzen Welt und arbeitet an tempor\u00e4ren Arbeitspl\u00e4tzen. In der Ausstellung wird er jedoch als Installationsk\u00fcnstler vorgestellt, weil er 1996 im K\u00f6lnischen Kunstverein mit seinem Preisgeld seine kleine Wohnung in Manhattan nachbauen lie\u00df.<br \/>\n<strong>Wo es pl\u00e4tschert, muss nichts flie\u00dfen<\/strong><br \/>\nWeitere Bereiche der Ausstellung, die das Thema Performance Art direkt oder indirekt ber\u00fchren, sind die \u201ePost Studio Art\u201c, mit der sich Michael Glasmeier auseinander gesetzt hat. Er hebt Werke der Konzeptkunst und Land Art hervor, die K\u00fcnstler vom B\u00fcro aus konzipierten und planten, um dann Auftr\u00e4ge an Firmen zu vergeben. Anna Himmelsbach lokalisierte die Orte des Schaffens von Andy Warhol, Joseph Beuys und Dieter Roth \u201eZwischen Fabrik, B\u00fcro und Arbeitsplatz\u201c. Neben Fotos und Videos verschaffte Roths tempor\u00e4rer Arbeitsplatz mit Originalbestandteilen, darunter zahlreiche Gef\u00e4\u00dfe f\u00fcr Getr\u00e4nke, den Ausstellungbesuchern eine weitere M\u00f6glichkeit, sich vorzustellen, wie ein K\u00fcnstler arbeitet.<\/p>\n<p>Zu Fragen des durch Performances herbeigef\u00fchrten Funktionswandels des Ateliers erwartet man bei Barbara Six weitere Details und Zusammenh\u00e4nge, doch res\u00fcmiert sie, dass wir es bei Nauman mit einem R\u00fcckfall in die Romantik zu tun h\u00e4tten und unterstellt, dass McCarthy mit \u201eExkrementen\u201c malen w\u00fcrde (244). Wie kurzschl\u00fcssig hier Klischees bedient werden, ist genauso verbl\u00fcffend wie der Glaube an die Authentizit\u00e4t der Vorg\u00e4nge im Atelier, der trotz der beschriebenen Tatsache durchschl\u00e4gt, dass es sich beim Atelier von \u201ePainter\u201c um ein Filmset handelt, in welchem das Atelier parodiert wird. Wenn es dort pl\u00e4tschert muss kein Urin flie\u00dfen! Offensichtlich sollte gar nicht mehr aus dem Thema herausgeholt werden, als die Tatsache, dass das zeitgen\u00f6ssische Atelier auch eine Kulisse f\u00fcr Film und Video sein kann. (247)<\/p>\n<p>Erg\u00e4nzend: K\u00fcnstlerlexikon <a title=\"Nauman\" href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=79\">Nauman<\/a><\/p>\n<p><strong>K\u00fcnstlerinnen bleiben drau\u00dfen<\/strong><br \/>\nAngesichts der \u00dcberzahl der Wissenschaftlerinnen, die im Katalog ihre Ergebnisse publizieren, ist es schleierhaft, warum die Quelle des Mythos vom Atelier, die zu einem nicht unwesentlichen Teil auf dem vom Sch\u00f6pfergott gekneteten Selbstbildnis basiert, unangetastet blieb. (Bezug:<em> Am Campanile des Doms von Florenz ist ein Relief von Giotto angebracht, dass Gottvater in einer Bildhauerwerkstatt bei der Arbeit am Menschen zeigt<\/em>.) Die in die Ausstellung aufgenommenen Fotografinnen und K\u00fcnstlerinnen kann man nicht nur an einer Hand abz\u00e4hlen. Sie fallen auch deshalb aus dem Rahmen, weil Angela Stauber, Erika Kiffl und Gabriele M\u00fcnter nicht ihre eigenen Ateliers, sondern die ihrer K\u00fcnstlerkollegen fotografierten. Leider ist nicht einmal die Rede davon, dass M\u00fcnter, die Kandinsky und Klee beobachtete und malte, einen ersten Schritt in Richtung Entzauberung des Demiurgen-Mythos ging.<br \/>\n.<br \/>\nAnders als ihre m\u00e4nnlichen Kollegen brauchten sich Ulrike Rosenbach, Marina Abramovic, Valie Export, Gina Pane oder Pipilotti Rist gar nicht mit den Ateliermythen herumzuschlagen. Als sie ihre Arbeit in Bereiche wie Video, Immaterialit\u00e4t und Ortlosigkeit ausdehnten, hatten sie ein unbestelltes Feld vor sich und konnten von der akademischen Definitionsmacht unbeeinflusst arbeiten. Aus diesem Grunde \u00fcberwanden sie die Ausschlussmechanismen der Kunst, was ihnen in Stuttgart anscheinend zum Nachteil gereichte, wo sie ausgerechnet von Kunsthistorikerinnen daf\u00fcr mit Nichtbeachtung bestraft wurden. Neben den genannten haben Carolee Schneemann und Anna Oppermann (dazu: K\u00fcnstlerlexikon <a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=81\" title=\"Oppermann\">Oppermann<\/a>) die Ateliersituation selbst und Gegenst\u00e4nde aus dem Atelier zum Kunstwerk gemacht, und nicht wie die au\u00dferdem in der Ausstellung vertretene eher konventionell arbeitende Lisa Milroy, ihren Alltag im Sinne einer retinalen Kunst abgebildet. Mehr Werke als die von 5 K\u00fcnstlerinnen h\u00e4tten Alternativen zu den auf Atelieransichten basierenden stereotypen Selbstdarstellungen vermittelt, wie Julia Behrens in ihrem Katalogbeitrag andeutet (26).<\/p>\n<p><strong>Verfressen wie Feuer ist sie nicht<\/strong><br \/>\nDie Implikationen der Ateliersituation im Werk von K\u00fcnstlerinnen unterscheidet sich von Installationen m\u00e4nnlicher Kollegen, welche die Dekonstruktion des Ateliers mit drastischen Mitteln, wie dem der Burleske betrieben (Paul McCarthy) oder als ein erz\u00e4hlerisches T\u00e4nzchen mit Pinsel und Farbe f\u00fcr die Kamera veranstalteten (Jonathan Meese). Meese f\u00fchrte demonstrativ vor, dass die k\u00fcnstlerische Produktion ein einziges lockeres Spiel ist. Das entspricht ironischerweise sowohl dem Mythos der k\u00fcnstlerischer Arbeit als auch einer Utopie der Arbeitswelt, welche die Erwartung hegt, die Automation m\u00f6ge den arbeitenden Menschen endlich die versprochene Entlastung bringen, statt diese immer wieder schrittweise einer erh\u00f6hten Produktivit\u00e4t zu opfern. Hier beginnt wie in den einzurichtenden Ensembles Anna Oppermanns die k\u00fcnstlerische Arbeit \u00fcber die Ufer zu treten, sie ist nie beendet und kontinuierlich aus- und anbauf\u00e4hig \u2013 eben rhizomatisch. Sie ist vielleicht auch einnehmend, doch keineswegs, wie behauptet, verfressen wie Feuer.<\/p>\n<p>Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Betr.: Ausstellung \u201eMythos Atelier. 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