{"id":471,"date":"2015-09-22T01:47:06","date_gmt":"2015-09-21T23:47:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=471"},"modified":"2018-02-18T18:50:11","modified_gmt":"2018-02-18T17:50:11","slug":"schmelzen-und-zusammenstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=471","title":{"rendered":"Zusammenstehen statt Schmelzen"},"content":{"rendered":"<h1>Alexandru Pirici interpretiert \u201eFluids\u201c in Berlin<\/h1>\n<p>Eine Touristengruppe mit Segway-Rollern f\u00e4hrt eine Schleife \u00fcber den Platz, um bei der n\u00e4chsten Gr\u00fcnphase die Kreuzung zu queren. Auf ein Zeichen des Tourenf\u00fchrers mischen sich die Elektroroller zwischen die Fahrr\u00e4der, die gleichfalls bei Gr\u00fcn losfahren. Auf der Fahrbahn anfahrend dr\u00f6hnen die schweren Dieselmotoren der Busse und eines Baustofflasters. Vor ihnen zieht ein Motorrad davon und an den zum Stehen gekommenen Rechtsabbiegern vorbei. Als beim Umschalten der Ampeln der L\u00e4rm f\u00fcr Augenblicke versiegt, wird ein raunendes Summen vernehmbar. Es dringt von einer Gruppe Menschen her\u00fcber, die als Block zusammenstehen. An- und abschwellend singen die Freiwilligen, die diese Version der \u201eFluids\u201c von Allan Kaprow realisieren, einen Ton. Alexandru Pirici hat sie sich ausgehend von der Beschreibung des 10 Meter langen 3,40 m breiten und 2,60 hohen Gebildes des amerikanischen K\u00fcnstlers \u00fcberlegt und am 18. Sept. 2015 auf dem Potsdamer Platz realisiert.<\/p>\n<div id=\"attachment_473\" style=\"width: 1930px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/WP_20150918_12_51_57_Moment2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-473\" class=\"size-full wp-image-473\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/WP_20150918_12_51_57_Moment2.jpg\" alt=\"Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2015\" width=\"1920\" height=\"1080\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/WP_20150918_12_51_57_Moment2.jpg 1920w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/WP_20150918_12_51_57_Moment2-300x169.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/WP_20150918_12_51_57_Moment2-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/WP_20150918_12_51_57_Moment2-500x281.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-473\" class=\"wp-caption-text\">Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2015<\/p><\/div>\n<h1>Kalte Zeiten<\/h1>\n<p>Kaprow, der als Protagonist von <em>Happenings<\/em> bekannt geworden ist und den Begriff erfand, hatte \u201eFluids\u201c 1967 anl\u00e4sslich der Retrospektive seiner Arbeiten im Pasadena Art Museum konzipiert. Sie sollten an 30 verschiedenen Schaupl\u00e4tzen im Gro\u00dfraum Los Angeles aufgebaut werden. Angeblich wurden 15 \u201eFluids\u201c aus insgesamt ca. 200 to Wassereisbl\u00f6cken installiert. (Philip Ursprung: Grenzen der Kunst, M\u00fcnchen 2003, S. 191) Am 15. Sept. 2015 wurde eine Version dieser historischen Installation vor der Neuen Nationalgalerie aktualisiert. Nicht abwegig ist es anzunehmen, dass zahlreiche Besucher dieser Installation angesichts ihrer langsam dahinschmelzenden Substanz an den Klimawandel gedacht haben. Vor 48 Jahren war das anders. Damals sprach man vom \u201eKalten Krieg\u201c und von \u201eEiszeit\u201c. Auch konnten Begegnungen zwischen Politikern und K\u00fcnstlern aus den L\u00e4ndern des Warschauer Pakts und der NATO \u201eeingefroren\u201c werden. In den Zeiten des \u201eEisernen Vorhangs\u201c ging es au\u00dferdem um Territorien, wie sie durch die Eismauern, die praktisch 30 qm begrenzen, dargestellt worden sind. Insofern rekapituliert der Standort, den Pirici f\u00fcr ihre Variante von \u201eFluids\u201c wenige Schritte vom ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer entfernt treffend ausgew\u00e4hlt hat, die Geschichte von \u201eFluids\u201c und die Zeit der Happenings.<\/p>\n<div id=\"attachment_474\" style=\"width: 1510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/WP_20150918_16_50_00_Pro.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-474\" class=\"size-full wp-image-474\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/WP_20150918_16_50_00_Pro.jpg\" alt=\"Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2015\" width=\"1500\" height=\"843\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/WP_20150918_16_50_00_Pro.jpg 1500w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/WP_20150918_16_50_00_Pro-300x169.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/WP_20150918_16_50_00_Pro-1024x575.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/WP_20150918_16_50_00_Pro-500x281.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-474\" class=\"wp-caption-text\">Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2015<\/p><\/div>\n<h1>Tempo<\/h1>\n<p>Dr\u00fcckte damals das schmelzende Eis auch die Hoffnung auf ein Ende der politischen Stagnation aus, so ist der relative Stillstand der wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse seit dem Fall der Mauer einer zunehmenden Dynamik gewichen, so dass heute die schnelle Ver\u00e4nderungen zur sozialen Instabilit\u00e4t f\u00fchrten und die laufende Verfl\u00fcssigung der Verh\u00e4ltnisse vielen Menschen Angst macht. Der Potsdamer Platz ist ein authentischer Ort dieser Entwicklung. Zur Zeit des Kalten Krieges war er durch die Mauer geteilt und gar nicht mehr als st\u00e4dtebaulicher Kreuzungspunkt zu erkennen, wogegen dort heute die ungez\u00fcgelte wirtschaftliche Entwicklung einen st\u00e4dtebaulichen Ausdruck findet, der freilich anders als in den rasant wachsenden orientalischen Metropolen von den kulturellen Denkm\u00e4lern des Kalten Krieges, dem Kulturforum mit Philharmonie, Bibliothek und Neuer Nationalgalerie ges\u00e4umt wird.<\/p>\n<p>1970 baute Kaprow \u00fcbrigens die \u201eSweet Wall\u201c nahe der Berliner Mauer aus mit Brot und Marmelade verbundenen Hohlblocksteinen. (Fotos dieses Happenings aus der Sammlung Ren\u00e9 Block, der dieses Happening organisiert hatte, sind gerade in der NGBK, Chausseestra\u00dfe 8 noch bis zum 25. Jan. 2016 zu besichtigen.) Auch diese tempor\u00e4re Installation wurde <em>Happening<\/em> genannt, weil sie nur errichtet wurde, um anschlie\u00dfend von den Erbauern umgeworfen und wegger\u00e4umt zu werden. Vor dem historischen Hintergrund der Happenings von Kaprow f\u00fchrt die Entscheidung der rum\u00e4nischen K\u00fcnstlerin Pirici, Menschen zusammenstehen und stundenlang mit einem summenden Gesang ausharren zu lassen, zu einem Bild der Standhaftigkeit von Menschen gegen neue Grenzbefestigungsanlagen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alexandru Pirici interpretiert \u201eFluids\u201c in Berlin Eine Touristengruppe mit Segway-Rollern f\u00e4hrt eine Schleife \u00fcber den Platz, um bei der n\u00e4chsten Gr\u00fcnphase die Kreuzung zu queren. 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