{"id":419,"date":"2015-02-28T23:22:39","date_gmt":"2015-02-28T22:22:39","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=419"},"modified":"2015-03-31T16:32:50","modified_gmt":"2015-03-31T14:32:50","slug":"spiel-und-ritual","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=419","title":{"rendered":"Spiel und Ritual"},"content":{"rendered":"<p>\u201e<em>Le sacre de printemps<\/em> von She She Pop?\u201c fragte ich mich. \u201eNach Sasha Waltz jetzt auch She She Pop nach der Musik von Igor Stravinskij?\u201c Also schaute ich mir das St\u00fcck einfach mal an.<\/p>\n<p>Das das Thema Fr\u00fchlingsopfer weckten Erwartungen genauso wie die hochformatigen Leinwandstreifen, die im offenen B\u00fchnenraum hingen und den Seufzer ausl\u00f6sten: \u201eSchon wieder Video auf der B\u00fchne!\u201c<\/p>\n<p>Dann begann das St\u00fcck mit einem ganz pers\u00f6nlichen Statement \u00fcber M\u00fctter und ihre einvernehmende Art, die viele kennen, erleben oder erlebt haben. Doch sagten die PerformerInnen auch, dass sie gar nicht viel sprechen wollten. Dadurch blieb der Ball flach und man sah entspannt zu, wie sie mit Stoffen, Gegenst\u00e4nden und einem schweren Seil einen Kreis vervollst\u00e4ndigten, den die unten bogenf\u00f6rmig abgeschnitten Leinw\u00e4nde perspektivisch vorgaben. Das war ein wichtiges Statement, um mit m\u00f6glichst knappen Mitteln einen Ritualplatz zu schaffen und zugleich zu signalisieren: Seht her! Wir l\u00f6sen die Vorgaben mit visuellen Mitteln. Unser Opfer ist kein getanztes Ritual!<\/p>\n<p>Wie geschickt die abwesenden M\u00fctter virtuell in das Geschehen im B\u00fchnenraum einbezogen worden waren! Die Leinw\u00e4nde waren kein St\u00f6rfall des Theaters mehr, sondern mit den darauf projizierten M\u00fcttern konstituierende Bestandteile des St\u00fccks, die den Status von Akteuren bekamen. Im Wechsel traten die K\u00fcnstlerInnen vor die gigantischen M\u00fctteridole, richteten sich an sie, drehten ihnen den R\u00fccken zu, umgingen sie, traten zwischen sie und standen hinter ihnen. Sobald die PerformerInnen wieder hervortraten lie\u00df sich der Kreis auch unmerklich zum Publikum hin \u00f6ffnen. Wer wollte, konnte aus der eigenen Rolle als Kind bekannte Anteile an der einen oder anderen Mutter wiederfinden. Der Kreis wurde durch rhythmische Wechsel immer wieder\u00a0 durchbrochen, unterbrochen, durchkreuzt, erg\u00e4nzt und ge\u00f6ffnet. Von Szene zu Szene entstand spielerisch ein Bild von einem Ritual, dessen Wirklichkeit uns in weitgehend profanen Gesellschaften lebenen Zeitgenossen fremd geworden ist. Der in der Performance-Forschung einmal viel diskutierte Ritualbegriff stand auf einmal ohne Getue und Rauch auf der B\u00fchne.<\/p>\n<div id=\"attachment_421\" style=\"width: 1510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P2280909konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-421\" class=\"size-full wp-image-421\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P2280909konv.jpg\" alt=\"She She Pop: Rules. Die Ver\u00e4nderung, am 19.6.2003 im Kunstverein in Hamburg, foto: johnicon\" width=\"1500\" height=\"874\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P2280909konv.jpg 1500w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P2280909konv-300x175.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P2280909konv-1024x597.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/02\/P2280909konv-500x291.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-421\" class=\"wp-caption-text\">She She Pop: Rules. Die Ver\u00e4nderung, am 19.6.2003 im Kunstverein in Hamburg, foto: johnicon<\/p><\/div>\n<h2>Kunst und Leben<\/h2>\n<p>Ich sah She She Pop erstmals 2003 mit <em>Rules. Die Ver\u00e4nderung <\/em>im Kunstverein in Hamburg, weshalb das aktuelle St\u00fcck f\u00fcr mich noch eine weitergehende Bedeutung hatte, als die im Publikumsgespr\u00e4ch (in Hamburg auf Kampnagel) thematisierten Erfahrungen von M\u00fcttern und Kindern. F\u00fcr mich war es eine Wiederbegegnung mit den PerformerInnen im Abstand von 12 Jahren, in denen sie sich entwickelt haben. Einige von ihnen ziehen inzwischen selbst Kinder gro\u00df, wissen also, wovon sie sprechen oder lieber schweigen. Sie haben sich auf dem Weg durch ihr Leben sichtbar und unsichtbar ver\u00e4ndert, doch bleiben f\u00fcr mich die Ans\u00e4tze des vom sportlichen Zusammenspiel abgeleiteten Bewegungsrepertoires erkennbar, das ich als Zuschauer und als Fotografierender vor 12 Jahren so intensiv wahrgenommen hatte und so sehr mochte.<\/p>\n<p>Dabei gewahrte ich mich auch selbst und fand mich 12 Jahre \u00e4lter und zwischen ihnen und der Generation ihrer Eltern wie ein Gast auf einem Familienfest wieder, das f\u00fcr manche auch heute noch eines der wenigen lustvollen oder stressigen Rituale ist. Diese R\u00fcckerinnerung hatte f\u00fcr mich ein das Theaterspiel aufl\u00f6sendes Moment, und schuf ein starkes Gef\u00fchl der Aufmerksamkeit und Gegenwart, ja auch der Zugeh\u00f6rigkeit. Ich dachte dabei an die Anstrengungen, die mit Happenings unternommen worden sind, die Grenzen zwischen Kunst und Leben aufzul\u00f6sen. Man spricht heute nicht mehr dar\u00fcber. Aber She She Pop ist die Synthese gelungen.<\/p>\n<p>Ein Trailer mit entscheidenden Szenen unter: <a href=\"http:\/\/www.sheshepop.de\/produktionen\/fruehlingsopfer.html\">http:\/\/www.sheshepop.de\/produktionen\/fruehlingsopfer.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eLe sacre de printemps von She She Pop?\u201c fragte ich mich. \u201eNach Sasha Waltz jetzt auch She She Pop nach der Musik von Igor Stravinskij?\u201c Also schaute ich mir das St\u00fcck einfach mal an. 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