{"id":398,"date":"2014-10-31T12:54:23","date_gmt":"2014-10-31T11:54:23","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=398"},"modified":"2014-12-05T00:46:05","modified_gmt":"2014-12-04T23:46:05","slug":"beuys-und-der-traum-vom-zirkus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=398","title":{"rendered":"Beuys und der Traum vom Zirkus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor 50 Jahren<\/strong><\/p>\n<p>In einem Brief an den K\u00fcnstlerkollegen Wolf Vostell legte Joseph Beuys am 3. Nov. 1964 dar, was ihm \u00fcber FLUXUS durch den Kopf ging. George Maciunas hatte Beuys im Jahr zuvor gebeten, an der D\u00fcsseldorfer Akademie die Vorbereitungen f\u00fcr ein Fluxuskonzert zu \u00fcbernehmen. Diese Begegnung mit FLUXUS hatte einiges ins Rollen gebracht und die Kunst von Beuys nachhaltig ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p><strong>Deb\u00fct in \u201eThe Stars and Stripes\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Unter dem Begriff FLUXUS hatten sich 1962 unter der Federf\u00fchrung von George Maciunas mehrere K\u00fcnstlerkollegen in Wiesbaden zusammengefunden. Maciunas war als Designer bei der U.S. Air Force t\u00e4tig und mit Emmett Williams befreundet, der in Darmstadt f\u00fcr \u201eThe Stars and Stipes\u201c schrieb und Claus Bremer und Daniel Spoerri aus dem \u201eDarmst\u00e4dter Kreis\u201c kannte, wo sie sich mit Konkreter Poesie und experimentellem Theater besch\u00e4ftigten. Zu ihnen stie\u00df Benjamin Patterson, der versuchte, sich mit dem Verkauf von Enzyklop\u00e4dien \u00fcber Wasser zu halten. Gemeinsam heckten sie einen Beitrag \u00fcber FLUXUS in der Soldaten-Zeitschrift aus, der am 30. Aug. 1962 erschien. Ein Anfang war gemacht, und weitere K\u00fcnstler, die Maciunas aus Manhattan kannte, wo er eine Zeitschrift gegr\u00fcndet hatte, die Kollegen aus dem Umkreis von John Cage ein Forum gab, kamen aus \u00dcbersee, nachdem Maciunas in Europa Auftrittsm\u00f6glichkeiten organisiert hatte. Die Idee der Festivals als passendes Format f\u00fcr FLUXUS war geboren.<\/p>\n<p><strong>Ein Brief an Vostell<\/strong><\/p>\n<p>In der Passage eines Briefs an Vostell dachte Beuys \u00fcber FLUXUS nach:<br \/>\n\u201eIm gro\u00dfen und ganzen kann man sagen, da\u00df Fluxus gegen seri\u00f6se Kunst oder Kultur und ihre Institutionen opponiert, gegen den Europ\u00e4ismus. Auch gegen den Kunstprofessionalismus, gegen Kunst als kommerzieller Artikel oder Weg zum Lebensunterhalt. Auch gegen jede Form der Kunst, die das K\u00fcnstler-Ego f\u00f6rdert. Fluxus neigt also dazu, Oper und Theater (Kaprow, Stockhausen, etc.), die die Institutionalisierung der seri\u00f6sen Kunst repr\u00e4sentieren, abzulehnen, und ist stattdessen f\u00fcr Vaudeville oder Zirkus, die mehr die popul\u00e4re Kunst oder gar nicht-k\u00fcnstlerisches Am\u00fcsement repr\u00e4sentieren (und von \u00bbkultivierten\u00ab Intellektuellen schief angesehen werden).\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p><strong>Ausstellungen statt Zirkus<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Lekt\u00fcre dieses Briefs wird nachvollziehbar, was Beuys nach seinen ersten Aktionen im Jahr zuvor (1963) auf Fluxusfestivals durch den Kopf gegangen war. Nach seiner Teilnahme an der documenta 3 stand er einerseits auf der Schwelle zur internationalen Anerkennung, doch konnte durch seine Teilnahme an Fluxusveranstaltungen dieses junge Pfl\u00e4nzchen schon wieder gef\u00e4hrdet werden. Wohl deshalb erwog er, was die Intellektuellen \u2013 also die Kritiker \u2013 , die er als \u201ekultiviert\u201c apostrophiert, wohl davon halten w\u00fcrden? (Man muss sich dar\u00fcber im Klaren sein, dass in der Zeit in Deutschland noch kritisch \u00fcber den Surrealismus diskutiert wurde.) Also antizipierte Beuys, was sie ihm vorwerfen k\u00f6nnten, n\u00e4mlich einem Zirkus zu folgen und sich am Schaustellertheater zu beteiligen. Diese Sorgen besch\u00e4ftigen ihn, als er sich an Vostell wandte, der mit diesem Thema robuster umgehen konnte, da er die \u201eDe-Collage\u201c \u2013 dieses ist sein Begriff f\u00fcr Happenings \u2013 schon als junger K\u00fcnstler f\u00fcr sich entdeckt hatte und darin seine k\u00fcnstlerische Perspektive sah.<\/p>\n<p><strong>Ein Traum wird verraten \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Beuys ging demgegen\u00fcber rigoroser mit seinen Tr\u00e4umen um. Immerhin hatte er erz\u00e4hlt, dass er als Junge von zuhause abgehauen war, um bei einem Zirkus mitzureisen. Diesen Traum verriet er, obwohl er die Herausforderung der Aktionskunst annahm und den Begriff FLUXUS auch f\u00fcr seine Objekte beanspruchte. Mit bereits 43 Jahren \u00e4lter als die anderen Fluxusk\u00fcnstler blieb er in seinen \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen diesbez\u00fcglich zur\u00fcckhaltender und suchte nach eigenen Mitteln und Wegen, seine Entscheidungen zu begr\u00fcnden. Es scheint, dass er die Sympathien der Kunstfunktion\u00e4re und Museumsleute gewann, weil er in den Auseinandersetzungen mit FLUXUS nicht nur die Fahne der Institutionen hochhielt, obwohl er auch ihren Mangel an Theorie beklagte: \u201eEs fehlt ihnen eine richtige Theorie, ein erkenntnism\u00e4\u00dfiger Unterbau.\u201c Als er das schrieb, unterlief ihm ein Schnitzer, denn Theorien geh\u00f6ren zum \u00dcberbau. Er aber nannte sie Unterbau und sprach damit den Mangel an Erfahrung an, die er aus Sicht seiner Kriegserfahrung zu haben glaubte und mit der er im Kreise seiner Kollegen alleine stand. Sie hatte ihn wohl auch gegen seinen Traum aufgebracht.<\/p>\n<p>Schon vier Jahre sp\u00e4ter trug seine abw\u00e4gende Haltung Fr\u00fcchte, und er wurde zum zweiten Mal zur Teilnahme an der documenta eingeladen, w\u00e4hrend \u2013 es war1968 und die Happenings erreichen einen H\u00f6hepunkt \u2013 Vostell samt aller anderen Aktions- und Fluxusk\u00fcnstler \u00fcbergangen wurden.<\/p>\n<p><strong>\u2026 und dennoch der Rauswurf<\/strong><\/p>\n<p>Trotz der Argumente, die Beuys gegen FLUXUS in der Pr\u00e4gung von Maciunas anf\u00fchrte und mit denen die akademische Organisation der Kunstakademien und \u2013museen best\u00e4tigt wurde, blieb sein Wirken an der Kunstakademie in D\u00fcsseldorf keineswegs unumstritten. Seine zunehmenden Aktivit\u00e4ten stie\u00dfen schlie\u00dflich bei einer Mehrheit der Professorenschaft auf Ablehnung und wurden von der politischen F\u00fchrung des Landes NRW als Infragestellung der politischen Vorgaben wahrgenommen und geahndet. Hier zeigte sich, dass die Verteidigung des Institutionellen, die ihn im Kunstbetrieb voranbrachte, ihn nicht vor dem Rausschmiss aus der Akademie bewahren konnte. Als Lehrbeauftragter, dessen Anstellung auf der Basis von Jahresvertr\u00e4gen auf wackeligen F\u00fc\u00dfen stand, war er sowieso Professor auf Abruf, und die fristlose K\u00fcndigung 1972 brachte schlie\u00dflich ins Bewusstsein, dass Akademien und Museen staatliche Institutionen sind, die von der jeweiligen Kulturpolitik gelenkt und alimentiert werden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1] <\/a>Adriani, G\u00f6tz, u.a.: Joseph Beuys, erweiterte Neuauflage 1981, 2. aktualisierte Auflage, K\u00f6ln 1984, S. 99.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 50 Jahren In einem Brief an den K\u00fcnstlerkollegen Wolf Vostell legte Joseph Beuys am 3. Nov. 1964 dar, was ihm \u00fcber FLUXUS durch den Kopf ging. 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