{"id":388,"date":"2014-09-23T01:00:38","date_gmt":"2014-09-22T23:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=388"},"modified":"2014-09-23T01:00:38","modified_gmt":"2014-09-22T23:00:38","slug":"koerper-vom-netz-genommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=388","title":{"rendered":"K\u00d6RPER VOM NETZ GENOMMEN"},"content":{"rendered":"<p>Zur Ausstellung: <em>Es ist Zeit<\/em> von Clemens Krauss im MARTa in Herford<br \/>\nvom 31. Aug. bis 2. Nov. 2014<\/p>\n<p><strong>Ein Teenager als M\u00f6chtegernstar<\/strong><\/p>\n<p>Einen wilden Jungen auf dem Sofa seines Kinderzimmers hopsend seine Gitarre dreschen und mit gl\u00fchenden Augen sehns\u00fcchtig in die Kamera blicken zu sehen, ist eine der beeindruckenden Szenen aus dem Video \u201eER\u201c (2011), das aus transferierten Video 8 Clips zusammengeschnitten ist. Ein Sprecher aus dem Off suggeriert Biografisches aus dieser Zeit ohne <em>YouTube<\/em>. Er erz\u00e4hlt, dass der hyperaktive M\u00f6chtegern-Rockstar an verschiedenen Syndromen litt und sp\u00e4ter an einen Rollstuhl gefesselt sein w\u00fcrde. Nach seinem Verschwinden streuten \u201eAussagen eines Arbeiters\u201c Ger\u00fcchte, dass ihn in Rum\u00e4nien sein Bruder, der mit Handschellen daran gekettet worden ist, darin herumschieben w\u00fcrde. Als Metapher f\u00fcr die Abh\u00e4ngigkeiten in Familien und Zwangsverh\u00e4ltnisse an Schulen verstanden, trifft die Geschichte die in vielen Staaten ge\u00fcbte Praxis, Kinder zur Ruhe anzuhalten, um den politisch sanktionierten Stoff zu vermitteln, der nicht selten die Kraft der Sch\u00fcler \u00fcberfordert, ihre nach geistigem Futter und k\u00f6rperlicher Bet\u00e4tigung gierenden K\u00f6rper stillzustellen. Notfalls t\u00f6ten Psychopharmaka den nat\u00fcrlichen Bewegungsdrang und die Abenteuerlust ab, um die vermeintlichen Bildungsnormen zu erf\u00fcllen, w\u00e4hrend die Zust\u00e4ndigkeiten f\u00fcr Fu\u00dfball, Fechten, Tanzen und Selbstbefriedigung auf die knappe freie Zeit verschoben oder an virtuelle Spiele delegiert werden.<\/p>\n<p>Durch einen Tunnel im von den Kuratoren in der Lippold-Galerie des Marta im ostwestf\u00e4lischen Herford geschaffenen Ausstellungslabyrinth gelangen die Betrachter von dieser einleitenden Videoprojektion in weitere mit Werkgruppen aus Videos, Malereien und Objekten best\u00fcckte R\u00e4ume aus verschiedenen Schaffensphasen und ein fensterloses Zimmer f\u00fcr die Sprechstunden jeden Samstag und Sonntag w\u00e4hrend der Dauer der Ausstellung.<\/p>\n<div id=\"attachment_389\" style=\"width: 1510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/P8313245entw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-389\" class=\"size-full wp-image-389\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/P8313245entw.jpg\" alt=\"Clemens Krauss, Wandbild \u00fcber dem Foyer, MARTa, Herford, Foto: johnicon, courtesy of the artist and museum\" width=\"1500\" height=\"1125\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/P8313245entw.jpg 1500w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/P8313245entw-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/P8313245entw-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/P8313245entw-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-389\" class=\"wp-caption-text\">Clemens Krauss, Wandbild \u00fcber dem Foyer, MARTa, Herford, Foto: johnicon, courtesy of the artist and museum<\/p><\/div>\n<p><strong>K\u00f6rper mit Gesten des Malens identifiziert<\/strong><\/p>\n<p>Krauss formt die K\u00f6rper mit Massen von \u00d6lfarbe direkt auf dem neutralen Malgrund \u2013 seien es W\u00e4nde, wie im Eingangsbereich des Museums, Leinw\u00e4nde oder Hartfaserplatten. Bei der Er\u00f6rterung derartiger Malerei steht, \u00e4hnlich wie bei der Beschreibung der Bilder von Fabian Marcaccio, die Tatsache im Wege, dass im Deutschen Farbe als Synonym f\u00fcr die Lichtfrequenz des Farbsehens wie auch f\u00fcr die Masse aus Farbpigmenten mit Bindemitteln fungiert. Anders als bei farbigen Skulpturen, bei denen das Inkarnat auf den gebildhauerten K\u00f6rpern aufgetragen wird, sind bei Krauss Farbmassen und farbige Oberfl\u00e4chen identisch. Da die Gesichtsz\u00fcge in den gefurchten Farbmassen bis auf gelegentlich erkennbare grobe Andeutungen von Augen, Nasen und Ohren kaum individualisiert sind, kann man davon ausgehen, dass, der K\u00f6rpersprache und Kleidung nach zu urteilen, meistens junge M\u00e4nner gemeint sind, mit denen der Maler kommuniziert, indem er die Gesten der Malerei mit den Gesten der Dargestellten verschr\u00e4nkt. Dabei kommt es zu einer Identifikation, welche die anonyme Herkunft der Figuren aus den Medien kompensiert. Diesem Vorgang haftet zugleich eine Passivit\u00e4t an; denn die Motive werden nicht aktiv gesucht, sondern ins Studio geliefert, was eine zus\u00e4tzliche Voraussetzung ihrer Entpers\u00f6nlichung und Kontextlosigkeit ist. Dagegen wendet Krauss ein, die K\u00f6rper h\u00e4tten den Charakter von Selbstbildnissen. Hierzu fehlen allerdings portr\u00e4tartige \u00c4hnlichkeiten, so dass Betrachter letztlich Stereotypen begegnen, die durch aus den Shirts ragende Extremit\u00e4ten bewegt erscheinen. Ob Gesten und Posen so als K\u00f6rpersprache zu verstehen sind, muss zun\u00e4chst ebenso wie der Status der dargestellten Personen offen bleiben. Jedenfalls erkennt man nicht, ob sich die Gruppen zum Feierabend versammeln oder ob sie arbeitslos sind, sich langweilen, entspannen, palavern oder streiten. Vielleicht hat Krauss die Exemplare dieser Generation der sozialen Netzwerke gerade deshalb vom Netz genommen, um angesichts der trivialen und egalisierenden \u00c4u\u00dferlichkeiten anhand der minimalen Informationsreste einen Befund ihres sozialen Potentials mit \u00e4sthetischen Mitteln zu erheben. Die Knappheit von Informationen stellt die \u00fcbliche Typisierung von Personengruppen durch konkrete Hinweise, Beschreibungen der Details und Attribute auf den Kopf. An dieser Stelle muss deshalb ein Hinweis auf Krauss\u2018 T\u00e4tigkeit als Arzt und Psychoanalytiker erfolgen, weil es durch seine Kunst innerhalb einer sprachlich fixierten Expertise die weniger beachteten visuellen und kollektiven Potentiale mit k\u00fcnstlerischen Mitteln zur Anamnese heranzieht.<\/p>\n<div id=\"attachment_390\" style=\"width: 1510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/IMG_20140831_123136.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-390\" class=\"size-full wp-image-390\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/IMG_20140831_123136.jpg\" alt=\"Clemens Krauss: Detail der Installation aus Christusfiguren und Schuhen, MARTa Herford, Foto: johnicon, courtesy of the artist\" width=\"1500\" height=\"1125\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/IMG_20140831_123136.jpg 1500w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/IMG_20140831_123136-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/IMG_20140831_123136-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/IMG_20140831_123136-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-390\" class=\"wp-caption-text\">Clemens Krauss: Detail der Installation aus Christusfiguren und Schuhen, MARTa Herford, Foto: johnicon, courtesy of the artist<\/p><\/div>\n<p><strong>Paradigmatisch: Figuren des Messias<\/strong><\/p>\n<p>Neben den ausgestellten eigenen k\u00fcnstlerischen Arbeiten hat Krauss auch historische Christusfiguren aus seiner Sammlung nach Herford gebracht und zu einer Installation mit zahlreichen Paaren seiner Sneakers kombiniert. Hier tauchen Bilder vom K\u00f6rper aus historischen und religi\u00f6sen Zusammenh\u00e4ngen auf, die eine andere Seite seiner Forschungsinteressen offenbaren. Die teils verwitterten Inkarnate der Figuren sind schichtweise auf bildhauerisch zerkl\u00fcftete Oberfl\u00e4che aufgetragen worden, w\u00e4hrend Krauss K\u00f6rper und ihre Kleidung aus massiven Farbmassen modelliert. Beide Varianten lassen sich aber auch mit Spuren von Verletzungen und schlie\u00dflich mit der Passion in Verbindung bringen. Die Schnitzer der historischen Personen gruben zur Darstellung der Haare und Falten Furchen in das Holz, die nicht nur verbl\u00fcffende \u00c4hnlichkeiten mit den Oberfl\u00e4chen der ausgestellten Gem\u00e4lde aufweisen, sondern auch mit vergr\u00f6\u00dferten Rillen einer Vinylschallplatte. Diese bergen Informationen. Und diese Vermutung ist nicht abwegig, denn in den letzten zwei Jahren hat Krauss auch Teppiche aus Farbmassen zusammengesetzt, deren Muster archaisches Wissen aufbewahren. Hier wird das Informationspotential der orientalischen Ornamentik befragt. Eine solche Informationsverdichtung schwebt Krauss demzufolge auch vor, wenn er junge Zeitgenossen um die 30 mit ihren Leiden, Zweifeln, Sehns\u00fcchten, ihrem Mut und \u00dcbermut, ihrem Scheitern und ihren Erfolgen darstellt, zumal sich daf\u00fcr Vorbilder in der christlichen Auffassung finden lassen, die alles, was in den Menschen vorgeht und was sie antreibt, einem einzigen Menschen, dem Jesus von Nazareth, aufgeladen hat, der deshalb zu einer Figur des paradigmatischen Leidens geworden ist. Krauss Farbmassen wirke so, als g\u00e4ben sie dieser Vorstellung erneut Gewicht.<\/p>\n<p>Was aber hat es dabei mit den Schuhen auf sich? Geht es um Migration im urspr\u00fcnglichen Sinn einer Wanderschaft, oder geht es um die Beleidigung, die im arabischen Raum im Zeigen der Fu\u00dfsohlen gegen jemanden liegt, der symbolisch einen Tritt abkriegen soll. Hier offenbart sich ein wesentliches Dilemma der Globalisierung besonders darin, dass Symbole und K\u00f6rpersprache durchaus nicht universell sind, sondern in unendlich viele Idiome zerfallen, die historisch gewachsen und \u00e4hnlich differenziert sind wie die zahlreichen gesprochenen Sprachen. Die Schuhe k\u00f6nnten den Barf\u00fc\u00dfigen auch auffordern: Werde einer von uns! In der Ikonographie der Passion Christi lassen sich die Bilder der jungen Menschen in die eines \u201eecce homo\u201c einf\u00fcgen. Die Abbildungen von gefurchten K\u00f6rpern streifen nicht zuletzt auch die existenzialistische Vorstellung des in die Welt geworfenen jungen Menschen, an dessen unsicherer Position in einer globalisierten Welt sich Krauss abarbeitet. Konkret denke ich dabei an \u201eDer Fremde\u201c von Albert Camus. Die Hauptfigur dieser Erz\u00e4hlung bringt am Strand einen jungen Mann um, ohne dass man als Leser in der Lage w\u00e4re, Motive zu ergr\u00fcnden. Es gibt Anhaltspunkte, doch wei\u00df man nicht einmal, warum Mersault an die Stelle gegangen ist, an der er sein sp\u00e4teres Opfer traf. Im grellen mediterranen Licht, das die Figuren entindividualisiert, gibt es keine M\u00f6glichkeit die K\u00f6rpersprache zu identifizieren. So ist es unm\u00f6glich zu erkennen, ob eine Aggression vorlag, ob es eine harmlose Begegnung war oder ob \u00dcbermut die folgenschwere Tat heraufbeschworen hat.<\/p>\n<p><strong>Rastlos: Zerst\u00f6rung von Kontexten<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberbelichtung, durch die die Anhaltspunkte f\u00fcr eine Umgebung und Zusammenh\u00e4nge ausgeblendet werden, scheint hier ein Schl\u00fcssel zu sein. Manchen m\u00f6gen noch die Bilder von Walter Niedermayrs Fotoprojekt <em>Titlis<\/em> gel\u00e4ufig sein, der 1999 Menschen auf Gletschern fotografierte, so dass sie auf einem unbestimmten Untergrund zu schweben scheinen. Den Menschen wird durch \u00dcberbelichtung der Boden entzogen. Zu viel Licht ist vorhanden und tilgt die M\u00f6glichkeiten der Verortung. Auf Bilder von Krauss trifft das ebenfalls zu. Teils aus einer erh\u00f6hten Perspektive beobachtet, stehen Einzelne oder Gruppen ohne Kontext auf dem Pr\u00e4sentierteller, ohne dass sie sich unbehaglich f\u00fchlen w\u00fcrden. Die fehlende Gelegenheiten sich zur\u00fcckzuziehen, zu verstecken und einsam zu sein haben sie &#8211; der Ahnungslosigkeit ihrer Gesichtsz\u00fcge und Gesten nach zu urteilen \u2013 noch nicht einmal bemerkt.<\/p>\n<div id=\"attachment_391\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/marta_herford_clemens_krauss2014_Sick_and_Sane_2014-300x198.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-391\" class=\"size-full wp-image-391\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/marta_herford_clemens_krauss2014_Sick_and_Sane_2014-300x198.jpg\" alt=\"Clemens Krauss: Sick and Sane, 2014, \u00d6l auf Leinwand, 300x198 cm, Foto: B. Borchardt\" width=\"300\" height=\"198\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-391\" class=\"wp-caption-text\">Clemens Krauss: Sick and Sane, 2014, \u00d6l auf Leinwand, 300&#215;198 cm, Foto: B. Borchardt<\/p><\/div>\n<p>Dieser Bildaufbau \u00e4nderte sich erst in den letzten zwei Jahren, in denen Krauss seine Figuren vor rudiment\u00e4re Kulissen stellt. M\u00f6glicherweise hat seine Reise nach Pal\u00e4stina dazu beigetragen, dass menschliche Figuren, die nicht mehr so stark ausgearbeitet werden wie in \u00e4lteren Werkgruppen, vor oder zwischen Architekturfragmenten stehen. Auch wenn diese an zerst\u00f6rte oder unfertige Betonskelettbauten erinnern, bleibt es nach wie vor den Betrachtern \u00fcberlassen, wie sie die nur angedeuteten R\u00e4ume interpretieren wollen.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferungen von in Berlin lebenden Israelis im Video \u201eDouble Bind\u201c (2014) rufen den Verlust von Wohnungen und mithin Heimat auf. Die Erz\u00e4hlungen, Erinnerungen und Tr\u00e4ume von zwei Protagonisten aus zwei Generationen bringen das Ph\u00e4nomen des Lebens in Israel in Erinnerung, das die aus der Diaspora kommenden von ihren vertrauten Umgebungen und den m\u00f6glicherweise seit Generationen bewohnten Geb\u00e4uden ihrer Vorfahren abgeschnitten hat. Hierin sind Motive f\u00fcr die Rastlosigkeit zu suchen, die auf Entwurzelung zur\u00fcckgeht, eine permanente Erregung hervorruft und eine gest\u00f6rte Kommunikation zur Folge hat. Auch hierf\u00fcr stehen die Schuhe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Ausstellung: Es ist Zeit von Clemens Krauss im MARTa in Herford vom 31. Aug. bis 2. 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