{"id":349,"date":"2014-03-15T15:55:36","date_gmt":"2014-03-15T14:55:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=349"},"modified":"2014-03-15T15:56:47","modified_gmt":"2014-03-15T14:56:47","slug":"die-anschauung-des-unsichtbaren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=349","title":{"rendered":"Die Anschauung des Unsichtbaren"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Initiative des Yoshiaki Kaihatsu<\/strong><\/p>\n<p>Hinter den Fenstern und T\u00fcren von L\u00e4den und Wohnungen sind die Vorh\u00e4nge der fotografieren H\u00e4user zugezogen. Schwer zu sagen, ob es ein Zeichen von Sonntagsruhe, Ferien oder Feierabend ist? Die Legende teilt mit, dass es sich um den Ort Iidate in der japanischen Provinz Fukushima handelt, den Yoshiaki Kaihatsu 2012 im Jahr nach der Havarie von 2 Reaktoren besuchte. Gespenstisch erscheinen die Eindr\u00fccke, die der K\u00fcnstler festgehalten hat, weil alle Bewohner ihre Wohnungen und Gesch\u00e4fte hinterlassen haben, als w\u00fcrden sie nach einem kurzfristigen Aufenthalt woanders bald wieder zur\u00fcckkehren. Ihnen war nicht klar, dass sie nie wieder in ihre radioaktiv vergiftete Heimat zur\u00fcckkehren w\u00fcrden. Im Vergleich mit den vom Tsunami zerst\u00f6rten Gesch\u00e4ften in Kesennuma City (Provinz Miyagi), die Kaihatsu nach der Naturkatastrophe besuchte, bleibt die Ursache der Zerst\u00f6rung durch Radioaktivit\u00e4t den Sinnen verborgen. Im Vergleich wird mindestens auf den zweiten Blick erkennbar, dass das eingedrungene Salzwasser das Wohnen in den durchn\u00e4ssten Wohnungen entlang der 500 Kilometer der japanischen K\u00fcste unm\u00f6glich gemacht hatte. Eine Reparatur oder ein Wiederaufbau von den durch Wasser zerst\u00f6rten H\u00e4usern war m\u00f6glich, und viele Bewohner konnten wieder zur\u00fcckkehren. Die v\u00f6llig intakten aber verstrahlten H\u00e4user dagegen werden f\u00fcr mindestens eine wenn nicht mehrere Generationen unbewohnbar bleiben. Ohne dass mit visuellen Mitteln ein Mangel sichtbar gemacht werden k\u00f6nnte, werden sie in den kommenden Jahrzehnten ungenutzt verrotten. So gesehen griff die doppelte Katastrophe des Tsunamis und der Havarie nicht nur in das Leben der Menschen ein, sondern machte einmal mehr auch die traditionellen M\u00f6glichkeiten der Bildenden Kunst eine das abbildende Instanz obsolet.<\/p>\n<div id=\"attachment_350\" style=\"width: 669px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Street.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-350\" class=\"size-full wp-image-350\" alt=\"Y. Kaihatsu: Iidate, Fukushima, 2012, courtesy of Mikiko Sato Gal.\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Street.jpg\" width=\"659\" height=\"317\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Street.jpg 659w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Street-300x144.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Street-500x240.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 659px) 100vw, 659px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-350\" class=\"wp-caption-text\">Y. Kaihatsu: Iidate, Fukushima, 2012, courtesy of Mikiko Sato Gal.<\/p><\/div>\n<p>Wie viele ern\u00fcchterte Kollegen zog auch Kaihatsu die Konsequenzen daraus und ergriff die Initiative; denn es ist ja so, dass nicht die K\u00fcnstler allein immer wieder vor dem Versagen der Abbildlichkeit stehen und immer wieder von Neuem die Krise des Sichtbaren beschw\u00f6ren m\u00fcssen, die mit jeder atomare Havarie, jeder Bankenkrise, jedem Terroranschlag usw. erneut heraufzieht.<\/p>\n<h2>\u00c4sthetik und Unsichtbarkeit<\/h2>\n<p>Die Krise der Sichtbarkeit besch\u00e4ftigt Kaihatsu, denn als K\u00fcnstler ist er Spezialist des Sichtbarmachens. Die Unsichtbarkeit der atomaren Verstrahlung ist eine Herausforderung, denn sie versch\u00e4rft das Trauma der Menschen, die nicht in ihre vollkommen intakten H\u00e4user zur\u00fcckkehren d\u00fcrfen und ihre G\u00e4rten und Felder auf absehbare Zeit nicht mehr bestellen d\u00fcrfen. Es ist ein akademisches Problem, das sich hier stellt, \u00a0doch liegt f\u00fcr die Menschen, die von einem Tag auf den anderen ihren Lebensmittelpunkt verloren haben, der Skandal darin, dass sie auch drei Jahre nach diesen beiden Katastrophen, die Japan weiterhin besch\u00e4ftigen und der Wirtschaft schwer schaden, noch behelfsm\u00e4\u00dfig untergebracht sind. Sie hatten sich ein Leben aufgebaut, in das sie nicht mehr zur\u00fcckkehren d\u00fcrfen. Sie wissen, was gerade auf den Feldern zu tun w\u00e4re, doch m\u00fcssen sie unt\u00e4tig warten. Das wiegt schwer, und man glaubt, die Kl\u00e4rung der Unzul\u00e4nglichkeit der menschlichen Wahrnehmung k\u00f6nnte warten. Doch bleibt sie damit verkn\u00fcpft, obwohl \u00e4sthetische Fragen den N\u00f6ten der Menschen gegen\u00fcber wie ein Luxusproblem erscheinen m\u00fcssen.<\/p>\n<div id=\"attachment_351\" style=\"width: 676px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Miagi-Street.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-351\" class=\"size-full wp-image-351\" alt=\"Y. Kaihatsu: Kesennuma City, Miyagi, courtesy of Mikiko Sato Gal.\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Miagi-Street.jpg\" width=\"666\" height=\"322\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Miagi-Street.jpg 666w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Miagi-Street-300x145.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/Miagi-Street-500x241.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-351\" class=\"wp-caption-text\">Y. Kaihatsu: Kesennuma City, Miyagi, courtesy of Mikiko Sato Gal.<\/p><\/div>\n<p>Kaihatsu hat Interviews mit den provisorisch untergebrachten Menschen gef\u00fchrt, die nicht verstehen k\u00f6nnen, warum sie nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Offensichtlich sind die \u00e4sthetischen Probleme eng mit dem Alltag dieser Menschen verkn\u00fcpft, denn sonst k\u00f6nnten sie verstehen, warum die Regierung weiterhin so tut, als sei nichts gewesen. Nicht nur, dass sie die verzweifelte Lage der immer noch Obdachlosen in ihren behelfsm\u00e4\u00dfigen Unterk\u00fcnften ignoriert, sondern auch weiterhin mit den strahlenden Hinterlassenschaften einer vermeintlich sicheren Atomindustrie umgeht, als sei nichts geschehen. Es f\u00e4llt offensichtlich leicht, so zu tun, als w\u00e4ren die erforderlichen Arbeiten schon verrichtet, weil die oberfl\u00e4chlichen Aufr\u00e4umarbeiten abgeschlossen sind: die verstrahlte Erde steht in Plastiks\u00e4cken unter freiem Himmel und das strahlende K\u00fchlwasser in Tanks abgef\u00fcllt in der N\u00e4he der Kraftwerke. Wie das 100.000 Jahren so weitergehen soll, entzieht sich der Vorstellungskraft und dem wirtschaftlichen Kalk\u00fcl einer profitorientierten Risikogesellschaft, in der solche nicht mehr zu beziffernden Sch\u00e4den ausgeblendet werden. Die Beamten warten auf Anweisungen.<\/p>\n<p>Kaihatsu hat an der Grenze zum Sperrgebiet eine H\u00fctte auf der Grundfl\u00e4che von vier Tatamimatten errichtet. Eine Tafel dar\u00fcber weist sie als \u201eHaus f\u00fcr Politiker\u201c aus. Bis jetzt hat er 750 von ihnen eingeladen, sich eine Zeit lang in dieser H\u00fctte an der Grenze zur kontaminierten Zone von Fukushima aufzuhalten. Der K\u00fcnstler nimmt an, dass so ein Aufenthalt au\u00dferhalb der privilegierten Aufenthaltsorte von Politikern den Gedanken auf die Spr\u00fcnge helfen k\u00f6nnte.<\/p>\n<div id=\"attachment_352\" style=\"width: 650px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/The-House-of-Politicians.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-352\" class=\"size-full wp-image-352\" alt=\"Y. Kaihatsu: The House of Politicians, courtesy of Mikiko Sato Gal.\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/The-House-of-Politicians.jpeg\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/The-House-of-Politicians.jpeg 640w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/The-House-of-Politicians-300x199.jpeg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/03\/The-House-of-Politicians-450x300.jpeg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-352\" class=\"wp-caption-text\">Y. Kaihatsu: The House of Politicians, courtesy of Mikiko Sato Gal.<\/p><\/div>\n<h2>Bestandsaufnahme: Erbe der Konzept-Kunst<\/h2>\n<p>Warum Kaihatsu ausgerechnet als K\u00fcnstler eine solche Initiative ergreift, liegt wohl daran, dass die Kunst des 21. Jahrhunderts weiterhin mit den Problemen der Moderne zu tun hat, und sich damit auseinandersetzen muss, dass die Folgen eines planvollen Handelns ins Chaos f\u00fchrten, das sich wiederum der Anschauung entzieht, obwohl es die betroffenen Menschen innerlich zerrei\u00dft. Die das Leben \u00fcberschattenden Risiken unserer Zeit wiedersetzen sich den W\u00fcnschen, die Vorgaben der Moderne hinter sich zu lassen. Die Einsch\u00e4tzung der Risiken aus der Kernkraft, den Finanzm\u00e4rkten, dem Terror und der digitalen Datenspeicherung und Vernetzung bleibt weiterhin unanschaulich.<\/p>\n<p>Was mit der fotografischen Bestandsaufnahme, die Kaihatsu verwendet, in Angriff genommen wird, geht zur\u00fcck auf eine Pionierleistung der Konzept-Kunst. Ed Rusha fotografierte 1965 nacheinander <a href=\"http:\/\/www.medienkunstnetz.de\/werke\/sunset-strip\/\">http:\/\/www.medienkunstnetz.de\/werke\/sunset-strip\/ <\/a>alle Geb\u00e4ude am Sunset-Strip in Los Angeles und reihte sie als ein Leporello aneinander. Er legte mit dieser Fixierung eine Messlatte f\u00fcr alle sichtbaren Ver\u00e4nderungen. Zwar k\u00f6nnten die H\u00e4user und ihre Besitzverh\u00e4ltnisse juristisch auch mit den Mitteln von Katastern abgeglichen werden, doch haben wir es hier mit einem Paradigmenwechsel hin zu einer visuellen Aneinanderreihung zu tun, die sich angesichts von dramatischen Ver\u00e4nderungen von einem\u00a0 Projekt der avantgardistischen Bestandsaufnahme ausgehend zu einem Instrument k\u00fcnstlerischen Handelns weiterentwickelt hat.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst unterscheidet sich der symbolische Akt des Abfotografierens von dem politischen und verwaltungstechnischen Agieren in \u00e4sthetischer Hinsicht. Doch hat die Gew\u00f6hnung an die M\u00f6glichkeiten der Fotografie dazu gef\u00fchrt, dass die Menschen ihre Gewohnheiten umgestellt haben und \u00fcber die Rechtsverh\u00e4ltnisse hinaus nach Anschauung und visueller Nachpr\u00fcfbarkeit verlangen. Trotz aller M\u00f6glichkeiten, Daten und Messergebnisse zu sammeln, erscheint den meisten Menschen die Anschauung nach wie vor direkt und unmittelbar und eine Mehrheit ist weiterhin entz\u00fcckt, wenn die K\u00fcnste &#8211; darunter sind es neben der bildenden Kunst besonders Konzerte, Oper, Tanz und Theater &#8211; unseren Gesichtssinn ansprechen. Und genau diese \u00e4sthetische Sicht wird zum Problem, wenn es um das Unsichtbare geht, das uns mit der zunehmenden Erschlie\u00dfung von Mikro- und Makrokosmus nicht nur umgibt, sondern in immer entscheidenderem Ma\u00dfe auch unseren Alltag bestimmt.<\/p>\n<p>Bestehende Wahrnehmungsgewohnheiten behindern die notwendige Bestandsaufnahme der hier von Kaihatsu aufgef\u00fchrten noch zehntausende von Jahren strahlenden Hinterlassenschaft von Tschernobyl, Fukushima und aller noch intakten Kernkraftwerke. Die Unf\u00e4higkeit, sich das Problem vorzustellen, behindert letztlich auch die Findung einer L\u00f6sung f\u00fcr die Lagerung von strahlendem \u201eAtomm\u00fcll\u201c. Der Wunsch, diese unangenehmen Hinterlassenschaften der Moderne endlich vergessen zu wollen, ist verst\u00e4ndlich, doch die Aufgaben, die diese dem k\u00fcnstlerischen und praktischen Nachdenken stellen, sind noch zu l\u00f6sen. Insofern liegt Kaihatsu richtig mit dem Gedanken, Politiker zur Meditation in eine kleine H\u00fctte einzuladen. Doch er k\u00f6nnte den Kreis derjenigen, die dort in Klausur gehen sollten, durchaus auch auf andere Berufsgruppen ausdehnen; denn es kann gar nicht genug solcher H\u00fctten zum Nachdenken \u00fcber die Bedingungen unserer Zeit geben.<\/p>\n<p>Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n<p>Ausstellung \u201eNaturkatastrophe Atomenergie Disput Terrorismus\u201c<br \/>\nin der Galerie Mikiko Sato, Klosterwall 13, 20095 Hamburg<br \/>\nbis 19. April 2014<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mikikosatogallery.com\" target=\"_blank\">www.mikikosatogallery.com<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Initiative des Yoshiaki Kaihatsu Hinter den Fenstern und T\u00fcren von L\u00e4den und Wohnungen sind die Vorh\u00e4nge der fotografieren H\u00e4user zugezogen. Schwer zu sagen, ob es ein Zeichen von Sonntagsruhe, Ferien oder Feierabend ist? 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