{"id":287,"date":"2013-10-20T16:54:42","date_gmt":"2013-10-20T14:54:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=287"},"modified":"2013-10-20T16:54:42","modified_gmt":"2013-10-20T14:54:42","slug":"spiele-aus-dem-koffer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=287","title":{"rendered":"Spiele aus dem Koffer"},"content":{"rendered":"<p>Wenn Stuart Sherman (1945-2001) in den 1980er Jahren auf einem Platz in Manhattan sein Klapptischchen aufstellte und einige Objekte aus seinem Koffer fischte, dachte man im Vorbeigehen an einen in Aktion tretenden Taschenspieler. Nur wer verweilte, sah, dass sich hier kein H\u00fctchenspieler vorbereitete, um mit schnellen und konstanten Verschiebungen von Schachteln seine Zuschauer \u00fcber die darunter verborgenen Geldeins\u00e4tze zu t\u00e4uschen. Zweifelsohne r\u00fcckte Sherman Modelle von Einrichtungsgegenst\u00e4nden oder mechanische Tiere aus Kunststoff und Metall getaktet wie ein Gl\u00fccksspieler, doch waren seine Spieleins\u00e4tze keine M\u00fcnzen sondern Erinnerungen, die sich zu kleinen Episoden verdichten, weshalb er sie <i>spectacles<\/i> nannte. Sie reihten sich aneinander wie Filmszenen, die in Variationen immer wieder neu montiert und \u201egedreht\u201c werden konnten. In der Kabel-TV-Show von Kestutis Nakas (1983, <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=IG3p8SjowMo\">http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=IG3p8SjowMo<\/a>) bezeichnete sich der K\u00fcnstler folglich auch als \u201efilmmaker\u201c, was er mit der Pr\u00e4sentation eines Kurzfilms, der in der Nachfolge surrealistischer Filme steht, unter Beweis stellte. 2010 pr\u00e4sentierte das Filmfestival in Chicago 25 seiner zwischen 1977 und 1986 gedrehten Filme. Vom aktuellen Interesse an Sherman zeugte auch die Ausstellung des <i>Kunstvereins Harburger Bahnhof<\/i>. Bis zum 18. August 2013 konnten dort Fotos und Filme der <i>spectacles<\/i> besichtigt werden, welche die mit Sherman befreundete Kollegin Babette Mangolte in den 1970er Jahren aufgenommen hatte.<\/p>\n<div id=\"attachment_288\" style=\"width: 1926px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Sherman_doppelt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-288\" class=\"size-full wp-image-288\" alt=\"The 13 and the 14th spectacle by Stuart Sherman, Feb. 1984, New York City Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2013\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Sherman_doppelt.jpg\" width=\"1916\" height=\"1500\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Sherman_doppelt.jpg 1916w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Sherman_doppelt-300x234.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Sherman_doppelt-1024x801.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Sherman_doppelt-383x300.jpg 383w\" sizes=\"auto, (max-width: 1916px) 100vw, 1916px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-288\" class=\"wp-caption-text\">The 13 and the 14th spectacle by Stuart Sherman, Feb. 1984, New York City<br \/>Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2013<\/p><\/div>\n<h3><\/h3>\n<h3>Keine Zauberei sondern \u00c4sthetik der Performance<\/h3>\n<p>Das Arrangieren von Gegenst\u00e4nden w\u00e4hrend seiner Klapptischperformances f\u00fchrte zu immer neuen Konstellationen, die sich paradoxerweise \u00a0in den Momenten aufl\u00f6sten, in denen er sie mit einem Bleistift auf dem als Spielfl\u00e4che benutzten Zeichenblatt umriss. In derselben flie\u00dfenden Bewegung, mit der er den Stift f\u00fchrte, wurde pl\u00f6tzlich der Miniaturfernsehapparat hochgehoben und erwies sich von dem Augenblick an, in dem der Bleistift in ihn hineingesteckt wurde, als ein im Spielzeug versteckter funktionaler Gegenstand. Mit der durch Drehen jeweils neu gesch\u00e4rften Bleistiftspitze wurde die folgende der neu entstandenen Konstellation der Gegenst\u00e4nde umrissen, so dass auf dem Blatt ein Palimpsest entstand. Diese in den Aktionsfluss eingebauten Br\u00fcche im \u00dcbergang zwischen neuen Arrangements der Dinge verwandelten die Dinge in ihrer Funktion und Bedeutung. Mithin deutete sich hiermit der vergebliche Versuch an, Handlungen zu fixieren, die aus der Dynamik leben und deren Qualit\u00e4t in der Kontinuit\u00e4t liegt. Daher entspricht das Bleistiftspitzen einem Lidschlag, mit dem Zuschauer selbst die Kontinuit\u00e4t der Wahrnehmung unterbrechen, um die Aufmerksamkeit in Versatzst\u00fccke aufzuteilen. \u00c4hnlich funktioniert auch der Filmschnitt mit dem Filmregisseure die Aufmerksamkeitsstrecke vorgeben. Die so gesetzten \u00e4sthetischen Mittel stimulieren die Gedankent\u00e4tigkeit und Imagination der Zuschauer, wodurch sich das laufende Spiel und dazugeh\u00f6rige Erinnerungsfetzen in ihrem Kopf etablieren. Auf diese Weise werden die Zuschauer in ein kindliches Spiel hineingezogen, in dem die Dinge im Fluss bleiben und die ganze Welt darstellen. Im besten Fall wird es so, wie es einem selbst als Kind erging, als sich Wunder noch spontan ereignen konnten.<\/p>\n<p>Diese Gedanken \u00fcber Stuart Sherman werden in \u201eBlende und Traumzeit\u201c fortgesetzt. (Band 2 erscheint 2014 bei Conference Point)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Stuart Sherman (1945-2001) in den 1980er Jahren auf einem Platz in Manhattan sein Klapptischchen aufstellte und einige Objekte aus seinem Koffer fischte, dachte man im Vorbeigehen an einen in Aktion tretenden Taschenspieler. Nur wer verweilte, sah, dass sich hier &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=287\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[70],"class_list":["post-287","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kuenstlerverzeichnis","tag-spiel"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/287","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=287"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/287\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":291,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/287\/revisions\/291"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=287"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=287"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=287"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}