{"id":265,"date":"2013-09-03T10:29:17","date_gmt":"2013-09-03T08:29:17","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=265"},"modified":"2013-10-17T20:46:32","modified_gmt":"2013-10-17T18:46:32","slug":"wir-geben-uns-den-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=265","title":{"rendered":"\u201eWir geben uns den Raum!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Zum Festival Brise\u00ba1 vom 30.8. \u2013 1.9.2013 in Flensburg<\/p>\n<p>\u201eWir geben uns den Raum!\u201c rief Elke Mark am Ende einer Diskussion um geeignete Orte f\u00fcr Performance Art. Genau das hatte abends zuvor die <i>PAErsche Open Source Session<\/i> auf dem Gel\u00e4nde am alten G\u00fcterbahnhof in Flensburg erreicht. Auf dem Umschlagplatz vor dem ehemaligen K\u00fchlhaus markierten die Lichtkegel der Scheinwerfer von drei Autos eine Fl\u00e4che und neun Performer begannen ihre M\u00f6glichkeiten mit vor Ort gefundenen minimalen Hilfsmitteln und Gegenst\u00e4nden vorhergehender Performances zu erkunden.<\/p>\n<p>Was sich an diesem zweiten Tag von \u201eBrise\u00ba1\u201c, dem ersten internationalen Performancefestival in der n\u00f6rdlichsten Stadt Deutschlands ereignete, war eine weitere Station auf dem langen Weg der Verbreitung einer Praxis von Aufmerksamkeit, Beschenkung und Gastgeberschaft, die mit dem Austausch von Performances und den Begegnungen von Menschen aus den verschiedenen k\u00fcnstlerischen Genres\u00a0 mit unterschiedlichen Ambitionen aufkam.<\/p>\n<div id=\"attachment_266\" style=\"width: 1510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P831187501konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-266\" class=\"size-full wp-image-266\" alt=\"PAErsche Open Source Session mit Rolf Hinterecker, 31.8. Foto: johnicon\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P831187501konv.jpg\" width=\"1500\" height=\"1125\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P831187501konv.jpg 1500w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P831187501konv-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P831187501konv-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P831187501konv-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-266\" class=\"wp-caption-text\">PAErsche Open Source Session mit Rolf Hinterecker, 31.8.<br \/>Foto: johnicon<\/p><\/div>\n<p>Konnten bei den Einzelperformances noch lebende Bilder, trickreiche Darbietungen, sorgf\u00e4ltig Vorbereitetes oder Improvisiertes \u00fcberraschen, belustigen oder fesseln, kam es bei der Session darauf an, nicht nur die eigenen M\u00f6glichkeiten auszusch\u00f6pfen, sondern den anderen Personen Vertrauen und Aufmerksamkeit zu schenken. So konnte etwas wachsen, an dem alle beteiligt waren. Selbst das Publikum lie\u00df sich von der Aufmerksamkeit erfassen und wurde Zeuge von intuitiv sich einstellenden Ereignissen und Begegnungen. Sie schienen momentan auf, hielten sich eine Weile, um kurz darauf wieder abzuflachen und in neue M\u00f6glichkeiten \u00fcberzugehen.<\/p>\n<h3>Mit der Zertr\u00fcmmerung von Klavieren und Geigen fing an, was\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 heute Universit\u00e4ten lehren<\/h3>\n<p>Zwar ist das emphatische und bisweilen auch enthusiastische Miterleben auch in den H\u00e4usern des klassischen b\u00fcrgerlichen Kunstbetriebs nicht unbekannt. Doch sp\u00e4testens seit den 1960er Jahren, als der pazifistische John Cage noch die Saiten der Klaviere mit diversen Materialien best\u00fcckte, um die T\u00f6ne zu modifizieren, erlebten wir einen Bruch oder auch eine \u00dcbersteigerung etwa durch Arman, Nam June Paik und Joseph Beuys, die 1962\/63 etliche Klaviere, Fl\u00fcgel und Streichinstrumente besch\u00e4digten oder zerst\u00f6rten. Angesichts der entfesselten Zerst\u00f6rungspotentiale der Industrienationen und der Arroganz einer Hochkultur, die keine Alternativen duldete, manifestierte sich in diesen Aktionen Bruch und Neubeginn.<\/p>\n<div id=\"attachment_267\" style=\"width: 1460px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P8311803konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-267\" class=\"size-full wp-image-267\" alt=\"Marita Bullmann, 31.8. Foto: Johnicon\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P8311803konv.jpg\" width=\"1450\" height=\"1500\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P8311803konv.jpg 1450w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P8311803konv-290x300.jpg 290w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P8311803konv-989x1024.jpg 989w\" sizes=\"auto, (max-width: 1450px) 100vw, 1450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-267\" class=\"wp-caption-text\">Marita Bullmann, 31.8.<br \/>Foto: Johnicon<\/p><\/div>\n<p>Heute bearbeiten zahlreiche Hochschulen Themen der Performance Art, womit die zun\u00e4chst befremdlichen Anregungen seitens der Performance Art, Video- und Installationskunst f\u00fcr die Auff\u00fchrungsk\u00fcnste, also das Theater, die Oper und den Film verf\u00fcgbar gemacht werden k\u00f6nnen. Dennoch haben wir es au\u00dferhalb der Hochschulen mit einer weiter wachsenden Zahl von Akteuren und Interessierten aus allen Genres zu tun, die nicht immer B\u00fchnenformate praktizieren, welche die M\u00e4rkte rund um die Opern, Theater, Konzerts\u00e4le, Film- und Fernsehstudios sowie Verlagsh\u00e4user nachfragen. Viele Protagonisten wurden auch nie in diese Institutionen hineinsozialisiert, gleichwohl besitzen K\u00fcnstler wie Boris Nieslony bedeutende Archive und Bibliotheken \u00fcber die Geschichte und Theorie dieser Kunstpraxis. Allerdings kommt es nicht darauf an, dass die Verfahren einer <i>Open Source Session<\/i> \u00e4sthetisch sanktioniert oder vom Feuilleton best\u00e4tigt werden. Auf der Basis der Bewegung treten die Quellen aus dem Bestand der kulturellen Einschreibungen in den K\u00f6rper hervor, werden sichtbar, eventuell gespiegelt und verschwinden wieder. Es geht um direkten Austausch, der durch sparsam ausgew\u00e4hlte Gegenst\u00e4nde des Alltags erg\u00e4nzt wird, die sich in einem elementaren Sinn einsetzten und erproben lassen.<\/p>\n<h3>Was man erwerben kann, muss nicht gelingen.<\/h3>\n<p>Die Diskussion am 1. 9. galt dem Thema \u201etool\u201c, und es ging um die Werkzeuge der k\u00fcnstlerischen Arbeit in den Zeiten, in denen sich nicht nur Werke abbilden sondern auch Handlungen von Jedem reproduzieren und einem Publikum zug\u00e4nglich machen lassen. Aus diesem Grunde wurden in einer Vorlage der Organisatorin auch Handlungsabl\u00e4ufe unter dem Begriff des \u201etools\u201c subsummiert.<\/p>\n<p>Kulturgeschichtlich sind wir damit an einem Punkt angelangt, an dem die Werkzeuge, die eine Erweiterung des menschlichen K\u00f6rpers darstellten und von diesem beherrscht werden mussten, aufgegeben werden, bzw. ver\u00e4ndert und unge\u00fcbten H\u00e4nden angemessen werden. Traditionell war der Umgang mit Werkzeugen zu erlernen, was einer handwerklichen Tradition zu verdanken ist, die die heutigen Lehrberufe hervorgebracht hat. Doch steckt der Gebrauch von Werkzeugen in einer Krise, weil modular gebaute Gebrauchsgegenst\u00e4nde meist unreparierbar sind, Convenience-Produkte nicht geputzt werden m\u00fcssen, Sportger\u00e4te Rudern im Wohnzimmer erm\u00f6glichen und automatische Steuerungen den Menschen viele T\u00e4tigkeiten abnehmen. So ist vielen Menschen die Lust an der k\u00f6rperlichen Beherrschung von Werkzeugen und an der Bewegung immer mehr abhandengekommen. Physisches Analphabetentum ist der Preis daf\u00fcr, dass Haushalts- und Werkstattmaschinen, Gartenger\u00e4te und landwirtschaftliche Maschinen die Arbeit erleichtern oder sie den Menschen ganz abnehmen. Was man erwerben kann, muss nicht mehr gelingen.<\/p>\n<h3>Kulturelle Leerstellen f\u00fcllen<\/h3>\n<p>Diese kulturellen Leerstellen werden h\u00e4ufig durch Fettanlagerungen an K\u00f6rpern, Rost auf Werkzeugen und Zerstreutheit im Kopf ausgeglichen, wenn nicht die Praktiken der Performance-Art den verwahrlosten F\u00e4hig- und Fertigkeiten des K\u00f6rpers Futter geben. Hier sind alle, die sich angesprochen f\u00fchlen, aufgefordert, Werkzeuge \u2013 oder das was daf\u00fcr gehalten wird \u2013 auszuw\u00e4hlen, auszuprobieren oder auch zweckentfremdet zu benutzen. Es geht darum herauszufinden, was der K\u00f6rper kann, was ihm fehlt, was er zur Erweiterung ben\u00f6tigt und wie viel \u00c4u\u00dferungspotential jenseits aller Zweckbezogenheit aus ihm herauszuholen ist. Dann ist es m\u00f6glich, dass sich Wesentliches zwischen den Beteiligten ereignet, die sich w\u00e4hrend diverser paralleler Aktionen begegnen, sich nahe kommen, ihre Bewegungen synchronisieren, sich verlieren, aufeinander zugehen oder sich voneinander entfernen.<\/p>\n<div id=\"attachment_268\" style=\"width: 1510px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P831185108konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-268\" class=\"size-full wp-image-268\" alt=\"PAErsche Open Source Session mit B\u00e9atrice Didier, Marita Bullmann, Monica Klingler, Boris Nieslony Foto: johnicon\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P831185108konv.jpg\" width=\"1500\" height=\"1125\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P831185108konv.jpg 1500w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P831185108konv-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P831185108konv-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/P831185108konv-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1500px) 100vw, 1500px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-268\" class=\"wp-caption-text\">PAErsche Open Source Session mit B\u00e9atrice Didier, Marita Bullmann, Monica Klingler, Boris Nieslony<br \/>Foto: johnicon<\/p><\/div>\n<p>Die Erfahrungen einer performativen Zusammenarbeit aktualisiert PAErsche seit 3 Jahren in einem Performance-Netzwerk mit bis zu 30 Mitgliedern, die sich regelm\u00e4\u00dfig in K\u00f6ln oder auf Festivals treffen:\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.paersche.org\">www.paersche.org<\/a><\/p>\n<p>Mit Brise\u00ba1 hat Elke Mark Norddeutschland mit einem Festival bereichert, dem eine Fortsetzung, nicht zuletzt auch deshalb zu w\u00fcnschen ist, weil Flensburg zahlreiche Pl\u00e4tze an der F\u00f6rde und neugierige Einwohner und Besucher hat, denen die Praxis der <i>Open Source Session<\/i> gut tun k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Festival Brise\u00ba1 vom 30.8. \u2013 1.9.2013 in Flensburg \u201eWir geben uns den Raum!\u201c rief Elke Mark am Ende einer Diskussion um geeignete Orte f\u00fcr Performance Art. 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