{"id":182,"date":"2013-04-25T14:01:15","date_gmt":"2013-04-25T12:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=182"},"modified":"2013-12-16T23:39:10","modified_gmt":"2013-12-16T22:39:10","slug":"parzelliert-und-gestickt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=182","title":{"rendered":"Parzelliert und gestickt"},"content":{"rendered":"<p>Annegret Soltau: Ich war total suchend. Erz\u00e4hlt von Baldur Greiner, Weststadt Verlag Darmstadt 2013, Hardcover, 116 Seiten, 19,80 \u20ac<\/p>\n<p>Unverwandt blickt die Frau auf dem Cover ihre Leser an. Ihr Gesicht ist mit Linien \u00fcberzogen, die sich wie ein Tattoo \u00fcber Haut, Nase, Brauen, Haare und Hals ziehen. Allerdings weist die Parzellierung des Gesichts zweierlei Lineaturen auf. Wie der r\u00fcckw\u00e4rtige Buchdeckel zeigt, ist das Foto Annegret Soltaus mit einem verschn\u00fcrten Gesicht au\u00dferdem mit einem Faden \u00fcbern\u00e4ht. Eine Arbeitsweise der Aktionsk\u00fcnstlerin gibt sich darin genauso zu erkennen wie die k\u00fcnstlerische Reflexion des Gefangenseins und \u2013 wie es der Buchtitel andeutet \u2013 die Suche nach einen Wegen.<\/p>\n<div id=\"attachment_186\" style=\"width: 1134px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/P425034801konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-186\" class=\"size-full wp-image-186\" alt=\"Umschlag, Vorderseite\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/P425034801konv.jpg\" width=\"1124\" height=\"1500\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/P425034801konv.jpg 1124w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/P425034801konv-224x300.jpg 224w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/P425034801konv-767x1024.jpg 767w\" sizes=\"auto, (max-width: 1124px) 100vw, 1124px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-186\" class=\"wp-caption-text\">Umschlag, Vorderseite<\/p><\/div>\n<p>Der Band bringt Schwarz-Wei\u00df-Abbildungen weiterer Werke der K\u00fcnstlerin seit 1974. Obwohl er kein Kunstbuch ist, stellt die sorgf\u00e4ltige Auswahl, die mit einschl\u00e4gigen Passagen aus ihrer Biografie synchronisiert ist, ihrer k\u00fcnstlerischen Entwicklung mit ihrer Suche nach Verbindungen und Entfesselungen umfassend vor. Private Fotos zeigen dar\u00fcber hinaus &#8211; durchaus exemplarisch &#8211; eine junge Frau der kargen Nachkriegsjahre voller Neuanf\u00e4nge inmitten reaktion\u00e4rer Bem\u00fchungen, die alten Verh\u00e4ltnisse zu rekonstruieren. Die von ihrem Mann, dem Bildhauer Baldur Greiner erz\u00e4hlten Episoden aus dem Leben der K\u00fcnstlerin entdecken den Lesern Kindheit, Jugend und Entwicklung dieser Protagonistin feministischer Kunst in Deutschland.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Eine und zwei Nachkriegsbiografien<\/h2>\n<p>Zuf\u00e4llig erscheint das Buch zeitnah mit zwei anderen Biografien aus der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit: Als Filme kamen \u201eQuellen des Lebens\u201c von Oskar Roehler\u00a0 und \u201e Das Wochenende\u201c von Nina Grosse nach dem autobiographischen Roman \u201eHerkunft\u201c von Roehler und \u201eDas Wochenende\u201c\u00a0 nach dem gleichnamigen Roman von Bernhard Schlink k\u00fcrzlich in die Kinos. Grosse zeigt in ihrem Film einen aus der Haft entlassenen Terroristen, der an seinem ersten Wochenende im Haus seiner Schwester auf ehemalige Genossen, seine Geliebte und deren gemeinsamen Sohn trifft. Der Film gipfelt in der Konfrontation mit seinem Sohn, der seinen Vater bisher nur einmal f\u00fcr 10 Minuten im Gef\u00e4ngnis gesehen hat.<\/p>\n<p>Beide Werke erz\u00e4hlen die Geschichte von M\u00e4nnern aus einem b\u00fcrgerlichen kunstaffinen Milieu. Dem gegen\u00fcber stehen die von Greiner in einer knappen Sprache geschilderten Lebensumst\u00e4nde seiner Frau, die abgeschnitten vom b\u00fcrgerlichen Leben ihre Kindheit im zum Wohnen hergerichteten Stall eines kriegszerst\u00f6rten gro\u00dfm\u00fctterlichen Bauernhauses in den Elbmarschen verbrachte. Ihren im Krieg verschollenen Vater hat sie nie kennengelernt. Von ihm existiert lediglich ein Foto, das ihn in Uniform auf einer Br\u00fccke aus Birkenst\u00e4mmen zeigt. Dieses Foto diente der vergeblichen Suche der Tochter nach Spuren von ihm, w\u00e4hrend ihre Mutter diese folgenreiche Episode am liebsten aus ihrem Leben gestrichen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich eine Gewalt, deren k\u00fcnstlerische und sprachliche Aufbereitung f\u00fcr Soltau im Vergleich zu den beiden Bestsellern und Filmen mindestens 20 Jahre l\u00e4nger gedauert hat. Die Mittel der Kunst waren nicht auf das Schicksal dieser K\u00fcnstlerin zugeschnitten, die mit Aktionskunst, Zeichnung und Foto-Vern\u00e4hung ihre M\u00f6glichkeiten selbst erfinden und erforschen musste. Dieses meint der Titel: \u00a0\u201cIch war total suchend\u201c und das Buch zeichnet die Suche dieser K\u00fcnstlerin jenseits der Ressourcen auf, aus denen die Autoren und Filmemacher b\u00fcrgerlicher Herkunft selbstverst\u00e4ndlich sch\u00f6pfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Leibfeindlichkeit und Zensur<\/h2>\n<p>Die Foto-Vern\u00e4hung mit dem Titel \u201egenerativ\u201c<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.photoscala.de\/Artikel\/Die-Kunst-des-Alterns&amp;h=351&amp;w=500&amp;sz=39&amp;tbnid=JLUZTYWKeCzBXM:&amp;tbnh=90&amp;tbnw=128&amp;zoom=1&amp;usg=__uc25yzmRgs9ILQ-NSvhmSXTcVno=&amp;docid=_hkGEXFAxLNM-M&amp;sa=X&amp;ei=8xh5UbHII8mTtAag7oDQDQ&amp;ved=0CEAQ9QEwAg&amp;dur=2311\">http:\/\/www.photoscala.de\/Artikel\/Die-Kunst-des-Alterns&amp;h=351&amp;w=500&amp;sz=39&amp;tbnid=JLUZTYWKeCzBXM:&amp;tbnh=90&amp;tbnw=128&amp;zoom=1&amp;usg=__uc25yzmRgs9ILQ-NSvhmSXTcVno=&amp;docid=_hkGEXFAxLNM-M&amp;sa=X&amp;ei=8xh5UbHII8mTtAag7oDQDQ&amp;ved=0CEAQ9QEwAg&amp;dur=2311<\/a><\/p>\n<p>sollte als Teil ihres Bildessays \u201eAltern und Gestaltwandel der Frau\u201c in dem von Farideh Akashe-B\u00f6hme 1995 herausgegebenen Band \u201eVon der Auff\u00e4lligkeit des Leibes\u201c erscheinen, h\u00e4tte nicht Siegfried Unseld diesen Beitrag zensiert. (vgl.: Darmst\u00e4dter Dokumente No. 2, Presse- und Informationsamt des Magistrats der Stadt Darmstadt, 1997)\u00a0 Gegen die nackten Frauenk\u00f6rper schlugen bei Unseld Ressentiment und Leibfeindlichkeit durch, gegen das ihn das Verlegen der Schriften von Bloch, Adorno, Habermas, Benjamin etc. nicht immunisiert hatten. Dieser Mann lie\u00df vielmehr die Schranken zwischen den Geschlechtern, den Klassen und den verschiedenen \u00c4sthetiken erneut absenken, weil ihm die Vern\u00e4hungen von vier Frauenk\u00f6rpern unterschiedlichen Alters (Urgro\u00dfmutter, Gro\u00dfmutter, Mutter und Tochter) zu ungeheuer waren, als dass er seinen pers\u00f6nlichen Abscheu durch Vernunft h\u00e4tte \u00fcberwinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Annegret Soltaus Werk verk\u00f6rpert das Potential einer Kunst, f\u00fcr das die T\u00fcren in einer von anderen gesellschaftlichen Erfahrungen bestimmten Kunstwelt nur widerstrebend und wenn dann zun\u00e4chst nur einen Spalt breit ge\u00f6ffnet werden. Dieser jetzt vorliegende biografische Band l\u00e4sst erkennen, dass die \u00e4sthetischen Differenzen um das Werk dieser K\u00fcnstlerin nicht nur die feministische Seite ihrer Kunst betreffen, sondern auch gespaltene Lebenswelten eine Rolle spielen. Wie das Netz vor dem Gesicht der K\u00fcnstlerin offenbart die Zensur Unselds exemplarisch die meist unsichtbaren aber gleichwohl folgenreichen Parzellierungen in Kunst und Gesellschaft. Entsprechend abgestuft f\u00e4llt der Aufwand aus, mit dem die Institutionen ihre Protagonisten aus verschiedenen Klassen w\u00fcrdigen.<\/p>\n<div id=\"attachment_187\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/P425034902konv.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-187\" class=\"size-full wp-image-187\" alt=\"Umschlag, R\u00fcckseite\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/P425034902konv.jpg\" width=\"840\" height=\"1500\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/P425034902konv.jpg 840w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/P425034902konv-168x300.jpg 168w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2013\/04\/P425034902konv-573x1024.jpg 573w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-187\" class=\"wp-caption-text\">Umschlag, R\u00fcckseite<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Annegret Soltau: Ich war total suchend. Erz\u00e4hlt von Baldur Greiner, Weststadt Verlag Darmstadt 2013, Hardcover, 116 Seiten, 19,80 \u20ac Unverwandt blickt die Frau auf dem Cover ihre Leser an. Ihr Gesicht ist mit Linien \u00fcberzogen, die sich wie ein Tattoo &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=182\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[43,42,40,73,41],"class_list":["post-182","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","tag-body-art","tag-foto-vernaehung","tag-leiblichkeit","tag-performancephotography","tag-zensur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/182","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=182"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/182\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":323,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/182\/revisions\/323"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=182"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=182"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}