{"id":1245,"date":"2025-12-22T13:23:41","date_gmt":"2025-12-22T12:23:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=1245"},"modified":"2025-12-22T13:23:42","modified_gmt":"2025-12-22T12:23:42","slug":"als-zeitmessungen-lokal-waren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=1245","title":{"rendered":"Als Zeitmessungen lokal waren"},"content":{"rendered":"\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Christian Marclay: <em>The Clock<\/em>, 24 h (2010) in der Nationalgalerie Berlin<\/h1>\n\n\n\n<p>Mehr als ein Jahrzehnt mussten wir uns gedulden, bis zun\u00e4chst in Stuttgart und jetzt in Berlin der Film <em>The Clock <\/em>von Christian Marclay in der Nationalgalerie l\u00e4uft. Noch bis zum 25. Jan. 2026.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_0909327072.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_0909327072-1024x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1246\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_0909327072-1024x1024.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_0909327072-300x300.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_0909327072-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_0909327072-768x768.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_0909327072-1536x1536.jpg 1536w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_0909327072.jpg 1737w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Achtung: Eine 24-st\u00fcndige Projektion beginnt am 2. Januar 2026 ab 10 Uhr!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den f\u00fcnf Stunden, die ich mit <em>The Clock<\/em> verbracht hatte, standen in kurzer Folge Wand-, Armband-, Bahnhofs-, Gesims-, Taschen-, Turm-, Tisch-, Spiel-, Stech- und Standuhren, sowie Wecker, digitale Uhren oder Displays f\u00fcr Zeitsteuerungen vor meinen Augen. Marclay hat derartige Clips mit anzeigter Zeit und Gespr\u00e4chen \u00fcber die Uhrzeit aus Tausenden von Kinofilmen so dicht montiert, dass die jeweils angezeigte Zeit synchron mit der tats\u00e4chlichen Uhrzeit als ein 24-st\u00fcndiges Video gezeigt werden kann. In der Nationalgalerie ist <em>The Clock<\/em> w\u00e4hrend der \u00d6ffnungszeiten zwischen 10 und 20 Uhr zu besichtigen. Nur noch einmal gibt es in Berlin die Gelegenheit, auch zu sehen, was die Filmgeschichte an Szenen mit Uhrzeiten abends, w\u00e4hrend der Nacht und am Morgen, also in den \u00fcbrigen 14 Stunden zwischen 20 und 10 Uhr bereith\u00e4lt, und zwar ab Freitag, den 2. Januar 2026 ab 10 Uhr.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unterhaltung rund um die Uhrzeit<\/h2>\n\n\n\n<p>Dieser unglaubliche Ritt durch die Uhrzeiten in verschiedenen Epochen aus allen Jahrzehnten des Kinos wird dank gekonnt gereihter Clips zu einer kunstvollen Ton- und Bildkomposition, die zum genussvollen Betrachten einl\u00e4d. Nicht nur Cineasten kommen auf ihre Kosten. Geiselnahmen, Verfolgungsjagden und feiernde Gesellschaften sowie der Kampf um die t\u00e4glichen Mahlzeiten werfen Schlaglichter auf unterschiedliche Bewertungen der P\u00fcnktlichkeit und machen neugierig auf mehr Kinogeschichte. Man h\u00f6rt Ausreden, erlebt geplatzte Verabredungen, wird Zeuge von Abschieds- und Begr\u00fc\u00dfungsritualen am Zug, am Bus, am Auto oder auf Flugh\u00e4fen. Zuschauer sind dabei, wenn \u00dcberf\u00e4lle mit einem Uhrenvergleich beginnen oder Augenblicke der Befreiung nach Schulstunden, Gef\u00e4ngnisaufenthalten, Schichten oder einem langen Arbeitsleben n\u00e4her r\u00fccken. Schicksalhaft laufen Bewerbungsfristen ab oder gl\u00fcckliche Wendungen er\u00f6ffnen eine zweite Chance.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein pers\u00f6nliches Highlight war Harold Lloyd in <em>Safety Last!<\/em> (1923) an den Zeigern der Kaufhausuhr. Zwischen 19:12 und 19:17 zeigt eine mehrmalige R\u00fcckblende zwischen anderen Episoden, wie eine vergessene Zigarette im Aschenbecher vergl\u00fcht und um 19:50 h stellte Bruno Ganz seine Armbanduhr bei einem Hamburger Elektroh\u00e4ndler nach einer Fernsehuhr.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Verschwinden der \u00f6ffentlichen Uhren<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251219_1453055352.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"869\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251219_1453055352-869x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1247\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251219_1453055352-869x1024.jpg 869w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251219_1453055352-255x300.jpg 255w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251219_1453055352-768x905.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251219_1453055352-1304x1536.jpg 1304w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251219_1453055352-1738x2048.jpg 1738w\" sizes=\"auto, (max-width: 869px) 100vw, 869px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Uhr in der Halle des Bahnhofs in St.Gallen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Kinog\u00e4nger wissen es. Die Wahrnehmung ver\u00e4ndert sich, nachdem man von einem Film gefesselt wurde. Aus dem Kinosaal tretend, werden Farben, Bewegungen, Interaktionen intensiver. Auch Gesichter, die man gew\u00f6hnlich \u00fcbersehen w\u00fcrde, \u00f6ffnen sich und erz\u00e4hlen. Und, falls man es eilig hat, findet man seinen Weg m\u00fcheloser durch die Menschenmenge. Was aber ist, wenn auf den Gehwegen vor den Innenstadtkinos gar kein Gedr\u00e4nge herrscht? Aus der Nationalgalerie in Berlin kommend, die zwar kein Kino ist, in die aber eigens ein Kinosaal f\u00fcr die Vorf\u00fchrung von <em>The Clock<\/em> eingebaut wurde, steht man jedoch in den fr\u00fchen Abendstunden auf einem leeren Gehweg im verlassenen Kulturforums. Der sinnessteigernde Nachhall des Films bleibt aus. Erst auf dem Potsdamer Platz deutet sich dank der zur\u00fcckgekehrten Dynamik durch abendlichen Verkehr eine Verschiebung der Nachwirkung des Films an.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_151335143.MP_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"944\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_151335143.MP_-1024x944.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1248\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_151335143.MP_-1024x944.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_151335143.MP_-300x277.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_151335143.MP_-768x708.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_151335143.MP_-1536x1416.jpg 1536w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_151335143.MP_-2048x1888.jpg 2048w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/PXL_20251215_151335143.MP_-325x300.jpg 325w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Hauptbahnhof in Berlin, Dez. 2025<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auf dem Platz f\u00e4llt tats\u00e4chlich der Blick auf die rekonstruierte ikonische Uhr aus den 1920er Jahren, deren Original auch filmisch pr\u00e4sent geblieben ist. Auf der aktuellen Suche nach einem Lokal bleibt sie die einzige \u00f6ffentliche Zeitanzeige. Wenn es auf P\u00fcnktlichkeit angekommen w\u00e4re, h\u00e4tte ich mein Smartphone aus der Tasche ziehen m\u00fcssen. Nur auf den Bahnsteigen gab es sie noch \u2013 Bahnsteiguhren. Doch schon auf dem Weg aus der S-Bahn-Katakombe zur Stra\u00dfenbahn fehlten genaue Zeitanzeigen. Nun war der Hauptbahnhof nicht mehr weit. Hinter seiner gl\u00e4sernen Portalfassade hing ein gro\u00dfer leerer Kranz. Der dort saisonal vertikal platzierte Adventskranz hatte nicht einmal mehr Kerzen und verdichtete den Eindruck, dass uns hier eine Zeit ohne Zeitmessung begegnet. Walter Benjamin hatte in den \u201egeschichtsphilosophischen Thesen\u201c erw\u00e4hnt, dass die Revolution\u00e4re in Paris unabh\u00e4ngig voneinander auf die Zeiger verschiedener Turmuhren geschossen h\u00e4tten, was die Ankunft einer neuen Zeit manifestiert habe. Marclays Film k\u00f6nnte so ein ikonoklastischer Aspekt innewohnen. Er w\u00e4re damit auch ein Abgesang auf die analoge Zeitanzeige, denn heute ersetzen kleinste elektronische Bauteile mit Zeitfunktion in allen Devices physische Uhren. Displays, mit denen elektronische Ger\u00e4te, Verkehrsmittel und Haushaltsger\u00e4te ausgestattet sind, k\u00f6nnen jede Information anzeigen. Zeit wird damit zum inh\u00e4renten Bestandteil, die alle Ger\u00e4te, die damit auch ihre Nutzer vernetzen und in ein holistisches System einbinden. Die episodische Lokalzeit, die das Kino nicht zuletzt durch die Klappen schon beim Dreh regierte, ist im Niedergang gegriffen, womit <em>The Clock<\/em> ihr Abgesang w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/WP_20170607_20_48_52_Pro__highres-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"504\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/WP_20170607_20_48_52_Pro__highres-1024x504.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1249\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/WP_20170607_20_48_52_Pro__highres-1024x504.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/WP_20170607_20_48_52_Pro__highres-300x148.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/WP_20170607_20_48_52_Pro__highres-768x378.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/WP_20170607_20_48_52_Pro__highres-1536x756.jpg 1536w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/WP_20170607_20_48_52_Pro__highres-2048x1008.jpg 2048w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/WP_20170607_20_48_52_Pro__highres-500x246.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption class=\"wp-element-caption\">Analoge Drehzahl- und Geschwindigkeitsanzeige und digitales Display in einem PKW<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>(c) johnicon, VG-Wort <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christian Marclay: The Clock, 24 h (2010) in der Nationalgalerie Berlin Mehr als ein Jahrzehnt mussten wir uns gedulden, bis zun\u00e4chst in Stuttgart und jetzt in Berlin der Film The Clock von Christian Marclay in der Nationalgalerie l\u00e4uft. Noch bis &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=1245\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,3],"tags":[320,322,34,321,323,124,125,253],"class_list":["post-1245","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kuenstlerverzeichnis","category-rezensionen","tag-kino","tag-marclay","tag-medien","tag-nationalgalerie-berlin","tag-uhr","tag-zeit","tag-zeitkunst","tag-zeitmessung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1245","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1245"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1245\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1250,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1245\/revisions\/1250"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1245"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1245"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1245"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}