{"id":1077,"date":"2023-06-23T20:51:20","date_gmt":"2023-06-23T18:51:20","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=1077"},"modified":"2023-06-29T12:48:38","modified_gmt":"2023-06-29T10:48:38","slug":"harte-kontraste-weiche-reflexe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=1077","title":{"rendered":"Harte Kontraste \u2013 weiche Reflexe"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Johannes Lothar Schr\u00f6der \u00fcber: <br>Adam Pendleton: Blackness, White, and Light,<br>MUMOK, Wien, bis 7. Januar 2024<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-1 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_141528902-klein-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"542\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_141528902-klein-1024x542.jpg\" alt=\"\" data-id=\"1086\" data-full-url=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_141528902-klein-scaled.jpg\" data-link=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?attachment_id=1086\" class=\"wp-image-1086\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_141528902-klein-1024x542.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_141528902-klein-300x159.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_141528902-klein-768x406.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_141528902-klein-1536x813.jpg 1536w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_141528902-klein-2048x1083.jpg 2048w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_141528902-klein-500x264.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure><\/li><\/ul><figcaption class=\"blocks-gallery-caption\">Adam Pendleton: Untitled (WE ARE NOT) 2022,<br>Silkscreen ink on canvas, 304,8 x 594,4, (c) Artist and Galerie Eva Presenhuber<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Gl\u00e4nzende und matte schwarze Farbe auf transparenter Folie oder auf grundiertem Gewebe erzeugt m\u00e4chtige Seheindr\u00fccke. Das liegt an den Druckverfahren. Harte Kontraste verleihen selbst Farbspritzern und gespr\u00fchten Buchstaben scharfe Konturen. Halbt\u00f6ne sucht man auf den Bildern von Adam Pendleton vergeblich. Die Augen des Publikums blicken in eine Welt ohne Grauwerte. Das intensiviert auf wei\u00dfer, gelegentlich zitronengelber oder chromgr\u00fcner Grundierung die Seheindr\u00fccke. Noch vor Jahrzehnten kennzeichneten harte Kontraste die lebhafte Pop-\u00c4sthetik von Plakaten, Fotokopien und Siebdrucken, bevor sie sp\u00e4ter durch optimierte Drucker und hochfeine Pigmente einen hohen technischen Standard und weite Verbreitung gefunden hat. Kaum jemand denkt deshalb heute an das alternative Image, das etwa Fotokopierkunst obsolet machte. Pendleton nutzt die \u00dcbertragung verschiedener Einfl\u00fcsse des \u201eLow\u201c wie etwa die Spuren des graffitihaften Spr\u00fchnebels und die bisweilen unscharfen R\u00e4nder von Cut-Outs, um Versatzst\u00fccke aus dem Repertoire der Street Art durch \u00dcbertragungen mittels hochentwickelter Siebdrucke und Plottertechnik zu adeln. Folglich wird seine Kunst gehandelt und in Museen ausgestellt. Der Titel ist Programm. Es gibt nur Blackness auf den wei\u00dfen oder monochromen Fl\u00e4chen. Grauwerte r\u00fchren vom Licht her, das sich auf unterschiedlich gebundenen Pigmenten des Schwarzen verschieden bricht und in Ausstellungsr\u00e4umen Reflexionen erzeugt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_1415431932.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"879\" height=\"879\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_1415431932.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1079\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_1415431932.jpg 879w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_1415431932-300x300.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_1415431932-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_1415431932-768x768.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 879px) 100vw, 879px\" \/><\/a><figcaption>Adam Pendleton: Untitled (WE ARE NOT) 2022,<br>Silkscreen ink on canvas, 304,8 x 594,4, (Ausschnitt) (c) Artist and Galerie Eva Presenhuber<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">EINE SPUR DES PERS\u00d6NLICHEN<\/h2>\n\n\n\n<p>In einer der Videoboxen innerhalb der Ausstellung erlebte ich als Autor einen Moment, der meinen Atem stocken lie\u00df und den ich in meine \u00dcberlegungen zur Ausstellung einbeziehe. Dort tanzte ein Mann in einem profanierten Sakralraum. Sein Gesicht war mit einem Tuch verdeckt. Seine schwarzen Armeestiefel halfen meiner Erinnerung auf die Spr\u00fcnge; denn ich hatte einen T\u00e4nzer gesehen, der mit solchen Schuhen tanzte und den hatte ich vor fast 40 Jahren fotografiert. Im Verlauf des Videos erz\u00e4hlte er \u00fcber sein Leben. Er erw\u00e4hnte, dass er mit 21 Jahren seinen Namen in Ishmail ge\u00e4ndert hat und dass er eine Zeit in Nicaragua verbracht h\u00e4tte. Nun hatte ich die Gewissheit, dass ich Ishmael Houston-Jones vor mir hatte. Wir sind gleichalt und ich hatte ihn auf einer Veranstaltung mit Performances gegen die U.S.-Intervention in Nicaragua im Januar 1984 in New York kennen gelernt. Er war der erste schwarze K\u00fcnstler, mit dem ich sprach, als ich im Rahmen meines DAAD-Stipendiums Performances dokumentierte und recherchierte. Die flie\u00dfenden Grenzen zwischen Art-Performances, Body-Art, Tanz und Theater waren damals neu f\u00fcr mich, und mir wurde klar, dass die Folgen der Rassentrennung und des Klassensystems viele nicht-wei\u00dfe K\u00fcnstler von der akademischen und Ausbildung fernhielt. Unsere Herkunft aus kleinb\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen und unsere politische \u00dcberzeugung bauten eine Br\u00fccke, die sich soeben erneuert hatte, nachdem wir inzwischen auf beiden Seiten des Atlantiks unsere Eltern beerdigt hatten und ergraut sind.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Scan_20230529-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"740\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Scan_20230529-1024x740.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1080\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Scan_20230529-1024x740.jpg 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Scan_20230529-300x217.jpg 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Scan_20230529-768x555.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Scan_20230529-1536x1110.jpg 1536w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Scan_20230529-2048x1479.jpg 2048w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Scan_20230529-415x300.jpg 415w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Johannes Lothar Schr\u00f6der: Ishmail Houston-Jones und Fred Holland at PS 122, Jan 1984<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eigene Produktionsbedingungen schaffen<\/h2>\n\n\n\n<p>Von diesem Bezugspunkt aus n\u00e4here ich mich einigen Aspekten des Emotionalen und Politischen in der Kunst Pendletons. Sein Video mit den Fragen an Houston-Jones und die Beobachtungen seines Tanzes verstehe ich als ein Experiment, die Produktionsbedingungen von k\u00fcnstlerischen \u00c4u\u00dferungen aus der Sicht derjenigen zu zeigen, die sich eine Position in den K\u00fcnsten erarbeiten, die nicht nur in den USA durch Angeh\u00f6rige der wei\u00dfen Oberschicht ma\u00dfgeblich bestimmt und die durch die \u00dcbertragung eines europ\u00e4ischen Kunstverst\u00e4ndnisses gepr\u00e4gt wurden. Demgegen\u00fcber erm\u00f6glichten die Grenz\u00fcberschreitungen in der Kunst und die transparent gemachten Trennungslinien zwischen Kunst und Leben seit den Verwerfungen durch den Zweiten Weltkrieg und die durch den Rassismus der Nazis ausgel\u00f6sten Fl\u00fcchtlingswellen den Nachkommen aus allen Schichten und Rassen variantenreiche Angebote der Kunstaus\u00fcbung und ein vielschichtiges Kunstverstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundlagen waren durch Happening, Pop-Art und Performance-Art sowie die k\u00fcnstlerischen, politischen und theoretischen Anstrengungen z.B. in der Malerei durch Ad Reinhardt und im Tanz durch Lucinda Childs oder Yvonne Rainer gelegt. Pendleton bezieht sich im Vorwort zum k\u00fcnftigen Ausstellungkatalog auf Jackson Pollock und Allan Kaprow. Wenn Leben und Kunst sich als Kraftquellen doppeln, dann k\u00f6nnen alle, die bisher von den M\u00f6glichkeiten der Kunst ausgeschlossen waren, k\u00fcnstlerische Herangehensweisen f\u00fcr Transformationsprozesse nutzen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Alternative Definitionsmacht?<\/h2>\n\n\n\n<p>Als bildender K\u00fcnstler kn\u00fcpft Pendleton an fortgeschrittene Drucktechniken Andy Warhols an, der Siebdruck nutzte, um Waren\u00e4sthetik in Kunst zu \u00fcberf\u00fchren. Manche \u00dcberg\u00e4nge auf den gro\u00dfen Bildern Pendletons erhalten collageartige Anmutung durch das Nebeneinander von Siebdrucken, die auch eine \u00dcbertragung der charakteristischen Eigenheit der Graffiti mit Spritzern und Farbnebel erm\u00f6glichen. Die Spuren eines spontanen Farbauftrags werden auf beschichteten Geweben pr\u00e4zisiert und k\u00f6nnen als Stilmerkmal ausgemacht werden, das es Pendleton erlaubt, delikate Oberfl\u00e4chen zu schaffen, die der Streetart ihre Rohheit nehmen. Das verw\u00e4ssert sie nicht, wie man spontan denken k\u00f6nnte, sondern verst\u00e4rkt ihre \u00c4sthetik und thematisiert die Geste des Widerstands durch Abstraktion. Der Vorwurf des Elit\u00e4ren wird stumpf, wo, wie hier die \u00e4sthetischen M\u00f6glichkeiten durch Kunstwerke erweitert werden und m\u00f6glicherweise eine alternative Definitionsmacht st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-1 is-cropped wp-block-gallery-2 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-133126.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"809\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-133126-1024x809.png\" alt=\"\" data-id=\"1081\" data-full-url=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-133126.png\" data-link=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?attachment_id=1081\" class=\"wp-image-1081\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-133126-1024x809.png 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-133126-300x237.png 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-133126-768x606.png 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-133126-380x300.png 380w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-133126.png 1093w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure><\/li><\/ul><figcaption class=\"blocks-gallery-caption\">Videostill aus einem Film &#8222;Ishmael in the Garden: A portrait of Ishmael Houston-Jones&#8220; von Adam Pendleton<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Konkret war es mir m\u00f6glich durch die Ausstellung und nach einer Inkubationszeit von fast vier Jahrzehnten, den Kampf Houston-Jones besser zu verstehen, der nicht mehr hinnehmen wollte, dass seine Leute in neokolonialistischen Kriegen (Vietnam, Mittelamerika) geopfert werden. Er bestimmte, wie seine Soldatenstiefel bis heute bezeugen, seine Ziele auf einem anderen (Schlacht-)Feld selbst und machte sich auf den Weg, um als T\u00e4nzer und Autor zum Teil von Befreiungsk\u00e4mpfen zu werden. Er setzte seine T\u00e4nzerkarriere in New York zeitweise aus, um die andere Seite der Emanzipation auf seinem Kontinent zu erleben. Das Video \u00fcber Houston-Jones w\u00fcrdigt die Leistungen einer sonst kaum wahrgenommenen Generation von schwarzen T\u00e4nzern, die von den Pionierleistungen ihrer Vorg\u00e4nger und Lehrer wie Yvonne Rainer profitieren konnten. Obwohl Houston-Jones zu den t\u00e4nzerischen Solisten geh\u00f6rt, die Choreografen und Lehrer geworden sind, blieb er anders als die der bildenden Kunst zugeordneten Performer wie Tehching Hsieh oder Marina Abramovi\u0107 in international verbreiteten Standardwerken (z.B.: RoseLee Goldberg, Life Art since the 60s, 1998) unerw\u00e4hnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sich im Januar 1984 in New York ein breit angelegtes B\u00fcndnis zwischen wichtigen Museen, Galerien, Off-R\u00e4umen, Aktivisten und Einzelpersonen zusammengetan hatte, um K\u00fcnstlern eine B\u00fchne zu geben, gegen die US-Intervention in Nicaragua zu protestieren, gab es die Illusion, dass es gelingen k\u00f6nnte, durch Solidarit\u00e4t Klassen- und Gattungsgrenzen zu \u00fcberwinden. Dieses Fenster schloss sich mit dem enormen Aufwand, der eingesetzt wurde, um die Kunst- und Kulturinstitutionen auszubauen, die eine je nach Land unterschiedliche Kontrolle des Zugangs zur Bildung erm\u00f6glichte. Pendleton, der in diesem Jahr geboren wurde, \u00fcberspringt Zeit und Raum, indem er bei Yvonne Rainer und ihren Theorien einer tanzbezogenen Konzeptkunst und mit seinen Gro\u00dfformaten an die Pioniertaten des Neo-Dada ankn\u00fcpft.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Gegen das Verwischen von Botschaften<\/h2>\n\n\n\n<p>Wie ein weiteres Video von Pendleton \u00fcber die Graffiti am Sockel eines kolonialen Denkmals zeigt, zerst\u00f6ren die Schichten immer neuer Attacken, mit denen die Aussagen schon get\u00e4tigter Einschreibungen, verunkl\u00e4rt, \u00fcberschrieben und \u00fcberdeckt werden, schon vorhandene Botschaften. Das f\u00fchrt zu einem All-Over, das h\u00e4ufig \u00fcberhaupt keine spezifische Aussage mehr erkennen l\u00e4sst. Es bleibt daher auch offen, ob \u00fcberhaupt gegen die bestehende Gedenkkultur angegangen wird oder ob nicht konkurrierende Gangs ihre Markierungen hinterlassen haben. Pendleton extrahiert Gesten des typischen Farbauftrags von Graffiti mittels gespr\u00fchter Farbe oder durch Schablonen, wodurch er ihre Eigenheiten pr\u00e4zisiert. Durch k\u00fcnstlerische Versiertheit und verfeinerte Drucktechniken werden Fragmente mittels Hervorhebungen einzelner Buchstaben und weitgehender Zur\u00fccknahme von Farbigkeit radikalisiert. Auf dem Kunstmarkt bleibt ein Kunstwerk nicht nur Botschaft, es wird zu einem prestigetr\u00e4chtigen Objekt und zur Geldquelle. Paradoxerweise tr\u00e4gt in der politischen Kunst beides dazu bei, den Transfer von Aussagen medial zu verst\u00e4rken und sie somit in eine erweiterte \u00d6ffentlichkeit zu lancieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-135018-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"488\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-135018-1-1024x488.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-1084\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-135018-1-1024x488.png 1024w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-135018-1-300x143.png 300w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-135018-1-768x366.png 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-135018-1-500x239.png 500w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Screenshot-2023-06-22-135018-1.png 1457w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><figcaption>Koloniales Denkmal mit Grafitti am Sockel, Still vom Video &#8222;Toy Soldier (Notes on Robert E. Lee, Richmond, Virginia&#8220; 2021-22, Video und Aktion mit Suchscheinwerfer von Adam Pendleton in der Ausstellung April 2023, (c) Artist and Gal. Eva Presenhuber<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Politik und schwarze Bilder<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Bedeutung von schwarzen Bildern ist schon zuvor z.B. bei und von Ad Reinhardt politisch gedeutet worden. Dabei spielt das Licht eine entscheidende Rolle. Mit feinem Gesp\u00fcr und in Kenntnis der \u00c4u\u00dferungen Reinhardts hat Lucy Lippard herausgearbeitet, dass Reinhardt gro\u00dfen Wert auf die Unsichtbarkeit von Pinselduktus und Reliefs legte, so dass er sogar auf Linien verzichtete, die die Felder unterschiedlicher Fl\u00e4chen trennen. Da er zudem d\u00fcnne Farbe verwendete, entstehen allein durch den Lichteinfall unterscheidbare Nuancen. Die vom Betrachter geforderte Vertiefung der Wahrnehmung entspricht den wohl \u00fcberlegten Malvorg\u00e4ngen. Die von Pendleton induzierte Lichtregie basiert auf unterschiedlichen Farben, die auf durch Drucktechnik auf die homogen beschichteten Gewebe appliziert werden und Halbt\u00f6ne vermeiden. Diese entstehen allein durch den Lichteinfall, den Betrachter*innen durch ihre Position vor den Bildern variieren k\u00f6nnen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-1 is-cropped wp-block-gallery-3 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_145200264.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"401\" height=\"507\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_145200264.jpg\" alt=\"\" data-id=\"1089\" data-full-url=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_145200264.jpg\" data-link=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?attachment_id=1089\" class=\"wp-image-1089\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_145200264.jpg 401w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/PXL_20230511_145200264-237x300.jpg 237w\" sizes=\"auto, (max-width: 401px) 100vw, 401px\" \/><\/a><\/figure><\/li><\/ul><figcaption class=\"blocks-gallery-caption\">Adam Pendleton: Bild aus der Serie BLACK DADA, in dem sich die gegen\u00fcberliegenden Bilder &#8222;Untitled (Composition)&#8220;, 2022, Silkscreen ink on Mylar, je 164,5 x 125,7 cm spiegeln, wodurch Grauwerte in das Schwarz auf blauem Grund gebracht werden.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Was ist daran politisch, wird man fragen. Schon die Intensit\u00e4t und die Dauer der Wahrnehmung, die Ausdauer der Bem\u00fchungen, um den Bildern auf den Grund zu gehen, machen in einer Zeit der Kurzatmigkeit und schnellen Bed\u00fcrfnisbefriedigung einen Unterschied. Sie bezeugen den Grad des Widerstandes gegen den Konsumismus sowie die Sorgfalt der Beobachtung und Gr\u00fcndlichkeit der Reflexion. Wer diese Zeit aus egal welchen Gr\u00fcnden nicht aufzubringen vermochte, sich aber auf die Videos konzentriert hat, die das Umfeld des K\u00fcnstlers vorstellen und versuchen, Kunst und Leben zusammenzubringen, dem werden wichtige Felder der politischen und k\u00fcnstlerischen Auseinandersetzung angeboten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Politik von Kunst und Leben<\/h2>\n\n\n\n<p>Am Beispiel des Videos \u00fcber Ishmail Houston-Jones wird dargelegt, wie Leben und Tanz eines Protagonisten mit den politischen Aspekten von \u201eBlackness, White, and Light\u201c vernetzt ist. Der Mann tanzt mit einem Tuch zum Schutz vor dem Gesicht und ber\u00fchrt den Boden mit Kampfstiefeln. Ein schwarzer Krieger auf einem Holzfu\u00dfboden in einer profanierten Kirche spielt auf historische Gegebenheiten des Lebens und der Emanzipation der afrikanischst\u00e4mmigen Amerikaner an. In den USA st\u00e4rkten Gesang, Tanz und Religion Gemeinschaft und Identit\u00e4t der Nachkommen der Sklaven und bildete die Grundlage ihres Kampfs um Gleichberechtigung. Diese Geschichte findet immer wieder iin Form von Versatzst\u00fccken eingang in die Werke Pendletons. Der kulturelle Zusammenhalt konnte freilich nicht verhindern,, dass das Kontingent afrinkanischst\u00e4mmiger Amerikaner unter den Soldaten gemessen am Anteil der Bev\u00f6lkerung \u00fcberdurchschnittlich ist und einigen von ihnen den gesellschaftlichen Aufstieg erlaubt. Dagegen r\u00fccken beide K\u00fcnstler Aspekte der Subkultur ins Zentrum ihrer Kunst, denn die offiziellen Wege der Emanzipation bedeuten oft Angleichung an das System der Unterdr\u00fcckung. Houston-Jones wei\u00df aus seiner Zeit in Nicaragua genau, dass er als Angeh\u00f6riger des Milit\u00e4rs als Unterdr\u00fccker zur Stabilisierung reaktion\u00e4rer Kr\u00e4fte eingesetzt worden w\u00e4re und w\u00e4hlte dagegen seine Kenntnisse als T\u00e4nzer im Kampf um seine Emanzipation und die seines Publikums.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Spanne der Erfahrungswelten zwischen Zuschauer*innen in Wien und in den USA sowie zwischen den verschiedenen Ethnien und Klassen zeichnen sich schon bei diesem kurzen Vorsto\u00df in die Gedankenwelt und kulturellen Praxis Gegens\u00e4tze ab, die in der Kunstbetrachtung als ein blinder Fleck oder ein schwarzes Loch zu begreifen sind. Um diese zu \u00fcberbr\u00fccken, wird jeder und jede Einzelne Zeit, Recherche, Empathie und Nachdenken aufzubringen haben. Jeder Stecke schwarzer Farbe und Fl\u00e4chen wird Aufmerksamkeit zu widmen sein und jede Nuance wird zur Kenntnis zu nehmen sein. Gerade weil es sich um eine symbolische Ebene handelt, wird jene fehlende H\u00e4lfte des Symbolons zu suchen sein, damit das individuell passende Pendant gefunden werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 Johannes Lothar Schr\u00f6der<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Johannes Lothar Schr\u00f6der \u00fcber: Adam Pendleton: Blackness, White, and Light,MUMOK, Wien, bis 7. Januar 2024 Gl\u00e4nzende und matte schwarze Farbe auf transparenter Folie oder auf grundiertem Gewebe erzeugt m\u00e4chtige Seheindr\u00fccke. Das liegt an den Druckverfahren. Harte Kontraste verleihen selbst Farbspritzern &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=1077\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,3],"tags":[278,273,284,279,283,277,280,276,274,281],"class_list":["post-1077","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kuenstlerverzeichnis","category-rezensionen","tag-abstrakte_kunst","tag-blackness","tag-houston-jones_ishmael","tag-mumok_wien","tag-pendleton_adam","tag-postkolonial","tag-postmodern_dance","tag-schwarze_bilder","tag-siebdruck","tag-videokunst"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1077","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1077"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1077\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1092,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1077\/revisions\/1092"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1077"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1077"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1077"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}