{"id":1030,"date":"2022-07-08T19:51:16","date_gmt":"2022-07-08T17:51:16","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=1030"},"modified":"2022-07-08T19:51:17","modified_gmt":"2022-07-08T17:51:17","slug":"in-zukunft-abgehaengt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=1030","title":{"rendered":"In Zukunft abgeh\u00e4ngt?"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Feuilletons mehrerer Medien berichteten im Vorfeld der diesj\u00e4hrigen <em>documenta fifteen<\/em> in Kassel \u00fcber das Motto der Organisatoren der Indonesischen <em>ruangrupa<\/em> \u201egemeinsam abh\u00e4ngen\u201c. Das kam bis kurz nach der Er\u00f6ffnung der Weltkunstausstellung sympathisch r\u00fcber. Das \u00e4nderte sich mit dem Vorwurf des Antisemitismus gegen ein Agitproptableau, das von einigen Kritikern, Kunstsachverst\u00e4ndigen und letztlich auch Politikern zu Anlass genommen wurde, die ganze Ausstellung zu diskreditieren. Ablehnung geh\u00f6ren seit jeher zum Ritual der Kunst und erst recht bei Gro\u00dfausstellungen, die schon immer K\u00fcnstler, Galeristen und Kunstprofessionelle gegen sich aufbrachten, von deren Fahrwasser auch Politiker und andere angesogen werden. Dieses Mal wird aber der schwere Hammer der Zensur ausgepackt und die ganze Ausstellung, die einzige in Deutschland, die noch globale Beachtung findet, generell in Frage gestellt. Sogar mit einer kunstkommissarischen Aufsicht der Bundesregierung wird gedroht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der Zukunft abgeh\u00e4ngt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Feuilletons mehrerer Medien berichteten im Vorfeld der diesj\u00e4hrigen <em>documenta fifteen<\/em> in Kassel \u00fcber das Motto der Organisatoren der Indonesischen <em>ruangrupa<\/em> \u201egemeinsam abh\u00e4ngen\u201c. Das kam bis kurz nach der Er\u00f6ffnung der Weltkunstausstellung sympathisch r\u00fcber. Das \u00e4nderte sich mit dem Vorwurf des Antisemitismus gegen ein Agitproptableau, das von einigen Kritikern, Kunstsachverst\u00e4ndigen und letztlich auch Politikern zu Anlass genommen wurde, die ganze Ausstellung zu diskreditieren. Ablehnung geh\u00f6ren seit jeher zum Ritual der Kunst und erst recht bei Gro\u00dfausstellungen, die schon immer K\u00fcnstler, Galeristen und Kunstprofessionelle gegen sich aufbrachten, von deren Fahrwasser auch Politiker und andere angesogen werden. Dieses Mal wird aber der schwere Hammer der Zensur ausgepackt und die ganze Ausstellung, die einzige in Deutschland, die noch globale Beachtung findet, generell in Frage gestellt. Sogar mit einer kunstkommissarischen Aufsicht der Bundesregierung wird gedroht.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts solcher Attacken fragt man sich, warum die Verantwortlichen nun abtauchen und nicht etwa offensiv ihre Auffassungen vertreten. M\u00f6glicherweise war ihnen nicht klar, dass der Kunstbetrieb alles andere als eine Gemeindescheune ist, in der der es sich gut feiern und reden l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Soltau-transgen_zensiert-2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Soltau-transgen_zensiert-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1031\" width=\"589\" height=\"786\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Die harten Bandagen der K\u00e4mpfenden bleiben oft im Verborgenen, obwohl genau das soeben praktizierte Abh\u00e4ngen von Kunstwerken in Deutschland gar nicht so un\u00fcblich ist, wie man zu denken geneigt ist. Erst 2011 wurde in der Goldhalle des Hessischen Rundfunks in Frankfurt eine gro\u00dfe Fotoarbeit aufgrund der Intervention des damaligen Intendanten des Senders mit einer Wolldecke zugeh\u00e4ngt. Weil er die Darstellung der Vern\u00e4hungen von Versatzst\u00fccken nackter K\u00f6rper von vier Generationen einer Familie anst\u00f6\u00dfig fand, veranlasste er, die frei im Raum h\u00e4ngenden Gro\u00dffotos unsichtbar zu machen. Es handelte sich nicht um einen trivialen Akt kunstpolitischer Willk\u00fcr, sondern um die Zensur einer Ausstellung und war gegen die Preistr\u00e4gerin des Marielies-Hess-Kunstpreises Annegret Soltau gerichtet. Eine feministische K\u00fcnstlerin hat nicht so viele Mitstreiter an ihrer Seite wie ein Darling einflussreicher Sammler. Nicht einmal die Jury wehrte sich und die Feuilletons der \u00f6rtlichen Zeitungen schwiegen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-group is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\"><div class=\"wp-block-group__inner-container\"><\/div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Soltau-transgen_-2011-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1032\" width=\"304\" height=\"438\"\/><figcaption>Abb. aus: Johannes Lothar Schr\u00f6der: abh\u00e4ngen. Bilder und Gef\u00fchle verwerfen. Hamburg 2022, S.225 und 226<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Soltau-transgen_-2011-4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2022\/07\/Soltau-transgen_-2011-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1033\" width=\"313\" height=\"436\"\/><\/a><figcaption>Abb. aus: Johannes Lothar Schr\u00f6der: abh\u00e4ngen. Bilder und Gef\u00fchle verwerfen. Hamburg 2022, S.225 und 226<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p><strong>A b h \u00e4 n g e n<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Abh\u00e4ngen<\/em> wird in dem gleichnamigen Buch, das im August im ConferencePoint Verlag in Hamburg erscheint, wie folgt definiert und argumentativ eingesetzt:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Titel \u201eabh\u00e4ngen\u201c unterstreicht die Suche nach alternativen Pr\u00e4sentationsformen von Gro\u00dfformaten und zeigt aber auch, dass die K\u00fcnstler*innen zeitweise bis zum Eklat aneckten. Dabei ging es nicht blo\u00df um die Missachtung ihrer Werke, sondern um handfeste Unterdr\u00fcckung bis hin zur Zensur, die auch nicht vor dem Verh\u00e4ngen von Kunstwerken, wie im Fall der Fotovern\u00e4hungen von Annegret Soltau zur\u00fcckschreckte. Abgeh\u00e4ngt werden aber auch langsamere Fu\u00dfg\u00e4nger, L\u00e4ufer oder Fahrzeuge, die von schnelleren hinter sich gelassen werden. Was im Leben nicht ungew\u00f6hnlich ist, gilt auch im \u00fcbertragenen Sinn. So bedeutet <em>abh\u00e4ngen<\/em> als Metapher auch, einen anderen Lebensstil zu pflegen, der in einer besitzorientierten Leistungsgesellschaft als anst\u00f6\u00dfig wahrgenommen wird, aber tats\u00e4chlich auch ins soziale Abseits f\u00fchren kann. Das gilt besonders Jahrzehnte nach dem fraglichen Zeitraum der hier in den Blick genommenen k\u00fcnstlerischen Entwicklungen seit den 1970er Jahren[, in denen Arbeitslosigkeit prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse hervorbrachte, die seitdem um sich greifen.] So kennzeichnet heute Selbst\u00e4ndigkeit in vielen Branchen euphemistisch Arbeitsverh\u00e4ltnisse ohne soziale Absicherung, die eine zunehmende Zahl von Menschen am Ende ihres Erwerbslebens abgeh\u00e4ngt dastehen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Konflikte der drei K\u00fcnstler*innen (Annegret Soltau, Dieter R\u00fchmann und Boris Nieslony) mit Museumsleitungen, Jurys, Ausstellungsmacher*innen und Verleger*innen mit offenen Machtdemonstrationen seitens der Institutionen und ihren Repr\u00e4sentant*innen n\u00e4hren die Vermutung, dass es einen weit verbreiteten Konfliktherd gibt, der ungern thematisiert wird, um das Bild einer aufgeschlossenen Kunst\u00f6ffentlichkeit nicht zu verderben. Von Zensur, dem Abh\u00e4ngen von Bildern und Verhinderungsversuchen waren vor allem R\u00fchmann und Soltau betroffen, w\u00e4hrend Nieslony als Performancek\u00fcnstler bis in dieses Jahrtausend hinein sowieso von vergleichsweise ungen\u00fcgender Darstellung seiner Ausstellungsbeteiligungen und unzul\u00e4nglichen Beitr\u00e4gen in Publikationen betroffen war. Da aber jeder Blick auf Kunstwerke auch immer ein Blick aus der eigenen gesellschaftlichen Wirklichkeit und Position heraus ist, offenbart Ablehnung &#8211; gerade unter Druck &#8211; Voreingenommenheit und Abwehr von Forderungen, die von Schw\u00e4cheren an Institutionen herangetragen werden. Die ungeschriebenen Regeln im Kunst- und Kulturbetrieb erscheinen dann wie eine Verteidigungslinie zum Schutz des Status der dort T\u00e4tigen und ihrer Definitionsmacht. Daher k\u00f6nnen \u00e4sthetische Entscheidungen nie absolut sein, wenn sie sich Grenzen n\u00e4hern, an denen Ver\u00e4nderungen gefordert werden. Jede dieser K\u00fcnstler*innen war in solche Situationen verwickelt und im Einzelnen wird sich zeigen, auf welche Vorbehalte sie jeweils stie\u00dfen und mit welchen Ma\u00dfnahmen ihre Kunst ausgeschlossen wurde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Johannes Lothar Schr\u00f6der: abh\u00e4ngen. Bilder und Gef\u00fchle verwerfen. Hamburg 2022, S.10f, ISBN 978-3-936406-61-0, Zur besseren Verst\u00e4ndlichkeit der Verweise wurden an zwei Stellen die Namen der K\u00fcnstler*innen in die zitierten Passagen aus dem Vorwort eingef\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Feuilletons mehrerer Medien berichteten im Vorfeld der diesj\u00e4hrigen documenta fifteen in Kassel \u00fcber das Motto der Organisatoren der Indonesischen ruangrupa \u201egemeinsam abh\u00e4ngen\u201c. Das kam bis kurz nach der Er\u00f6ffnung der Weltkunstausstellung sympathisch r\u00fcber. 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