{"id":1008,"date":"2021-05-11T11:32:42","date_gmt":"2021-05-11T09:32:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=1008"},"modified":"2021-05-11T11:38:05","modified_gmt":"2021-05-11T09:38:05","slug":"wecker-und-stoppuhren-in-aktionen-von-joseph-beuys","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=1008","title":{"rendered":"Zeit auf NULL stellen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zwischen 1964 und 1987 hat Joseph Beuys bei mehreren Aktionen Wecker und Stoppuhren benutzt. Sie stehen oder liegen meist herum und wurden selten benutzt, weshalb sie leicht zu \u00fcbersehen sind. Hier wird er\u00f6rtert, warum sie ein wichtiges Verbindungsst\u00fcck des K\u00fcnstlers mit FLUXUS darstellen und \u00fcberhaupt ein Indikator f\u00fcr die Hinwendung Beuys&#8216; zu den Zeitk\u00fcnsten sind.<\/h2>\n\n\n\n<p>Ein Wecker mit zwei Glocken stand am Fu\u00df einer fast k\u00f6rperhohen Lautsprecherbox hinter der Beuys w\u00e4hrend der Aktion : >><em>Hauptstrom>> und Fettraum<\/em> am 20. M\u00e4rz 1967 in Darmstadt hockend in einer meditativen Haltung verharrte, als w\u00fcrde er dort Deckung suchen<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Beuys-Hauptstrom-u-Fettraum-1967.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"767\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Beuys-Hauptstrom-u-Fettraum-1967-767x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1009\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Beuys-Hauptstrom-u-Fettraum-1967-767x1024.jpg 767w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Beuys-Hauptstrom-u-Fettraum-1967-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Beuys-Hauptstrom-u-Fettraum-1967-768x1025.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Beuys-Hauptstrom-u-Fettraum-1967.jpg 906w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 100vw, 767px\" \/><\/a><figcaption>J. Beuys: Hauptstrom und Fettraum, 1967, Foto von Camillo Fischer aus: Eva Huber, Hauptstrom und Fettraum. Ein Lehrst\u00fcck f\u00fcr die f\u00fcnf Sinne. Darmstadt 1993, S. 82<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein anderer gro\u00dfer Wecker mit Metallgeh\u00e4use stand auf einem Konzertfl\u00fcgel, den Beuys spielte. Zu Ehren des Organisators von Fluxus gab er 1987 mit Nam June Paik, der an einem zweiten gegen\u00fcber aufgestelltem Fl\u00fcgel sa\u00df, das Konzert<em> In memoriam George Maciunas.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Uhren in diesen Performances sind kaum beachtet und nur z\u00f6gerlich in Deutungen eingeflossen. Uwe M. Schneede hat die Stoppuhr bei der Aktion <em>EURASIA Sibirische Symphonie 1963<\/em>, die Beuys 1966 in der Galleri 101 in Kopenhagen aufgef\u00fchrt hatte, bemerkt und deutete die Zeitlichkeit im Hinblick auf die beiden Halbkreuze historisch. Schneede bezog sich auf Beuys Wunsch, das Schisma, also die Spaltung des Christentums in eine ost- und eine westr\u00f6mische Kirche zu \u00fcberwinden, um auch die unterschiedlichen Wesensarten der Menschen zusammenzubringen. Entsprechend vermutete der Kunsthistoriker in den Stoppuhren angelehnt auch an den Titel eine Anspielung auf die Geopolitik des Doppelkontinents, die er vorsichtshalber mit einem Fragezeichen versehen hat.<a href=\"#_edn1\">[i]<\/a> Dieser Interpretationsvorschlag scheint besonders hinsichtlich der Verwendung von Uhren auch in anderen Aktionen von Beuys, in Bezug auf Dadaismus und Neo-Dadaismus wenig stichhaltig. Eine m\u00f6gliche Bewandtnis von Uhren mag zun\u00e4chst einmal innerhalb einer zeitlichen Orientierung liegen, die Beuys als bildender K\u00fcnstler mit seinen Aktionen suchte. Man muss sich vor Augen f\u00fchren, dass diese anf\u00e4nglich ein Experiment waren, mit denen Beuys nach dem Krieg, inspiriert von Fluxus und Happenings als mittlerweile 43-J\u00e4hriger seinen Platz in der damaligen Gegenwartskunst suchte. Diese hatte sich w\u00e4hrend des Krieges und danach vor allen Dingen im Ausland weiterentwickelt, w\u00e4hrend deutsche K\u00fcnstler ihren Platz erst wieder finden mussten. Die Faszination, die von Stoppuhren ausging, l\u00e4sst sich durch die Strahlkraft von neuen Gegenst\u00e4nden erkl\u00e4ren, die heute von elektronischen Ger\u00e4ten ausgeht. Stoppuhren wurden zwar schon im 19. Jahrhundert entwickelt, jedoch erst bei der Winterolympiade 1936 erstmalig offiziell eingesetzt. Beuys war damals 15 Jahre, also in einem Alter, in dem junge Leute von Innovationen und Fortschritt begeistert sind.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Uhren im Dadaismus<\/h2>\n\n\n\n<p>Als die Stoppuhren olympisch zum Einsatz kamen, hatten die dadaistischen K\u00fcnstler, sofern sie konnten, Deutschland l\u00e4ngst verlassen. Im Exil begeisterte die Rezeption von DADA eine kommende K\u00fcnstlergeneration, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg die ver\u00f6dete B\u00fchne der Kunst auch in Europa betrat. Deshalb ist es nicht unerheblich, dass Hans Richter in einer Publikation, die 1965 im amerikanischen Exil ver\u00f6ffentlicht wurde, beispielhaft Gegenst\u00e4nde aus seinen Filmen aufz\u00e4hlte. Neben Beinen, Leitern und H\u00fcten erw\u00e4hnt er auch Uhren. Offensichtlich bezieht er sich auf seinem Film <em>Vormittagsspuk<\/em> von 1928, in dem \u201e\u00fcberwiegend nat\u00fcrliche Elemente, die durch ihre stark rhythmischen Bewegungen auffallen\u201c, auf un\u00fcbliche Weise eingesetzt werden. Dennoch bemerkt er, dass die Uhr \u201eam Anfang (des Films) 11:50 und am Ende 12h mittags angezeigt h\u00e4tte\u201c, was durchaus ihrer faktischen Funktion als Zeitmesser entsprach. Wie Richter weiter ausf\u00fchrte, gaben sie dem Film, \u201eder voller verr\u00fcckter Ereignisse war, die dennoch eine Art Geschichte ergeben\u201c<a href=\"#_edn2\">[ii]<\/a>, eine real \u00fcberpr\u00fcfbare Dauer.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun scheint es so zu sein, dass sich die Gegenst\u00e4nde, von denen sich Richter angezogen f\u00fchlte, auch im zweiten Dadaismus, dem Neo-Dada, von dem sich auch Beuys nicht allein durch George Maciunas inspirieren lie\u00df, anhaltender Beliebtheit erfreuten. Das l\u00e4sst sich beim Bl\u00e4ttern jedes Katalogs mit Abbildungen von Werken der Fluxusk\u00fcnstler \u00fcberpr\u00fcfen. Es sollte keine M\u00fche machen, darin Uhren, F\u00fc\u00dfe (Schuhe), Leitern und H\u00fcte zu finden.<a href=\"#_edn3\">[iii]<\/a> Besonders H\u00fcte und Uhren kann man leicht als Fetische und Statussymbole identifizieren, weshalb Richters Hut-Meute, die er im Garten \u00fcber den Rasen fliegen l\u00e4sst, H\u00fcte als Symbole patriarchaler Autorit\u00e4ten parodistisch infrage stellt. Anders verh\u00e4lt es sich mit den Leitern, die als Hilfsmittel beim Aufbau von Ausstellungen unentbehrlich sind und von Fluxusk\u00fcnstlern gerne als Requisiten in Aktionen verwendet wurden. Als Symbole manifestieren sie den Vorsto\u00df in die H\u00f6he. Als profane Himmelsleitern relativieren sie die transzendentale Ebene und weisen trotzdem auf das durch die Profanierung der Kunst eingetretene Defizit hin. Bekannt ist, dass Hugo Ball sich \u201eMagischer Bischof\u201c nannte und sich Beuys als Schamane gab. Um das Erreichen einer immaterielle Ebene zu unterstreichen, trugen Ball bei seiner ber\u00fchmt gewordenen Aktion im Cabaret Voltaire einen hohen Zaubererhut und Beuys nicht nur w\u00e4hrend seiner Performances einen Stetson.<\/p>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\"><a>Stoppuhr als Gadget<\/a><\/h1>\n\n\n\n<p>In den 1960er Jahren machten Stoppuhren Furore. Sie sind ein <em>must have<\/em>, wie wir heute sagen w\u00fcrden. Daher wurden sie auch als Kinderspielzeuge produziert, was die Begehrlichkeit popul\u00e4rer Gegenst\u00e4nde unterstreicht, denen sich auch K\u00fcnstler nicht entziehen konnten. Insofern standen die Stoppuhren, die Beuys in mehreren Performances einsetzte, schon in einer gewissen, wenn auch kurzen Tradition. Dennoch erfordert es eine hohe Aufmerksamkeit, unerwartete Gegenst\u00e4nde auf den unter schlechten Lichtverh\u00e4ltnissen aufgenommenen Fotos zu identifizieren. W\u00e4hrend seiner ersten \u00f6ffentlichen Performance am 20. Juli 1964 im H\u00f6rsaal der RWTH in Aachen hielt Beuys eine Stoppuhr in seiner linken Hand, w\u00e4hrend er mit der rechten die Temperatur der Elektrokochplatte sondierte. Die Stoppuhr gibt der Szene eingangs der beabsichtigten Fettschmelze den Anstrich wissenschaftlicher Pr\u00e4zision. Der erste Teil des Titels der Aktion <em>Kukei, akopee-Nein, Braunkreuz, Fettecken, Modellfettecken<\/em> verweist dagegen auf Kindersprache. Konkret ist ein Ausspruch von Beuys Sohn \u00fcberliefert, der nicht zum Eierkaufen mitgehen wollte und solches sagte. Ei hei\u00dft in der Rheinischen Kindersprache <em>Kukei<\/em> und akopee bedeutet einkaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Abb.2 und 3 Zeichnung des Autors nach einem Foto der Aktion <em>Kukei, akopee-Nein, Braunkreuz, Fettecken, Modellfettecken<\/em>, Foto von \u2026&nbsp; (Mich hat dieser Titel jedenfalls dazu verf\u00fchrt, anfangs statt der Stoppuhr ein Ei in der Hand von Beuys zu erkennen und es so abzuzeichnen.) Abb. 3 Ausschnitt aus der Abbildung des Fotos von Peter Thomann, in: Schneede: Joseph Beuys: Die Aktionen, Stuttgart 1994<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-3 is-cropped wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kukei-akopee-Nein-1964-2-767x1024.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"767\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kukei-akopee-Nein-1964-2-767x1024.jpg\" alt=\"\" data-id=\"1015\" data-link=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?attachment_id=1015\" class=\"wp-image-1015\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kukei-akopee-Nein-1964-2-767x1024.jpg 767w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kukei-akopee-Nein-1964-2-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kukei-akopee-Nein-1964-2-768x1025.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Kukei-akopee-Nein-1964-2.jpg 906w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 100vw, 767px\" \/><\/a><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20210502_23073402konv-1-767x1024.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"767\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20210502_23073402konv-1-767x1024.jpg\" alt=\"\" data-id=\"1016\" data-link=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?attachment_id=1016\" class=\"wp-image-1016\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20210502_23073402konv-1-767x1024.jpg 767w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20210502_23073402konv-1-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20210502_23073402konv-1-768x1025.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/IMG_20210502_23073402konv-1.jpg 906w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 100vw, 767px\" \/><\/a><\/figure><\/li><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/P7125430-2-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"869\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/P7125430-2-1-869x1024.jpg\" alt=\"\" data-id=\"1017\" data-full-url=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/P7125430-2-1.jpg\" data-link=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?attachment_id=1017\" class=\"wp-image-1017\" srcset=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/P7125430-2-1-869x1024.jpg 869w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/P7125430-2-1-255x300.jpg 255w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/P7125430-2-1-768x905.jpg 768w, https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/P7125430-2-1.jpg 1026w\" sizes=\"auto, (max-width: 869px) 100vw, 869px\" \/><\/a><\/figure><\/li><\/ul><figcaption class=\"blocks-gallery-caption\">Abb.von links nach rechts a. Zeichnung des Autors nach einem Foto der Aktion <em>Kukei, akopee-Nein, Braunkreuz, Fettecken, Modellfettecken<\/em>, Foto von \u2026\u00a0 (Mich hat dieser Titel jedenfalls dazu verf\u00fchrt, anfangs statt der Stoppuhr ein Ei in der Hand von Beuys zu erkennen und es so abzuzeichnen.) b. Ausschnitt aus der Abbildung des Fotos von Peter Thomann, in: Schneede: Joseph Beuys: Die Aktionen, Stuttgart 1994, S. 63 c) <em>und in uns \u2026 unter uns \u2026 Land unter \u2026<\/em> Aktion in der Gal. Parnass in Wuppertal. Tuschezeichnung des Autors nach einem Foto von Ute Klophaus<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>M\u00f6glicherweise benutzte Beuys dieselbe Stoppuhr ein Jahr sp\u00e4ter, am 5. Juni 1965, bei der Performance <em>und in uns \u2026 unter uns \u2026 Land unter \u2026<\/em> in der Gal. Parnass in Wuppertal. Auf einigen Fotos von Heinrich Riebesehl und Ute Klophaus erkennt man jedenfalls eine Stoppuhr zwischen einem Stromkabel und dem Haufen Fett, auf dem Beuys F\u00fc\u00dfe stehen, die in einem Paar Schuhe mit einem markanten quer gerillten Profil stecken.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was Stoppuhren besonders macht<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Verwendung der Stoppuhr w\u00e4re trivial, wenn sie zuvor nicht wesentliche Parameter in der Arbeitswelt und im Sport grundlegend ver\u00e4ndert h\u00e4tte. Die Stoppuhr ist n\u00e4mlich im Gegensatz zur Sonnen-, Stand-, Taschen- und Armbanduhr kein Instrument der zyklischen Zeitmessung. Die Stoppuhr misst die Dauer eines Ereignisses linear. Sie macht die Zeit f\u00fcr eine bestimmte Strecke oder eine bestimmte Arbeit vergleichbar. Als ein Instrument, das bei der Messung von Arbeitsintervallen eine entscheidende Rolle gespielt hat, wurde sie zu einer Voraussetzung der wissenschaftlichen Erforschung der Arbeit, die es erlaubte, Arbeitsschritte am Flie\u00dfband zu zerlegen und zu optimieren, was die moderne Massenproduktion in Gang setzte.<a href=\"#_edn4\">[iv]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Erst 50 Jahren sp\u00e4ter wurden Stoppuhren als offizielle Zeitmessger\u00e4te z.B. bei Olympischen Spielen eingesetzt. Die ersten bei einer Olympiade gestoppte Zeit nahmen die Juroren bei einem Skirennen 1936.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Frappierend Auswirkungen im Sport<\/h2>\n\n\n\n<p>Entschied bis ins 19. Jahrhundert bei Wettbewerben derjenige der als Erster die Ziellinie \u00fcberschritt, ein Rennen f\u00fcr sich, so laufen die Wettbewerber heute nicht mehr nur um den Sieg gegeneinander. Seit Rekordzeiten f\u00fcr die zur\u00fcckgelegten Distanzen festgehalten werden, k\u00e4mpfen alle Athleten auch gegen die Uhr. Sie haben nicht nur die Chance zu gewinnen, sondern auch der oder die Schnellste &#8222;aller Zeiten&#8220; zu werden. Dieser Superlativ setzt stillschweigend voraus, dass die L\u00e4ufer vor der Erfindung der Uhr langsamer waren. Daf\u00fcr spricht, dass die L\u00e4ufer vor der Erfindung der Zeitmessung nur schneller, weiter und h\u00f6her als ihre Mitbewerber zu sein hatten. Heute m\u00fcssen sie gegen alle bisher aufgezeichneten Bestmarken in einer Disziplin anlaufen, anspringen und anwerfen und dazu die letzten Reserven mobilisieren. Ganze Gesch\u00e4ftszweige sind entstanden, um die sport- und ern\u00e4hrungswissenschaftlichen Erkenntnisse umsetzen und um Techniken zu trainieren, damit auch neuerlich antretende Leistungssportler*innen gegen die von Generation zu Generation h\u00f6her geschraubten Rekorde bzw. k\u00fcrzeren Zeiten bestehen k\u00f6nnen. Die Zeitmessung hat nicht nur die Ergebnisse objektiviert, sondern treibt Sportler in einen Phantom-Wettbewerb gegen die Athleten aus der Vergangenheit.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Welches Verh\u00e4ltnis zur Zeit pr\u00e4gte Beuys<\/h2>\n\n\n\n<p>Vor diesem Hintergrund stellt sich nun die Frage, welche Erfahrungen sich in der Benutzung von Uhren durch Beuys niederschlugen. Dagegen, dass Uhren lediglich als ein Statussymbol verwendet worden sind, spricht die Anlehnung des K\u00fcnstlers an Fluxus w\u00e4hrend der betreffenden Zeit. Der Kontext seiner ersten Aktion auf dem <em>Festival f\u00fcr Neue Kunst<\/em> an der Rheinisch-Westf\u00e4lischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen, die am 20. Juli 1964, also am 20. Jahrestag des Anschlags auf Hitler durch Stauffenberg, stattfand, spricht daf\u00fcr, dass der Krieg bei seiner Aktion nicht unerheblich mitschwang, zumal an diesem Ort die wissenschaftlichen und ingenieurm\u00e4\u00dfigen Voraussetzungen auch f\u00fcr die Produktion von Waffen geschaffen wurden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zeit totschlagen<\/h2>\n\n\n\n<p>Beuys hatte sich bekanntlich freiwillig zur Luftwaffe gemeldet und war Berufssoldat geworden, womit er sich als 19-J\u00e4hriger der soldatischen Disziplin und einem strengen Zeitregime unterwerfen musste. Nicht zuletzt weil sein Traum, Pilot zu werden, platzte, musste er als Gefreiter und sp\u00e4terer Unteroffizier unter dem Wechsel aus Drill und Nichtstun gelitten haben; hatte er doch nach der Ausbildung vier Jahre lang den grotesken Kontrast zwischen lebensgef\u00e4hrlichen Eins\u00e4tzen und einer \u00f6den Routine des Kasernenalltags auszuhalten. Nach den Eins\u00e4tzen auf der Krim mit der Bombardierung von Sebastopol wurden Stukas nur noch selten ben\u00f6tigt, denn sie waren schnelleren alliierten Abfangj\u00e4gern unterlegen. Zudem konnten sie wegen ihrer geringen Nutzlast nur noch selten als Bomber abheben. Die Besatzungen mussten Zeit totschlagen und ihre jungen Jahre verstrichen. Auch im Ausland, wie auf einer Luftwaffenbasis in Foggia wurden nur wenige \u00dcbungen und ein paar Eins\u00e4tze jenseits der Adria geflogen. Ansonsten war den Soldaten der Umgang mit Einheimischen verboten.<\/p>\n\n\n\n<p>ZEIT AUF NULL STELLEN<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen\u00fcber dem Verrinnen der Zeit, f\u00fcr das die Sanduhr seit jeher ein Symbol ist, das mit dem des Todes verbunden ist, verk\u00f6rpert die Stoppuhr, die sich auf Null zur\u00fcckstellen l\u00e4sst, die Chance des Neuanfangs. Stoppuhren lassen sich zur Ermittlung von Zwischenzeiten sogar anhalten und laufen mit einem zweiten Klick weiter, weshalb sie die M\u00f6glichkeit bieten, Zeit in messbare Intervalle zu zerlegen. Die Utopie der Nullstellung von Zeit sah Walter Benjamin durch franz\u00f6sische Revolution\u00e4re eingefordert, die in der Julirevolution von 1830 am Ende von Stra\u00dfenk\u00e4mpfen unabh\u00e4ngig voneinander auf Uhren geschossen haben sollen. Schon die Revolution von 1789 hatte als Basis eines revolution\u00e4ren Neuanfangs die Einf\u00fchrung eines neuen Kalenders gebracht, dem statt der traditionellen Aufteilung in 12 Monate, 52 Wochen und 24 Stundentage, das Dezimalsystem mit 10 Monaten zugrunde gelegt wurde. Bemerkenswerterweise schlagt in der Stoppuhr die traditionelle Unterteilung der Zeit nach dem Duodezimalsystem, das die Stunden in 60 Minuten und Minuten in 60 Sekunden teilt, nach dem Komma in das Dezimalsystem um, so dass die Sekunden in Zehntel, Hundertstel und Tausendstel unterteilt werden. Hier koexistiert ein Rest des Dezimalsystems, das nach der Franz\u00f6sischen Revolution die Zehntagewoche gebracht hatte, mit der traditionellen Zeitmessung, die wieder eingesetzt worden ist, weil Wochen mit 10 Tagen unzumutbar waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Funktion der Stoppuhr, die beliebig viele Neuanf\u00e4nge suggeriert, kam Beuys entgegen, der nach dem Krieg mit dem Kunststudium einen Neuanfang gewagt hatte, aber durch eine Depression wieder zur\u00fcckgeworfen wurde. Nach seiner Zeit auf dem Hof der Familie van der Grinten fand er als Lehrbeauftragter an die Kunstakademie zur\u00fcck, wo es zur Begegnung mit Fluxusk\u00fcnstlern kam. Ihre unakademische Auffassung der Kunst vermittelten Beuys einen Impuls, der sein Verh\u00e4ltnis zur Kunst ver\u00e4nderte. Mit seiner ersten Aktion 1964, die er als 43-J\u00e4hriger durchf\u00fchrte, begann er einen k\u00fcnstlerischen Weg bei NULL.<a href=\"#_edn5\">[v]<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\">[i]<\/a> (Schneede, 1994) Schneede bezieht sich auf die Utopie von Rudolf Steiner und schreibt: \u201eIn diesem Sinne stellte Beuys eine Vereinigung der angenommenen \u00f6stlichen Intuition und der angenommenen westlichen Vernunft als Basis gegenseitiger Befruchtung und politischer Befriedung vor. Die beiden kleinen Kreuze d\u00fcrften auf die fr\u00fche Trennung der Religionen (Rom \u2013 Byzanz) und damit auf die Notwendigkeit, diese Trennung zu \u00fcberwinden, hinweisen. An die Stelle des zuvor bei Beuys eingesetzten Erl\u00f6sungssymbols der Sonne erhielten die Kruzifixe hier aufgezogen Uhren \u2013 Hinweise auf die zeitliche Begrenztheit und damit Historizit\u00e4t der politischen und der geistigen Teilung?\u201c (S. 129) Schneede versieht seine Vermutung mit Recht mit einem Fragezeichen, denn eine vermeintliche Sonne ist unter den Stoppuhren nicht auszumachen. Die Feststellung, dass die Uhren aufgezogen seien, ist irrelevant, weil das nur eine Rolle spielt, wenn sie konkret zur Zeitmessung eingesetzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>[ii] In:&nbsp; Richter, \u201cMy Experience with Movement in Painting and in Film,\u201d in: &nbsp;The Nature and Art of Motion, ed. by Gyorgy Kepes (New York: George Braziller, 1965), 155. Zit nach: Richter\u2019s Films and the role of the radical artists, by Marion von Hofacker, In: ACTIVISM_MODERNISM_AND_THE_AVANT-GARDE ed. By Daniel Valdes Puertos, (Anm 17), S. 134<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\">[iii]<\/a> Als Beispiele seien hier nur das Archiv Sohm in der Staatsgalerie Stuttgart (Kellein, 1986) und der Katalog der Sammlung Silverman (Hendricks, 1983) genannt.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\">[iv]<\/a> Frederick Winslow Taylor hatte seit 1880 die Stoppuhr eingesetzt, um Arbeitsschritte zu zergliedern und zu optimieren&nbsp; (Giedion, 1982), S. 122, 140<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\">[v]<\/a> Einen voraussetzungslosen Neuanfang hatte auch die Gruppe ZERO unter anderen \u00e4sthetischen Vorzeichen zu ihrem Namen gebracht, denn sie experimentierten mit Licht und Abstraktion. Mit dem Titel <em>Le Degr\u00e9 z\u00e9ro de l\u2019\u00e9criture<\/em> (Paris 1953) hatte Roland Barthes der franz\u00f6sischen Literatur einen Neuanfang bescheinigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen 1964 und 1987 hat Joseph Beuys bei mehreren Aktionen Wecker und Stoppuhren benutzt. Sie stehen oder liegen meist herum und wurden selten benutzt, weshalb sie leicht zu \u00fcbersehen sind. Hier wird er\u00f6rtert, warum sie ein wichtiges Verbindungsst\u00fcck des K\u00fcnstlers &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/?p=1008\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[97,83,256,36,137,62,255,125],"class_list":["post-1008","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kuenstlerverzeichnis","tag-aktionskunst","tag-beuys","tag-beuys100","tag-fluxus","tag-performance_studies","tag-performanceforschung","tag-stoppuhr","tag-zeitkunst"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1008","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1008"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1008\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1024,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1008\/revisions\/1024"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1008"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1008"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.owlperformanceart.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1008"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}