Klingen in Hüllen

Die Ankündigung der „performativen Skulptur“ „in-visible“ von Florian Huber als 2. Akt des Stückes „Regeldrama“ ruft die KATASTASE auf, die im antiken griechischen Drama die Bewusstwerdung der Protagonisten bezeichnet, die aufbegehrend zur Erkenntnis kommen und sich schließlich handelnd wiederfinden. So begegnen sie dem Verlust des kindlichen Einvernehmens mit dem Leben, denn als Heranwachsende müssen sie sich nunmehr Tod und Gewalt stellen und erfahren Schmerzen.

Huber hat ein Bild dafür gefunden, das er als Installation mit 30 Meter S-Draht aufgebaut hat. Seine Aktion verändert diesen mit messerscharfen Klingen bewehrten spiralig ausziehbaren Draht mit Schafsdarm. Geduldig schiebt er Meter um Meter des für die Wurstherstellung gereinigten Dünndarms zunächst auf ein Stück Schlauch, mit dessen Hilfe er das zarte aber unglaublich feste Gewebe schließlich um den klingenbewehrten Draht zieht.

Florian Huber, KATASTASE (performative Skulptur), 2025 Kunst und Kultur e.V., Hamburg, Foto: johnicon @VG Bild-Kunst

Martialische Sperren

Durch die Aktion wird der Draht umhüllt und seine Gefährlichkeit zumindest symbolisch reduziert. Das ist der Befund, doch hat das Stück heute weitgehende Implikationen, weil es in einem Europa spielt, in dem die einige Jahrzehnte offenen Grenzen im vermehrten Maß wieder geschlossen werden. Wer an den messerscharfen Klingen hängen bleibt, riskiert beim Versuch, solche martialischen Absperrung zu überwinden, sich im federnden Draht immer stärker zu verheddern und schließlich zu verbluten.

Der Logik des Stückes und der Technologie des Drahts folgend umhüllt der Darm die scharfen Zacken real und dämpft zumindest symbolisch ihre Schärfe. Doch lässt sich im Draht, der mit dem transparenten tierischen Gewebe symbolisch-wahnwitzig gebändig wird, im Hinblick auf die Menschen und Gemeinwesen, die sich dahinter verschanzen, auch eine weitere Aussage lesen. Es zeigt sich das Selbstbild derjenigen, die sich einzäunen. Die Einheger, die sich von Schmerz, ja sogar von Unbequemlichkeit, befreien wollen, vermeiden es offensichtlich, sich der Katastase zu stellen und versuchen so das eigene Erwachsenwerden zu umgehen. Daher muss denen, die sich hinter Drahtverhauen verschanzen, eine narzisstische Störung unterstellt werden. Sie wollen ihrer kindlichen Bruchlosigkeit nicht entwachsen und versuchen diejenigen aufzuhalten, die erwachsen genug sind, um zu handeln. Diese versuchen unerträglichen Verhältnissen zu entkommen und werfen sich wie die jungen Helden des antiken Dramas in die Welt. Auf ihrer Flucht haben sie schon bewiesen, dass sie mit solchen Hindernissen fertig werden können, was natürlich die Furcht derer, die sich in ihrer EXPOSITION (1. Akt von „Regeldrama“) einigeln, noch erhöht.

Zeitdimension der Aktion

Das Besondere des Stücks ist die Dauer der Handlung, die sich in ihrer handwerklichen Einfachheit dem Zuschauenden schon nach einem Durchgang erschlossen hat. Dennoch blieben die meisten Anwesenden, allein um dem Künstler beizustehen oder um den Fortgang der Aktion zu gewährleisten. Eine stille Anfeuerung vielleicht für eine Fortsetzung

Florian Huber, KATASTASE (performative Skulptur), 2025 Kunst und Kultur e.V., Hamburg, Foto: johnicon @VG Bild-Kunst

des Tuns, das man langweilig nennen könnte, wenn es nicht eine Aufgabe enthalten hätte, wie z.B. über das Gesehene nachzudenken. Dabei ist die Zeit nicht unerheblich, die uns im Alltag offensichtlich so oft fehlt und der man auch im Theater kaum begegnet, wo es immer Schlag auf Schlag gehen muss. Hier wird eben die Symbolik, von der man meint, dass sie eine Kurzform ist, zu einer Langform: Die Durchführung des Symbols – also des Drahts durch den Darm – erwies sich als ausgesprochen langwierig und veränderte so auch den Symbolbegriff hin zum Erkenntnisakt, der wiederum in der Vorstellung einer konkreten leiblichen Handlung einen äußerst scharfen Schmerz evozieren könnte.

Trotz allem leben wir heute nicht mehr in der Antike und wollen das Schauspiel der Folter nicht geboten bekommen, weshalb Künstler Möglichkeiten wie diese Performance ersinnen. Sie arbeiten daran, wenn auch symbolisch, den Schmerz zu bezwingen. Doch ist das nur ein weiterer Hinweis darauf, dass er uns in welcher Weise auch immer, weiter quält.

Die Aktion fand statt am 13. 10. 2017 im 2025 Kunst und Kultur e.V. Ruhrstrasse 88  (Im Hinterhof, gr. zweispurige Toreinfahrt, bis zum Ende durchgehen), 22761 Hamburg.      Dort wird am 20.10. von 20-23 h Retardation, der 3. Teil des Stückes „Regeldrama“ (in 4 Teilen) gezeigt.

Gehen, Fahren, Kunst

Utz Biesemann: UTZ ESS-Transporte, Performance am 25.5.2012, Foto: johnicon

Utz Biesemann: UTZ ESS-Transporte, Performance am 25.5.2012, Foto: johnicon

15 Jahre EINSTELLUNGSRAUM

Vor 15 Jahren öffnete der ehemalige Blumenladen in der Wandsbeker Chaussee 11 in Hamburg erstmals die Türe für Kunst. Schon 2001 gab es keine Ausstellung im konventionellen Sinn, denn Gabriele Seidensticker hielt mit „Leichter Kost“ ein Angebot zur Einkehr im „Rasthof“ bereit, Elke Suhr lud zu einer „Taxifahrt mit Dias und Audiotape zur Thematik des Pfeiles“ ein und Ordalia – Irritainement präsentierte „VERKEHRte Welten“.

Dieser Einstand am 29. März 2001 sollte wegweisend werden für diesen von Künstlerinnen gegründeten Kunstverein, der sich von Anfang an als „Agentur zur Vermittlung von Projekten zwischen Autofahrern und Fußgängern“ verstand und sich seitdem kontinuierlich mit Themen der Mobilität befasst. Insofern unterstreicht die Lage des EINSTELLUNGSRAUMs an der stark befahrenen B75 von und nach Lübeck mit Anbindung an den bevölkerungsreichsten Bezirk der Hansestadt die Programmatik.

Monica Prantl: Die Serientaten, Performance während der Tagung „Schubumkehr“ am 30.8.2008, Foto: johnicon

Monica Prantl: Die Serientaten, Performance während der Tagung „Schubumkehr“ am 30.8.2008, Foto: johnicon

Zur zweiten Ausstellung des Gründungsjahrs erinnerte Elke Suhr an den utopischen Geist in der Kunst:

„Mit Heide ist der Ort außerhalb einer fiktiven Grenze gemeint, da, wo noch alles möglich ist, da, wo es aber auch gefährlich ist, weil dort die bekannten Regeln nicht gelten. Sozusagen der Ort der Kunst.“ Hier wird konkret, wie Kunst gegensteuern kann in einer von Straßen durchzogenen Welt, die  wegen der Vielzahl von Teilnehmern und der beteiligten Maschinen extrem geregelt ist. Insofern unterscheidet sich der Raum des städtischen Verkehrs von dem offenen, nicht landwirtschaftlich genutzten Raum der Heide extrem, und „Gefahr“ hat hier wie da vollkommen andere Ursachen.

Über 150 Ausstellungen zeigten, wie sich Verkehr aus der Sicht künstlerischer Aktivitäten anders definieren lässt als durch Motostärke, Geschwindigkeit, Abgasvermeidung, Fahrzeuggewicht oder Geländegängigkeit auf Asphalt.

  • Bis jetzt gab dieses Feld 13 verschiedene Themenschwerpunkte aus. Darunter finden sich Jahresthemen wie Bremsen, Lenken und Steuern, Schalten und Walten, VierTakter + X, Shared Space oder Autos fahren keine Treppen. Von 2004 bis 2016 organisierte der Vorstand mit der Unterstützung zahlreicher Helfer  9 bis 13 Ausstellungen, Performances, Tagungen und Projekte jährlich. Auf der Homepage http://einstellungsraum.de/archiv_Archiv.html ist jeder Programmpunkt unter dem Jahresthema nach Jahreszahl abgelegt.
  • Die bisher entstandenen 10 Kataloge fassen alle Veranstaltungen des betreffenden Jahres kompakt zusammen und sind einzeln oder als Paket auf der Homepage mit dem Link zum Hyperzine-Verlag zu bestellen. http://www.hyperzine.de/files/index.php?seite=3&folge=go

Mut zum Risiko

Im Habitus eines „Heiligen der Letzten Tage“ näherte sich Utz Sebastian Dr. Biesemann mit einer Fackel einem Taubenschlag, der durch die Explosion der darin befindlichen Benzindämpfe mit einem gewaltigen Bums auseinander flog. Mit dem Benzin war die Installation zuvor betankt worden, als sie noch wie ein Architekturmodell auf zwei Böcken im Innenhof der Kunsthochschule präsentiert worden war.

Utz Sebastian Dr. Biesemann, Der letzte Versuch, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2015

Utz Sebastian Dr. Biesemann, Der letzte Versuch, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2015

So begann und so endete die Untersuchung mit der Frage: „Wo genau ist eigentlich rechts oberhalb?“ Ironischerweise hatte das schlagartig in Brand gesetzte Benzin eine Locke der Haare des Künstlers rechts oberhalb des Scheitels entzündet und traf damit die Frage, die Linkshänder und umgeschulte Linkshänder interessiert. Wo genau ist denn Links, wenn jemand von sich selbst spricht und sein Gegenüber sein Links an der rechten Seite vorfindet. Wenn außerdem in Betracht gezogen wird, wie Links und Rechts unterschieden werden, wenn wir uns jemandem von Hinten nähern, und ein Anderer von Vorne die zwei Seiten des Hinten beschreibt. Klar wird man dagegen die Konventionen ins Feld führen. Doch die wurden von Rechtshändern ersonnen, die die Schriften von Leonardo nur in einer Transkription lesen können, selbst wenn sie Italienisch verstehen.

Was beide Arbeiten verbindet ist die Herausforderung des Großen und Gefährlichen. Hier ist es Feuer und Explosion sowie das Problem der zwei Seiten, das die Möglichkeiten eines Einzelnen übersteigen kann. Bei Angela Anzi sind es das Gewicht ihrer Objekte und die tiefen Töne, die ganze Flächen des Körpers und seine Organe in Schwingung versetzen können, so dass sie das Wohlbefinden beeinträchtigen. Anzi machte die Schwingungen durch verschiedene Features wie Segel aus Papier und Furnier sichtbar. Ihre Leichtigkeit lässt das Gewicht der 12 Trommeln aus gebranntem schwarz glasierten Ton vergessen, die jeweils mehr als ein Zentner wiegen. Alle Teile zusammen addieren sich zu fast eine Tonne. Zweimal drei konische und einmal vier zylindrische Elemente ruhten in der Ausstellung im Einstellungsraum aufgrund ihres Eigengewichts übereinander und flößten den Zuschauern Respekt ein.

Angela Anzi, Hilfestellungen an Objekten 2, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2015

Angela Anzi, Hilfestellungen an Objekten 2, Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2015

Trotz der Technologien, die uns gewöhnlich von der Überlastung durch Heben, Explosionen und Feuer fernhalten, sind Gefahren eine Herausforderung geblieben, denen sich Künstler jeder Generation aufs Neue und oft mittels Performances stellen, um ihre Möglichkeiten zu testen. Das gilt vor allem in einer Welt, in der allerlei Bedenken und Sicherheitsfeatures die Möglichkeiten von Experimenten einengen. Insofern war es bezeichnend, dass beide Künstler im Rahmen der „Nacht des Wissens“ am 7. Nov. 2015 auftraten.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass künstlerische Arbeiten die Maße des Körpers überschreiten, sie müssen es sogar, um Aufmerksamkeit zu wecken. Trotzdem stellen Unkontrollierbarkeit und Wagnisse für jede Künstlergeneration aufs Neue eine Kategorie dar, deren Grenzen erforscht werden müssen. Deshalb müssen sich Künstler anders als Ingenieure den Gefahren unmittelbar aussetzen, die immer strengere Regularien im Alltag geradezu fanatisch zu unterbinden versuchen. Umso bemerkenswerter, dass täglich 10 Verkehrsopfer allein auf deutschen Straßen ohne hysterische Reaktionen hingenommen werden.