Stephanie 1969 von Danny Lyon – eine handschriftliche Fotoreportage

Die Ausstellung der Fotografien von  Danny  Lyon war letztes Jahr im Fotomuseum Winterthur und im c/o Berlin zu sehen.

Danny Lyons Fotos, darunter besonders diejenigen, die mit Texten in der Art einer Reportage gerahmt sind, sind keine autonomen Fotos. Es geht um die abgebildeten Menschen und ihre Geschichte, die nicht oft im Foto identifizierbar ist. Eine dieser Fotoreportagen von Lyon mit einem handschriftlichen Rahmen hat mich besonders angezogen. Seine Zeilen setzte der Fotograf waagerecht in der Breite des Fotos über und unter das Bild, während der Text rechts und links davon über die volle Breite des Fotopapiers von unten nach oben verläuft. Das Blatt wurde also sowohl als Quer- wie auch als Hochformat beschrieben, so dass man es gerne zum Lesen in die Hand genommen hätte. Das Fotos wurde händisch schwarz gerahmt und mit dem Titel „Stephanie 1969“ unten links bezeichnet. Ein Muster aus feinen Linien und rhythmisch gesetzten Punkten macht den Text, der so graphisch strukturiert und zugleich in Rottönen dekoriert wurde, zu einer persönlichen Gabe. Mit diesem Mittel zeigt der Künstler seine Zuneigung und lässt die Betrachter an intimen Momenten seiner Begegnung teilnehmen. Dafür spricht auch der Ton des Texts, der wie eine authentische Erzählung klingt, so dass er wohl von einem Tonbandinterview transkribiert wurde. Hier spricht ihr Mann über Stephanie – so als ob sie nicht mehr da wäre – und über das Land.

Die Überschrift NEW MEXICO 1969-1975 bekommt eine Bedeutung, so dass es scheint, Lyon hätte das Foto 1969 aufgenommen und sei 1975 noch einmal dorthin gereist. Die Aussagen könnten beim zweiten Besuch aufgezeichnet worden sein. Der Sprecher gibt Einblick in die Gegend, die auf den ersten Blick ein Bild von Leere und Endlosigkeit evoziert und tatsächlich voller Abgründe ist; denn es gibt Lager für Wasserstoffbomben und durchgeknallte Vietnamveteranen. Viele der Informationen sind angesichts der Zuspitzung des Streits um mexikanische Einwanderer und des massiven wirtschaftlichen Drucks, der auch auf die scheinbar unwirtlichen Regionen ausgeübt wird, heute noch aktuell. Um den Text besser zugänglich zu machen, habe ich ihn übersetzt:

NEW MEXICO 1969 – 1975 „Stephanie 1969“

Danny Lyon, NEW MEXICO 1969 – 1975 „Stephanie 1969“, Ausst. Fotomus. Winterthur

Innerer Rahmen: „Wer sind wir und woher kommen wir? Wir sind Kinder von Kerouac. Wir sind aus Europa und dem Osten gekommen, um im sogenannten Land der Glückseligen zu siedeln. Und wer kam uns zuvor? Wessen Land ist es, das wir betreten? Wer baute diese Häuser? Wer hinterließ diese Knochen? Zuni, Apachen, Spanier, Mexikaner, Texaner. Sie kamen alle hierher und vergossen ihr Blut … Die Wüste vergisst nichts. Sie wird auch noch Wüste sein lange nachdem wir gegangen sind.“

Äußerer Rahmen: „Ich kam 1969 hierher. Es ist so lange her, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann. Ich kam hierher mit dieser Frau, Stephanie, eine Malerin. Wir ließen eine Menge Freunde hinter uns in New York, als wir hier nach Sandoval County in New Mexico kamen, dieser schönsten kleinen Sandkiste der Welt. Nun sind wir hier Zuhause. Wir haben ein Haus gebaut und hatten einige Kinder. Hinten in New York war allen zum Sterben (zumute). Ich traf einen Mexikaner, der sich Eddie nannte, mir ein lausiges Spanisch und das Backen von luftgetrockneten Ziegeln beibrachte und alles zu lieben, was südlich des Colorado liegt. Ich war MOTADO und ‚nass‘ (hinter den Ohren), wie sie in Demning[1] sagen. Ich kümmerte mich darum, wie ich Eddie jedes Frühjahr nach Amerika (in die USA) schleusen konnte, und ich lernte, die Grenzpatrouillen zu hassen – nichts Persönliches. Persönlich denke ich, es würde uns ohne die Grenze und sicherlich auch ohne die Grenzer viel besser gehen. Aber ob Mexiko sich je darum kümmern würde?“

New Mexico im Brennpunkt

„Siehst du den Berg dahinten? Er heißt Sandia, das heißt Wassermelone, und ist mit Wasserstoffbomben gefüllt. Dahinten gibt es einen Haufen zorniger Burschen aus (Viet-)NAM, die man in NAM zusammengeschossen hat und die diesen Berg übernehmen wollen. Die wollen ALB nehmen und Washington und sie lieben Nat Turner[2] in seinem Sumpf. Die denken, hier wären sie sicher und würden nie mehr aus ihren Häusern getrieben.
Jetzt erzähle ich was ganz Verrücktes, wir alle wissen das. Aber ich kann euch sagen, die sind ganz schön durchgeknallt, und nachdem du die Angst ein paar Mal überwunden hast, nimmt sie ab. Eine H-Bombe kriegst du nicht tot, aber hier in New Mexiko sind schon viele Leute für das Land gestorben oder wurden dafür umgebracht, und viele mehr sind darauf gefasst, in Zukunft dafür zu sterben. Nach den Plänen von Firmen wird Land gestohlen und zerstört. Herzlose Leute mit wenig Hirn besitzen viel Land und haben viel, viel Macht. Und alles steht nur auf Papier. Großherzige Leute mit wirklicher Macht schauen hoffnungslos zu. Wohnwagen-Plätze, Tochterunternehmen und Golfplätze bedecken immer mehr Land, während man ihnen nicht mal einen Hektar für Bohnen lässt. Bohnen schmecken besser, wenn du sie auf dem Grab eines Bankers pflanzt. 10 Millionen Grünschnäbel sind hier auf der Suche nach Arbeit. Was glaubst du, weshalb ihre Kinder hierher kommen?“

[1] Eine Stadt dieses Namens war nicht auffindbar. Es gibt eine Stadt namens Deming im Süden New Mexicos (32⁰ nördl. Breite, 108⁰ westl. Länge)

[2] Nat Turner *1800 wurde 1831 hingerichtet, weil er einen Sklavenaufstand anführte. 1967 wurde „The Confession of Nat Turner“ von William Styton veröffentlicht und inspirierte die Black-Power-Bewegung.

Die Anschauung des Unsichtbaren

Die Initiative des Yoshiaki Kaihatsu

Hinter den Fenstern und Türen von Läden und Wohnungen sind die Vorhänge der fotografieren Häuser zugezogen. Schwer zu sagen, ob es ein Zeichen von Sonntagsruhe, Ferien oder Feierabend ist? Die Legende teilt mit, dass es sich um den Ort Iidate in der japanischen Provinz Fukushima handelt, den Yoshiaki Kaihatsu 2012 im Jahr nach der Havarie von 2 Reaktoren besuchte. Gespenstisch erscheinen die Eindrücke, die der Künstler festgehalten hat, weil alle Bewohner ihre Wohnungen und Geschäfte hinterlassen haben, als würden sie nach einem kurzfristigen Aufenthalt woanders bald wieder zurückkehren. Ihnen war nicht klar, dass sie nie wieder in ihre radioaktiv vergiftete Heimat zurückkehren würden. Im Vergleich mit den vom Tsunami zerstörten Geschäften in Kesennuma City (Provinz Miyagi), die Kaihatsu nach der Naturkatastrophe besuchte, bleibt die Ursache der Zerstörung durch Radioaktivität den Sinnen verborgen. Im Vergleich wird mindestens auf den zweiten Blick erkennbar, dass das eingedrungene Salzwasser das Wohnen in den durchnässten Wohnungen entlang der 500 Kilometer der japanischen Küste unmöglich gemacht hatte. Eine Reparatur oder ein Wiederaufbau von den durch Wasser zerstörten Häusern war möglich, und viele Bewohner konnten wieder zurückkehren. Die völlig intakten aber verstrahlten Häuser dagegen werden für mindestens eine wenn nicht mehrere Generationen unbewohnbar bleiben. Ohne dass mit visuellen Mitteln ein Mangel sichtbar gemacht werden könnte, werden sie in den kommenden Jahrzehnten ungenutzt verrotten. So gesehen griff die doppelte Katastrophe des Tsunamis und der Havarie nicht nur in das Leben der Menschen ein, sondern machte einmal mehr auch die traditionellen Möglichkeiten der Bildenden Kunst eine das abbildende Instanz obsolet.

Y. Kaihatsu: Iidate, Fukushima, 2012, courtesy of Mikiko Sato Gal.

Y. Kaihatsu: Iidate, Fukushima, 2012, courtesy of Mikiko Sato Gal.

Wie viele ernüchterte Kollegen zog auch Kaihatsu die Konsequenzen daraus und ergriff die Initiative; denn es ist ja so, dass nicht die Künstler allein immer wieder vor dem Versagen der Abbildlichkeit stehen und immer wieder von Neuem die Krise des Sichtbaren beschwören müssen, die mit jeder atomare Havarie, jeder Bankenkrise, jedem Terroranschlag usw. erneut heraufzieht.

Ästhetik und Unsichtbarkeit

Die Krise der Sichtbarkeit beschäftigt Kaihatsu, denn als Künstler ist er Spezialist des Sichtbarmachens. Die Unsichtbarkeit der atomaren Verstrahlung ist eine Herausforderung, denn sie verschärft das Trauma der Menschen, die nicht in ihre vollkommen intakten Häuser zurückkehren dürfen und ihre Gärten und Felder auf absehbare Zeit nicht mehr bestellen dürfen. Es ist ein akademisches Problem, das sich hier stellt,  doch liegt für die Menschen, die von einem Tag auf den anderen ihren Lebensmittelpunkt verloren haben, der Skandal darin, dass sie auch drei Jahre nach diesen beiden Katastrophen, die Japan weiterhin beschäftigen und der Wirtschaft schwer schaden, noch behelfsmäßig untergebracht sind. Sie hatten sich ein Leben aufgebaut, in das sie nicht mehr zurückkehren dürfen. Sie wissen, was gerade auf den Feldern zu tun wäre, doch müssen sie untätig warten. Das wiegt schwer, und man glaubt, die Klärung der Unzulänglichkeit der menschlichen Wahrnehmung könnte warten. Doch bleibt sie damit verknüpft, obwohl ästhetische Fragen den Nöten der Menschen gegenüber wie ein Luxusproblem erscheinen müssen.

Y. Kaihatsu: Kesennuma City, Miyagi, courtesy of Mikiko Sato Gal.

Y. Kaihatsu: Kesennuma City, Miyagi, courtesy of Mikiko Sato Gal.

Kaihatsu hat Interviews mit den provisorisch untergebrachten Menschen geführt, die nicht verstehen können, warum sie nicht zurückkehren können. Offensichtlich sind die ästhetischen Probleme eng mit dem Alltag dieser Menschen verknüpft, denn sonst könnten sie verstehen, warum die Regierung weiterhin so tut, als sei nichts gewesen. Nicht nur, dass sie die verzweifelte Lage der immer noch Obdachlosen in ihren behelfsmäßigen Unterkünften ignoriert, sondern auch weiterhin mit den strahlenden Hinterlassenschaften einer vermeintlich sicheren Atomindustrie umgeht, als sei nichts geschehen. Es fällt offensichtlich leicht, so zu tun, als wären die erforderlichen Arbeiten schon verrichtet, weil die oberflächlichen Aufräumarbeiten abgeschlossen sind: die verstrahlte Erde steht in Plastiksäcken unter freiem Himmel und das strahlende Kühlwasser in Tanks abgefüllt in der Nähe der Kraftwerke. Wie das 100.000 Jahren so weitergehen soll, entzieht sich der Vorstellungskraft und dem wirtschaftlichen Kalkül einer profitorientierten Risikogesellschaft, in der solche nicht mehr zu beziffernden Schäden ausgeblendet werden. Die Beamten warten auf Anweisungen.

Kaihatsu hat an der Grenze zum Sperrgebiet eine Hütte auf der Grundfläche von vier Tatamimatten errichtet. Eine Tafel darüber weist sie als „Haus für Politiker“ aus. Bis jetzt hat er 750 von ihnen eingeladen, sich eine Zeit lang in dieser Hütte an der Grenze zur kontaminierten Zone von Fukushima aufzuhalten. Der Künstler nimmt an, dass so ein Aufenthalt außerhalb der privilegierten Aufenthaltsorte von Politikern den Gedanken auf die Sprünge helfen könnte.

Y. Kaihatsu: The House of Politicians, courtesy of Mikiko Sato Gal.

Y. Kaihatsu: The House of Politicians, courtesy of Mikiko Sato Gal.

Bestandsaufnahme: Erbe der Konzept-Kunst

Warum Kaihatsu ausgerechnet als Künstler eine solche Initiative ergreift, liegt wohl daran, dass die Kunst des 21. Jahrhunderts weiterhin mit den Problemen der Moderne zu tun hat, und sich damit auseinandersetzen muss, dass die Folgen eines planvollen Handelns ins Chaos führten, das sich wiederum der Anschauung entzieht, obwohl es die betroffenen Menschen innerlich zerreißt. Die das Leben überschattenden Risiken unserer Zeit wiedersetzen sich den Wünschen, die Vorgaben der Moderne hinter sich zu lassen. Die Einschätzung der Risiken aus der Kernkraft, den Finanzmärkten, dem Terror und der digitalen Datenspeicherung und Vernetzung bleibt weiterhin unanschaulich.

Was mit der fotografischen Bestandsaufnahme, die Kaihatsu verwendet, in Angriff genommen wird, geht zurück auf eine Pionierleistung der Konzept-Kunst. Ed Rusha fotografierte 1965 nacheinander http://www.medienkunstnetz.de/werke/sunset-strip/ alle Gebäude am Sunset-Strip in Los Angeles und reihte sie als ein Leporello aneinander. Er legte mit dieser Fixierung eine Messlatte für alle sichtbaren Veränderungen. Zwar könnten die Häuser und ihre Besitzverhältnisse juristisch auch mit den Mitteln von Katastern abgeglichen werden, doch haben wir es hier mit einem Paradigmenwechsel hin zu einer visuellen Aneinanderreihung zu tun, die sich angesichts von dramatischen Veränderungen von einem  Projekt der avantgardistischen Bestandsaufnahme ausgehend zu einem Instrument künstlerischen Handelns weiterentwickelt hat.

Zunächst unterscheidet sich der symbolische Akt des Abfotografierens von dem politischen und verwaltungstechnischen Agieren in ästhetischer Hinsicht. Doch hat die Gewöhnung an die Möglichkeiten der Fotografie dazu geführt, dass die Menschen ihre Gewohnheiten umgestellt haben und über die Rechtsverhältnisse hinaus nach Anschauung und visueller Nachprüfbarkeit verlangen. Trotz aller Möglichkeiten, Daten und Messergebnisse zu sammeln, erscheint den meisten Menschen die Anschauung nach wie vor direkt und unmittelbar und eine Mehrheit ist weiterhin entzückt, wenn die Künste – darunter sind es neben der bildenden Kunst besonders Konzerte, Oper, Tanz und Theater – unseren Gesichtssinn ansprechen. Und genau diese ästhetische Sicht wird zum Problem, wenn es um das Unsichtbare geht, das uns mit der zunehmenden Erschließung von Mikro- und Makrokosmus nicht nur umgibt, sondern in immer entscheidenderem Maße auch unseren Alltag bestimmt.

Bestehende Wahrnehmungsgewohnheiten behindern die notwendige Bestandsaufnahme der hier von Kaihatsu aufgeführten noch zehntausende von Jahren strahlenden Hinterlassenschaft von Tschernobyl, Fukushima und aller noch intakten Kernkraftwerke. Die Unfähigkeit, sich das Problem vorzustellen, behindert letztlich auch die Findung einer Lösung für die Lagerung von strahlendem „Atommüll“. Der Wunsch, diese unangenehmen Hinterlassenschaften der Moderne endlich vergessen zu wollen, ist verständlich, doch die Aufgaben, die diese dem künstlerischen und praktischen Nachdenken stellen, sind noch zu lösen. Insofern liegt Kaihatsu richtig mit dem Gedanken, Politiker zur Meditation in eine kleine Hütte einzuladen. Doch er könnte den Kreis derjenigen, die dort in Klausur gehen sollten, durchaus auch auf andere Berufsgruppen ausdehnen; denn es kann gar nicht genug solcher Hütten zum Nachdenken über die Bedingungen unserer Zeit geben.

Johannes Lothar Schröder

Ausstellung „Naturkatastrophe Atomenergie Disput Terrorismus“
in der Galerie Mikiko Sato, Klosterwall 13, 20095 Hamburg
bis 19. April 2014

www.mikikosatogallery.com