“It is very boring, if someone wants to listen to all year talking.” Tehching Hsieh

Talk with Linda Montano and Tehching Hsieh at the occasion of “One Year Performance 1983 – 1984”, February 13th, 1984, in 111 Hudson Street, Manhattan, N.Y.

deutsche Fassung weiter unten

Tehching: The piece is not an object, just idea with action. Either we have document, but that is no meaning.
Because many people they want to see this kind of document, (so that) they can imagine (the piece) even they are far away (not here). They can think about the piece, which is their own experience for understanding. We give idea when we really do it.

Linda Montano and Tehching Hsieh at “One Year Performance 1983 – 1984”, Feb 13th, 1984, in 111 Hudson Street, N.Y.C., johnicon, VG Bild-Kunst 2019

Experience has more power to touch their heart. Feel something is more important than objects.

Linda: The document is a way to practice consciousness. If we turn this on, (She points at the cassette-recording-device.) it’s doing something to synopsis in the brain. It is reminding to come out of the mind into reality.

Johannes: If you hear them (the tapes) again, do you imagine what was happening?

Linda: We never listen! It is just the action of turning it on. It is an action that is willed, and so it is an action, that is conscious. And this is more self-awareness.

Tehching: This is conversation, talking. So that’s what many people are thinking about talking. We only talk for communication. Different how we (do) communication.  That is the sense in here. (He points at the shelves at the wall which store the collection of hundreds of tapes.)

You would not ever like to listen. It is very boring, if someone wants to listen to all year talking. So it is not necessary. We give the idea to people about the piece by a lot of communication. Now we are talking and that is important.

Johannes: So will it be available to the public or is it just documentation as a series of tapes?

Tehching: We put a seal. It becomes an installation on the wall. That is it, what people can read. What tapes (there are)…

Linda: … (and) how many tapes we have talked.

Tehching:  … than people can think (about) their own experience, to understand about this. They have to know: What we are talking about is not important. So I feel, that we give (the) idea is more important except that we do it, really do it.

Linda: It excites everyones archtypes – because mothers have a particular relationship to this piece.

 

„Was wirklich in diesem Stück erfahren wird …“
Dt. vom Autor

Johannes: Du sagtest „Gemüt-Skulptur“. Das bedeutet, Du skulptierst das Gemüt. Dieser Prozess repräsentiert nichts. Dieser Prozess erzeugt keine Objekte. Oder?

Linda: Hoffentlich nicht. Allerdings Dokumente.

Tehching: Erfahrung ist sehr wichtig. Man kann das Stück nicht sehen. Man kann es fühlen, weil wir es nicht wiederholen können. Es gibt nur die Erfahrung, um dieses Stück zu verstehen. Wir können die Erfahrung nicht erklären, wir können sie den Leuten mitteilen (communicate), was wirklich in diesem Stück erfahren wird, weil im Leben jeder versucht zu überleben. Auf diese Weise benutzen sie ihre eigene Erfahrung, um das Stück zu verstehen. Aber wie ich schon zuvor sagte…

Linda: Es gibt kein Produkt.

Tehching: Ja richtig. Ich spreche über Medien. Wenn die Zuschauer/Besucher über das Stück genug nachdenken, gibt ihnen das Denken Einsichten über die Menschen. …

Linda: Die Veränderungen in dieser/m besonderen Skulptur/Stück ist alles, was ich verlangt habe. Die Veränderungen in dieser einzigartigen Skulptur und dann auch die (ihre) Ausstrahlung ist etwas, das ich verkünden kann. Und es ist immer notwendiger, so einfach wie möglich zu sein.

Tehching: Idee und Handlung. Das Stück ist kein Objekt, lediglich Idee mit Handlung. Und dann haben wir noch Dokumente. Obwohl das Gegenstände sind, ist es notwendig, weil viele Menschen diese Art von Dokumenten sehen wollen. Sie können sich Vorstellungen machen, auch wenn sie weit entfernt leben. Erfahrung ist wirksamer, um ihr Herz zu erreichen, damit sie etwas empfinden. Das ist wichtiger als Gegenstände.

Linda: Das Dokument ist eine Möglichkeit, das Bewusstsein zu praktizieren, wenn wir das (sie zeigt auf die Tonbandkassettenrekorder) einschalten. Es bewirkt etwas Synoptisches im Gehirn, das erinnert an etwas, was aus dem Gedächtnis in die Wirklichkeit kommt.

Johannes: Wenn Ihr es wieder hört, stellt ihr euch dann wieder vor, was sich ereignete?

Linda: Wir hören es uns nicht an. Es geht nur um das Einschalten, es ist eine willentliche Handlung, sie ist bewusst und führt zu höherer Aufmerksamkeit.

Tehching: Dies ist ein Gespräch, Sprechen. Genauso wie sich die meisten Leute Sprechen vorstellen. Wir teilen uns sprechend lediglich mit. Wenn man die Ton-Dokumente (Linda und Tehching zeigen auf das Regal an der Wand mit den meterlang aufgereihten Audiokassetten.) anhören würde, wäre das ganz was anderes als Kommunikation. Es wäre außerdem sehr langweilig. Wenn man das Sprechen von einem ganzen Jahr anhören würde, wäre das sehr langweilig, also nicht notwendig. Es ist viel kommunikativer, dass wir den Leuten die Idee des Stückes vermitteln. Es ist viel wichtiger, dass wir jetzt miteinander sprechen.

Johannes: Ist also die Sammlung der Bänder zugänglich oder benutzbar, oder wird es lediglich eine Serie bespielter Bänder sein?

Tehching: Wir werden sie versiegeln. Es wird eine Wandinstallation. Die Leute können dann lesen, um welche Bänder es sich handelt.

Linda (dazwischen): Auf wie viele Bänder gesprochen wurde.

Tehching: Dann können die Leute über ihre eigenen Erfahrungen nachdenken, um dies hier zu verstehen.

 

Eine Drehpunktperson wird Siebzig

Boris Nieslony begegnete ich in Hamburg, wo Besuche in der BuchHandlungWelt sowie das Theater der Nationen 1979 mit einem Performance-Programm mein Interesse an der Performance Art geweckt hatten. Im Künstlerhaus in der Weidenallee trafen wir uns gelegentlich. An einem Winternachmittag schaute uns Dr. Coppi beim Schlürfen des heißen Bohnenkaffees, der mit Getreidekaffee gestreckt war, zu. Man sollte ihn fragen, ob er unsere Gespräche noch erinnert.

Bei einem unserer letzten Treffen in Hamburg vor Nieslonys Umzug nach Düsseldorf und dann nach Köln zeigte er mir einen Band von Pier Paolo Pasolini (Corpi e luogi, Rom 1981). Darin waren Filmstills systematisch nach Themen, Orten, Darstellern, Gesten, Mimik und anderen körpersprachlichen Gesichtspunkten geordnet. Die archaischen Schauplätze waren nach Pasolini, der das kulturelle Erbe durch zügellose Profitgier zerstört sah, für das Gedächtnis der Menschheit essentiell. Das Kino sah er als ein Mittel, die „in die Körper eingeschriebene Geschichte“ zu bezeugen. Man muss bedenken, dass in der Zeit keine Videos von Kinofilmen verfügbar waren, weshalb es schwierig war, die Eindrücke, die nach einem Kinobesuch blieben, zu belegen. Der Pasolini-Band muss Nieslony dazu bewegt haben, seine im Entstehen befindliche Bildersammlung von Körpern, seinen Gesten und Bewegungen zu organisieren. Teile dieser Sammlung, die er „Anthropognostisches Tafelgeschirr“ nennt, waren vom 27.2. bis 22.3.2015 im Künstlerforum Bonn zu sehen. Ein Text mit Fotos aus der Ausstellung von Boris Nieslony und Gerhard Dirmoser „Liegen-Sitzen-Stehen-Gehen-Springen-Fliegen/Fallen. Was Menschen tun-und wie“ ist in dem Band Formen der Wissensgenerierung. Practices in Performance Art (hg. von Manfred Blohm und Elke Mark, ATHENA-Verlag Oberhausen 2015, S. 95-108) erschienen. Sowie: http://thelyingonthefloorabandonedtolie.blogspot.co.at/

Boris Nieslony im Gespräch mit Marco Teubner am 3.7.2015 in Flensburg (Brise3) Foto: johnicon, VG Bild-Kunst

Boris Nieslony im Gespräch mit Marco Teubner am 3.7.2015 in Flensburg (Brise3)
Foto: johnicon, VG Bild-Kunst

Dieses Archiv aus Tausenden von Ausrissen aus Illustrierten wurde von den besten Fotografen weltweit geliefert, und Nieslonys Sammlung antizipierte zudem die Möglichkeiten des Internets; denn er hatte bemerkt, dass Gesten und Körpersprache in der Fotografie massenhaft vorhanden waren. Das Archiv bildet zudem einen wesentlichen Teil des umfangreichen plastischen, installativen, performativen und zeichnerischen Werks von Nieslony. Letzteres bewirkte übrigens seine Entscheidung, Kunst zu studieren. Tote und Sterbende, denen er bei seiner Arbeit im Pflegeheim begegnete, hatten ihn veranlasst, sie zu portraitieren. Unzufrieden mit den Ergebnissen bewarb er sich mit dem Ziel, das Zeichnen zu lernen, an der Kunstakademie.

Die Zweifel an der Endgültigkeit eines Bildes haben ihn seitdem angetrieben und zum Anreger der Performance Art und zu einer wichtigen Drehpunktperson in Deutschland werden lassen, der Künstler aus aller Welt zusammenbrachte. Er war 1977 Mitbegründer des Künstlerhauses in der Weidenallee in Hamburg, von Black Market (1985-1997). Ab 1995 regte er eine Reihe von Performance-Konferenzen an, die später wie eine Staffel von verschiedenen Künstlern an unterschiedlichen Orten fortgesetzt worden sind. Mehr als 10 dieser Konferenzen waren parallel zur akademischen Institutionalisierung der Performance Art wichtige Treffpunkte und Möglichkeiten des Austauschs.

Mit diesen wenigen Fragmenten aus seinem Werk wünsche ich dir lieber Boris zum 70sten Geburtstag Gesundheit und Schaffenskraft sowie weitere erfolgreiche Veranstaltungen mit dem aktuellen Projekt PAErsche!   http://paersche.org/

Wissen in Aktionen

Auch in der dritten Auflage des Performance-Festivals von Brise°3 vom 3. – 5. Juli brachte die Initiatorin Elke Mark wieder verschiedene Generationen von Performern zusammen. Das ist die Praxis von paersche (homepage: www.paersche.org), deren Mitglieder das Festival mittags mit einer open session im Park auf dem Flensburger Museumsberg begannen.

Ruedi Schill & Monika Günther, Perf. am 3.7. foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Ruedi Schill & Monika Günther, Perf. am 3.7.
foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Sich bewegende Bilder

Gelassen und poetisch begannen Ruedi Schill und Monika Günther das Abendprogramm. Sie klebte sich ein Papierstreifen an die Stirn, der über den Nasenrücken bis zur Stirn reichte und gelegentlich vom Atem gerührt wurde. Er zog nacheinander auf A6 gefaltete A2 Bögen aus der Gesäßtasche, um sie auf 12 verschiedene Art und Weisen zu entfalten. Danach wurde der gerade entfaltete Bogen neu geknickt, gerollt, gedrückt, zerknüllt, getütet, gestrichen, geknäuelt, geöffnet und dann der Schwerkraft überlassen , die je nach Oberfläche verschiedene Varianten des Fallens erzeugte.

Zwei Fahrräder steckten in einem Konglomerat aus Erde und Pflastersteinen, unter dem Bilderrollen steckten, die Helge Meyer & Marco Teubner nach und nach entrollten und auslegten. Wofür stehen die in schwarzer Farbe gebadeten Hände der schwarz Beanzugten mit schwarzen Koffern? Stellen sie eine Art von hohen Priestern der Kehrseite unseres auf hohe Mobilität gegründeten Wohlstandes dar, in dessen Namen nicht nur die in den Statistiken aufgezählten Menschen geopfert werden, sondern gleichfalls eine ihre Zahl übersteigende unbekannte Anzahl von Tieren?

Helge Meyer & Marco Teubner, Perf. am 3.7. Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Helge Meyer & Marco Teubner, Perf. am 3.7.
Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Das Spiel mit einem schwebenden Herz aus Metallfolie begann nach der Pause in einem Gebäudezwickel des Museums. Im Abendlicht erzeugten Evamaria Schaller & Alice de Visscher schöne Bilder, die in überraschende Aktionen mündeten, als der mit Helium gefüllte Ballon z.B. im Aufzug nach Oben entschwand oder diagonal am Publikum vorbeiraste.

Evamaria Schaller & Alice de Visscher, Perf. am 3.7. Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Evamaria Schaller & Alice de Visscher, Perf. am 3.7.
Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Zum Abschluss des Abends führte eine Spur aus Sand, der aus dem Karton auf dem Gepäckträger eines Fahrrades rieselte an die Förde. Dort schwebte auf einem Ponton einer luftgängigen Riesenqualle über die mitsommerliche Förde.

Elke Mark, Perf. am 3.7. Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Elke Mark, Perf. am 3.7.
Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Über die anderen Performances, mögen andere schreiben; denn ich musste abreisen und konnte die Fortsetzung des Festivals in Dänemark nicht mehr erleben.

Nachlässe

Bleibt noch zu erwähnen, dass Brise und paersche unterschiedlichen Menschen zum praktischen und theoretischen Austausch zusammenbringen, um besonders auch das sich physisch manifestierende Wissen verschiedener Generationen mit ihren jeweiligen Erfahrungen und Eigenheiten zusammenzubringen. Das aktiviert Ressourcen der Performance-Art, die besonders hinsichtlich einer beschleunigten Ausbildungs- und Berufswelt, die auch Künstlerkarrieren in der Welt digitalisierten Wirtschaftens und Kunstschaffens nicht unberührt lässt. Dieser Austausch zwischen den Generationen, die internalisiertes Wissen und tollkühne Experimente teilen, ist eine kostbare Praxis in einer virtuellen Kommunikationswelt. Ein paar Tage lang wird Wissen physisch sichtbar gemacht und rituell geteilt. Ob das auch auf dem Gebiet des Archivierens geschehen wird, wird sich in den kommenden Jahren herausstellen, wenn die Nachlässe der Generation von Performern zur Disposition stehen, die in den 1960ern und 70ern die Inspirationen der interdisziplinären Kunst, der Body Art, der Überschreitung etc. aufgriffen haben und als bildende Künstler damit begannen, vor Publikum mit ihrem Körper zu experimentieren. Jetzt stellt sich nämlich die Frage, ob die Kulturrichter und ihre Geldgeber sich dafür entscheiden, dieses Wissen auf die Boote zu laden, um es mit in die Zukunft zu nehmen oder es dem Abfall überlassen. Eine Entscheidung fällt aber nicht nur durch Archivierung der Relikte und Medien, auf denen Performances gespeichert werden, sondern auch in den Curricula der Schulen und Hochschulen, wo neoliberale Berater den Kunstunterricht und kulturwissenschaftliche Fachbereiche auf die Streichlisten setzen.

Ein Buch

Mit Formen der Wissensgenerierung/Practices in Performance Art stellten die Herausgeber Manfred Blohm und Elke Mark einen Band vor, dessen Beiträge die paradoxe Verbindung zwischen Bild und Ephemeren untersuchen (ATHENA-Verlag, Oberhausen 2015, 203 Seiten). Das Tun – Wahrnehmen und Machen – führen zu Ergebnissen, die weiterwirken, sei es dass sie bleiben oder verschwinden, sich manifestieren oder in etwas Anderes übergehen. Entscheidend sind wohl die jeweilige Auffassung von Festigkeit und das Bedürfnis nach Stabilität von Verhältnissen und Dingen. Die ruhigen Bilder und die Bedächtigkeit, die den ersten Festivaltag bestimmten, waren möglicherweise dem Streben nach Konsolidierung gedankt, mit dem sich Performance Art und Bildwelten sich aufeinander zubewegen.

Johannes Lothar Schröder