Herzlich willkommen!

Ich freue mich, dass du/sie den Blog gefunden hast/haben, und hoffe, dass die Verbreitung meiner Beiträge die Debatte über Performances in der Bildenden Kunst belebt. Mir kommt dieses Medium mehr entgegen als Zeitungen und Zeitschriften, die ich wegen meiner Langsamkeit nur selten bedient habe. Deshalb wird auch hier nicht immer das Aktuellste zur Sprache gebracht; denn ich finde, auch Beiträge aus der Vergangenheit haben Brisanz. Auch gibt es gerade bei Performances im Gegensatz zu Veranstaltungen mit längerer Laufzeit wie Ausstellungen fast immer nur ein Nachher. Wenn man von ihnen spricht, sind sie – meistens jedenfalls – schon vergangen. Ausnahmen wie Langzeitprojekte z.B. die Jahresperformances von Tehching Hsieh in den 1980er Jahren bestätigen das.

Was die Abbildungen betrifft, werde ich mich bemühen, Originales und Originelles zu bringen, und so oft wie möglich unveröffentlichtes Material zu verwenden.

Mein Dank gilt Stefan Scholtz, der mir bei der Einrichtung dieser Website und bei der Bewältigung der bürokratischen Hürden geholfen hat und mir hoffentlich auch weiterhin bei technischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Problemen zur Seite stehen wird.

Nun viel Spaß beim Scrollen, Lesen und Kommentieren.
Hannes/Johannes

P.S.: Schaut auch mal bei Twitter: @radderpoesie und @johlothar
oder bei Instagram: johnicon

Exportierte Studiosituationen

Anna Oppermann

Die Definitionsversuche zum Ensemble, die Anna Oppermann vorgenommen hat, sind eine präzise Bestandsaufnahme der Ereignisse in ihrem Atelier. Ihre Äußerungen von 1978 sondieren ihre Arbeit mustergültig (Was ist ein Ensemble? Zur Methode, in: Kunstforum international, Bd. 28, 4/1978, S. 148; erneut publiziert in: Anna Oppermann. Ensembles 1968-1992,  Ausstellung Kunstverein Stuttgart, Ostfildern 2007, S. 110-111).

Sie geht von einem „realen Objekt“ aus, das in vier Stadien 1. Meditation (wird nicht verbalisiert), 2. Katharsis (ein erstes „Reagieren“, „Abreagieren“ und „Assoziieren“ ), 3. Reflexion („Zeichnungen und Zustandsfotos…“) und 4. Analyse (Zwischenergebnisse  in Gruppen, interdisziplinäre Recherche und „Formulierung eines ensemblespezifischen Themas“)  zum Ausgangspunkt für ein Ensemble aus Objekten und Materialien mit Schrift und Bild wird. Diese Herangehensweise ist speziell, da die Künstlerin ihr Werk nicht erwartungsgemäß abschließt, sondern es in einem fragilen variablen Stadium der „Analyse“ aufbaut, fotografiert und abzeichnet und mit dem so gewonnenen Material weiter ausbaut. Damit haben sich die Verantwortlichen und das Publikum in jeder Ausstellung von neuem auseinanderzusetzen. Die Ateliersituationen werden besonders auf diejenigen übertragen, die ihre Ensembles posthum erneut einrichten müssen. Hans D. Christ und Iris Dressler sprechen deshalb von „Wiederaufführung“ (Kat. 2007, s.o., S. 11f).

Oppermann legte sowohl in ihrem Text wie auch mit ihren Ensembles die Interna der Arbeit im Atelier offen, was implizit verlangt, dass diese vom Personal der Ausstellungshäuser und dem Publikum nachvollzogen werden. Mit jeder neuen Präsentation wird die Ateliersituation verlängert und an einen neuen Ort exportiert. Die Anordnung und Materialität der Ensembles sorgt dafür, dass die schwer zu fassenden Probleme einer angemessenen Darstellung des Assoziieren im Fluss bleiben, indem an ihnen gearbeitet werden muss. Oppermanns Werk vermittelt eine Erwartung an Personal und Publikum, die erfüllt werden muss, was sie über ihren zu frühen Tod 1992 hinaus zu einer unbequemen Künstlerin macht.

Das Atelier als Schutz vor der Öffentlichkeit

Bruce Nauman

Bruce Naumans Besonderheit liegt darin, dass er seine Arbeit mit dem Körper nach einigen öffentlichen Performances vor Studenten des San Francisco Art Institutes seit Ende der 1960er allein im Atelier fortgesetzt hat. Nauman ist mit seinen Videoaufzeichnungen aus dem Atelier seit ca. 1968 eine Ausnahme, denn die meisten seiner Kollegen haben Video in ihre öffentlichen Performances eingebunden, darunter in Deutschland Ulrike Rosenbach. Mit dieser Aktionsweise außerhalb der Ateliers haben Performance-Künstler das Studio als probaten Arbeitsplatz von Künstlern in Frage gestellt. Sie wenden sich damit auch von dem jahrhundertelang gepflegten Vorurteil ab, dort das Schaffen eines Künstler-Demiurgen nachzubilden. Wenn Nauman zu nächtlicher Stunde wie zur Überwachung mehrere IR-Kameras laufen ließ, so wurde offenbar, dass sich hier zwar heimliche aber keine unheimlichen Dinge ereignen und wenn doch, dann wären dafür die Interpreten verantwortlich, sofern sie in Motten, Mäusen oder in der verstümmelten Katze Animistisches erkennen wollen.

Wenn Künstler ihre Arbeit mit fotografischen oder elektronischen Medien verrichten, ohne deshalb Fotografen oder Filmer zu sein, so nutzen sie einfach die physikalischen Tatsachen, die es ihnen darüber hinaus erlauben, Zeit darzustellen, was mit den traditionellen Mitteln schwer möglich war. Die Staatsgalerie Stuttgart hat die bahnbrechenden Arbeiten von Rudolf Schwarzkogler gleich nebenan in der dem Haus angeschlossenen Sammlung Sohm. Schwarzkogler hatte sich und verschiedene Modelle schon in den 1960er Jahren in seinem Künstlerstudio filmen und fotografieren lassen. Für ihn war und für Bruce Nauman ist das Studio ein Raum, der vor unmittelbaren Publikumsreaktionen, wie der Ohrfeige, die sich Beuys 1964 in Aachen fing, schützt.