Zusammenstehen statt Schmelzen

Alexandru Pirici interpretiert „Fluids“ in Berlin

Eine Touristengruppe mit Segway-Rollern fährt eine Schleife über den Platz, um bei der nächsten Grünphase die Kreuzung zu queren. Auf ein Zeichen des Tourenführers mischen sich die Elektroroller zwischen die Fahrräder, die gleichfalls bei Grün losfahren. Auf der Fahrbahn anfahrend dröhnen die schweren Dieselmotoren der Busse und eines Baustofflasters. Vor ihnen zieht ein Motorrad davon und an den zum Stehen gekommenen Rechtsabbiegern vorbei. Als beim Umschalten der Ampeln der Lärm für Augenblicke versiegt, wird ein raunendes Summen vernehmbar. Es dringt von einer Gruppe Menschen herüber, die als Block zusammenstehen. An- und abschwellend singen die Freiwilligen, die diese Version der „Fluids“ von Allan Kaprow realisieren, einen Ton. Alexandru Pirici hat sie sich ausgehend von der Beschreibung des 10 Meter langen 3,40 m breiten und 2,60 hohen Gebildes des amerikanischen Künstlers überlegt und am 18. Sept. 2015 auf dem Potsdamer Platz realisiert.

Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2015

Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2015

Kalte Zeiten

Kaprow, der als Protagonist von Happenings bekannt geworden ist und den Begriff erfand, hatte „Fluids“ 1967 anlässlich der Retrospektive seiner Arbeiten im Pasadena Art Museum konzipiert. Sie sollten an 30 verschiedenen Schauplätzen im Großraum Los Angeles aufgebaut werden. Angeblich wurden 15 „Fluids“ aus insgesamt ca. 200 to Wassereisblöcken installiert. (Philip Ursprung: Grenzen der Kunst, München 2003, S. 191) Am 15. Sept. 2015 wurde eine Version dieser historischen Installation vor der Neuen Nationalgalerie aktualisiert. Nicht abwegig ist es anzunehmen, dass zahlreiche Besucher dieser Installation angesichts ihrer langsam dahinschmelzenden Substanz an den Klimawandel gedacht haben. Vor 48 Jahren war das anders. Damals sprach man vom „Kalten Krieg“ und von „Eiszeit“. Auch konnten Begegnungen zwischen Politikern und Künstlern aus den Ländern des Warschauer Pakts und der NATO „eingefroren“ werden. In den Zeiten des „Eisernen Vorhangs“ ging es außerdem um Territorien, wie sie durch die Eismauern, die praktisch 30 qm begrenzen, dargestellt worden sind. Insofern rekapituliert der Standort, den Pirici für ihre Variante von „Fluids“ wenige Schritte vom ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer entfernt treffend ausgewählt hat, die Geschichte von „Fluids“ und die Zeit der Happenings.

Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2015

Foto: johnicon, VG-Bild-Kunst 2015

Tempo

Drückte damals das schmelzende Eis auch die Hoffnung auf ein Ende der politischen Stagnation aus, so ist der relative Stillstand der wirtschaftlichen Verhältnisse seit dem Fall der Mauer einer zunehmenden Dynamik gewichen, so dass heute die schnelle Veränderungen zur sozialen Instabilität führten und die laufende Verflüssigung der Verhältnisse vielen Menschen Angst macht. Der Potsdamer Platz ist ein authentischer Ort dieser Entwicklung. Zur Zeit des Kalten Krieges war er durch die Mauer geteilt und gar nicht mehr als städtebaulicher Kreuzungspunkt zu erkennen, wogegen dort heute die ungezügelte wirtschaftliche Entwicklung einen städtebaulichen Ausdruck findet, der freilich anders als in den rasant wachsenden orientalischen Metropolen von den kulturellen Denkmälern des Kalten Krieges, dem Kulturforum mit Philharmonie, Bibliothek und Neuer Nationalgalerie gesäumt wird.

1970 baute Kaprow übrigens die „Sweet Wall“ nahe der Berliner Mauer aus mit Brot und Marmelade verbundenen Hohlblocksteinen. (Fotos dieses Happenings aus der Sammlung René Block, der dieses Happening organisiert hatte, sind gerade in der NGBK, Chausseestraße 8 noch bis zum 25. Jan. 2016 zu besichtigen.) Auch diese temporäre Installation wurde Happening genannt, weil sie nur errichtet wurde, um anschließend von den Erbauern umgeworfen und weggeräumt zu werden. Vor dem historischen Hintergrund der Happenings von Kaprow führt die Entscheidung der rumänischen Künstlerin Pirici, Menschen zusammenstehen und stundenlang mit einem summenden Gesang ausharren zu lassen, zu einem Bild der Standhaftigkeit von Menschen gegen neue Grenzbefestigungsanlagen.

Wissen in Aktionen

Auch in der dritten Auflage des Performance-Festivals von Brise°3 vom 3. – 5. Juli brachte die Initiatorin Elke Mark wieder verschiedene Generationen von Performern zusammen. Das ist die Praxis von paersche (homepage: www.paersche.org), deren Mitglieder das Festival mittags mit einer open session im Park auf dem Flensburger Museumsberg begannen.

Ruedi Schill & Monika Günther, Perf. am 3.7. foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Ruedi Schill & Monika Günther, Perf. am 3.7.
foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Sich bewegende Bilder

Gelassen und poetisch begannen Ruedi Schill und Monika Günther das Abendprogramm. Sie klebte sich ein Papierstreifen an die Stirn, der über den Nasenrücken bis zur Stirn reichte und gelegentlich vom Atem gerührt wurde. Er zog nacheinander auf A6 gefaltete A2 Bögen aus der Gesäßtasche, um sie auf 12 verschiedene Art und Weisen zu entfalten. Danach wurde der gerade entfaltete Bogen neu geknickt, gerollt, gedrückt, zerknüllt, getütet, gestrichen, geknäuelt, geöffnet und dann der Schwerkraft überlassen , die je nach Oberfläche verschiedene Varianten des Fallens erzeugte.

Zwei Fahrräder steckten in einem Konglomerat aus Erde und Pflastersteinen, unter dem Bilderrollen steckten, die Helge Meyer & Marco Teubner nach und nach entrollten und auslegten. Wofür stehen die in schwarzer Farbe gebadeten Hände der schwarz Beanzugten mit schwarzen Koffern? Stellen sie eine Art von hohen Priestern der Kehrseite unseres auf hohe Mobilität gegründeten Wohlstandes dar, in dessen Namen nicht nur die in den Statistiken aufgezählten Menschen geopfert werden, sondern gleichfalls eine ihre Zahl übersteigende unbekannte Anzahl von Tieren?

Helge Meyer & Marco Teubner, Perf. am 3.7. Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Helge Meyer & Marco Teubner, Perf. am 3.7.
Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Das Spiel mit einem schwebenden Herz aus Metallfolie begann nach der Pause in einem Gebäudezwickel des Museums. Im Abendlicht erzeugten Evamaria Schaller & Alice de Visscher schöne Bilder, die in überraschende Aktionen mündeten, als der mit Helium gefüllte Ballon z.B. im Aufzug nach Oben entschwand oder diagonal am Publikum vorbeiraste.

Evamaria Schaller & Alice de Visscher, Perf. am 3.7. Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Evamaria Schaller & Alice de Visscher, Perf. am 3.7.
Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Zum Abschluss des Abends führte eine Spur aus Sand, der aus dem Karton auf dem Gepäckträger eines Fahrrades rieselte an die Förde. Dort schwebte auf einem Ponton einer luftgängigen Riesenqualle über die mitsommerliche Förde.

Elke Mark, Perf. am 3.7. Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Elke Mark, Perf. am 3.7.
Foto: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

Über die anderen Performances, mögen andere schreiben; denn ich musste abreisen und konnte die Fortsetzung des Festivals in Dänemark nicht mehr erleben.

Nachlässe

Bleibt noch zu erwähnen, dass Brise und paersche unterschiedlichen Menschen zum praktischen und theoretischen Austausch zusammenbringen, um besonders auch das sich physisch manifestierende Wissen verschiedener Generationen mit ihren jeweiligen Erfahrungen und Eigenheiten zusammenzubringen. Das aktiviert Ressourcen der Performance-Art, die besonders hinsichtlich einer beschleunigten Ausbildungs- und Berufswelt, die auch Künstlerkarrieren in der Welt digitalisierten Wirtschaftens und Kunstschaffens nicht unberührt lässt. Dieser Austausch zwischen den Generationen, die internalisiertes Wissen und tollkühne Experimente teilen, ist eine kostbare Praxis in einer virtuellen Kommunikationswelt. Ein paar Tage lang wird Wissen physisch sichtbar gemacht und rituell geteilt. Ob das auch auf dem Gebiet des Archivierens geschehen wird, wird sich in den kommenden Jahren herausstellen, wenn die Nachlässe der Generation von Performern zur Disposition stehen, die in den 1960ern und 70ern die Inspirationen der interdisziplinären Kunst, der Body Art, der Überschreitung etc. aufgriffen haben und als bildende Künstler damit begannen, vor Publikum mit ihrem Körper zu experimentieren. Jetzt stellt sich nämlich die Frage, ob die Kulturrichter und ihre Geldgeber sich dafür entscheiden, dieses Wissen auf die Boote zu laden, um es mit in die Zukunft zu nehmen oder es dem Abfall überlassen. Eine Entscheidung fällt aber nicht nur durch Archivierung der Relikte und Medien, auf denen Performances gespeichert werden, sondern auch in den Curricula der Schulen und Hochschulen, wo neoliberale Berater den Kunstunterricht und kulturwissenschaftliche Fachbereiche auf die Streichlisten setzen.

Ein Buch

Mit Formen der Wissensgenerierung/Practices in Performance Art stellten die Herausgeber Manfred Blohm und Elke Mark einen Band vor, dessen Beiträge die paradoxe Verbindung zwischen Bild und Ephemeren untersuchen (ATHENA-Verlag, Oberhausen 2015, 203 Seiten). Das Tun – Wahrnehmen und Machen – führen zu Ergebnissen, die weiterwirken, sei es dass sie bleiben oder verschwinden, sich manifestieren oder in etwas Anderes übergehen. Entscheidend sind wohl die jeweilige Auffassung von Festigkeit und das Bedürfnis nach Stabilität von Verhältnissen und Dingen. Die ruhigen Bilder und die Bedächtigkeit, die den ersten Festivaltag bestimmten, waren möglicherweise dem Streben nach Konsolidierung gedankt, mit dem sich Performance Art und Bildwelten sich aufeinander zubewegen.

Johannes Lothar Schröder

Actuating a Crucial Phase in Modern Art

The Black Mountain College (BMC) was a place where artists met poets, writers, mathematicians, psychoanalysts …, where teaching and research, arts and crafts intermingled. Ironically the crisis and the coming world-war propelled its success, as the German Nazis, who closed the Bauhaus and fired important researchers from their positions provided the College with all kinds of talented teachers and progressive researchers.

Anni and Josef Albers were amongst the first to arrive in North Carolina, where they started a successful career as teachers, who over the following decades influenced generations of U.S.-American artists like Robert Rauschenberg and Cy Twombly just to name two famous ones. However the amalgam of 50 scholars, researchers and practitioners had a much bigger general influence on the achievements of an interdisciplinary teaching and learning which also lead to the blurring of borders between the fine arts, crafts, music, theatre, dance and literature. Notably the teaching of many other exceptional persons among them the weaving of Anni Albers, the stage of Xanti Schawinsky and the experiments of Buckminster Fuller opened the students eyes to the fact that abstract art leads to open relations of fields formerly separated as “high and low“ and arts and sciences.

All images show activities of HZT-students performing the archive July 26 photo: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

All images show activities of HZT-students performing the archive July 26
photo: johnicon, VG Bild-Kunst 2015

A Performative Archive

The exhibition in Berlin which displays the sources of Arnold Dreyblatt, who delivered the concept, and with other archives and collections now offers to a museum audience a glance behind the curtain. The installation made of materials, which were used to build the campus of Black Mountain, displays rare examples of artworks and crafted objects that coined the modern art of the second half of the 20th Century. Although they are widely unknown to Germans this exhibition shows the origins of interdisciplinary artworks, which appeared in Donaueschingen, Darmstadt, Cologne, Wiesbaden and other German towns and cities around 1960, where musicians, writers and poets performed to which the emigrants, who had to leave Germany 30 years before, inspired them.

inside and outside is meeting in the window-glass photograph by johnicon, VG Bild-Kunst 2015

inside and outside are meeting in the window-glass
photograph by johnicon, VG Bild-Kunst 2015

The exhibition is too small to unfold these chapters of the impacts and influences, which the BMC has had on the arts since the 1950s. But it leads to the paintings of the permanent collection in the east wing of the Hamburger Bahnhof where now two remarkable diptychs of Rauschenberg are shown. For those readers to whom this is again too much reference to painting, watch the show and the performances by students of several art-schools, who perform the archive. Arnold Dreyblatt invited them for one week residencies, in which they research in the archive and study the documents not only for the audience, but to read them on one of the four stages in form of staircases integrated in the architecture of the exhibition designed by raumlabor_berlin. This experiment of bringing back to life archival documents refers to the interdisciplinary experiments of the BMC and will hopefully inspire future curators, to experiment in making a museum a place for public practice and interactive research.

Johannes Lothar Schröder

The Exhibition: Black Mountain ein interdisziplinäres experiment 1933 – 1957 kuratiert von Eugen Blume und Gabriele Knapstein bis zum 27. Sept. 2015 im Hamburger Bahnhof.

Ein Katalog ist bei Spector Books in Leipzig erschienen.

For more pictures of the author see also @johlothar at Twitter

a contribution of the students of HZT, Berlin –   http://tanzraumberlin.de/Performing-an-Exhibition–435-0.html?id=712