Myth and Orange Desert Dust

(A German version is available. Please scroll down./Eine deutsche Version der Rezension wurde am 13. Juni veröffentlicht. Siehe unten!)

While the ruins of the Haitian Sans-Souci provide a theatrical attraction in front of the building of the Akademie der Künste in Tiergarten, you have to enter the KunstWerke (KW) at Auguststraße to realize the attractions. The two story central space in the basement has been transformed into an abandoned battlefield bathed in an orange light by Dineo Seshee Bopape. It reminds me at strangely illuminated days, when dust from Sahara sandstorms travel into central Europe and the sunlight changes its color. Becoming aware of the reason of the orange light we might realize that this atmospheric phenomenon connects two continents. Perhaps the matter of the smashed bricks covering major parts of the floor, contain parts of original Sahara-sand.

Dineo Seshee Bopape: Untitled (Of Occult Instability) [Feelings] 2016-18, 10. Berlin-Berlinale, Kunstwerke (KW) Auguststraße, Foto: johnicon

Where the continents are in touch

Such phenomena tell us that continents stay in touch, no matter if people stay disconnected from the word or in private realms. Also history offers evidence of global exchange.  A visit of the cloister of Monreale near Palermo gives evidence that Sicily was a center of the world in Medieval times. Every single pillar, capital and corbel of a total of 228 is formed by different craftspeople from all over the world as far it was known thousand years ago. Forms and constellations of plants, animals, humans, masks, monsters etc. prove a ‘global’ exchange between Africa, Asia and Europe at that time. (Do not miss this place when visiting Palermo, which is hosting the MANIFESTA 12 this year.)

Among numerous artworks at KW there was a video that attracted me. It suggested a re-interpretation of Oedipus by Grada Kilomba. She challenges the power of the ancient myth by seven dancers, including herself, who was the storyteller, too, and music. The research examines whether or not the myth has the power of predicting fate and biography of humans and their relatives. The video presents ways, in which the dancers act, move and play to break the spell of the role. How strong is the frame given by the oracle, and when the spectators cannot identify the play anymore. Kilomba accepts the plots and the persons of the myth and fulfills the symbolic form up to a certain point and despite of her intention to get rid of the symbolic system as a semantic relic of oppression. The only chance is to actualize the frame in which every person acts and shoulders the struggle against the spell as a challenge in searching variations to escape the power of the past.

Grada Kilomba: Ödipus, Video mit sieben Tänzern, 2018, 10.Berlinbiennale

Other impacts against self-determination are unrest and wars. The French-Lebanese movie “La Femme qui chante” (2010) drastically shows that chaos creates a contemporary variant of the ancient myth of Oedipus. Facing the trouble in the world, we should appreciate the optimistic version of Iocaste and Oedipus by Kilomba and enjoy the dancing couple freeing itself by breaking with traditions.

Robert Rhee __ Occupations of Uninhabited Space, various objects 2013ff

Returning to the impressive installation in orange, spectators find themselves in a singular environment covered with debris, which is overshadowed by a sphere made from cardboard by Jabu Arnell. Hanging over a disastrous scene it can be associated with Darth Vader’s Death Star rather than with a “Discoball” as it is named ironically. Two smaller objects by Robert Rhee rotate on top of pillars from corners of smashed walls. Extending grotesquely through a grid of steel the two organisms, which after examining them can be identified as pumpkins having survived the simulated disaster which happened in this space. It is hard to tell whether these fruits survived thanks to the cage or despite of it.

(c) Johannes Lothar Schröder

Mythen bewegen – neu erzählen – tanzen

An English version is available in the privious text: Myth and Orange Desert Dust

In einem Interview, das Andrea Kasiske mit Yvette Mutumba vom Kuratorenteam der 10. Berlinbiennale „WE DON’T NEED AN OTHER HERO“ für die Deutsche Welle führte, sagte die Co-Kuratorin:

„Wir haben ganz bewusst Wörter wie Afrika, Postkolonialismus, Kolonialismus oder Diversität nicht verwendet. Auch wenn es um wichtige politische Themen geht, versuchen wir, einen Schritt weiterzugehen und unsere eigene Sprache zu finden.“ (http://www.dw.com/de/yvette-mutumba-echte-dekolonialisierung-muss-weh-tun/a-44091663 , 12.06.2018)

Besonders ein Werk verdeutlicht, wie die Zirkulation von Erzählungen über Jahrtausende wirkt und Kulturen verändern kann. Grada Kilomba inszeniert im Rahmen von ILLUSIONS, ihre Serie über Mythen, Ödipus. In 22 Szenen verkörpern Tänzer Begegnungen und Konflikte, die durch die Weissagung gegenüber Ödipus in die Welt gesetzt worden sind. Der Mythos von Ödipus stellte schon in der Antike die Frage, ob die Jüngeren Spielball des Schicksals sein wollen, das ihnen die Elterngeneration bereitet hat, oder ob sie die Kraft aufbringen wollen, eigene Wege zu definieren und zu finden.

Ödipus – Iokaste – Orakel – Laios – Sphings?

In den Kunstwerken hört man begleitend zum Tanz Musik und die Erzählstimme der Autorin. Sie fragt nicht, ob und wie sich Ödipus seinem Schicksal entwinden könnte, sondern Kilomba setzt tiefer an. Sie möchte ergründen, ob nicht symbolische Formen wie das Drama selbst schon Unterdrückung transportieren. Wie im Falle von König Ödipus spitzt jede Interpretation des Mythos mögliche Varianten des Themas, z.B. Vater-Sohn oder Mutter-Sohn Konflikt, zu. Das Video zeigt, dass die Fesselung des Tänzers, der Ödipus verkörpert, durch seinen Vater vorgenommen wird. Er bindet Ödipus‘ Füße an den Enkeln zusammen. Somit hindert er ihn von der Vorlage abweichend ohne die brutale Verstümmelung der Füße am Fortgehen. Das verknotete rote Band, das noch durch ein weiteres längeres Band, das den ganzen Körper umschlingt, ergänzt wird, wird später lustvoll abgewickelt und gesprengt. So folgen die Tänzer unter der Regie von Kilomba zwar den Konstellationen des Mythos, in dessen Verlauf Ödipus seinen Vater Laios umbringt und seine Mutter Iokaste heiratet, doch bringen die sechs Tänzerinnen und Tänzer im White Kube auch neue Konstellationen durch wechselnde Rollen von Geschlechtern, Angehörigen der Familie und der Generationen hervor.

Kulturelle Verwerfungen

Die Frage ist, ob Ödipus eine Marionette des Schicksals bleibt, das ihm das Orakel prophezeit hat. Zunächst gelingt es ihm, die Sphings, die die Korinther tyrannisiert zu zerstören, indem er richtig antwortet, dass es der Mensch ist, der am schwächsten auf vier Beinen, dann auf zweien und schließlich auf drei Beinen steht. Das dritte Bein, der Gehstock wird schließlich auch zur Waffe, mit der sich Ödipus von der Drangsal befreit. Der Zauber wird durchbrochen und die Verbindung mit der Darstellerin endet in der Version von Kilomba nicht in der Katastrophe sondern in einem Tänzchen.

Grada Kilomba: Ödipus, Video, 10.Berlinbiennale, 2018

Er muss ja gar nicht der leibliche Sohn des Königs sein, denn seine Mutter könnte gewitzt genug gewesen sein, den Sohn eines anderen Mannes geboren zu haben, und vor allen Dingen sollte sie in der Lage gewesen sein, ihren Sohn an unveränderlichen Merkmalen zu erkennen. Die Möglichkeiten, den Mythos zu gestalten und mit Konstellationen anzureichern wurden ja schon in der Antike genutzt, wie die Rekonstruktion dieser Mythen besonders durch die Recherche der sehr unterschiedlichen Varianten des Mythos in den Quellen die Robert Ranke-Graves vorgenommen hat. Die Mythen tragen so kulturelle Verwerfungen in sich, die sich in den Jahrhunderten vor dem Beginn der schriftlichen Fixierung von Ereignissen ereignet haben.

Symbolsysteme brechen

So betrifft der Mythos des Ödipus, der schon in der Antike in verschiedenen oft sehr verzwickten Wendungen überliefert wurde, Zeiten von Umbrüchen, die durch die Hinwendung zu wechselnden Leitgottheiten bedingt waren. Im Stück von Kilomba sind die Figuren ambivalent dargestellt, so dass Ödipus mit dem Kirschenholzstab z.B. auch eine Verkörperung des Sehers Teiresias sein kann. Auch Iokaste löst sich als Tänzerin von den Festschreibungen einer verschriftlichen Rolle und kann als Mutter, Frau und Geliebte gesehen werden. Die Bewegungsfreiheit der Tänzer und die knappen Requisiten wie Bänder und Stab sind bestens als eine Ermutigung geeignet, aufs Neue eigene Erfindungen zu erproben und die Macht der Tradition zugunsten einer selbstbestimmten Zukunft zu zerlegen.

Auch Teile der 1968er – Bewegung, die ahnten, dass sich in den außereuropäischen Kulturen ein Widerstandspotential verbergen würde, griffen die bestehenden Symbolsysteme an und stießen damit Innovationen im Denken, in der Kunst und Kultur an. Die Impulse daraus wirken bis heute, sind aber nicht mehr frisch und erscheinen besonders im Licht der Äußerungen populistischer Volkstribunen nun dem  „Establishment“ zugehörig.  50 Jahre nach der kulturellen Erneuerung  ist es weiterhin notwendig, eigene Vorstellung zu präzisieren und das Material der Kulturen durch selbstbestimmte Interpretationen und Inszenierungen den eigenen Interessen gemäß neu zu erzählen und neu zu leben.

Allerdings – so ist das Resümee zu ziehen – werden die symbolischen Formen in ihrer Wirkung auch nicht durch ILLUSIONS angefochten. Indem Kilomba den Mythos und seine Figuren neu interpretiert, zerstört sie ihn mitnichten Sie bestätigt ihn oder im besten Fall, wird seine Wirkung verschoben, so dass sich heutige Menschen darin wiedererkennen.

Neuer Existenzialismus als Folge der Expansion der Künste

Es ist keine Neuigkeit dass der Aufbruch in den Künsten seit den 1960 Jahren nicht nur Bühnenbildner in die Museen geholt hat, sondern auch die Spezialisierung von Autoren mit interdisziplinären Fertigkeiten nach Orten der Präsentation verlangt, die Theater nicht bieten können, hingegen werden in Off-Räume und Kunstinstitutionen, die sich diesen Feldern geöffnet haben, neue Erfahrungen für alle Beteiligten möglich. Die GAK in Bremen setzt sich mit solchen Positionen auseinander. Noch bis zum 25. Februar 2018 zeigt Than Hussein Clark „The Director’s Theatre Writer’s Theatre“ Umgekehrt haben bildende Künstler Video als ihr Medium definiert und auf das Wissen der Filmindustrie gesetzt sowie mit Theater experimentiert. Dadurch konnten sich eminent erfolgreiche Installationskünstler wie Bruce Nauman und Paul McCarthy entwickeln.

Horror der Existenz und Existenzbeweise

Ganz andere weniger Raum greifende und dennoch eindringliche Werke aus einer Privatsammlung präsentiert die Weserburg auf dem Teerhof gegenüber noch bis Ende März 2018 (verlängert!). Schon der Titel „Proof of Life“ lässt aufhorchen und erfüllt auch noch die geweckten Erwartungen. Die Ausstellung versammelt 76 Werke von Künstlern, die die Expansion der Künste gut beobachtet haben und ihre Konsequenzen als Maler, Bildhauer und Fotografen daraus gezogen haben. Sie vergegenwärtigen die Grenzsituationen, wie sie von Performer in ihren besten Zeiten erforscht worden sind, und fixieren sie. Es ist vielleicht vermessen, das so eindeutig zu behaupten, doch liegt die Stärke dieser Sammlung in der Ballung von Werken, die sich so wie sie gehängt sind noch gegenseitig steigern. Der existenzialistische Druck, in den uns die Ereignisse und Brüche der letzten 100 Jahre in Europa und den USA bei durchweg guten materiellen Bedingungen geführt haben, wird transportiert. Es scheint, dass der Überfluss erst die Fähigkeit und die Mittel erzeugt hat, derartige Forschungen zu betreiben und zugleich die Konzentration deutlich macht, mit der wir als Europäer bestimmte Phänomene immer wieder neu zu erfassen und zu interpretieren zu versuchen. Mit der Bibel haben wir uns den Turmbau zu Babel als Erzählung der menschlichen Hybris angeeignet, die die Menschen in den Abgrund reißt. Jake & Dinos Chapman haben mit Tower of Babbel ein Miniaturmodell mit Tausenden von sich lustvoll gegenseitig abschlachtenden Nazis gebaut, in dem sich Uniformierte, Behelmte und Verwundete mit Clownsfiguren vermischt, die den Totentanz anscheinend organisiert haben, den sie auf einem provisorischen Holzturm fortsetzen, von wo sie den Leichenhaufen kontinuierlich erhöhen. In dieser von einer Apokalypse gezeichneten Landschaft kann der Turm nicht einmal mehr ein Mahnmal sein. Keiner mehr wird es anschauen können …

Bilder, Objekte, Skulpturen, Installationen, Fotos und mehr in ähnlicher Qualität von folgenden Künstlern haben weitere Aspekte so zugespitzt, dass man die aktuellen Themen nicht unbedingt vermissen muss. Es sind:
Hilary Berseth, Louise Bourgeois, Berlinde de Bruyckere, Patrick van Caeckenbergh, Jake & Dinos Chapman, George Condo, Anton Corbijn, Thierry de Cordier, Danny Devos, Tracey Emin, Tom Friedman, Line Gulsett, Damien Hirst, Roni Horn, Thomas Houseago, John Isaacs, Sergej Jensen, Nadav Kander, Anne-Mie van Kerckhoven, Anselm Kiefer, Esther Kläs, Wolfe von Lenkiewicz, Alastair Mackie, Christian Marclay, Kate MccGwire, Richard Prince, Leopold Rabus, Daniel Richter, Terry Rodgers, Sterling Ruby, Richard Serra, Andres Serrano, Stephen Shanabrook, Mircea Suciu, Gavin Turk, Jonathan Wateridge.

Was bedeutet Theatralität?

Die Frage, warum und wodurch die Theatralik in der bildenden Kunst so bedeutend geworden ist, muss dann gar nicht mehr auf die GAK beschränkt bleiben. Ihre Leiterin Janneke de Vries hatte jedenfalls Jörn Schafaff aus Berlin eingeladen, um über dieses Thema zu referieren. Anhand der Praxis von Rirkit Tiravanija wurde deutlich, dass zumindest bei isoliert gezeigten Objekten und Situationen in Ausstellungsräumen ein Distanzierungseffekt auftritt, der die Einstellung des Publikums zu Nachstellungen privater Räume und Mitteilung intimer Erfahrungen verändert. Die erhöhte Aufmerksamkeit ermöglicht ein „erfahrungsbasiertes Verstehen“. Aus der theoretischen Diskussion ist die Kritik Michael Frieds mitzunehmen, die sich gegen die minimalistischen Objekte (Collum, 1961) und ihre Arrangements im Raum von Robert Morris richtete. Doch sind diese Objekte theatralisch? Morris versuchte sie ja durchaus durch Interventionen in Bewegung zu bringen oder gar umzuwerfen, was dazu führte, dass sowohl Allan Kaprow 1963 in „Push and Pull. A Furniture Commedy for Hans Hoffmann“ wie auch Chris Burden mit „Sculpture in Three Parts“ (10. bis 12. September 1974) darauf Bezug nahmen. Burden benutzte eine Säule als Platz für einen Stuhl, auf dem er so lange saß, bis er sich nicht mehr halten konnte und abstürzte, und Kaprow machte die Möbel durch Umrücken zu Akteuren, die zugleich auf Hoffmann als den Maler anspielten, von dem er als sein Assistent auch lernte, sich den Weg zum Happening zu bahnen. Beide Künstler distanzierten sich durch ihre Aktionen sowohl vom Minimalismus glatter und polierter Objekte wie auch von einem bis heute gepflegten akademischen Verständnis der Theatralität. Dadurch gelangten sie zu einer Darstellungsform, der nicht nur eine künstlerische Demonstration gelang, sondern diese auch in Richtung einer Stellungnahme zu erweitern, die geeignet ist sich in akademische Diskurse einzumischen. In den 1970ern wurden also nicht nur Bilder Worte (Bilder werden Worte hieß 1977 die Dissertation von W.M.Faust), sondern auch Installationen und Performances erwiesen sich als geeignet, auf Basis der aktuellen Diskurse aktionistisch Argumente vorzutragen.