„No noise is good noise“ George Brecht

Rutherford Chang, „We Buy White Albums“, 2013 bis 2019, Installationsdetail in den Deichtorhallen, Hamburg. Foto: johnicon

An 14 Doormen vorbei

Im Entrée der Ausstellung muss man sich durch ein Spalier aus menschenhohen s/w-Foto-Porträts vom Sven Marquadt arbeiten. Dabei kann man tatsächlich den 14 Türsteher des Berghain ins Gesicht schauen. Die Serie heißt „Rudel1“. Doch ist es auch hyper, nicht zu den Besuchern des Clubs gehört zu haben, wie Philip Topolovac mit „I’ve Never Been to Berghain“ bekennt. Diesen 2004 verschwundenen Ort hat er stattdessen als Korkmodell maßstäblich nachgebaut. Neben der martialischen Kulisse müssen sich die zwei kleinformatigen Papierarbeiten mit Piktogrammen und Wortspielen für Musikliebhaber von Juro Grau durch hintergründigen Witz behaupten. Und schon ist man eingestimmt auf Kleines und Großes, Großes von Kleinen, Kleines von Großen, Großes von Großen usw., und was sonst Besucher*innen beim Gang durch den Parcours erwartet.

Lange Bilder werden Partituren

Defiliert man am zweitlängsten Bild der Ausstellung, einem aktionistischen Gemälde des Musiker-Künstlers Daniel Blumberg vorbei, in der Hunderte von stereotypen Gesichtern auf fünf Feldern zwischen tachistischen Tuscheaufschlägen aus dickem Pinsel oder Tuch mit zerquetschten Pigmenten eingeschrieben sind, so sieht man ein ganz anderes Verhältnis zur Musik und zum Bild, als uns das das grandiose Publikumsgewimmel auf den Fotografien von Andreas Gursky vermittelt, auf denen Tausende Konzertbesucher*innen aus digitalen Fotoversatzstücken versammelt sind. Blumberg saß nicht vor dem Bildschirm und bearbeitete die visuelle Ausbeute eines Konzerts, sondern beginnt hyperdisziplinär selbst mit einer Aktion auf dem Malgrund und nimmt sie als Notation, die er in ein Konzert umwandeln will, das am 25. Mai in der Elbphilharmonie aufgeführt wird. Als GmbH und durch Sponsoring breitet sie sich krakenartig auch über den Kunstbetrieb und alternative Spielorte aus. Wer wie F.S.K. nicht dabei ist, muss das Vernissage-Publikum zerstreuen und zum hundertsten Mal ein olles Klavier kaputt hauen.

Dem Motto von George Brecht zugeneigt, könnte es entspannter sein, die Ausstellung noch bis zum 8. August zu erleben, wenn es nicht so voll ist. So können Besucher*innen eventuell alle Fotos in den handelsüblichen Album- oder Sammlungskartonformaten sehen, die Wolfgang Tillmans uns auf einer Wand locker verteilt anbietet. Gut, dass wir ihn haben, denn wer hätte schon die ganzen Stars über die Jahre für seine Alben selbst fotografieren können. Das Zusammenspiel von Bild und Namen, die man auf einem ausgehängten Blatt überprüfen kann, muss man sich erarbeiten, wenn man nicht als unerschöpflicher Fan die meisten aus dem Effeff kennt.

Um die Ecke kommend, hätte ich einen tiefen wachen Blick aus dunklen Augen nicht erwartet. Sie gehören einer sitzenden Frau, die entspannt ermattet mit verschobenem Mundschutz nach Malerarbeiten mitten unter einer Sammlung von Plattenhüllen sitzt. „Limitation of Life“ bietet plastischen Fotorealismus von Thea Djorojadze einer Collaborateurin von Rosemarie Trockel, mit der sie auch die ausgestellten Cover von teils fiktiven Platten gestaltet hat. Dort monatelang zu sitzen, hielte kein Corgi-Hund, der der Plastik ausgestopft zur Seite sitzt, aus. Wir Lebewesen haben unsere Grenzen.

Zahlen, Bezahlen, Geld verbrennen

Auf einmal hat man das Gefühl, mitten in einem ,Plattenladen‘ zu stehen. Aber hey! Alle Alben, die Rutherford Chang für sein Projekt „We Buy White Albums“ zwischen 2013 und 2019 aufgekauft hat, sind fast weiß (gewesen). Jetzt sind die 1200 „White Albums“ von den Beatles abgeratzt. Hier hat man mal einen anderen Begriff des Cover-Albums. Kaum irgendwo wird das originelle Original von Richard Hamilton wohl noch im frischen Weiß vorhanden sein. Hier jedenfalls kann man sich an den mit unterschiedlichsten Gebrauchsspuren, Zeichnungen, Schmierereien, Fan-Post und Liebeserklärungen versehenen Hüllen erfreuen, die keinesfalls leer sind. Wer will, kann auf drei Plattenspielern in jede Platte reinhören, ihr je eigenes Knacken vernehmen oder feststellen, ob sie hängen bleibt. Diese Platten sind durch ihren Gebrauch gesampelt!

Grenzenlos sollte die Welt der Hippies gewesen sein, und tatsächlich verlangt  ein amerikanischer Überlandbus der 1960er aus der Ferne Aufmerksamkeit. Eins zu eins steht er da, wie in einem Busbahnhof und man muss ein paar Meter dahin laufen. Statt einzusteigen, erfährt man, dass dieses imposante Siebdruckmonstrum 1967 auf Betreiben von Mason Williams hergestellt wurde. Der ließ es nach dem Drucken auf mehreren Bahnen verkleben, um dann die ganze Auflage von 200 Stück mit etlichen Helfern zum Versandt auf einem Parkplatz zusammenzufalten. Die Liebe zu Editionen war damals groß, und auch hier gibt es in jedem Abschnitt der Ausstellung bemerkenswerte Zahlen.

Die ganze Zeit lockt unbestimmt eine aus der Ferne monoton auf- und abschwellende kreischende Stimme, hinter der ein Bass wummert. Dem nachgehend, komme ich am Video trocken drehenden Stoffwalzen einer Autowaschanlage vorbei, zwischen denen eine Frau im weißen Kleid mit roten Blumen tanzt. Ein hinreißendes Bild gibt Bettina Pousttchis „Die Katharina-Show“ aus dem Jahr 2000 ab. Nach dem Ablegen der Kopfhörer kam die Quelle des Nerv tötenden Refrains „I‘m a looser“ von Alton Ellis näher. Er begleitete als Loop das 3D-Video „Nightlife“, das Cyprien Gaillard 2015 an drei Schauplätzen filmte. Im Wüsten- oder Windmaschinenwind von Los Angeles schaukeln monströs invasive Pflanzen, über dem Olympiastadion in Berlin gleitet das Fliegende Auge mit einer Drohne mitten durch ein Feuerwerk und an der Universität in Cleveland steht die Eiche, mit der der Goldmedaillengewinner im Sprint von 1936, Jesse Owens, aus Berlin zurückreiste. Erst am Ende wechselt der Loop ein einziges Mal zum später aufgelegten neuen, ebenfalls scharf gekrähten Refrain: „I’m a leader!“ Das ist die Botschaft an die, die sonst keine Chance haben, sich aber viel Glück mit Kunst, Sport und Musik versprechen. Das ist ein Mythos, den diese Ausstellung gar nicht zu befeuern braucht, denn die Wirklichkeit ist härter. Wenn einer, der das Berghain nachbaut, selbst nicht dort aufkreuzen kann, weil er als Künstler Karriere machen muss. Oder ist es doch härter, im Berghein gewesen zu sein? Kaum jemand wird die Unverfrorenheit aufbringen, Millioneneinnahmen aus dem Musikgeschäft, einfach zu verfeuern, wie es Jimmy Cauty und Bill Drummond am 23. August 1994 mit ihrem Anteil am Verkauf von The KLF taten. Die Aufnahmen des Kaminfeuers ist in der Ausstellung auf dem 9er-Monitorblock zu sehen. Auf dem Bildschirm zuhause unter: https://www.youtube.com/watch?v=M3DQOLnSMNA

Die Stärke des Aquarells

An den „Musical Transcendences“ von Radenko Milak nach Fotos von Musikern, Dokumenten und Instrumenten vorbei kommend, nehme ich eine weitere Spur auf. Unter dutzenden monochromen Aquarellen erkenne ich den von Joseph Beuys in dicken Filz verpackten Flügel und das Bild der Blueslegende Billie Holiday. Die traditionelle künstlerische Technik lässt alle Abbildungen von zumeist bekannten Fotos in hoher Dichte erscheinen, weshalb Brittney Spears und Madonna zu den Postergirls für die Ausstellung avancieren konnten. Trägt so die bildende Kunst weiterhin Musik erfolgreich in die urbane Öffentlichkeit und zeigt so weiterhin ihre Qualität oder inspiriert die Musik die Kunst, wie es bei Britta Thies der Fall ist, die wie viele Künstler*innen einen Teil ihrer Inspiration darin finden. Sie hat die Bänke zum Lungern hergestellt und zum Aufladen von mobilen Devices mit vielen Steckern bestückt, damit eigene Kanäle individuell zur Ausstellung geöffnet werden können. Ein alarmierender Dreiklang im Rhythmus des Tongebers auf einer Intensivstation aus der Black Box in der hintersten Ecke klingt nun eindringlicher und gibt den Takt vor, mit dem Hunderte ikonischer Aufnahmen aus Sci-Fi, Schwarzer Musik, krimineller und kriegerischer Gewalt, Großtechnologie, dem afroamerikanischen Widerstand in den USA, Sex und Drogen projiziert werden. Dieser so fesselnde wie beängstigende Bilderreigen mit Footage aus Medien zeigt an, wie stark visuelle Fokussierungen den Blick auf die Welt verengen können.

Leider oder glücklicherweise haben diese Bilder längere Halbwertszeiten als manche Musik- oder Künstlergruppen. Der Jahrgang einer Flasche mit einem exklusiven Etikett und einem ebenso speziellen Wein in limitierter Edition erinnert an das Ende der Gruppe Tödliche Doris 1987 aus dem Umfeld der Genialen Dilettanten. Das Andenken an den Abschied dieser 1982 in Hamburg gegründeten Gruppe wird für mich der Abschied aus einer Ausstellung mit 300 Werken von 60 Künstlern, die Max Dax kuratierte. Doch einen Moment noch! Die Zählung der Künstler hat nicht nur einen Haken; denn Richard Hamilton und die vielen unbekannten Gestalter und Umgestalter auf seinem Cover wurden nicht mitgezählt. Auch die vielen Copyrightprobleme von Videos und einer Slideshow sollten nicht verschwiegen werden. Geht es hier genauso zu wie im Internet, wo die Missachtung der Kreativen alltäglich ist. Sollte man sie aber als eine neue Vorstellung von Kollektivität betrachten, so müsste das thematisiert werden. Das geschieht mitten in einer Stadt der Händler und Vermarkter von Kultur. Wie soll dort ein Klima der Solidarität und Zusammengehörigkeit geschaffen werden, wenn man nicht einmal über Regeln spricht.

Alle nehmen alles. Eine neue Solidarität?

Ein Blick auf Gegenwart und Zukunft zeigt, dass Künstler aller Sparten nur sporadisch zusammenarbeiten. Noch vor den Künstlern haben schon die Musiker durch das Internet Umsätze verloren, die unmittelbar mit der Verbreitung ihrer kreativen Leistungen zu tun haben. Schon lange stellen sich Fragen der digitalen Einnahmen auch für Künstler, die nicht unmittelbar von den Einkaufstouren der Milliardäre profitieren. Sie benötigen das Internet als Multiplikator und verlieren doch, wenn ihre Werke verbreitet werden, ohne dass sie selbst und/oder die VG-Bild-Kunst Vorteile von zumeist unangefragter Verbreitung haben. Wenn so eine Ausstellung ein Symposium zu solchen Fragen nach sich zöge, wäre sie noch bedeutungsvoller für alle, die sich dem wachsenden Kreis von Kreativen hinzuzählen. Vielleicht sind in der nördlichen Deichtorhalle ja tatsächlich mehr als 1000 Werke von weit über 100 Künstlern ausgestellt, und keiner möchte es merken.

Alle die ihre Lieblingswerke hier nicht finden, sollten sich noch bis zum 8. August selbst in der Ausstellung umsehen und -hören, um selbst etwas zu entdecken. Während der Ausstellung gibt es noch eine Reihe von Veranstaltungen, darunter zahlreiche Konzerte vor Ort im Mai. Für alle, die häufiger mal kurz vorbeischauen und diese Veranstaltungen besuchen möchten, wären günstige Mehrfachkarten ein großer Vorteil!

Sonderveranstaltungen und weitere Infos finden sich unter www.deichtorhallen.de

Mythen bewegen – neu erzählen – tanzen

An English version is available in the privious text: Myth and Orange Desert Dust

In einem Interview, das Andrea Kasiske mit Yvette Mutumba vom Kuratorenteam der 10. Berlinbiennale „WE DON’T NEED AN OTHER HERO“ für die Deutsche Welle führte, sagte die Co-Kuratorin:

„Wir haben ganz bewusst Wörter wie Afrika, Postkolonialismus, Kolonialismus oder Diversität nicht verwendet. Auch wenn es um wichtige politische Themen geht, versuchen wir, einen Schritt weiterzugehen und unsere eigene Sprache zu finden.“ (http://www.dw.com/de/yvette-mutumba-echte-dekolonialisierung-muss-weh-tun/a-44091663 , 12.06.2018)

Besonders ein Werk verdeutlicht, wie die Zirkulation von Erzählungen über Jahrtausende wirkt und Kulturen verändern kann. Grada Kilomba inszeniert im Rahmen von ILLUSIONS, ihre Serie über Mythen, Ödipus. In 22 Szenen verkörpern Tänzer Begegnungen und Konflikte, die durch die Weissagung gegenüber Ödipus in die Welt gesetzt worden sind. Der Mythos von Ödipus stellte schon in der Antike die Frage, ob die Jüngeren Spielball des Schicksals sein wollen, das ihnen die Elterngeneration bereitet hat, oder ob sie die Kraft aufbringen wollen, eigene Wege zu definieren und zu finden.

Ödipus – Iokaste – Orakel – Laios – Sphings?

In den Kunstwerken hört man begleitend zum Tanz Musik und die Erzählstimme der Autorin. Sie fragt nicht, ob und wie sich Ödipus seinem Schicksal entwinden könnte, sondern Kilomba setzt tiefer an. Sie möchte ergründen, ob nicht symbolische Formen wie das Drama selbst schon Unterdrückung transportieren. Wie im Falle von König Ödipus spitzt jede Interpretation des Mythos mögliche Varianten des Themas, z.B. Vater-Sohn oder Mutter-Sohn Konflikt, zu. Das Video zeigt, dass die Fesselung des Tänzers, der Ödipus verkörpert, durch seinen Vater vorgenommen wird. Er bindet Ödipus‘ Füße an den Enkeln zusammen. Somit hindert er ihn von der Vorlage abweichend ohne die brutale Verstümmelung der Füße am Fortgehen. Das verknotete rote Band, das noch durch ein weiteres längeres Band, das den ganzen Körper umschlingt, ergänzt wird, wird später lustvoll abgewickelt und gesprengt. So folgen die Tänzer unter der Regie von Kilomba zwar den Konstellationen des Mythos, in dessen Verlauf Ödipus seinen Vater Laios umbringt und seine Mutter Iokaste heiratet, doch bringen die sechs Tänzerinnen und Tänzer im White Kube auch neue Konstellationen durch wechselnde Rollen von Geschlechtern, Angehörigen der Familie und der Generationen hervor.

Kulturelle Verwerfungen

Die Frage ist, ob Ödipus eine Marionette des Schicksals bleibt, das ihm das Orakel prophezeit hat. Zunächst gelingt es ihm, die Sphings, die die Korinther tyrannisiert zu zerstören, indem er richtig antwortet, dass es der Mensch ist, der am schwächsten auf vier Beinen, dann auf zweien und schließlich auf drei Beinen steht. Das dritte Bein, der Gehstock wird schließlich auch zur Waffe, mit der sich Ödipus von der Drangsal befreit. Der Zauber wird durchbrochen und die Verbindung mit der Darstellerin endet in der Version von Kilomba nicht in der Katastrophe sondern in einem Tänzchen.

Grada Kilomba: Ödipus, Video, 10.Berlinbiennale, 2018

Er muss ja gar nicht der leibliche Sohn des Königs sein, denn seine Mutter könnte gewitzt genug gewesen sein, den Sohn eines anderen Mannes geboren zu haben, und vor allen Dingen sollte sie in der Lage gewesen sein, ihren Sohn an unveränderlichen Merkmalen zu erkennen. Die Möglichkeiten, den Mythos zu gestalten und mit Konstellationen anzureichern wurden ja schon in der Antike genutzt, wie die Rekonstruktion dieser Mythen besonders durch die Recherche der sehr unterschiedlichen Varianten des Mythos in den Quellen die Robert Ranke-Graves vorgenommen hat. Die Mythen tragen so kulturelle Verwerfungen in sich, die sich in den Jahrhunderten vor dem Beginn der schriftlichen Fixierung von Ereignissen ereignet haben.

Symbolsysteme brechen

So betrifft der Mythos des Ödipus, der schon in der Antike in verschiedenen oft sehr verzwickten Wendungen überliefert wurde, Zeiten von Umbrüchen, die durch die Hinwendung zu wechselnden Leitgottheiten bedingt waren. Im Stück von Kilomba sind die Figuren ambivalent dargestellt, so dass Ödipus mit dem Kirschenholzstab z.B. auch eine Verkörperung des Sehers Teiresias sein kann. Auch Iokaste löst sich als Tänzerin von den Festschreibungen einer verschriftlichen Rolle und kann als Mutter, Frau und Geliebte gesehen werden. Die Bewegungsfreiheit der Tänzer und die knappen Requisiten wie Bänder und Stab sind bestens als eine Ermutigung geeignet, aufs Neue eigene Erfindungen zu erproben und die Macht der Tradition zugunsten einer selbstbestimmten Zukunft zu zerlegen.

Auch Teile der 1968er – Bewegung, die ahnten, dass sich in den außereuropäischen Kulturen ein Widerstandspotential verbergen würde, griffen die bestehenden Symbolsysteme an und stießen damit Innovationen im Denken, in der Kunst und Kultur an. Die Impulse daraus wirken bis heute, sind aber nicht mehr frisch und erscheinen besonders im Licht der Äußerungen populistischer Volkstribunen nun dem  „Establishment“ zugehörig.  50 Jahre nach der kulturellen Erneuerung  ist es weiterhin notwendig, eigene Vorstellung zu präzisieren und das Material der Kulturen durch selbstbestimmte Interpretationen und Inszenierungen den eigenen Interessen gemäß neu zu erzählen und neu zu leben.

Allerdings – so ist das Resümee zu ziehen – werden die symbolischen Formen in ihrer Wirkung auch nicht durch ILLUSIONS angefochten. Indem Kilomba den Mythos und seine Figuren neu interpretiert, zerstört sie ihn mitnichten Sie bestätigt ihn oder im besten Fall, wird seine Wirkung verschoben, so dass sich heutige Menschen darin wiedererkennen.

Dunkle Räume und Dunkle Materie – sonntägliche Streifzüge und Vermutungen

Linsentrübung

Sturmtief „Herwart“ stoppte fast alle Züge im Hauptbahnhof, so dass ich meine Schritte in die eigene Stadt lenkte und dem Kunstverein in Hamburg einen Besuch abstattete. (Auch wochentags erst ab 12 Uhr geöffnet!) So bekam ich Fotos von Wolfgang Tillmans im Dämmerlicht zu sehen. Auch wenn die Steigerung der ästhetischen Wirkung von Fotos durch Hollywood-Nacht-Folie auf den Scheiben bezweifelt werden muss, brachte sie immerhin die Ondulation der Wellen an einem Sandstrand gut zur Geltung, weil das Video sich zum einen hell leuchtend abhob und zum anderen – als Hochformat projiziert – die Bewegungen des Motivs durch die ungewöhnliche Perspektive eindringlich verstärkte. Eine Sensation, die für Erkenntnisverweigerer wie mich geschaffen war, denn die bereitgestellten Flachvitrinen erweiterten meine Wahrnehmungsmöglichkeiten nicht. Wo sollte „Die Greifbarkeit von Zeit“, wie es in einem Twitter-Post des Kunstvereins hieß, entdeckt werden können? Sie sei „das Anliegen der Aluminiumtische …“, hieß es; doch die Kiesel, Briefmarken und sonstiges Sammelsurium blieben unter den Glasabdeckungen außer Reichweite. Die Veranstalter, so scheint es, hatten ihren Spaß beim Aufbau der Ausstellung oder vielleicht auch im Sommer am Strand, doch bleibt es ein Rätsel, warum sich Profis nicht vorstellen können, dass Ausstellungsbesucher, die die Umstände in eine Ausstellung gespült hat, ihre Spiele mit der Zeit nicht nachvollziehen können. So kann es gehen in Institutionen des Sehens, deren Personal möglicherweise an Linsentrübung leidet, weil es im Taumel des 200-jährigen Jubiläums des Kunstvereins in Hamburg geblendet worden ist. Um keinen falschen Eindruck über die Wahrnehmungsmöglichkeiten in der Ausstellung zu wecken, blieben die vom Kunstverein angebotenen Pressefotos ungenutzt.

Hat Materie ein Schamgefühl?

Schauplatzwechsel: Die 15 KünstlerInnen, die in den Einrichtungen des Deutschen Elektronen Synchrotrons (DESY) in Hamburg-Bahrenfeld ausstellen, haben sich aus den gespurten Pfaden des Kunstbetriebs in eines der aufregendsten Felder der Grundlagenforschung gewagt. Sie wollten dicke Bretter bohren und haben auf Initiative der Künstlerin Tanja Hehmann und des Physikers Christian Schwanenberger auf dem riesigen Gelände und in den gigantischen Fertigungshallen nach Plätzen gesucht, an denen ihre Arbeiten mit den Maschinen, mit denen die Experimente hergestellt und ausgewertet werden, in Dialog treten. Hier einen Platz für Kunstwerke zu suchen, ist ein Wagnis, denn in den Experimentieranlagen aus kilometerlangen Tunneln und mit wohnblockgroßen Anlagen, in denen ausgewertet und geforscht wird, treffen sowieso schon Extreme aufeinander. In Rohren, die bis zum absoluten Nullpunkt gekühlt werden, beschleunigen die stärksten Magnetfelder Materiebestandteile auf annähernd Lichtgeschwindigkeit, um die Spuren ihres Zerfalls zu messen oder für Experimente zu nutzen. Das Kleinste tritt sozusagen mit dem Gigantischen in Beziehung und kann auch als eine Metapher für die Begegnung von Kunst und Grundlagenforschung dienen. Die Veranstaltungen des Dark Matter Days und der Nacht des Wissens (4. Nov.) werden zum Anlass genommen, um das Abenteuer dieser Begegnung einer großen Öffentlichkeit darzubieten. Beide Seiten haben ihre Mühe damit, das Unsichtbare sichtbar zu machen, ihre Vermutungen und Verfahren zu erklären und die Ergebnisse von Prozessen, die im Verborgenen stattfinden, nachvollziehbar darzustellen, sofern nicht schon beeindruckende Größe die Besucher zum Schweigen bringt.

Julia Münstermann: Electric Shadow, 2017 in der Beschleuniger-Testhalle am DESY Hamburg, Foto: johnicon @VG Bild-Kunst

Aufwand und Ertrag

Hier zeigt sich wie ungleich die Mittel zur Gewinnung von Erkenntnissen verteilt sind und welcher Aufwand welchem Ertrag gegenüber steht. Solche Einwände kennen Künstler und Forscher gleichermaßen. Dennoch ist es zu einfach, die Gemeinsamkeiten zwischen Grundlagenforschern und Künstlern darin zu sehen, dass beide Seiten etwas suchen würden, dass sie nicht kennen, also ergebnisoffen experimentieren. Das kann bestenfalls als erste These dienen, denn kaum etwas ist materiell gesehen asymmetrischer wie ein Forschungsvorhaben, das Milliarden von Euros benötigt und für das Wissenschaftler, Ingenieure, Industrieunternehmen und Handwerker Maschinen-Prototypen entwickeln und realisieren, auf der einen Seite und auf der anderen die oft individuelle künstlerischen Praxis in Ateliers, für deren Miete Jobs angenommen werden müssen. Allerdings – und das muss man festhalten – wurden auch die Grundlagen der Kernphysik z.B. in der Küche von Marie Curie gewonnen. Vielleicht stehen ja die Arbeiten mancher Künstler heute dort, wo die Kernphysik vor einem Jahrhundert stand, als man noch mit geringen Ressourcen in zeitraubender Kleinarbeit grundlegende Erkenntnisse gewinnen konnte.

15% zu 85%

Am Ende muss offen bleiben, ob sich Bilder, Objekte oder Installationen, die sich unter den Bedingungen der Produktion und den Möglichkeiten des Materials ständig verändern, strukturelle Ähnlichkeiten mit einem Forschungsprojekt haben, das zwar ergebnisoffen ist, aber die Möglichkeit des Scheiterns einkalkulieren muss? Möglicherweise kommt es gerade auf den kaum zu fassenden Zustand des Fließens an, der auch eine Herausforderung der Teilchenforschung ist, denn es ist so eigenartig wie eigentümlich, dass sich Teilchen unter Beobachtung anders verhalten als unbeobachtet. Man hat es immerhin errechnet, aber wer weiß, was es damit auf sich hat? Dreht sich die Dunkle Materie einfach weg, wenn man sie sucht? So etwas Verrücktes annehmen könnten nur Künstler, denkt man, doch müssen auch Wissenschaftler zu Allem entschlossen sein, um neue Wege zu gehen. Es scheint, dass wir aktuell an einem Scheideweg stehen, an dem allein die Menge der Mittel und die Größe der Apparaturen nicht mehr ausreichende Voraussetzungen sind, um Zufallstreffer zu erzielen. Wie kann es sein, dass offensichtlich 85% der Materie im Weltraum den menschlichen Sinnen und Maschinen entgeht? Da die Gesetze der Physik mit den als Materie nachweisbaren 15%  der Stofflichkeit des Weltalls nicht aufrecht erhalten werden können, muss die fehlende Materie nachgewiesen werden, oder alle Grundlagen der Physik müssen überprüft werden. Aufgrund der vielen Fragen, die zur Zeit nicht beantwortet werden können, ist es ein gutes Zeichen, dass Physiker und Künstler zusammenfinden, um schließlich auch die Grundlagen des Denkens und der Anschauung zu überprüfen. Letzteres – also die Wahrnehmung – ist ein Problem der Ästhetik, womit wir ein wirklich interdisziplinäres Projekt vor uns haben.

Jan Köchermann: Frassek Space Collector, Objekt, verschiedene Materialien 2017 @desy #artmeetsscience Foto: johnicon @ VG Bild-Kunst 2017

Kommen wir nach diesem Ausflug noch einmal zur Ausstellung von Wolfgang Tillmans zurück. Nach der Begegnung mit Dunkler Materie ist es vielleicht erhellend, die Möglichkeit zu erwägen, dass ein Künstler seine Bilder den Blicken entzieht, um das Offensichtliche zu verbergen. Möglich ist auch, dass er sich dafür schämt und sie ins Halbdunkel hängt, damit sie mehr Intimität haben. Doch muss man fragen, warum ein etablierter und vielfach ausgezeichneter Fotokünstler immer wieder auf Objekte zurückgreift? Warum ist es so reizvoll die flachen Exponate mit der Haptik und Dreidimensionalität von Objekten zu konfrontieren, obwohl jeder weiß, dass ein Abbild nicht das Original sein kann? Im Kunstverein sind es Steine, die verkleinerte Varianten von Gebirgen, also mithin der Erdgeschichte, sind und Briefmarken, die u. a. Miniaturen von Landschaften, Städten und historischen Gegebenheiten darstellen. Vielleicht ist es das, was die Autoren des Kunstvereins mit „Zeit“ meinen. Ein anderes Modell bietet Jan Köchermann an. Er hat den Frassek Space Collector auf einem Fahrzeug installiert, um Materie zu sammeln und zu messen. Der Künstler erzählt die Geschichte von Frassek, einem Naturforscher, der in der DDR mit seinen Experimenten den Argwohn erweckt habe, Esoteriker zu sein. Unter den heutigen Bedingungen, also der Unsicherheit über die Existenz von Dunkler Materie, bekommen solche Experimente am Rande der Scharlatanerie neue Aktualität; denn was wäre, wenn sich der enorme technologische und fiskalische Aufwand für die Suche nach Dunkler Materie als Flop erweist oder Frassek gar nicht existiert hätte?

Art Meets Science, Notkestraße 85 ist noch bis zum 9. 11. geöffnet. Dokumentation, weitere Texte, Pressespiegel und Hinweise auf der Homepage: www.desy.de/artmeetsscience   

Wolfgang Tillmans: Zwischen 1943 und 1973 lagen 30 Jahre. 30 Jahre nach 1973 war das Jahr 2003, Klosterwall 23 ist noch bis zum 12. 11. geöffnet.
www.kunstverein.de