Über hannes

Johannes Lothar Schröder lebt als freiberuflicher Forscher, Autor und Lehrer in Hamburg. Sein Arbeitsgebiet ist der Zeitbezug in Werken der bildenden Kunst besonders im Futurismus und in der Performance Art und den hiervon beeinflussten künstlerischen Äußerungen. In der letzten Zeit recycelt er eigene Archivbestände in Form von Objekten, Performances und Installationen. Prototypen realisierte er auf verschiedenen Performancefestivals u.a. in Szczecin und Salzau www.performance-festival.de und auf Konferenzen von Performance Studies international (PSi) in New York, Mainz, Kopenhagen und Utrecht (2012). Schröder war von 2008 - 2013 Vorstandsmitglied im Einstellungsraum www.einstellungsraum.de. Im Archiv dieser Homepage sind zahlreiche Aufsätze zugänglich. Er unterrichtete Kunstgeschichte und Performance Art an verschiedenen Hochschulen (darunter Frankfurt, Hamburg, Lüneburg, Ottersberg). Workshops und Vorträge von ihm gab es in Tokio, Berlin, Hamburg, Nagoya, Eichstätt und anderswo. Er ist Mitherausgeber von „Journal Oriental“ www.amokkoma.eu

Der Schwanendreher auf dem Feld oder in der Küche?

über ein Concerto von Paul Hindemith

Am 17. Juli 2019 brachte der NDR-Kultur ein Gespräch mit der Musikerin Tabea Zimmermann, die unter anderem das mit ihr eingespielte Viola-Concerto „Der Schwanendreher“ von Paul Hindemith vorstellte.[1] Ein wunderbares sommerlich klingendes Musikstück war zu hören und es wurde über den Ursprung des Titels gerätselt. Auf mich wirkte es befremdlich, als von Köchen die Rede war, die einen gebratenen Schwan am Spieß drehen, so dass ich mich fragen musste, ob die Interpretin sich ernsthaft eine Beziehung zwischen diesem vorwiegend leicht und beschwingt klingenden Stück und einer mit Bratenschwaden erfüllten Küche vorstellen wollte.

Heu in Schwanen auf der gemähten Wiese

Ich hatte dabei eher das Bild einer frühsommerlichen Wiese mit duftendem Heu vor Augen und Nase, in dem – wie das zu Zeiten Hindemiths noch der Fall war – ein Dutzend Bauern und Helfer dabei waren, das noch nicht vollständig getrocknete Gras am Abend zu schwanen, um es vor nächtlichem Tau oder einem herannahenden Regenschauer zu schützen. War auch am nächsten Tag noch Regen zu erwarten, wurden die Schwanen gedreht oder gewendet, damit sich zwischen dem unten liegenden Schnitt und der Wiese Schimmel kein bilden konnte. Erst wenn das Heu trocken genug war, wurde es zu Haufen gestapelt, bis man es in die Scheune bringen konnte.

Eine Besonderheit dieser Schwanen ist auch ihre Parallelität, die einem Komponisten von weitem wie Notenlinien erscheinen können, zwischen denen die Bauern und Feldarbeiter bei ihren Aktivitäten mit Forken und Rechen wie bewegliche Noten unterwegs sind. Dazu kommen Vögel, die zwischen den gedrehten Schwanen aufgescheuchte Insekten und Spinnen finden.

https://www.youtube.com/watch?v=wPgmUji_bBM (mit Noten)

Das Concerto legt auch nahe, dass Hindemith den Weg zum Feld, die Pausen, herannahende Regenschauer, aufziehende Gewitter und die unterschiedlichen Arbeitstempi als Inspirationsquelle verstand. Dazu kommen einzelne, die das zu dicken Gespinsten zusammengeworfene Heu mit ihren Gabeln aufspießen und die Fracht geschultert zusammentragen oder sie später bei der Ernte auf dem Wagen verladen.

[1] NDR Kultur – Klassik à la carte – 17.07.2019 13:00 Uhr im Gespräch mit Margarete Zander
nachzuhören auf: https://www.ndr.de/ndrkultur/Tabea-Zimmermann-gibt-Meisterkurs-und-Konzerte,audio536188.html

 

Nicht sprachlos. Ästhetische Angelegenheiten

 

POLITICAL AFFAIRS – LANGUAGE IS NOT INNOCENT im Kunstverein in Hamburg

Eine ambitionierte Ausstellung über die Einmischungen von Künstlern in politische Angelegenheiten verheißt der Titel, doch mahnt er zugleich vor der Tücke belasteter Wörter. Dabei ist es nicht so, dass Bildende Kunst unpolitisch wäre, doch gilt der Glaube, Ausgesprochenes führe zu mehr Ausdrücklichkeit.  Die Überwindung des Analphabetismus half Künstlern dabei, die sprachliche Ebene einzubeziehen, doch leiden heute viele der expliziten Kunstformen mit politischen, moralischen oder ethischen Inhalten wie die Karikatur oder die Allegorie daran, dass wir in Bildern baden können. Mit Film und Video sind dem Bild zudem starke Konkurrenten gewachsen, die – wie es auch in der Ausstellung zu beobachten ist – dazu führten, dass statische Objekte durch Lichteffekte animiert werden. Drei Lichtobjekte von Monica Bonvicini, Andrea Bowers und Elmgreen & Dragset bezeugen das. Beliebt sind zudem T-Shirts nicht nur für die Bewerbung von Marken sondern für die Platzierung von Botschaften, die Jeremy Deller und George Brecht in Umlauf brachten, um ihre Fans als lebende Litfaßsäulen in ihre Werke mit einzubeziehen. Ein handbeschriftetes Kleid von Chris Reinecke erzählt eine kleine Geschichte des Geruchs, der auf diese Weise, ein Stück Couture explizit von seiner Umgebung abhebt und sie dabei zugleich erforscht. In der Ausstellung wird es frei hängend zu einem kinetischen Objekt, das Blicke auf sich zieht und mit benachbarten Objekten wie den Überschriften eines Internetportals, die Ron Terada in Form von Zeitungsschlagzeilen mit Acryl auf Leinwand gemalt hat, einen Dialog beginnt.

Chris Reinecke vor Ron Terada “TL; DR” (too long; didn’t read) in der Ausstellung „Political Affairs“ Kunstverein in Hamburg, Foto: johnicon, (c) 2019 VG Bild-Kunst

In der Nähe macht sich ein Objekt laut bemerkbar, womit es im Sinne von Propaganda wirkt, zumal die Formen auf und unter dem Schallplattentisch an russische Revolutionsarchitektur aus Beton und Glas erinnern, mit der Maruša Sagadin auf ein Hochhaus in Wien anspielt. Das Selbstportrait von Gustave Courbet auf dem Buchumschlag des Idioten von Fjodor Dostojewski paart den revolutionären Künstler des 19. Jahrhunderts mit dem vorrevolutionären russischen Dichter. Von Claire Fontaine um einen auf dem Boden der Ausstellungshalle liegenden Ziegelstein geleimt, stellt es das Buch als Waffe dar, das mit anderen solchen Buchumschlag-Ziegel-Kombinationen erst entdeckt werden muss. In Bezug auf diese Buch- und Wurfobjekte bekommt das Wort aufschlagen dann eine doppelte Bedeutung! Aber wer bückt sich schon? Hier zeigt sich die problematische Vermittlung von Aktion und intellektueller Annäherung, denn revolutionäre Handlungen treten, trotz aller theoretischer Beteuerungen meist entkoppelt auf und eskalieren. Einer der Gründe könnte das Missverständnis sein, eine Revolution würde dem Fortschritt dienen, gegen das schon Walter Benjamin zu bedenken gab, dass der Auslöser von Revolutionen eher der Versuch sein würde, den immer schneller fahrenden Zug der Geschichte per Notbremsung anzuhalten.

Sieht es nicht angesichts der vielfältigen politischen Bewegungen so aus, als würden die Werke der Bildenden Kunst als geronnene Formen der Notbremse näher stehen als Protesten und Straßenkämpfen? Während die Proteste der Schüler, der Gelbwesten in Frankreich, der Frauen gegen Misogynie und der Farbigen gegen Rassismus weltweit Druck auf Regierende machen, entsteht in dieser Ausstellung auch ein Unbehagen an den Beharrungsmomenten, die einer Kunstausstellung gegenüber den anderen Modalitäten von Botschaften z.B. in den Sozialen Medien oder auf Kundgebungen eigen ist. Gut also, dass die Ausstellungsmacherinnen Bonvicini und Bettina Steinbrügge die Eigenschaften der Bildenden Kunst als ihre Qualität herausgestellt haben.

Die Nachprüfbarkeit von Aussagen und Entwicklungen durch Poster, Collagen, Bücher, Wandmalereien, Leinwände und Schilder (holländisch: Gemälde), die besonders die Gattungsspezifik einiger weiterer Ausstellungsobjekte prägen, ist ein starker Trumpf der Kunst gegenüber der Schnelllebigkeit akuter Verhältnisse. Sowohl Art & Language, Jakob Kolding, Barbara Kruger sowie Allen Ruppersberg benutzen die bewährte ästhetische Elemente der Typographie und Reproduktionstechnik von Plakatwänden. Diese behalten ihre Gültigkeit länger als kurzlebige Medienprodukte, weshalb Karo Akpokiere Bildergeschichten in Form eines Buchsatzes zeichnete, Aleksandra Mir Plakate als Handzeichnungen ausführte oder Guy Debord typografische Collagen herstellte, die heute schon bibliophile Klassiker sind. Selbst Leuchtkästen wie der von Sam Durant können noch dieser Kategorie zugeschlagen werden, weil sie Botschaften trotz TV und Internet eine wirksame Fernwirkung geben, die ihre Qualität im dialektischen Sinn gerade dann offenbart, wenn sie durch Medien multipliziert und gesteigert werden.

Sam Durant: Like, Man, I’m Tired of Waiting, Leuchtkasten, 2002, vor der Fensterwestfront mit City-Hochhäusern in der Ausstellung „Political Affairs“ Kunstverein in Hamburg, Foto: johnicon, (c) 2019 VG Bild-Kunst

Durch die zunehmende Anzahl von Demonstrationen erlebt diese Form der Botschaft gerade eine Blüte. Mit allen möglichen Mitteln, Farben und Applikationen gestaltete Kartons zeigen wie schnell und stark im analogen Bereich improvisiert werden kann, wenn es darum geht, eine Botschaft zu plakatieren, die unter den Nägeln brennt. Mir zeigte sich der Durchbruch auf einer der Demonstrationen gegen den G20-Gipfel in Hamburg, wo jemand ein schmales Pappschild mit dem Slogan „G20 BIER holen!“ trug. Hier wurden der Lust am Genuss und an einer dadaistischen Widerständigkeit in knappster Form gehuldigt, indem verlangt wird, die Typografie in Klang umzusetzen. Gegen eine Übermacht hilft doch nur Beweglichkeit sowie Witz und Spaß, um sich nicht erdrücken zu lassen!

Ein künstlerisches Echo auf die poetischen Sprachexperimente des Lettrismus, die die Avantgarden des 20. Jahrhunderts anfeuerte, entdecke ich in dieser Ausstellung auch in der Zusammenhalt stiftenden Begrüßung „HOWDY“ von Adrian Piper (~ „How do you do? Wie geht’s?“, fragt man, wenn man sich für die andere und den anderen interessiert. Howdy klingt aber auch wie Rowdy.) Auf wegweisende Werke der Weltliteratur spielen die Bücher von Daniela Comani an, die bei bekannten Titeln mit winzigen Eingriffen eine typografische Geschlechtsumwandlung der Protagonist*innen vornimmt.

Neuerscheinungen hrsg. von Daniela Comani, 2008, in der Ausstellung „Political Affairs“ Kunstverein in Hamburg, Foto: johnicon, (c) 2019 VG Bild-Kunst

Im Grenzbereich der Genre, Gattungen, Geschlechter und Hautfarben stehen auch weitere literarische Arbeiten von Alice Attie, die einer Reihe von Ornamenten nicht unähnlich, ausgeschnittenen Abbildungen von Flüchtlingsgruppen vorangestellt sind. Mir hat es die kleine Leinwand angetan, die Pope.L mit Holzkohle graffitiert und mit einem blauen Sprühstoß veredelt hat. Seine visuelle Antwort auf den nicht nachlassenden Druck, mit dem sich weiterhin Unterdrückte von ihren Unterdrückern gegeneinander aufstacheln lassen, bleibt bei aller Rätselhaftigkeit und einem resignativen Unterton, verspielt plakativ.

Pope.L: Bitter, Holzkohle und blauer Sprühlack auf Leinwand, 2016, in der Ausstellung „Political Affairs“ Kunstverein in Hamburg, Foto: johnicon, (c) 2019 VG Bild-Kunst

Die vollständige Künstlerliste, Öffnungszeiten (ab 12h!) und weitere Infos finden sich auf der Homepage des Kunstvereins (www.kunstverein.de)

Die Ausstellung läuft noch bis zum 21. Juli 2019.